1. Einleitung und Definitionen
Die folgende Arbeit beschäftigt sich mit dem Zusammenhang von Migration, Drogenmissbrauch und Sozialkapital. Zwar finden sich in der Literatur bereits diverse Studien und theoretische Abhandlungen zu den Themen Migration und Drogenmissbrauch (vgl. Boos-Nünning 1998, Domenig 2001, Lindström 2008, Salman 2002), Migration und soziales Kapital (vgl. Franzen/Pointer 2007, Haug 2000, Kalter 2006) sowie etwas spärlicher zu Sozialkapital und Drogenmissbrauch (vgl. Braun/Berger 2007), jedoch wurden diese drei Aspekte noch nicht im Zusammenhang untersucht. Um auf das eigentliche Thema hinzuführen, möchte ich jedoch zunächst eine kurze Einführung und eine Definition der Begriffe Migration und Sozialkapital geben.
Kalter definiert Migration oder auch Wanderung als „eine Positionsveränderung einer oder mehrerer Personen im Raum und damit [als einen] Unterfall der horizontalen bzw. räumlichen Mobilität“ (Kalter 2006: 195). Weitere Merkmale der Migration sind zudem, dass sie „nicht nur vorübergehend“ stattfindet, ein „qualitativer Aspekt (‚Lebensmittelpunkt’)“ im Zielland vorhanden ist, sowie als statistische Kenngröße, die Angabe des Ziellandes als „Hauptwohnsitz“ (vgl. Kalter 2006: 195). Daraus lassen sich nun verschiedene Typen von Wanderungen und Migration ableiten. Hierauf wird noch im Bezug auf die italienischen Migranten in Deutschland später näher eingegangen werden.
Soziales Kapital wird, vor allem in der Soziologie, meist als „Ressourcen bezeichnet, die ein Akteur nicht selbst besitzt, sondern über die ein Individuum nur aufgrund seiner sozialen Kontakte zu anderen Akteuren verfügen kann“ (Franzen/Pointer 2007: 2). Dieses Sozialkapital ist abhängig von Vertrauen, gegenseitigen Verpflichtungen, einem allgemeinen Abkommen, welches die Zusammenarbeit fördert, die jedem Akteur zugute kommt sowie anderen Aktivposten, in denen soziale Bindungen verankert sind (vgl. Coleman 1996). Diese beiden Begriffe, Migration und soziales Kapital, haben jeweils Auswirkungen aufeinander: Ich möchte nun zunächst nur kurz darauf eingehen, welche Auswirkungen soziales Kapital auf die Migrationsentscheidung eines Individuums haben kann. Was bei der Migration auf Basis von sozialen Netzwerken vor allem wichtig ist, sind die Aspekte der Informationsgewinnung, die Unterstützung und die Hilfe durch Bekannte, Freunde und Familie, beispielsweise bei der Finanzierung, dem Erstellen eines transnationalen
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Migrationsnetzwerks, bei der Arbeitsplatzsuche und bei der Aufnahme bzw. Überquerung der Grenze. Durch solche oder ähnliche Hilfestellungen können für den Akteur die Vorteile der Kostenminimierung und der Risikoverringerung entstehen (vgl. Haug 2008: 588). Durch diese auf Grund von sozialem Kapital erworbenen Vorteile, wird eine Migration wahrscheinlicher. Auch der Zielort und die Erwartungen, sowie die Entscheidung in welcher Form die Migration statt findet, sind von sozialen Netzwerken beeinflusst (vgl. Haug 2008: 588).
Was jedoch im Bezug auf diese Arbeit wichtiger ist, ist der Zusammenhang von sozialem Kapital und den sich daraus erschließenden Konsequenzen für den Drogenkonsum. So spielen zum einen die engere Bindung, wie beispielsweise die zur Familie, eine Rolle im Bezug auf den Konsum von Drogen und den Umgang mit der Sucht, zum anderen ist die Bereitschaft und die Wahrscheinlichkeit des Erstkonsums abhängig von den sozialen Kreisen und Netzwerken des Akteurs. In den folgenden Abschnitten wird darauf näher eingegangen werden.
2. Zusammenhang von Migration, sozialem Kapital und Drogenmissbrauch
Der Zusammenhang zwischen Migration, sozialem Kapital und Drogenmissbrauch ist sehr vielschichtig und von mehreren Begleitumständen abhängig. Diese Arbeit setzt sich nun mit mehreren Aspekten dieser Phänomene auseinander und beleuchtet zunächst den Zusammenhang zwischen Migration und Drogenmissbrauch, um anschließend genauer auf die Rolle des Sozialkapitals einzugehen. Abschließend werden diese Aspekte auf die Lage italienischer Migranten und Gastarbeiterkinder in Deutschland angewandt.
