Inhaltsverzeichnis
I. Einführung 3
II. Begriffsklärung von Technik und Technisierung 5
III. Einige theoretische Implikationen zu den Begriffen Distinktion, Lebensstil
und Semiotisierung 6
3.1. Der Begriff der Distinktion 6
3.2. Der Begriff des Lebensstils 8
3.3. Der Begriff der Semiotisierung 10
IV. Die Stellung der Technik in Gesellschaft und Alltag 12
4.1. Das Automobil 13
4.2. Die Mode 15
V. Zusammenfassung und Schluss 18
Literaturverzeichnis 20
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I. Einführung
Die Geschichte der modernen Gesellschaft ist notwendig eine Geschichte der konsequenten funktionalen Ausdifferenzierung des Gesellschaftssystems in mehrere Teilsysteme. Derartige Gebilde sind zuständig für jeweils einen gesellschaftlichen Problembereich (z.B. Wirtschaft, Politik, Religion, Recht und Kunst) der innerhalb ihrer Grenzen behandelt und gelöst werden muss bzw. soll - soweit kurz der Anspruch der Systemtheorie.
Kennzeichen für eine moderne Gesellschaft ist nun nicht die Prämisse, das eines der eben beispielhaft genannten „Funktionssysteme“ über den jeweils anderen steht (sozusagen das Leitsystem bildet), sondern jedes System seine eigene Funktion als primär behandelt (vgl. Luhmann 1987, S.34-35). Diese Teilsysteme zeichnen sich wiederum durch eine interne Ausdifferenzierung in verschiedene Subsysteme aus, welche gleichfalls auf die Ausdifferenzierung des gesamten Gesellschaftssystems (über den Austausch mit der Umwelt an der Systemgrenze) zurückschlägt und seine Struktur beeinflusst. Das bedeutet darüber hinaus eine immer weiter ansteigende Komplexität 1 des umfassenden Sozialsystems und verlangt durch diese Veränderung(en) eine ständige und erneute Anpassung der gesellschaftlichen Teilsysteme (vgl. Luhmann 1987, S.261). Bei diesen Prozessen haben wir es mit Interdependenzen und Wechselwirkungen, Strategien und Zielen zu tun. Auch die Sozialstruktur einer modernen Gesellschaft ist notwendigerweise differenziert, z.B. durch die Beschreibung von Klassen, Milieus, Schichten usw. Bei der Bestimmung solcher Begriffe wird unter anderem von (teilweise erheblichen) Differenzen in der Verteilung sozialer Güter ausgegangen. Derartige Gebilde entstehen allerdings nicht einfach so, sondern sind Folgen einer wechselseitigen (sich aufsummierenden) Verstärkung vieler Ungleichheiten (Bildung, Einkommen, sozialer Status, Beruf, Einfluss,…). Luhmann gebraucht für diese Beobachtung den Begriff einer „…Multidimensionalität der Ungleichheit…“ (Luhmann 1985, S.120). Nun interessiert uns an dieser Stelle aber nicht so sehr das Theoriegebäude der Systemtheorie von Luhmann, als vielmehr die Betrachtung von drei sozial entscheidenden Phänomenen (Distinktion, Lebensstil, Semiotisierung), deren Existenz, Wirken und Veränderung ebenfalls durch die Technik dramatisch an Bedeutung zugenommen hat und starken Einfluss auf
1 Der Komplexitätsbegriff hat sich vielleicht am stärksten aus der engeren Diskussion der Systemtheorie in den Köpfen
als ein wesentliches Merkmal dieser Theorie festgesetzt. Außerdem ist Komplexität auch ein Thema, das die
Argumentation der Hausarbeit indirekt betrifft. Luhmann (1987, S,46): „Als komplex wollen wir eine
zusammenhängende Menge von Elementen bezeichnen, wenn auf Grund immanenter Beschränkungen der
Verknüpfungskapazität der Elemente nicht mehr jedes Element jederzeit mit jedem anderen verknüpft sein kann.“
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gesellschaftliche Bewegungen sowie Ereignisse nimmt - damit ist das Stichwort „Technik und Alltag“ gemeint 2 . Es wird in den nächsten Kapiteln der folgenden These nachgegangen: Die Technik bewirkt die sprunghafte und scheinbar nie enden wollende Differenzierung der kulturellen Möglichkeiten, sich von anderen zu distinguieren, Zeichen zu setzen und einen eigenen Lebensstil zu entwickeln. Dabei ist der stets vorhandene Dualismus von Individuum und Gesellschaft eine der wesentlichen Grundlagen solcher Erscheinungen, welche wiederum zur Reproduktion sozialer Ungleichheit beitragen.
