1Einleitung
Der neusachliche Autor Hans Fallada bebildert das Deutschland der Weltwirtschaftskrise in den 30er Jahren mit einem jungen Paar, Pinneberg und Lämmchen, das wie viele Deutsche dieser Zeit besonders unter den Folgen des zusammenbrechenden Kapitalismus zu leiden hat. Die Situation der beiden spitzt sich zu, als sie in einer frühen Phase ihrer Beziehung mit Lämmchens Schwangerschaft konfrontiert werden. Insbesondere für Pinneberg, ein Angestellter in ständiger Angst, seinen unterbezahlten Arbeitsplatz zu verlieren, stellt die Lage große Ausweglosigkeit dar. Er fragt sich, wie er mit solch niedrigem und unsicherem Einkommen der Rolle des Ernährers gerecht werden soll. Ein Schwangerschaftsabbruch stellt für ihn die einzige Lösung dar, aber auch hierfür fehlt dem Paar das nötige Geld.
Der Arzt steht in der Ecke, er wäscht sich die Hände. Schräg schaut er hinüber zu Pinneberg. Dann sagt er eilig: „Ein bißchen zu spät, Herr Pinneberg, mit der Verhütung. Die Tür ist zu. Ich denke Anfang des zweiten Monats.“
Pinneberg ist ohne Atem. Das war wie ein Schlag. Dann sagt er hastig: „Herr Doktor, es ist doch unmöglich! Wir haben so aufgepaßt! Ganz unmöglich ist das. Sag doch selbst, Lämmchen...“ „Junge!“ sagt sie. „Junge...“
„Es ist so“, sagt der Arzt. „Irrtum ausgeschlossen. Und glauben Sie mir, Herr Pinneberg, ein Kind ist für jede Ehe gut.“
„Herr Doktor“, sagt Pinneberg, und seine Lippe zittert. „Herr Doktor, ich verdiene im Monat hundertachtzig Mark! Ich bitte sie, Herr Doktor!“
Doktor Sesam sieht schrecklich müde aus. Was jetzt kommt, das kennt er, das hört er an jedem Tage dreißigmal.
„Nein“, sagt er. „Nein. Bitten Sie mich gar nicht erst darum. Kommt überhaupt nicht in Frage. Sie sind beide gesund. Und Ihr Einkommen ist gar nicht schlecht. Gar - nichtschlecht.“
„Herr Doktor!“ sagt Pinneberg fieberhaft.
Hinter ihm steht Lämmchen und streicht ihm über die Haare. „Laß, Junge, laß! Es wird schon gehen.“ 1
Eine solche Entscheidung mit derartiger Spontaneität treffen zu wollen, wie Pinneberg dies oben tut, erscheint aus heutiger Perspektive brutal und unbedacht - mehr noch: einem ungeborenen Kind ausschließlich aus finanziellen Gründen das Leben zu verwehren, wird gemeinhin als unmoralisch verurteilt. Seine Entscheidungsmöglichkeiten jedoch sind keineswegs reich an der Zahl. Doktor Sesam wird täglich „dreißigmal“ um eine solche Leistung gebeten. Es steht außer Frage, dass hier die
1 Hans Fallada: Kleiner Mann - was nun? Roman. Berlin 6 2005, S. 16f.
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damalige Situation der Armut und der Benachteiligung einbezogen werden muss, bevor die moralische Urteilsfähigkeit der Menschen als unterentwickelt bezeichnet wird. 2 Inwiefern existiert nun eine Voraussetzung für die Bildung eines moralischen Urteils, nämlich Wahlmöglichkeit bzw. Entscheidungsfreiheit, zwei Faktoren die sich etwa durch ein gewisses Maß an ökonomischer Freiheit ergeben? Unter dieser Frage soll nun die Theorie Kohlbergs und seiner Mitarbeiter in dieser Arbeit zu beleuchten und zu kritisieren sein. In einem vorhergehenden Teil soll zunächst die Darstellung der Kohlbergschen Theorie insbesondere hinsichtlich Struktur und Aufbau ihren Platz finden, was die Voraussetzung schafft für eine mögliche Erweiterung einer Theorie der Moralentwicklung durch äußere Aspekte, die durch die Sozialisation bedingt werden, wie Bildungsgrad oder ökonomische Stellung. Der Einfluss dieser Gesichtspunkte scheint bei Kohlberg zunächst oft unterbeleuchtet oder ausgeklammert. Welchen Einfluss sie jedoch tatsächlich auf die Moralentwicklung haben, soll daher geprüft werden.