2.1. Migration und Drogenmissbrauch
Der folgende Abschnitt beschäftigt sich mit den Ursachen und Gründen für den Drogenmissbrauch und die Suchtgefahren bei Migranten. Nachdem die ausschlaggebenden Ursachen und Gründe für die Abhängigkeit näher betrachtet worden sind, gehe ich auf die aktuelle Situation in Deutschland ein.
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2.1.1. Allgemeine Ursachen und Gründe für Drogenmissbrauch
Die Ursachen und Gründe, warum ein Individuum drogenabhängig oder süchtig wird, sind sowohl bei Einheimischen wie auch bei Migranten vielschichtig. Deshalb ein kurzer Überblick über vier Ansätze, welche die Motivation zum Drogenmissbrauch erklären sollen. Zuerst möchte ich auf die biologischen und genetischen Erklärungsansätze eingehen. Diese behaupten, dass Störungen, die zu Abhängigkeit und Drogenkonsum führen, biologische Grundlagen haben können. Durch genetische und biochemische Studien wurden dafür positive Befunde geliefert (vgl. Comer 2001, S. 328). „Die biologisch orientierten Forscher konstatieren außerdem, dass Drogentoleranz und Entzugssymptome mit einer bekannten Folge biologischer Ereignisse zusammenhängen. Der chronische Konsum einer Droge führt dazu, dass das Gehirn die Produktion eines bestimmten Neurotransmitters, der meist schmerzlindernd wirkt oder zur Steigerung der Wachheit führt, einschränkt.“ (Parla 2005: 23). Dies hat zur Folge, dass bei regelmäßiger Einnahme der Drogen im Körper eine immer kleinere Menge des Neurotransmitters erzeugt wird, wodurch eine Steigerung der Dosis benötigt wird (vgl. Parla 2005: 24).
Eine weitere Sichtweise, die der Erklärung von Drogenkonsum dient, ist der psychologische Ansatz. „Es wird von Forschern bestätigt, dass Menschen mit starker Angst, Wut oder Neigung zu Depressionen in höherem Maße Drogen konsumieren oder drogenabhängig werden, als Menschen ohne die genannten Symptome“ (Parla 2005: 24). Durch eine Studie konnte nachgewiesen werden, dass mehr als 25% der getesteten Patienten mit Depressionen während ihrer Störungsepisoden Drogen konsumierten (vgl. Parla 2005: 24). Neben diesen beiden Theorien gibt es noch den soziokulturellen Ansatz, der die Entstehung von Abhängigkeit und Drogensucht auf soziokulturelle und gesellschaftliche Einflüsse hin untersucht. Ausschlaggebend für die Drogensucht ist hier die soziale Umwelt des Akteurs. „Es wird davon ausgegangen, dass durch die Nichterreichung gesellschaftskonformer Ziele, durch die Einbindung in ungünstige Lebenszusammenhänge oder durch die Etikettierung und Stigmatisierung von Abhängigkeitskranken soziale Bedingungen geschaffen werden, die Suchtentwicklung fördern“ (Parla 2005: 24f.). Vor allem von der Gesellschaft geschaffene Normen und negative, soziale Lebensumstände wirken sich auf den Drogeneinstieg aus. So können zum Beispiel ungünstige familiäre Verhältnisse, in denen möglicherweise schon ein problematisches Trinkverhalten vorliegt und kaum Unterstützung und Hilfeleistungen gegeben werden, sich negativ auf die Kinder auswirken, die unter solchen Umständen aufwachsen müssen (vgl. Parla 2005: 25).
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Der vierte Ansatz zur Erklärung von Drogensucht sind die Lerntheorien. „Nach diesen Theorien wird Sucht als erlerntes Verhalten angesehen, das aufgrund von lerntheoretischen Gesetzmäßigkeiten wie klassischer und instrumenteller Konditionierung und sozialem Lernen zustande kommt“ (Parla 2005: 25). Die positive Verstärkung bewirkt beim Abhängigen, dass er sich von Ängsten, Anspannungen und Hemmungen lösen kann, wodurch die Droge instrumentalisiert und nur noch als Mittel zum Zweck angesehen wird (vgl. Parla 2005: 26). Daneben kann der Drogenkonsum auch ein Gefühl von Stärke und Macht hervorrufen, welches jedoch mit dem Verschwinden der Wirkung der Droge ebenfalls nachlässt (vgl. Hurrelmann/ Bründel 1997, S. 26 f.). In der Theorie des Modelllernens setzt sich der aktive Aneignungsprozess aus zwei Phasen zusammen: „In der Aneignungsphase findet das Beobachtungslernen statt. Der Beobachtende speichert das Verhalten der Modellperson als Vorstellung oder verbale Repräsentation in seinem Gedächtnis, damit es dieses später abrufen kann“ (Parla 2005: 26f.). Die zweite Phase ist die Ausführungsphase, in der darüber entschieden wird, ob das Verhalten, das man beobachtet hat, auch tatsächlich übernommen wird.