Es ist töricht anzunehmen, dass solche für uns selbstverständlichen Dinge wie Mode, Lebensstil und die Abgrenzung von anderen eine Erfindung der modernen Gesellschaft darstellen - sie finden sich schon viel eher in der Entwicklung der Menschheit in den einzelnen Epochen (vgl. Beck 1986, S.206). Sie treten (so eine weitere Annahme des Autors) nur seit dieser Zeit diffuser auf, d.h. sie gehören nunmehr zur immanenten Struktur moderner differenzierter Gesellschaften. Nichtsdestotrotz sind die sichtbaren Abgrenzungen, auch Statussymbole genannt, weiterhin von größter Wichtigkeit für die Identität von Personen, Gruppen, Schichten, Klassen - auch wenn deren Bedeutung bisweilen heruntergespielt wird.
Diese einleitenden Ausführungen machen schon vor der eigentlichen Argumentation die ungeheuere Komplexität des Themas und die Verschränkung der einzelnen Begriffe untereinander sichtbar. Die Differenzierung (individuelle wie gesellschaftliche) ist dabei der durchgehende rote Faden, wenn hier von Lebensstil(en), Distinktion(en) und Symbol(en) (auch in Bezug auf die Technik) gesprochen wird - der Differenzierungsbegriff ist nach dem Dafürhalten des Autors schon in die anderen Begriffe strukturell mit eingefasst. Deshalb ist es auch nur logisch an dieser Stelle mit der Klärung dessen zu beginnen, was Distinktion, Lebensstil und Semiotisierung sein soll. Im Folgenden werden nun die Begriffe von Technik und Technisierung geklärt, um eine Orientierung für das Verständnis dieser Arbeit zu liefern. Anschließend geht es im dritten Teil an die Untersuchung und Herausarbeitung der verschiedenen Konzepte von Distinktion, Semiotisierung und Lebensstil sowie die gleichzeitige Unterlegung mit praktischen Beispielen zur eingehenden Erläuterung. Im Anschluss wird es im Teil IV um die Frage gehen, was dabei der Stellenwert der Technik ist und ob sie tatsächlich so etwas wie eine Katalysatorfunktion des
2 Ein Gedanke, den Bernd Bievert und Kurt Monse in ihrem Aufsatz behandeln. Sie diskutieren hier die
unterschiedlichsten Ansätze zur Beschreibung des Verhältnisses von Technik und Alltag und plädieren dabei für eine
theoretische Unvoreingenommenheit bei der Untersuchung dieses Sachverhaltes. Letztendlich wollen beide eine
Verknüpfung system- und handlungstheoretischer Argumente, um die Systeme Ökonomie und Politik mit dem
Alltagshandeln verbinden zu können (Bievert/Monse 1988).
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Sozialen übernommen hat - dies geschieht anhand zweier ausgewählter alltäglicher und empirischer Beispiele (Mode und Automobil).
II. Begriffsklärung von Technik und Technisierung
Wenn man in der systemtheoretischen Argumentationslinie verbleibt, dann stellt die Technik eine Einflussvariable dar, die auf extrem starke Weise die Entwicklung der modernen Gesellschaft vorangetrieben bzw. wesentlich begünstigt hat. Dies konnte sie nur leisten, indem sie aus der Umwelt heraus die Systeme zu neuen Selektionsleistungen gezwungen hat. Beispielsweise sind Organisationen (welche laut noch folgender Begriffsbestimmung eine Technik des Sozialen darstellen) ein konstitutives Merkmal in funktional differenzierten Gesellschaften, weil sie unter anderem die so immens wichtige Komponente der Kommunikation unter Abwesenden ermöglichen - bedeutender Entstehungsfaktor dafür: Technik bzw. die Technisierung 3 . Ohne Erfindungen und soziale Integration von Telefon, Fax, Internet u.a. technischen Errungenschaften wären solche organisatorischen Zusammenhänge nicht möglich.
Wir bewegen uns heutzutage in einem Gebilde, das mit vielen verschiedenen Metaphern beschrieben und betitelt wird: Funktionsgesellschaft, Informationsgesellschaft, Erlebnisgesellschaft, Risikogesellschaft und Organisationsgesellschaft… - das sind nur einige Schlagwörter der gegenwärtigen Diskurse vor allem in den Sozialwissenschaften.
Bei all diesen Beschreibungen spielt die Technik schon immer eine entscheidende Rolle, denn sie versorgt die Individuen mit nützlichen und gleichzeitig entlastenden Funktionen (Auto, Flugzeug), mehr oder weniger wichtigen Informationen (CD-Rom, Zeitungen, Internet), mit ablenkenden Erlebnissen (Fernsehen, Freizeitparks), unberechenbaren Risiken (Flugzeug-, Atom- oder Schiffsunglücke) und sichernden Organisationen (Banken, Versicherungen, Polizei). Diese Liste lässt sich ohne weiteres stundenlang weiter fortsetzen, was allerdings nicht der Inhalt dieser Arbeit sein soll.
