Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung 1
II. Der Labeling Approach 3
II. 1 Ein Gegenentwurf zur traditionellen Kriminologie 3
II. 2 Die Hauptaussagen des Labeling Approach 4
II. 3 1968 bis heute: Die Entwicklung der Kritischen Kriminologie 7
II. 4 Die Prämissen des „radikalen“ Theorieansatzes 9
III. Die Erklärungskraft des Labeling Approach bezüglich des Phänomens S.12
„Kriminalität migrantischer Jugendlicher“
III. 1 Die sozialen Voraussetzungen jugendlicher Migranten S.13
III. 2 Die strafrechtlichen Instanzen und deren Kontrollorgane S.15
III. 2. 1 Die „symbolischen“ Funktionen des Strafrechts S.16
III. 2. 2 Die Polizei S.18
III. 2. 2. 1 Die praktische Funktion der Kontrolle und Selektion S.18
III. 2. 2. 2 Das theoretische Output: Die Polizeiliche Kriminalstatistik S.21
III. 3. Machtpolitische Institutionen als „Mit-Konstukteure“ sozialer Probleme? S.23
III. 3. 1 Politische Akteure im Wahlkampf S.23
III. 3. 2 Die Medienberichterstattung S.26
III. 3. 3 Der gesellschaftliche Diskurs um Kriminalität S.29
III. 4 Zwischenfazit S.32
III. 5 Erklärungsprobleme des Labeling Approach S.34
III. 6 Ergänzungsvorschläge anderer (ätiologischer) Theorien S.39
IV. Fazit S.42
V. Literatur
I. Einleitung
Der Theorieansatz des Labeling Approach vertritt eine Sichtweise, die unter anderem von Berger und Luckmanns Beschreibungen der gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit 2 beeinflusst wurde. Insbesondere aufgrund der zeitlichen und räumlichen Relativität ist der Verbrechensbegriff nahezu seit den Anfängen der Kriminologie umstritten. 3 An der Debatte nahm auch die Kritische Kriminologie und der Labeling Approach teil. Wenn allerdings vom Labeling Approach gesprochen wird, so kann das viel bedeuten. Über die Jahre hinweg entwickelte sich der Ansatz in die verschiedensten Richtungen und wurde von verschiedenen Theoretikern unterschiedlich interpretiert und aufgenommen. Hier kam es zu vielen Missverständnissen, die zur Nicht-Geschlossenheit des Ansatzes beitrugen, was dazu führte, dass der Labeling Approach heute zwar immer noch rezipiert wird und Verwendung findet, aber in einer Form, die mit der ursprünglichen Intention Fritz Sacks nur noch wenig gemein hat. Es stellt sich die Frage, ob dessen früher Ansatz ein Phänomen erklären kann, das sich hartnäckig in den Köpfen der Menschen hält und sich schon seit längerer Zeit auffallend häufig in der öffentlichen Diskussion wiederfindet: das „Problem“ der Kriminalität jugendlicher (männlicher) Migranten. 4 Dem frühen Ansatz des Labeling Approach zufolge entsteht Kriminalität durch die Etikettierung und Selektion staatlicher Kontroll- und Strafinstanzen. Diese finde vorwiegend zu Gunsten der Oberschicht und zum Nachteil der Unterschicht statt. Doch wie aussagekräftig ist ein Theorieansatz, der vorwiegend die staatlichen Straf- und Kontrollinstanzen untersucht und andere Faktoren quasi außer Acht lässt?
Seit der Einführung des Ansatzes in die Theoriedebatte vor vierzig Jahren hat sich viel
1 Gransee, Carmen/ Stammermann, Ulla(1992): Kriminalität als Konstruktion von Wirklichkeit und die Kategorie Geschlecht. Versuch einer feministischen Perspektive. Centaurus-Verlagsgesellschaft. Pfaffenweiler, S. 13
2 Weitere „Ideengeber“ sind der Symbolische Interaktionismus, Durkheims Thesen zu Kriminalität, konflikt-theoretische und marxistische Überlegungen sowie die vorausgehenden Ergebnisse der englischsprachigen Theoriedebatte.
3 Kaiser, Günther(1997): Kriminologie. Eine Einführung in die Grundlagen, 10. Aufl., C.F. Müller Verlag. Heidelberg, S. 124
4 Der Thematik der vorliegenden Arbeit folgend, seien Sammelbegriffe wie (Jugend-) Kriminalität, Täter, Verbrechen, Migranten, aber auch der Begriff der Normalität jeweils in Anführungszeichen zu denken.