Diese eben vorgestellten Theorien und Ansätze sind natürlich alle kritisierbar und erklären nicht alle auftretenden Phänomene und Ursachen des Drogeneinstiegs und Suchtverhaltens. Dennoch geben sie einen groben Überblick über die Anreize, die einem zukünftigen Konsumenten gegeben werden und ihn damit in eine Drogenabhängigkeit führen können.
2.1.2. Spezielle Ursachen für Drogenmissbrauch bei Migranten
Neben den eben erwähnten möglichen Ursachen für Drogenmissbrauch kommen bei Migranten noch weitere Faktoren hinzu, die einer möglichen Abhängigkeit förderlich sein könnten:
Das Leben zwischen zwei Kulturen, die ständige Ungewissheit über eine Rückkehr in die Heimat, sowie fehlende Integration und Diskriminierung. Auch eine stärkere Bindung an die Familie und eine Abhängigkeit gegenüber den Eltern können Auslöser für eine Drogensucht sein. Hierauf wird jedoch genauer bei den Wirkungen des sozialen Kapitals auf den Drogenmissbrauch eingegangen.
Vor allem das Leben zwischen zwei Kulturen kann Kinder und Jugendliche in eine Krise stürzen lassen. Das Spagat zwischen der ersten Lebenswelt, den Eltern und dem Zuhause mit seinen Traditionen, und der zweiten, modernen Welt der Aufnahmegesellschaft, schaffen nur
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wenige Heranwachsende mühelos (vgl. Domenig 2001: 72ff.) „Sie leben in zwei Welten: Zuhause traditionelle Erziehung nach heimatlichen, kulturellen und religiösen Vorstellungen. Außerhalb herrscht unsere moderne Welt mit überwiegend konsumorientierten und individualisierten Lebensformen. Da Migranten häufig ihren Kontext akzentuieren, wird dieser Konflikt für die zweite Generation nicht leichter“ (Baudis 1997: 57). Durch die Bikulturalität entstehen neben den normalen Problemen mit denen Jugendliche sich auseinandersetzen müssen, weitere Schwierigkeiten und Konflikte. Diese gesellschafts- und integrationspolitischen Themen werden jedoch oft ausgegrenzt (vgl. Domenig 2001: 72ff.). Insgesamt können diese zusätzlichen Konflikte und Probleme vermehrt dazu führen, dass Migranten suchtgefährdeter sind.
Mit der eben erwähnten Bikulturalität geht noch ein weiteres Problem mit einher: Das der fehlenden Integration und Assimilation. Ausschlaggebend hierfür ist vor allem das Einreisealter. Je früher die Immigration geschah, desto wahrscheinlicher ist eine gute Integration für den Jugendlichen. Des Weiteren ist eine mögliche Drogensucht davon abhängig, in wie weit der betroffene oder gefährdete Migrant bereits seine personale Integration durch die Ausbildung einer einzigartigen Biographie bzw. einer eigenen Identität vorangetrieben hat (vgl. Domenig 2001: 74). Jedoch haben Heranwachsende mit Migrationshintergrund dennoch sehr häufig mit der Akzeptanz der Aufnahmegesellschaft und der Integration in diese zu kämpfen: „Sie werden von deutschen Jugendlichen nicht wirklich angenommen. Die erste Generation neigt zudem dazu, sich kulturell abzuschließen, so daß der Integrationsprozeß zu deutschen Gleichaltrigen nicht hinreichend gefördert wird“ (Baudis 1997: 57f.).
Neben Bikulturalität und Integrationsproblemen ist auch die Unsicherheit über die Zukunft der Migranten ein Konflikt, dem sich vor allem die Jugendlichen immer wieder stellen müssen. Da sie abhängig von der Wohnortwahl ihrer Eltern sind, leben sie oft im Ungewissen darüber, ob und wann sie in ihr Geburtsland zurückkehren werden. „Während die Eltern hoffen, irgendwann in die Heimat zurückzukehren, haben die Jugendlichen kaum einen Bezug zu ihrem Herkunftsland. Eine klare Entscheidung ist vielen nicht möglich“ (Baudis 1997: 57).
Förderlich für die Sucht ist zudem die oft fehlende „Einsicht ausländischer Eltern in die Notwendigkeit einer gediegenen Schul- und Berufsausbildung. Dies spiegelt sich in den Einrichtungsdaten wieder. Gastarbeiterkinder haben schulisch signifikant geringere Abschlüsse und/oder oft keine Berufsausbildung. Sie unterliegen einer höheren
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Arbeit zitieren:
Tanja Mayer, 2009, Zusammenhang von Migration, Drogenmissbrauch und Sozialkapital, München, GRIN Verlag GmbH
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