Inhalt
Einleitung 3
1. Beständige Ungleichheiten: Die Aufteilung der Hausarbeit in Paarbeziehungen 4
2. Romantische Liebe 5
2.1 Ein kultureller Code, der Gleichheit verspricht und Ungleichheit hervorbringt? 5
2.2 Liebe als Gabentausch und der lange Schatten sozialer Geschlechtsnormen 8
2.3 Liebe als Machtressource 10
2.4 Liebe als emotionale Festlegung 13
3. Partnerschaft: Beziehung als Verhandlungssache? 15
3.1 Von der romantischen Liebe zur Partnerschaft 15
3.2 Partnerschaft als Äquivalenztausch 17
3.3 Grenzen des Partnerschaftskonzepts 19
3.4 Partnerschaft und Liebe im Beziehungsverlauf 20
Fazit 22
Literatur 24
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Einleitung
„Was Prügel sind, das weiß man schon“, schrieb einmal Heinrich Heine, „was aber Liebe ist, das hat noch keiner herausgebracht.“ Auch die Familien- und Paarsoziologie hadert sichtlich mit diesem Begriff, der auf den ersten Blick so gar nicht zu den rationalen Akteuren passt, die sie in ihren empirischen Studien oft unterstellt. Dabei liegt es auf der Hand, dass man Paarbeziehungen nicht richtig erfasst, wenn man sich nicht über Liebe Gedanken macht. So weiß man zwar einiges, kann aber vieles eben doch nicht so recht herausbringen. Die Aufteilung der Hausarbeit ist ein gutes Beispiel. Die Paarsoziologie kann inzwischen relativ gut nachvollziehen, wer welche Arbeiten im Haushalt erledigt - und tut sich dennoch zunehmend schwer mit einer Erklärung: Die Hausarbeit ist auch heute noch geschlechtsspezifisch ungleich verteilt, sie ist vorrangig weiblich geblieben, und das, obwohl Frauen in den vergangenen Jahrzehnten in Sachen Bildung und Berufstätigkeit deutlich zu Männern aufschließen konnten. Vor diesem Hintergrund werden die Standarderklärungen brüchig. Warum also nicht den Blick auf einen Aspekt lenken, der sonst in der Forschung eher vernachlässigt wurde: Ist vielleicht Liebe eine Ursache für geschlechtsspezifisch ungleiche Arbeitsteilung in Beziehungen? Hat ein romantisches Gefühl ganz unromantische Folgen?
Das Ziel dieser Arbeit ist es, verschiedene theoretische Ansätze auszumachen, die erklären, wie Liebe zu geschlechtsspezifischer Ungleichheit in Beziehungen beitragen kann. Dazu stelle ich im ersten Teil zunächst kurz einige empirische Befunde und die gängigen theoretischen Erklärungen zur Arbeitsteilung in Paarbeziehungen dar. Der zweite Teil rückt Liebe als alternative Erklärung in den Mittelpunkt. Ein Problem ist dabei sicherlich, dass die Soziologie keine abgeschlossene Definition von Liebe „herausgebracht“ hat. Liebe kann ein kulturelles Leitbild sein oder eine soziale Beziehungsnorm. Sie kann aber auch als Interaktion aufgefasst werden, als eine spezielle Form des Umgangs miteinander. Eine andere Perspektive betrachtet Liebe als Ressource, von der die Partner in einer Beziehung Gebrauch machen können.
Manche Autoren behaupten, dass emotional ausgenüchterte Formen des Zusammenlebens das Ideal der romantischen Liebe abzulösen beginnen: Unter heutigen Bedingungen werde Liebe immer schwerer lebbar und Beziehungen würden zunehmend zu Partnerschaften, in denen beide Seiten rational über die für sie günstige Form des Zusammenlebens verhandeln. Im dritten Teil soll daher kurz untersucht werden, inwiefern Partnerschaftlichkeit zur Ungleichheit beiträgt oder ihr entgegenwirkt. Abschließend werden die Ansätze verglichen und auf ihre Brauchbarkeit für künftige empirische Forschung hin diskutiert.