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geändert. Kriminalität wird als soziales Problem behandelt, das von der Bevölkerung hauptsächlich durch die Medien erfahren wird. Vermischt mit dem Diskurs um die allgemeine Jugendkriminalität wird die Thematik seit den 1980er Jahren regelmäßig über die Politik und die Medien in den gesellschaftlichen Diskurs transportiert. Hierbei ist scheinbar weniger von Belang, dass wissenschaftliche Studien schon seit vielen Jahren eine Höherbelastung der Kriminalität jugendlicher Migranten empirisch widerlegen. Auch wenn es auf den ersten Blick so erscheint, als würden allein die Massenmedien ein Bild aufrechterhalten und reproduzieren, das (migrantische) Jugendliche als Bedrohung zeigt, scheinen sich dahinter komplexere Zusammenhänge zu verbergen, die das Bild des kriminellen jugendlichen Migranten 5 konstruieren und reproduzieren. Interessant erscheint die Frage, ob es weitere Institutionen gibt, die an einer Etikettierung beziehungsweise Stigmatisierung teilhaben. Zur Klärung dieser Frage sollen einzelne, ausgewählte Institutionen 6 , denen eine Beeinflussung und Konstitution der gesellschaftlichen Wirklichkeit unterstellt werden kann, beleuchtet werden. Kann die Erklärung des sozialen Problems „Kriminalität jugendlicher Migranten“ durch die Überprüfung machtpolitischer Institutionen dem Labeling Approach helfen, deren Funktionen und Interessen offenzulegen und das Phänomen als soziale Konstruktion zu „entlarven“?
Neben den Kontroll- und Straforganen des Strafrechts sollen hierzu das Zuschreibungsverhalten von Politik, Medien und von der Bevölkerung als gesellschaftliche Institution überprüft werden. Falls die Überlegung einer Selektion beziehungsweise Stigmatisierung zutrifft, muss in einem zweiten Schritt geprüft werden, ob allein diese Erkenntnis ausreicht, um das Phänomen erklären zu können. Schließlich sollen Theorieansätze und Anregungen aufgezeigt werden, die dem Labeling Approach als Ergänzung bei der Erklärung des Phänomens der migrantischen Jugendkriminalität dienen können. Zwischen den verschiedenen Ansichten der Kriminologen und Kriminalsoziologen liegen allerdings oftmals ganze Welten. So kann auch der frühe Labeling Approach als Abgrenzung zur vorhergehenden kriminologischen Theorie betrachtet werden.
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Hier müssen zwei Punkte angemerkt werden: zum einen müsste eigentlich von Jugendlichen und Heranwachsenden sprechen, da beide Gruppen von Problematisierung und Kriminalisierung betroffen sind. Zum anderen handelt es sich bei den Betroffenen häufig nicht um Migranten, sondern um deren Nachfahren. Beide, in der öffentlichen Diskussion vereinfachte Begriffe werden in dieser Arbeit übernommen.
6 Aufgrund der Beschränktheit der vorliegenden Arbeit kann nur am Rande auf weitere Instanzen wie die Wissenschaft, die Wirtschaft oder informelle Instanzen wie die Schule oder die Familie, deren Einfluss meist unterschätzt wird, eingegangen werden.
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II. Der Labeling Approach
Das Problem, dass sich beim Versuch der Anwendung des Labeling Approachs stellt, ist darin zu finden, dass der Theoriebegriff sowie der Theorieinhalt von den verschiedensten Theoretikern und Theoretikerinnen zu den unterschiedlichsten Zeitpunkten, zu denen dem Labeling Approach die unterschiedlichsten Bedeutungen zugeschrieben wurden, ange-wandt wurde. Im Folgenden sollen die zum Teil dramatischen Veränderungen des Ansatzes, seitdem er unter anderem von Fritz Sack in die deutsche Theoriedebatte eingeführt wurde, verdeutlicht werden. Um die Debatte um die kritische Kriminologie nachvollziehen zu können, soll außerdem kurz auf die Hauptkritikpunkte an der Theorie eingegangen werden. Ziel ist es schließlich, die Hauptthesen des frühen Ansatzes des Labeling Approachs herauszuarbeiten, denn diese sollen die Grundlage für eine Überprüfung am Beispiel der Kriminalität jugendlicher Migranten bieten. Um seine Brisanz und seine Notwendigkeit zu verdeutlichen soll zunächst kurz auf den „negativen“ Ideengeber, die traditionelle Kriminologie, als dessen Gegenentwurf die Kritische Kriminologie zu sehen ist, eingegangen werden.