Technik ist nur zu verstehen, wenn sie als von menschlichen Handlungen beeinflusst begriffen wird, die wiederum gesellschaftlich über- und geformt sind. Somit ist Technik auch ein Bestandteil der Gesellschaft und diese Bedeutung potenziert sich mit dem steigenden technischen Fortschritt erheblich (vgl. Ropohl 1988, S.83). D.h. anders formuliert, „…dass die gesellschaftsbildenden
3 Dieser Gedanke der Technik als ein zunehmend wichtiger Faktor bei Entstehung, Stabilisierung und Wandel moderner
Gesellschaften wurde u.a. von Ropohl aufgegriffen. Er plädiert für einen Technikbegriff, der sowohl Sachtechnik, deren
Verwendung sowie Entstehung vereinigt (vgl. Ropohl 1988).
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Strukturen zunehmend technische Sachsysteme enthalten, ohne die sie kaum bestehen könnten (…), Gesellschaft sich heute weitgehend technisch konstituiert.“ (ebd., S.84). Für Rammert umfasst der Begriff der Technik alle Verfahren und Einrichtungen, welche in Handlungszusammenhänge eingelassen sind um deren Wirksamkeit, Wahrnehmung sowie Verlässlichkeit zu steigern. Den Prozess der Entstehung nennt er Technisierung von komplexen Gebilden (Wahrnehmung und Handlungen) mit dem Ziel der Leistungssteigerung. Dabei ist die Technisierung als ein sozialer Prozess aufzufassen, denn Technik ist vom Sozialen durchdrungen, die Technik trägt soziale Praktiken und Muster in sich und stellt sie technisch auf Dauer. Somit ist auch klar, dass die Anwender und Akteure gleichzeitig Technik mit produzieren (vgl. Rammert 2000, S.42-48).
Er präzisiert den Prozess der Technisierung noch genauer in seinem Buch, indem er darunter „…eine besondere Form zweckgerichteter Schematisierung und geregelter Kopplung von Elementen in einem künstlichen und abgeschlossenen System…“ versteht, dass „…im Medium von Handlungen, Symbolen oder Sachen fixiert wird, so daß mit einer angestrebten Wirkung fest gerechnet werden kann.“ (ebd., S.72) 4
Somit ist klar, dass die Begriffe der Technik und Technisierung sowohl das Spektrum der Sachtechnik als auch das der Gebrauchstechniken umfasst, welche fest in unseren Handlungsapparat eingelassen sind. Erst eine solche Auffassung von Technik/Technisierung erlaubt über die bloße Sachebene hinaus ihre gesellschaftliche Dimension zu analysieren und, wie in dieser Arbeit, zu versuchen ihren Einfluss darauf zu bestimmen und aufzuzeigen.
III. Einige theoretische Implikationen zu den Begriffen Distinktion, Lebensstil und Semiotisierung
3.1. Der Begriff der Distinktion
Was ist Distinktion? 5 Sie bezeichnet nach Pierre Bourdieu die kulturelle Abgrenzung zwischen verschiedenen sozialen Gruppen, macht die von ihm so genannten „feinen Unterschiede“ aus. Er
4 Er thematisiert darüber hinaus eine Paradoxie dieses Prozesses, die er darin sieht, das Technik erst als solche im
Bewusstsein der Menschen zu Tage tritt, wenn ihr Funktionieren gefährdet ist bzw. versagt - also „…nicht mehr als
selbstverständliches Mittel menschlicher Praxis…“ anerkannt ist (ebd., S.73).
5 Es sei an dieser Stelle auf die Aufsätze von Georg Simmel zum Problem der Mode verwiesen. Er beschäftigt sich dort
auch mit dem Problem der Distinktion, indem er von einem im Wesen des Menschen verankerten Dualismus ausgeht -der Differenz zwischen Individuum und Gesellschaft. Die Mode ist für Simmel das Beispiel, an dem sich exemplarisch
das soziale Bedürfnis nach Gruppenbildung bei gleichzeitiger Vereinzelung und Abgrenzung zeigen lässt. Sie ist
gleichzeitig ein Ausdruck der Abgrenzung, Ausdruck der Differenzierung, Ausdruck für einen bestimmten Lebensstil -sie trägt Symbolcharakter. Weiter unten im Text wird nochmals ausführlich das Thema Mode behandelt.
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Arbeit zitieren:
Jens Klinkicht, 2003, Die Technisierung des Alltags und die damit einhergehende Differenzierung - die Konzepte der Distinktion, des Lebensstils und der Semiotisierung, München, GRIN Verlag GmbH
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