2Die besondere Struktur der Moralstufentheorie Kohlbergs
Sich das Vorgehen Kohlbergs zu verdeutlichen, ist interessant für die Bewertung seiner gesamten Theorie. Verglichen mit anderen Theorien ist seines insofern speziell, als es gleichsam eine zirkuläre Bewegung zwischen Philosophie und Empirie beschreibt. So existiert bereits vor seiner empirischen Beweisführung eine philosophische Annahme, die jedoch von jener Beweisführung abhängt. Seine philosophische Annahme, an deren Inhalt es sich im Folgenden noch anzunähern gilt, wird wiederum Mittel zur Beschreibung einer entwicklungspsychologischen Annahme. Die Kohlbergsche Theorie verfährt also interdisziplinär, indem mehr als eine Wissenschaft zur Konstatierung einer Theorie dient. Diese Art von Arbeitsteilung kann insofern als problematisch betrachtet werden, als keine Unabhängigkeit der jeweiligen Annahme voneinander existiert. So auch Jürgen Habermas: „Gewiß kann die empirische Bestätigung einer Theorie T e , die die Geltung von Grundannahmen einer normativen Theorie T n voraussetzt, nicht als unabhängige Bestätigung von T n
2 Vgl. Lawrence Kohlberg/ Daniel Candee: Die Beziehung zwischen moralischem Urteil und moralischen Handeln. In: Lawrence Kohlberg: Die Psychologie der Moralentwicklung, hrsg. v. Wolfgang Althof. Frankfurt a. M. 1996. S. 373-494, S. 394.
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zählen.“ 3 Habermas geht jedoch trotzdem von einem fruchtbaren Verhältnis aus, das die Wissenschaften zueinander einnehmen können. Eine Kooperation verlangt zwar insbesondere der Philosophie eine Umorientierung ihres Selbstverständnisses ab, das zuvor von einem starken Exklusivitätsanspruch geprägt war, kann diese dann aber auch entlasten: „[Das nicht-fundamentalistische Selbstverständnis] nimmt der Philosophie nicht nur etwas ab, sondern gibt ihr auch die Chance einer gewissen Unbefangenheit und eines neuen Selbstvertrauens im Umgang mit den rekonstruktiv verfahrenden Wissenschaften.“ 4 Auf Kohlbergs Moralstufen bezogen lässt sich dieses Verständnis von Wissenschaft folgendermaßen anwenden: In den späten 50ern nimmt der Psychologe Lawrence Kohlberg Beobachtungen vor, die sich unter starkem Einfluss Jean Piagets auf die kindliche Moralentwicklung konzentrieren. Anhand seiner Beobachtungsergebnisse konstatiert Kohlberg nun eine vage Stufeneinteilung, die er, aus seiner Empirie motiviert, inhaltlich definiert. In einer zweiten Phase gewinnt nun die philosophische Grundlage seiner Theoriebildung mehr an Bedeutung. Die Basis bilden jetzt bestimmte Anschauungen der Ethik und Philosophie, die in Prinzipien der Moral abgeleitet werden. Die jeweiligen Stufen Kohlbergs verstehen sich in diesem Stadium verstärkt strukturell und weniger inhaltlich definiert. 5 Die oben beschriebene wechselseitige Beziehung zwischen Philosophie und Sozialwissenschaft wird bereits hier deutlich. In der weiteren Genese der Theorie behält diese Wechselseitigkeit stets ihre zentrale Rolle; sie trägt nunmehr dazu bei, die Theorie kontinuierlich zu verändern bzw. zu differenzieren, da die normative Theorie stets ihre Rechtfertigung bei der empirischen Theorie sucht - und genauso verhält es sich andersherum.