II. 1 Ein Gegenentwurf zur traditionellen Kriminologie 7
Die kritische Kriminologie entwickelte ihre Erkenntnisse unter anderem aus der Abgrenzung von den Grundannahmen der positivistischen (traditionellen) Kriminologie. Diese habe sich, so Sack (1968), „zu einer reinen Kriminalätiologie des sich abweichend verhaltenden Täters eingeengt“ 8 . Im Gegensatz zu traditionellen Theorien abweichenden Verhaltens ist das Forschungsobjekt des Labeling Approachs nicht die Täterpersönlichkeit und ihr Umfeld; vielmehr soll Kriminalität aus der Definitionsmacht des Staates und seiner Instanzen strafrechtlicher Sozialkontrolle erklärt werden. Denn: „Was Kriminologen für Ursachen abweichenden Verhaltens hielten, sind in Wirklichkeit Personeneigenschaften, die eine Zuschreibung des Etiketts 'Krimineller' aufgrund der jeweiligen Alltagstheorien
7 Weitere verwendete Begriffe bzw. Zuschreibungen sind: „konventionell“, „mainstream“, „alt“ im Gegensatz zu: „neu“, „kritisch“, „radikal“, „konfliktorientiert“, marxistisch“ oder „sozialistisch“.
8 Sack, Fritz (1968): Neue Perspektiven in der Kriminologie. In: Ebd./ König, René(Hg.)(1968): Kriminalsoziologie. Akademische Verlagsgesellschaft. Frankfurt a.M, S.470
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der Gesellschaftsmitglieder wahrscheinlicher machen.“ 9 Im Mittelpunkt des (kritischen) kriminologischen Interesses steht darum die Zuschreibungspraxis sowie das Moment und der Prozess der Stigmatisierung. In der Folge werden biologische oder psychologische Erklärungen der Kriminalität von vornherein ausgeschlossen. Die positive (traditionelle) Kriminologie habe die Tatsache ausgeblendet, dass vor der kriminellen Handlung das Gesetz stehe, dass die Handlung erst zu einem Vorgang mache. 10 Dies führe auch zu einer Trennung des Abweichenden vom „normtreuen Mitglied der Gesellschaft“ 11 . Hier gelte der Verbrecher als „der Andere“ und werde differenziert von der „normalen“ Hauptgesellschaftsgruppe behandelt.
Die Nicht-Existenz einer „Kriminalität“ in herrschaftsfreien Gesellschaften 12 , „die (immerhin) für die weitaus längste Zeit der Menschheitsgeschichte charakteristisch waren“ 13 , führt zu der Annahme, dass diese in enger Verbindung mit gesellschaftlicher Herrschaft stehe. Trotz der zunehmenden Popularität der Kritischen Kriminologie und des Etikettierungsansatzes blieben die Theorieansätze der traditionellen Kriminologie erhalten und erstarkten mit der zunehmenden Kritik und der Uneinigkeit der Anhänger der Kritischen Kriminologie wieder. Eine Art Verbindung von kritischer und traditioneller Kriminologie stellt der sogenannte „neue Realismus“ (im Gegensatz zum „linken Idealismus“) dar. Dieser trug seinen Teil zur Einbindung des Labeling Approach in einen Mehrfaktorenansatz durch die Strafrechtskriminologie bei, was von kritischen Kriminologen stark diskutiert wurde.
II. 2 Die Hauptaussagen des Labeling Approach
Auf die These Durkheims aufbauend, geht der Labeling Approach von der Normalität des Verbrechens 14 aus. Jede Handlung wird zunächst als wertneutral angesehen; erst die Defi-
10 Ebd.(1993): Kritische Kriminologie. In: Kaiser, Günther et al.(Hg.)(1993): Kleines kriminologisches Wörterbuch, 3. Aufl., C.F. Müller Verlag. Heidelberg, S. 330
11 Ebd., S.336
12 Kaiser (1997, S. 118) merkt an, dass sich hinter der jeweiligen Grundposition eine bestimmte Staatsauffassung verberge.
