2. Der Tugendbegriff
Der Begriff der Tugend hat von der Antike bis in die heutige Zeit in vielen Gesichtspunkten einen enormen Wandel vollzogen. Was unter Tugend in der Antike und darauf basierend im Mittelalter verstanden wurde, wirkt aus heutiger Sicht oft sehr idealistisch, mitunter für die meisten Menschen nicht erreichbar oder anwendbar. Bei der Interpretation des Tugendbegriffs spielt die Ausrichtung eine sehr große Rolle, denn nach ihr gibt es viele verschiedene Modelle nach denen sich die richtigen, also die tugendhaften Handlungen stark unterscheiden. Je nach dem Ziel bzw. Zweck auf welches das menschliche Leben und somit das menschliche Handeln ausgerichtet ist unterscheidet sich auch die Sicht auf die Tugend. Das klassische Modell der Antike, vertreten etwa durch Sokrates, Platon und Aristoteles, nennt als das höchste Gut, als das Ziel des Lebens die Glückseligkeit (Eudaimonia). Auf den ersten Blick eine ähnliche Ausrichtung verfolgt der Hedonismus, welcher als das Ziel des Lebens die Lust postuliert. Jedoch ist die größtmögliche Lust des Einzelnen für diesen nicht zwangsläufig mit dem für ihn bestmöglichen oder vorgesehenen, mit einem erfüllten Leben in Hinsicht auf die ihm zugrunde liegenden Anlagen verbunden. Diese Art der Lebensausrichtung ist vordergründig auf das Diesseits fokussiert, auf Lust und Genuss während des Lebens, wobei mit dem Ende des Lebens bei vorheriger größter Lust das Ziel erreicht ist, dem Jenseits kann keine besonders Rolle zukommen, denn dann müsste die Lebensführung auf die Erfüllung bestimmter Normen ausgerichtet sein, um nach Abschluss des Lebens in einer wie auch immer gearteten Weise einer Belohnung teilhaftig zu werden, wie dies etwa im christlichen Glauben der Fall ist. Das Ziel aus christlicher Sicht ist die Einheit mit Gott, welche durch ein Leben nach den göttlichen Vorgaben zu erreichen ist. Das menschliche Leben auf der Erde ist aus dieser Sicht als eine Art Prüfung zu sehen, um sich für die Teilhabe an der göttlichen Herrlichkeit als würdig zu erweisen. Ein Leben mit Gott im Diesseits führt zu einem Leben nach dem Tod mit Gott im Jenseits. Auch die christliche Philosophie sieht als Ziel des Lebens die Glückseligkeit, jedoch ist diese im bei-Gott-sein zu sehen. Ein erfülltes Leben in dieser Hinsicht ist tugendhaft im Sinne von einem gottgefälligen Leben. Sicherlich gibt es noch viele andere Sichtweisen und
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Modell zu diesem Thema, jedoch sind es vor allem diese drei, welche für meine Hausarbeit von besonderer Wichtigkeit und zu den Autoren passend sind.
2.1 Die aristotelische Tugendlehre
Aristoteles beginnt die Nikomachische Ethik mit allgemeinen Bestimmung: „Jede Kunst und jede Lehre, desgleichen jede Handlung und jeder Entschluß, scheint ein Gut zu erstreben, weshalb man das Gute treffend als dasjenige bezeichnet hat, wonach alles strebt.“ 1 Wenn nun alles nach einen bestimmten Gut strebt, so muss dies auch beim menschlichen Leben der Fall sein. „[…] geben wir, da alles Wissen und Wollen nach einem Gute zielt, an, […] welches im Gebiete des Handelns das höchste Gut ist. Im Namen stimmen hier wohl die meisten überein: Glückseligkeit nennen es die Menge und die feineren Köpfe, und dabei gilt ihnen Gut-Leben und Sich-gut-Gehaben mit Glücklich-Sein als eins.“ 2 Das Ziel des menschlichen Lebens, denn Handlungen sind Ausdruck des Lebens, ist also die Glückseligkeit, diese stellt somit das höchste Gut dar. Diese Glückseligkeit äußert sich jedoch nicht in einem subjektiv glücklichen Leben, etwa durch großen Reichtum oder beruflichen Erfolg, denn „Die einen erklären sie für etwas Greifbares und Sichtbares wie Lust, Reichtum und Ehre, andere für etwas anderes, mitunter auch dieselben Leute bald für dies bald für das; der Kranke für Gesundheit, der Notleidende für Reichtum, und wer seine Unwissenheit fühlt, bewundert solche, die große, seine Fassungskraft übersteigende Dinge vortragen. Einige dagegen meinten, daß neben den vielen sichtbaren Gütern ein Gut an sich bestehe, das auch für alle diesseitigen Güter die Ursache ihrer Güte sei.“ 3 , sondern in einem glückseligen Leben in dem Sinne, dass jeder Mensch nach seinen eigenen Anlagen das für ihn bestmögliche bzw. ein erfülltes Leben führt. Es zeigt sich also, dass der Sinn einer Handlung nicht in dieser selbst liegt, sondern in der Erreichung eines bestimmten Ziels. Auch beim menschlichen Leben verhält sich dies nicht anders, denn es
1 Aristoteles, Nikomachisches Ethik (Übers. Eugen Rolfes, Felix Meiner Verlag: Hamburg 1995) 1095a
2 NE 1095a
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wird auch nicht um seiner selbst willen geführt, sondern mit Hinblick auf ein letztes Ziel, einen Endzweck. Auf diesen Endzweck hin soll das Leben geordnet sein, wie dies zu geschehen hat unterscheidet sich von Individuum zu Individuum, denn das Ziel liegt in der jeweiligen Anlage des Menschen und somit kann es auch keine allgemeine Antwort auf die Frage nach dem Ziel des Lebens und dessen Erreichung geben, da beides grundsätzlich spezifisch ist. Allgemein kann jedoch gesagt werden, dass um das Ziel erreichen zu können es nötig ist ein tugendhaftes Leben zu führen. Ein tugendhaftes Leben orientiert sich zuerst an den vier Kardinal- oder Grundtugenden, als diese sind zu nennen: Weisheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung. Um diese vier allgemeinen Begriffen herum bilden sich folgend die für die jeweilige Lebenslage oder Situation passende Bestimmung, was tugendhaft und was nicht tugendhaft ist. Die Tugendlehre des Aristoteles nun bietet eine Antwort auf die Frage, welches Verhalten tugendhaft ist. Es werden allgemeine Prinzipien vermittelt, welche das Individuum dazu befähigen sich in bestimmten Situationen richtig, das heißt tugendhaft, zu verhalten zu können. Jedoch ist die Entscheidung und die Interpretation der jeweiligen Situation dem einzelnen Menschen überlassen, die Lehre bietet ihm eine Hilfe, jedoch kein klares Gebot oder eine Vorschrift. Nach Aristoteles „[…] ist zu sagen, daß jede Tugend oder Tüchtigkeit einerseits dasjenige selbst, woran sie sich findet, vollkommen macht, andererseits seiner Leistung Vollkommenheit verleiht.“ 4 Die Tugend also ermöglicht es als dem Menschen sein Leben zu vervollkommnen. Denn alles strebt nach seiner eigenen Art seiner Vervollkommnung zu, so auch das Leben.
4 NE 1106a
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Arbeit zitieren:
Patrick El Haouzi, 2010, Die Ethik des Thomas von Aquin , München, GRIN Verlag GmbH
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