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1. Beständige Ungleichheiten: Die Aufteilung der Hausarbeit in Paarbeziehungen Meinungsumfragen und Zeitbudgeterhebungen zeichnen regelmäßig ganz gegensätzliche Bilder: Die Mehrheit der Deutschen lehnt das strikte Rollenbild ab und bekennt sich zur Gleichberechtigung von Mann und Frau - die Mehrheit der Hausarbeit bleibt dennoch weiblich (Dressel et al. 2005: 308; 318). Nicht nur, was den Zeitaufwand betrifft, sondern auch in den erledigten Hausarbeiten selbst bestehen weiterhin ausgeprägte geschlechtsspezifische Unterschiede: Frauen verrichten alltägliche Routinearbeiten, sie putzen, bügeln, kochen, während sich der Einsatz der Männer im Haushalt auf Reparaturen oder die Pflege des Autos konzentriert (Röhler et al. 2000: 23).
Ein besonders überraschender Befund ist, dass die Aufteilung der Hausarbeit sich im Beziehungsverlauf sogar weiter zulasten der Frau verschiebt. Je länger eine Beziehung andauert, desto traditioneller wird sie. In der Literatur wird diese Beobachtung als Honeymoon-Phänomen bezeichnet. Eine von Grunow, Schulz und Blossfeld (2007) durchgeführte Panel-Analyse belegt diesen Traditionalisierungsprozess eindrucksvoll. Zu Befragungsbeginn 1988 hatte immerhin rund die Hälfte der frisch verheirateten Paare (43 Prozent) die Hausarbeit einigermaßen gleich aufgeteilt. Nach 14 Jahren Ehe hat sich das Bild drastisch hin zur traditionellen Arbeitsteilung verschoben: Bei rund 85 Prozent der Paare trägt nun die Frau die Hauptlast der Hausarbeit. Lediglich gut 14 Prozent der Paare orientieren sich weiterhin an einer partnerschaftlichen Aufteilung der Aufgaben. Die Geburt eines Kindes sorgt zwar für einen Traditionalisierungsschub, die Entwicklung geht aber auch bei kinderlosen Paaren in dieselbe Richtung. Das Ergebnis ist den Autoren zufolge nicht durch Panel-Mortalität verzerrt (Grunow et al. 2007: 170f.). Warum halten sich geschlechtsspezifische Ungleichheiten so hartnäckig und verschärfen sich gar im Beziehungsverlauf? Zwei Erklärungsansätze dominieren in der Literatur (vgl. Röhler et al. 2000). Ökonomisch inspirierte Theorien gehen davon aus, dass es für die Partner optimal sein kann, die Aufgaben möglichst unterschiedlich zu verteilen. Der Partner, der einen komparativen Vorteil in der Erwerbsarbeit hat, sollte sich vollständig auf Berufstätigkeit spezialisieren, der andere entsprechend auf die Hausarbeit. Auf die Art erreichen die Partner den höchst möglichen Beziehungsgewinn. Andere Ansätze aus dieser Richtung betonen, dass vor allem die Verhandlungsmacht die Arbeitsteilung bestimmt. Der Partner, der ein höheres Einkommen auf dem Arbeitsmarkt erzielt, kann sich leichter aus der Hausarbeit zurückziehen. Diese ökonomischen Ansätze scheinen zwar in der Querschnittsbetrachtung einigermaßen zu funktionieren (vgl. Röhler et al. 2000: 23), scheitern aber spätestens, wenn sie die Aufteilung der Hausarbeit im Beziehungsverlauf erklären sollen. So stellen Grunow et al. fest, dass Verschiebungen in der
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Einkommensrelation der Partner keinen nachweislichen Einfluss auf die Arbeitsteilung im Haushalt haben (Grunow et al. 2007: 170f.).
Viele Autoren (so auch Grunow et al. 2007: 179) ziehen daher vor allem rollentheoretische Ansätze zur Erklärung heran - auf diesem Gebiet fühlen sich Soziologen naturgemäß heimisch, weshalb Röhler et al. bemängeln, dass rollentheoretische Erklärungen mittlerweile überstrapaziert würden (Röhler et al. 2000: 30). Rollentheoretische Ansätze scheinen in vielen Fällen tatsächlich eher eine Verlegenheitserklärung zu sein: Verschiedene qualitativ angelegte Untersuchungen deuten darauf hin, dass selbst bei Paaren, die sich stark am Gleichheitsideal orientieren, sich regelmäßig ungleiche Arbeitsteilungen einstellen - ohne dass die Betroffenen das unbedingt als Verrat an ihren Idealen verstehen (vgl. etwa Wimbauer et al. 2007; Thagaard 1997). Vielleicht muss man den Blick daher auf etwas anderes richten - nämlich auf das, was für die Paarbeziehung spezifisch ist. Was kann Liebe zur Erklärung beitragen?