13 Hess, Henner(1986): Kriminalität als Alltagsmythos. Ein Plädoyer dafür, Kriminologie als Ideologiekritik zu betreiben. In: Kriminologisches Journal (1/86), S. 27
14 Durkheim begründet dies mit dem Vorhandensein von Abweichung und Strafe in jeder Gesellschaft. Des Weiteren weist er auf die Funktionalität von Kriminalität bezüglich der Definition sozialer Normen hin. Siehe hierzu: Durkheim, Émile(1968): Kriminalität als normales Phänomen. In: Sack, Fritz/ König, René(Hg.)(1968): Kriminalsoziologie. Akademische Verlagsgesellschaft. Frankfurt a.M., S. 3
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nition einer Handlung als kriminell lässt Kriminalität entstehen. Sie konstruiert somit eine Wirklichkeit der Kriminalität. So fallen Strafgesetze nicht vom Himmel, sondern sie werden von Menschen gemacht. Werden neue Straftatbestände geschaffen, wird gleichzeitig eine Personengruppe kriminalisiert und es werden neue Straftäter verfolgt. Werden hingegen Straftatbestände gestrichen, so nimmt zwangsläufig auch die offizielle Kriminalitätsrate ab. Durch die Konstruktion des Verbrechens, die Selektion der Verbrecher - also durch die Entscheidung der gesellschaftlich Mächtigen werde die bekannt werdende „Verbrechenswirklichkeit“ bestimmt. 15
Der Labeling Approach will abweichendes Verhalten „von den Reaktionen der Gesellschaft her beschreiben“ 17 . Die delinquente Entwicklung eines Menschen ist hier als prozesshaftes Geschehen zu verstehen, an dem auch der Strafjustiz ein maßgeblicher Anteil zugeschrieben werden kann. Die Bestrafung finde aber nicht nur im Gerichtssaal durch die Verurteilung statt, sondern setze sich durch das Etikett des Kriminellen in der Gesellschaft fort. Die Zuweisung des als negativ betrachteten Guts „kriminell“, die Normsetzungscharakter hat, erfolge selektiv und sei abhängig vom sozialen Kontext, in dem sie stattfindet. „Normales“ Verhalten hingegen könne nicht ohne abweichendes Verhalten existieren. Auf der gesellschaftlichen Ebene profitiere der moralische Haushalt einer Gesellschaft von der Kriminalität, indem sie ihr erlaubt und ermöglicht, „sich ihrer Moral zu besinnen“. 18 Den „Tätern“ wird eine Rolle zugeschrieben, die oft nur schwer abzustreifen ist. 19 Hierbei kann sich ein Teufelskreis entwickeln. Beginnend mit den ersten Taten und der ersten Sanktionierung kann eine sekundäre Straffälligkeit als Folge justitiellen Handelns die Folge sein.
15 Kaiser, Günther(1997), S. 98
16 Becker, Howard S. (1981): Außenseiter. Zur Soziologie abweichenden Verhaltens. Fischer Taschenbuch Verlag. Frankfurt am Main, S. 8
17 Sack, Fritz(1968), S. 433
18 Ebd.(1996): Kriminalität dementieren - sonst nichts? In: Kriminologisches Journal (4/96), S. 299
19 Insbesondere Freiheitsstrafen scheinen Stigmatisierungswirkungen innezuhaben. Ehemaligen Gefangenen wird es besonders schwer gemacht, im gesellschaftlichen Leben und insbesondere auf dem Arbeitsmarkt (wieder) Fuß zu fassen. Gerade aus diesem Grund sind erneute Straftaten zu erwarten.
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Zeige die Sanktionierung nicht die gewünschten Wirkungen, setze oftmals ein Strafverschärfungsautomatismus ein. Schlussendlich bestehe die Gefahr der Selbstzuschreibung und der Identifikation mit dem zugeschriebenen Label in der Logik der self-fulfilling prophecy. In der Konsequenz befinden sich im Fokus des Forschungsansatzes die Instanzen strafrechtlicher Sozialkontrolle und deren Zuschreibungspraxis. Hierbei ist deren Funktion und die rechtliche und außerrechtliche Arbeitsweise von besonderem Interesse. Es stellt sich insbesondere die Frage, ob institutionelle Handlungsnormen ermittelbar sind und ob latente Nebenfunktionen des Kontrollhandelns existieren.
