In den verschiedenen Lagern der Moralphilosophie, befinden sich unterschiedliche Ansichten darüber, wie das moralische Prinzip zu definieren ist, wonach es sich richten sollte und wie wir es mit unserem Handeln im Einklang bringen können.
Ein moralisches Prinzip ist also eine Norm, die uns sagt, wie wir uns in einer bestimmten Situation verhalten sollten oder wie wir handeln sollten.
Das heißt, wir haben im Bereich der Moral auf der einen Seite, dasjenige, wonach wir unser Handeln richten, nämlich moralisches Pflichtgefühl, und auf der anderen Seite dasjenige, welches unser Handeln leitet, also unser jeweiliges Handlungsmotiv. Nun sind die Pflicht etwas zu tun und der Wille etwas zu tun (oder etwas nicht zu tun) nicht immer ein und dasselbe.
Mill nennt in seiner Abhandlung zum Utilitarismus folgendes Beispiel: „Wer einen Mitmenschen vor dem Ertrinken rettet, tut, was moralisch richtig ist, einerlei, ob er es aus Pflichtgefühl tut oder in der Hoffnung, für seine Mühe entschädigt zu werden.“ 1 Dass all unsere Handlungen nicht ausschließlich aus Pflicht geschehen, wird wohl niemand bestreiten können. Auch dass wir manchmal sehr egoistischen Motiven bei unseren Handlungen nachgehen, dürfte nicht auf Widerspruch stoßen. Aber: Sind beide Handlungen, wie nun in dem Beispiel des Rettens des Ertrinkenden, moralisch gleichwertig? Muss die moralische Norm immer gleich unserer Handlungsmotivation sein oder darf ich hier unterscheiden? Die Frage ist doch: wie muss ich welche Handlung bewerten? Darf ich Ausnahmen machen oder muss ich Handlungen immer nach einem Prinzip bewerten? Bevor wir aber überhaupt von Bewertungen und richtig und falsch (im Sinne von moralisch richtig und falsch) sprechen können, müssen wir erst einmal festlegen, von welchem moralischem Prinzip wir hier ausgehen. Offensichtlich bewegen wir uns hier im Bereich des Utilitarismus und müssen somit das moralische Prinzip, also die moralische Norm des Utilitarismus als Diskussionsgrundlage verwenden. Allgemein genommen, handelt es sich hierbei um das Prinzip der Nützlichkeit. Meine Handlung ist also genau dann moralisch richtig, wenn sie allen Menschen nützlich ist, unabhängig vom Nutzen für einzelne Individuen. Das hieße, wenn ich die Möglichkeit hätte eine Handlung x zu tun, die allen Menschen nützlich ist, dann muss ich x tun, auch wenn es mir vielleicht schaden würde. Ein eher pikantes Beispiel wäre folgendes: Nehmen wir an, ich hätte die Möglichkeit bei irgendeiner Art von Katastrophe, einen Menschen zu retten. Dabei müsste ich mich nun
1 John Stuart Mill, Der Utilitarismus, S. 32
zwischen zwei Menschen entscheiden, denn ich kann ja nur einen retten. Nun könnte ich entweder mein eigenes Kind retten, oder den Mann, von dem ich weiß, dass er momentan vielversprechend an einem Heilmittel gegen AIDS arbeitet. Letzteren zu retten, brächte der Menschheit den weitaus größeren Nutzen bzw. nützte der Menschheit überhaupt. Nach dem Utilitarismus also wäre es moralisch richtig, die Rettung des Mannes der Rettung meines eigenen Kindes vorzuziehen. Ein eher fiktives Beispiel, aber es zeigt, dass die allgemeine Definition vom Prinzip der Nützlichkeit, einen weiten Begriff beschreibt. Denn will ich das Prinzip handlungsleitend machen, muss ich das Wohl der gesamten Menschheit oder zumindest der Mehrheit aller Menschen, mit einbeziehen.
Mill hingegen formuliert das Prinzip der Moral im Utilitarismus um, während er die (möglichen) Einwände von Gegnern des Utilitarismus zu entkräften gedenkt. Er spricht nicht mehr von dem Prinzip der Nützlichkeit, sondern von dem Prinzip des größten Glücks. Diese moralische Norm beschreibt nun „die Gesamtheit der Handlungsregeln und Handlungsvorschriften, durch deren Befolgung ein Leben der angegebenen Art (gemeint ist ein Leben, das möglichst frei von Unlust und dementsprechend reich an Lust ist) für die gesamte Menschheit im größtmöglichen Umfange erreichbar ist“ 2 . Noch müssen wir hier ein Handlungsideal sehen, welches das Prinzip des größten Glücks aller, will man es in der Praxis umsetzten, auch mit einschließen muss. Nun scheint das für den einfachen normalen Menschen ein geradezu unmögliches Unterfangen. Eine Norm derart „Du sollst x tun, wenn x das Glück aller befördert!“, der wir nicht gerecht werden können. Durch die Verteidigung der utilitaristischen Position gegenüber diversen Vorwürfen, kommt Mill zu einem engeren Begriff des Prinzips des größten Glücks, welcher das Prinzip praxistauglicher macht. Immerhin räumt Mill ein, dass es nicht in der Macht eines jeden einzelnen Menschen stünde, das gesamte Glück der Menschheit zu fördern. Einen solch großen Einfluss können wir nicht auf die gesamte Gesellschaft nehmen, sondern maximal nur „auf den privaten Nutzen, das Interesse oder das Glück einiger weniger Personen“ 3 beziehen. Ganz abgesehen davon, können wir denn immer wissen, was nun das Glück befördert und was es vermindern würde? Nein, das können wir, so wie wir Menschen geschaffen sind, nicht leisten. Den Vorwurf, dass „die Norm, die sie (gemeint ist die Theorie des Prinzips des größten Glücks) aufstellt, für die Menschheit zu hoch sei: man fordere zuviel, sagen sie
2 John Stuart Mill, Der Utilitarismus, S. 21
3 John Stuart Mill, Der Utilitarismus, S. 33
Arbeit zitieren:
Mendina Morgenthal, 2009, Wie verhalten sich Norm und Handlungsmotivation zueinander?, München, GRIN Verlag GmbH
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