2. Romantische Liebe
2.1 Ein kultureller Code, der Gleichheit verspricht und Ungleichheit hervorbringt? Geliebt haben Menschen sicherlich zu allen Zeiten und in allen Kulturen. Dennoch hat sich die Liebe in der Moderne zu etwas durchaus Neuem entwickelt. Soziologen sprechen von der romantischen Liebe als einem kulturellen Code oder einer Leitvorstellung, die sich in der Form ab Ende des 18. Jahrhunderts in bestimmten Romanen angekündigt und schließlich als gesellschaftliches Ideal durchgesetzt hat (vgl. Burkhart 1998: 21f.). Es gibt verschiedene Auffassungen darüber, was dieses neue Liebesideal im Einzelnen beinhaltet. Burkhart nennt als die drei Hauptmerkmale die Einheit von Gefühl und Sexualität, die Subjektivierung und Individualisierung der Liebe sowie die Einheit von Liebe und Ehe (Burkhart 1998: 22). Lenz (2006) fügt weitere Punkte hinzu wie die Integration der Elternschaft in die Beziehung oder die Vorstellung, dass Liebe erwidert werden muss und dauerhaft ist (Lenz 2006: 218ff.).
In jedem Fall haben diese neuen Idealvorstellungen dazu geführt, dass Liebe nicht länger eine allenfalls erfreuliche Begleiterscheinung einer auf Vernunft gegründeten oder arrangierten Beziehung ist. Liebe selbst ist das bestimmende Prinzip der Partnerwahl und Ehe geworden. Sie ist nicht länger ein gesellschaftlich irrelevantes Gefühl, sondern zu einem sozialen Tatbestand eigener Art aufgestiegen. Die Liebesheirat hat sich zu einer Norm entwickelt. Luhmann beispielsweise stellt fest, es werde erwartet, „daß man einer Passion verfällt, für die man nichts kann, bevor man heiratet“ (Luhmann 2008: 32).
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Luhmann versucht die Liebe aus systemtheoretischer Perspektive als ein symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium zu erklären, das die Steuerung intimer Beziehungen übernimmt. Für die Systemtheorie besteht die Gesellschaft aus Teilsystemen, die je ihrer eigenen Logik folgen. Diese Teilsysteme beziehen den Einzelnen daher stets nur unter „funktionsspezifischen Gesichtspunkten“ ein, so dass sich ein Bedarf nach „individualitätszentrierter Kommunikation“ aufstaut (Leupold 1983: 299). Die vielfältigen unpersönlichen Beziehungen, denen der Einzelne am Arbeitsplatz, in Behörden oder Bildungseinrichtungen ausgesetzt ist, müssen mit umso persönlicheren, allein auf Liebe gegründeten Intimbeziehungen kompensiert werden. „Für Gefühlsbedürfnisse“, schreibt Luhmann, „werden Chancen konzentrierter Befriedigung bereitgehalten, die andere Systeme von entsprechenden Funktionen entlasten und ihnen die Rekrutierung abgesättigter, ausgeglichener und leistungsfähiger Persönlichkeiten ermöglichen sollen.“ (Luhmann 2008: 69) Parsons teilt einen ähnlich funktionalistischen Blick auf die Liebe: So geht er von einer „isolierten Kernfamilie“ aus, die sowohl von der Erwerbswelt als auch von weiteren verwandtschaftlichen Beziehungen abgesetzt ist. Damit ist auch die Liebe „von einer ganzen Reihe hemmender Beschränkungen befreit“ und kann im Innenraum der Paarbeziehung zum allein herrschenden Prinzip erklärt werden (Parsons 1964: 98).