Die Kritische Kriminologie spricht sich gegen die konventionelle Strafmethodik aus und Sucht verstärkt nach Alternativen zum Strafrecht. Es werden verschiedene Strategien der Entregelung wie Entkriminalisierung und Entinstitutionalisierung herangezogen. 20 Hinter diesem Konzept steht der Diversionsgedanke, der beinhaltet, dass vor allem bei Bagatelldelinquenz, begangen von weniger „gefährlichen“ Tätern, die Strafverfolgung oftmals mehr Schaden anrichte als dass sie Nutzen bringe. Hieraus leitet sich in der Konsequenz eine „do less-Strategie“ beziehungsweise eine radikale Nicht-Intervention ab. 21 So wird von einigen Vertretern der Kritischen Kriminologie ein Abolitionismus propagiert, welcher ebenso wie der Labeling Approach, die für die Strafe beanspruchte Notwendigkeit und die dem Strafrecht zugewiesene Schutzaufgabe anzweifelt.
Diese Gedanken brachten die Kritische Kriminologie hervor, in der der Labeling Approach nur „ein Mosaikstein in dem Gemälde eines neuen Ansatzes“ 22 darstellte. So wurden in der Vergangenheit auch innerhalb der Kritischen Kriminologie massiv Kritik sowohl am Labeling Approach als auch an den Ansichten der „radikalen“ Ausprägung des Ansatzes geübt. Diese wurde von Sack (1972) wiederum als willkürlich und partikular bezeichnet. 23 Einer der Hauptkritikpunkte bezieht sich auf die sowohl theoretische als auch empirische Vernachlässigung der sogenannten Primärabweichung. Den Ansatz „interessiere“ weder die Entstehung, die Struktur noch den Umfang beziehungsweise die Qualität des Rechtsbruchs. Auch werde eine Tätererforschung und -behandlung ebenso wie die der Opfer als sinnlos verworfen. Dem „Abweichler“ werde der freie Willen zu Handeln abgesprochen; er
20 Kaiser, Günther(1997), S. 26/ S. 98
21 Ausführlicher zum Diversionsgedanken sowie der Kritik an demselben,siehe Kaiser, Günther(1997), S.56
22 Sack, Fritz(1972): Definition von Kriminalität als politisches Handeln: der labeling approach. In: Kriminologisches Journal (4/72), S. 8
23 Ebd., S. 8; Allerdings ging Fritz Sack in späteren Schriften auf die Kritik ein und gab seinen Kritikern z.T. Recht.
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werde zu einem „Reaktionsdeppen“ degradiert. 24 Hinter dieser Kritik steht der Vorwurf, dass der Labeling Approach zu einer theoretisch übermäßigen Vereinfachung neige, indem die Erklärung des Verhaltens im politisch-ökonomischen Machtverhältnis gesucht werde. 25 Dadurch, dass die Verletzung von Humanität, Gleichheit, Freiheit und Gerechtigkeit als Ausdruck ungleicher Macht- und Mittelverteilung als Erklärung des Verbrechens vermutet wird, zielen die praktisch-politischen Implikationen des Konzeptes auf eine Gesellschaft, der Verbrechen quasi „wesensfremd“ seien. 26 Der Labeling Approach bleibt durch die gewahrte Distanz realitäts- und praxisfern, was auch in der Kritik an fehlenden empirischen Belegen Bestätigung findet. So konstatiert auch der Arbeitskreis Junger Kriminologen, dass das ursprüngliche Ziel einer kritischen Auseinandersetzung mit der traditionellen Kriminologie durch strikte empirische Arbeit („action-research“) nicht erreicht wurde. 27 Eine auf den Staat beschränkte Theorie der Verbrechenskontrolle könne die Fülle und Probleme außerstaatlicher Anstrengungen informeller Verbrechenskontrolle nicht erfassen, so Kaiser (1997). Das verengte Blickfeld des Ansatzes führe dazu, dass der Labeling Approach zu kurz greife. 28
II. 3 1968 bis heute: Die Entwicklung der Kritischen Kriminologie
Wie die Kriminologie im Allgemeinen ist auch die Kritische Kriminologie in Deutschland im Gegensatz zu anderen Disziplinen von einer „Nicht-Geschlossenheit“ betroffen. Dasselbe gilt für die Theorie des Labeling Approach. 29 War man sich bei der Ablehnung der traditionellen Kriminologie noch einig, so fand in der weiteren Entwicklung eine ideologische Aufspaltung statt, so Lamnek (1994). 30 Ein gemeinsamer Nenner der Positionen
24 Hierzu siehe: Von Trotha, Trutz(1977): Ethnomethodologie und abweichendes Verhalten. Anmerkungen zum Konzept des „Reaktionsdeppen“. In: Kriminologisches Journal (2/77), S. 98-115
25 Ebd., S. 21/ S. 99
26 Ebd., S. 37
27 Schumann, Karl F.(1973): Ungleichheit, Stigmatisierung und abweichendes Verhalten. Zur theoretischen Orientierung kriminologischer Forschung. In: Kriminologisches Journal (2/73), S. 81 f.