2.1 Zur Struktur des Stufenmodells
Kohlberg nimmt die Existenz von sechs Stufen der Moralentwicklung an, wobei er im Laufe seine wissenschaftlichen Arbeit weitere Zwischenstufen einfügt. Jeweils zwei Stufen gehören wiederum zu einem bestimmten Niveau moralischen Urteilens, die
3 Jürgen Habermas: Moralbewußtsein und kommunikatives Handeln. Frankfurt a.M. 6 1996. S. 128 (Hervorhebungen bei Habermas).
4 Jürgen Habermas: Moralbewußtsein und kommunikatives Handeln 1996. S. 130.
5 Vgl. Stefan Weyers: Moral und Delinquenz. Moralische Entwicklung und Sozialisation straffälliger Jugendlicher. Weinheim/ München 2004, S. 23f.
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aufeinander aufbauen. Die moralische Entwicklung, die Kohlberg annimmt, besteht weniger in einer Veränderung inhaltlicher Charakteristika eines Urteils, sondern vielmehr in der zunehmenden Komplexität des moralischen Regelverständnisses. Dies erklärt etwa, warum Kohlberg das Erreichen einer bestimmten kognitiven Stufe als notwendige Voraussetzung für das Erreichen einer moralischen Stufe ansieht: „Da moralisches Denken natürlich auch Denken ist, hängt ein fortgeschrittenes moralisches Denken von einem fortgeschrittenen logischen Denken ab.“ 6 Ganz im Sinne eines sozialen Konstruktivismus vertritt Kohlberg die Ansicht, dass das Subjekt eine aktive Rolle bei der Bildung seiner Erkenntnis und eben auch seiner moralischen Erkenntnis spielt, wonach Gesetze und Normen nicht einfach nachvollzogen, sondern als selbstgewählte ethische Prinzipien gebildet werden. Es geht also nicht um die passive Internalisierung von Wertüberzeugungen einer Gesellschaft, sondern um deren aktive Konstruktion durch das Subjekt, das selbstverständlich nicht völlig losgelöst von seiner Umwelt agiert und denkt: „Fundamentale moralische Normen und Prinzipien sind Strukturen, die aus Erfahrungen in sozialer Interaktion aufgebaut und nicht einfach durch die Internalisierung von - als äußere Gegebenheiten vorhandenen - Regeln erworben werden[,]“ so Kohlberg. 7
Wirft man nun einen genaueren Blick auf die einzelnen Stufen und ihre Anforderungen, so ist festzustellen, dass sich die Stufen der Niveaus 1 und 2 grundsätzlich defizitär zum postkonventionellen Niveau verhalten; sie zeichnen sich also per definitionem durch ein Defizit zum postkonventionellen Niveau aus, indem sie nur in ihrer Verhältnismäßigkeit zur Stufe 6 verstanden werden können. Das heißt, dass - zumindest theoretisch gesehen - die Entwicklung an einem bestimmten Punkt endet: Hat man die höchste Stufe moralischen Urteilens erreicht, ist diese Entwicklung abgeschlossen. So auch Stefan Weyers: „Die Stufe 6 beschreibt als 'moral point of view' nicht nur den Endpunkt der Entwicklung, sondern auch die vorherigen Stufen, insofern diese aufgrund ihres (defizitären) Verhältnisses zu Stufe 6 definiert werden.“ 8 Will man die Struktur des Stufenmodells zusammenfassen, sind mehrere zentrale
6 Lawrence Kohlberg: Moralstufen und Moralerwerb. Der kognitiv-entwicklungstheorietische Ansatz. In: Lawrence Kohlberg: Die Psychologie der Moralentwicklung, hrsg. v. Wolfgang Althof. Frankfurt a. M. 1996. S. 123-174, S. 124.
7 Kohlberg: Moralstufen und Moralerweb 1996, S. 162.
8 Weyers: Moral und Delinquenz 2004, S. 35.
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Arbeit zitieren:
Vera Jäger, 2010, Moralentwicklung und Sozialisation, München, GRIN Verlag GmbH
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