Die romantische Liebe, darauf weisen verschiedene Autoren hin, ist stets mit dem Anspruch auf mehr Gleichheit aufgetreten. Als alleiniges Kriterium der Partnerwahl ist die Liebe in der Lage, Grenzen zwischen Schichten und Klassen zu überwinden. Für die Heirat spielt der soziale Hintergrund der Partner keine Rolle. Liebe überbrückt nicht nur bei der Partnerwahl Schicht- und Klassenschranken, sondern hebt tendenziell auch Unterschiede innerhalb der Paarbeziehung auf. Verschiedene Au-toren weisen darauf hin, dass die romantische Liebe gegenüber früheren Beziehungs-formen mit einer Aufwertung der Frau verbunden ist: Erst die erwiderte Liebe ist im romantischen Ideal auch erfüllte Liebe, was Frauen eine Reihe neuer Rechte in Beziehungsfragen verschafft (Lenz 2006: 221f.). Die romantische Liebe mit ihrer Betonung der geliebten Person in ihrer Individualität sieht hinweg über deren Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe und tendenziell genauso über die Geschlechtszugehörigkeit. Hinter der Liebe versinkt die Gesellschaft mit all ihren Ansprüchen. Für Luhmann laufen die Merkmale der passionierten oder romantischen Liebe denn auch darin zusammen, „daß der Mensch sich in Angelegenheiten der Liebe von gesellschaftlicher und moralischer Verantwortung freizeichnet“ (Luhmann 2008: 31f.). Zumindest ihrem
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eigenen Ideal nach hat die romantische Liebe eine ausgesprochen „asoziale und arationale Neigung“ (Burkhart 1998: 24).
Leupold (1983) sieht die romantische Liebe, die allein „die Person als Orientierungsprinzip“ nimmt, denn auch grundsätzlich in der Lage, Rollenstrukturen aufzubrechen (Leupold 1983: 306). In diesem Sinne interpretierte schon Theodorson (1965) die höhere Heiratsbereitschaft amerikanischer Studentinnen im Vergleich zu ihren Kommilitoninnen in asiatischen Kulturen: Eine auf Liebe gegründete Beziehung erscheint den jungen Frauen mit ihren eigenen Karriereambitionen besser verträglich als eine traditionelle, arrangierte Ehe (Theodorson 1965: 26).
Wieso sollte also die romantische Liebe zu geschlechtsspezifischer Ungleichheit führen und damit das Gegenteil von dem bewirken, wofür sie antritt? Luhmann deutet bereits an, dass dem Liebesideal gewisse Spannungen anhaften: Liebe in ihrer Reinform verleugnet alle gesellschaftlichen Bezüge der Liebenden, weshalb sie nicht ohne Widersprüche selbst zur sozialen Norm erhoben werden kann (Luhmann 2008: 32). „Passionierte Liebe ist eine unwahrscheinliche Institution.“ (Luhmann 2008: 65) Um zu verstehen, wie Liebe und geschlechtsspezifische Rollenvorgaben eine Liaison eingehen können, schlägt Lenz vor, die romantische Liebe auf der Diskursebene und ihre Umsetzung in Beziehungsnormen getrennt zu betrachten (Lenz 2006: 223). Das Liebesideal muss für eine bestimmte soziale Umwelt zurechtgestutzt werden und beispielsweise der voranschreitenden Trennung von Wohn- und Arbeitsort Rechnung tragen: Statt der Gleichheit betont die Übersetzung des Liebesideals in Beziehungsnormen eher die Komplementarität der Geschlechter und ihre Zuständigkeit für verschiedene Lebensbereiche; die Liebesnorm bleibt zudem auf die Eheanbahnung beschränkt, um im Anschluss sozialen Geschlechtsnormen das Feld zu überlassen. „Entgegen den in der Romantik vorhandenen androgynen Tendenzen hatte sich die romantische Liebe auf der Ebene der Beziehungsnormen bis weit in das 20. Jahrhundert mit der Konzeption der polaren Geschlechtscharaktere verbunden.“ (Lenz 2006: 223f.) Die Trennung von Wohn- und Arbeitssphäre und die entsprechende Betonung der Gegensätzlichkeit der Geschlechter in der Liebe haben die romantische Liebe mehr und mehr zu einer schiefen Norm werden lassen, wie Cancian (1986) betont: Romantische Liebe hat sich zu feminisierter Liebe gewandelt. Die Trennung der Erwerbs- und Wohnsphäre, schreibt Giddens (1993), habe die „’Pflege der Liebe’ zur ausschließlichen Aufgabe der Frauen“ werden lassen (Giddens 1993: 54).
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Arbeit zitieren:
Bernd Kramer, 2010, Die ganz (un)romantische Hausarbeit, München, GRIN Verlag GmbH
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