28 Kaiser, Günther(1997)., S. 118
29 Kaiser (1997) hebt drei unterschiedliche Ansätze des Interesses und der Herangehensweise innerhalb des Labeling Approach hervor. Der Ethnomethodologische Ansatz wende sich den gesellschaftlichen Kontrollinstanzen zu. Der zweite Ansatz orientiere sich am symbolischen Interaktionismus. Sein Hauptinteresse gelte den Prozessen der Verfestigung abweichenden Verhaltens aufgrund sozialer Reaktionen. Der dritte, mit der Konflikttheorie verbundene Ansatz, beziehe die gesellschaftlichen Macht- und Schichtstrukturen mit ein. Siehe hierzu: Kaiser, Günther(1997), S. 98
30 Lamnek, Siegfried(1994): Neue Theorien abweichenden Verhaltens. Wilhelm Fink Verlag. München, S.26
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ist in der Auffassung der „Kriminalität als Resultat von Definitionen und Bewertungen (...), die in Interaktionen reproduziert werden (...)“ 31 zu finden. Innerhalb der Kritischen Kriminologie wird dem Labeling Approach unter anderem über die Jahre hinweg eine „Verwässerung“ vorgeworfen. Beispielsweise erinnerte Henner Hess 1986 daran, dass der Labeling Approach ursprünglich nicht nur Normsetzungs- und Kriminalisierungsvorgänge und die „Verdinglichung von Menschen durch deren Etikettierung“ beschrieben habe, sondern den Anspruch hatte, Kriminalität als soziales Konstrukt zu enthüllen und sie unter Berücksichtigung der Verdinglichung analysierte. 32
Der Ansatz des Labeling Approach unterlag ebenso wie die kritische Kriminologie, einer Entwicklung zu der zu einem Teil seine Kritiker beitrugen, die die Debatte mit lenkten. Doch „auch die bald schon zahlreichen Sympathisanten der neuen Konzeption selbst leisteten ihren Beitrag zu einer Einflussminderung der Labeling-Theoretiker, indem sie (…) einige zentrale Sichtweisen und Aussagen unbeachtet ließen, andere dagegen überbetonten (...)“ 33 .
So wurde der Labeling Approach von Wissenschaftlern der verschiedensten Ideologieansätze verwendet und, häufig nur teilweise, in die unterschiedlichsten Theorien eingebaut. Dies betrifft unter anderem die Ansicht, dass neben sekundären auch primäre Ursachen, d.h. soziale, kulturelle, psychologische und psychopathologische Faktoren für Kriminalität gesucht und eingebunden werden, während der „radikale“ Theorieansatz primäre Ursachen, die beim Täter gesucht werden, gänzlich ablehnt. 34
Schon 1975 bemerkte Friedrich W. Stallberg in einem Beitrag zur Diskussion, einen Wandel im Umgang mit Begrifflichkeiten sowie Befunden des Labeling Approach. 35 Neben dem Vorwurf, dass den Theoretikern und Theoretikerinnen das Gespür für die Kompliziertheit von Abweichungsprozessen verloren gegangen sei 36 , kritisiert er, dass die deutsche Rezeption des Labeling Approach in zunehmendem Maße die Institutionen allein in den Mittelpunkt der Analyse gerückt habe. 37 Pilgram/ Steinert (1975) diagnostizieren zur selben Zeit eine Vereinnahmung der Labeling-Theorie durch die kriminalpolitische Wissen-
31 Ebd., S. 57
32 Hess, Henner(1986), S. 24
33 Stallberg, Friedrich W. (1975): Bemerkungen zur Rezeption des Labeling-Ansatzes in der westdeutschen Kriminalsoziologie. In: Kriminologisches Journal (3/75), S. 163
34 Sack, Fritz(1993), S.335
35 Ebd., S. 161
36 Ebd., S. 168
37 Ebd., S. 167
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schaft. 38 Es gibt zahlreiche ähnliche Kritikpunkte sowie Beiträge 39 zu dieser Diskussion, die unter anderem im Kriminologischen Journal von 1972 bis in die 1980er Jahre in fast jeder Ausgabe abgedruckt wurden. Doch auch heute finden sich noch regelmäßig Reflektionen zur Entwicklung der Theoriedebatte. 40 Dies spricht für Helge Peters Einschätzung, dass die Kritik den Labeling Approach nicht getroffen habe. Denn diese greife nicht die Theorie an sich an, sondern nur Teilaspekte. 41
II. 4 Die Prämissen des „radikalen“ 42 Theorieansatzes
Der frühe Ansatz des Labeling Approach, dessen Ansichten auch innerhalb der Kritischen Kriminologie zu zahlreichen Kontroversen führten, wurde neben Fritz Sack unter anderem durch Helge Peters und später auch durch Stephan Quensel vertreten und kann als eine herrschaftssoziologische Analyse der Klassen- und Machtstrukturen gelesen werden. Direkten Einfluss auf die deutsche kritische Kriminologie hatte die englische Diskussion der „radikalen“ Kriminologie, die der deutschen Theorie vorausging und an der Fritz Sack teilnahm. Die oben genannten Grundannahmen, die ein Grundverständnis für den Labeling Approach bieten sollen, sind Bestandteile des frühen Labeling Approach, auch wenn die einzelnen inhaltlichen Punkte zu verschiedenen Zeitpunkten unterschiedlich gewichtet wurden.
Als „radikal“ ist hier die Intention zu bezeichnen, die „gesellschaftlich-ökonomischen Ver- 38 Pilgram, Arno/ Steinert, Heinz(1975): Die Labeling-Theorie aus der Perspektive kriminalpolitischer Pragmatik. In: Kriminologisches Journal (3/ 75), S. 172
39 Beispiele dafür sind: Opp, Karl-Dieter(1972): Die "alte" und die "neue" Kriminalsoziologie: Eine kritische Analyse einiger Thesen des labeling approach. In: Kriminologisches Journal: (4/ 72), S. 32-52; Keckeisen, Wolfgang(1974): Die gesellschaftliche Definition abweichenden Verhaltens: Perspektiven und Grenzen des labeling approach. Juventa Verlag. München; Hess, Henner/ Scheerer, Sebastian (1997): Was ist Kriminalität? Skizze einer konstruktivistischen Kriminalitätstheorie. In: Kriminologisches Journal (2/1997), S. 83-155
40 Siehe u.a.: Althoff, Martina(1998): Kriminologisches Journal - 30 Jahre danach. In: Kriminologisches Journal (1/98), S. 2-6; Quensel, Stephan(1998): Kriminologie als gesellschaftliches Vernunftunternehmen. Aktuelle Nachbemerkungen zum Paradigmen-Streit. In: Kriminologisches Journal (1/98), S. 15-41; Dellwing, Michael(2008): Reste: Die Befreiung des Labeling Approach von der Befreiung. In: Kriminologisches Journal (3/08), S. 162-178; Schneider, H.(1999): Schöpfung aus dem Nichts. Missverständnisse in der deutschen Rezeption des Labeling Approach, in: MschKrim, S. 202-213
41 Peters, Helge(1996): Als Partisanenwissenschaft ausgedient, als Theorie nicht sterblich: der labeling approach. In: Kriminologisches Journal (2/96), S. 110
42 Die Bezeichnung „radikal“ wurde aus der englischsprachigen Theoriedebatte als Bezeichnung für die „neue“ Kriminologie übernommen, wird jedoch von der kritischen Kriminologie abgelehnt. Fritz Sack bezeichnet den Ansatz 1968 als „radikal-soziologisch“ sowie „marxistisch-interaktionistisch“.
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Lilian Leopold, 2010, Die soziale Konstruktion von Kriminalität am Beispiel jugendlicher Migranten, München, GRIN Verlag GmbH
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