Philipps-Universität Marburg Fachbereich 10: Neuere Fremdsprachen und Philologien HS: Mme de Staël Wintersemester 2002/03
Das weibliche Genie im Spannungsfeld zwischen Selbstverwirklichung und
Inhaltsverzeichnis
Einleitung 3
1. Definition und Entwicklung des Geniebegriffs 4
2. Einblick in die Geniekonzeption bei Mme de Staël 6
2. 1 Die Bedeutung Italiens im Roman 8
2. 2 Die Bedeutung Englands im Roman 10
2. 3 Corinne 13
2. 4 Oswald 16
2. 5 Corinne vs. Lucile 19
3. Fazit 22
4. Verwendete Literatur 24
2
Einleitung
Mme de Staël war die erste aristokratisch geprägte Frau, die - mittels ihres Genies und auf revolutionäre Art -einen besonderen Stellenwert innerhalb der französischen Romantik einnahm, indem sie ihren politischen und literarischen Zielen Ausdruck verlieh. Als ihr Roman Corinne ou l’Italie im Jahre 1807 erschien, war Mme de Staël bereits in Europa bekannt als Autorin von De la littérature (1800), welches zu den ersten ihrer literarischen Erfolge zählt. Besonders als Frau war sie in der Umsetzung ihrer politischen wie auch literarischen Ziele oft eingeschränkt. Sie litt sehr unter diesen Bedingungen und kreiertedem damaligen Frauenbild entgegengesetzt - intellektuell überlegene und verkannte Heldinnen, die an gesellschaftlichen Vorurteilen scheitern. Die Heldin des Romans Corinne besitzt ein hohes Maß an künstlerischer und intellektueller Begabungen und wird als weibliches Genie in Verbindung gebracht mit dem Göttlichen. Jedoch reicht ihr dieses Genie nicht, um den Gegenkräften der Gesellschaft standzuhalten. Anhand dieses Scheiterns des Genies scheint Mme de Staël davon überzeugt zu sein, daß die Rolle der Frau innerhalb der Gesellschaft nicht zu vergleichen ist mit der des Mannes. 1 Besonders wenn man Frau und Genie in einem ist, gibt es doch eine Kehrseite des Genies, welche Mme de Staël an ihrer Heldin Corinne zu illustrieren versucht. Ein wesentliches Element, das zum Scheitern des weiblichen Genies beiträgt, ist der Aspekt der Liebe. An dieser Stelle ein Zitat aus Mme de Staëls Drama Sapho (1811): „Vois l’état où je suis; les génie des femmes est comme un arbre qui s’élève jusqu’aux nues, mais dont les faibles racines ne peuvent résister à la tempête“ 2 . In der vorliegenden Arbeit sollen nun nach einer Definition des Genies die spezifisch für das weibliche Genie mögliche Entwicklung anhand von Corinne untersucht werden. Dabei soll das literarisch fortschrittliche Gedankengut Mme de Staëls als Leitfaden fungieren, was auch erste Anhaltspunkte für eine inhaltliche Interpretation liefert. Den letzten Teil der Arbeit bildet die Zusammenfassung bzw. das Fazit, wobei die wesentlichen Intentionen des Romans Corinne zusammengefasst werden.
1 Vgl., Madame de Staël: Corinne ou l’Italie, édition établie par Simone de Balayé, France: èditions Gallimards, 1966, S. 23.
2 Dieses Zitat stammt aus der Kopiensammlung des Blockseminars „Mme de Staël“
3
1. Definition und Entwicklung des Geniebegriffs
Der Genie-Begriff hat von der Klassik bis zur Romantik eine grundlegende Wandlung erfahren, welcher nun hier in groben Zügen erläutert werden soll. In der Klassik hat sich die Kunst strikt nach den allgemeingültigen Regeln zu halten. Hier dominiert die Unterwerfung des „génies“ und des „gôuts“ -Geschmack - unter die „raison“. Alles, was dem Verstandesdenken nicht zugänglich ist wird durch den Rationalismus der klassischen Epoche verbannt. Demzufolge muß das „génie“ gezwungenermaßen innerhalb der Grenzen der Vernunft, der Natur, des „beau absolu“ bleiben. 3 Die Imagination, welche das Schöpferische auszeichnet, wird als wuchernde Phantasie entwertet, da diese gegen den „gôut“ verstößt.
Im Denken des 18. Jahrhunderts hingegen wird die Gesellschaft vom Individuum her konzipiert - und nicht mehr umgekehrt, wobei jetzt Vernunft und Natur aus dem Wesen des Individuums abgeleitet werden. Parallel zu dieser Umkehrung vollzieht sich zugleich die Hinwendung zum „sentiment“ und zur Freiheit der „passions“, die der Schöpferkraft des Genies innewohnen. Das Genie ist gekennzeichnet durch seine Unabhängigkeit von den Regeln und der Norm und trägt somit zur Emanzipation des Individuums bei. Ein weiteres Grundelement des Genies bildet der Enthusiasmus, der in erster Linie als produktive Emotionsfähigkeit des hervorragenden Individuums neu definiert wird. Um eine bessere Einsicht in Mme de Staëls Geniekonzeption zu ermöglichen, dient die Geniekonzeption Diderots als Basis, da Mme de Staëls Geniekonzeption mit der seinigen vergleichbar ist. 4 Der erste Satz in seinem berühmten Enzyklopädie-Artikel „Génie“ lautet: »L’étendue de l’esprit, la force de l’imagination et l’activité de l’âme, voilà le génie.« 5
3 Köhler, Erich: Vorlesungen zur Geschichte der französischen Literatur, Aufklärung I“, Stuttgart: Kohlhammer, 1984, S.62.
4 Amend, Anne: „Zwischen Implosion und Explosion“, Trier, 1991, S.434.
4
Diderot gesteht dem Genie starke Gefühle, Leidenschaften und die Fähigkeit, seiner Imagination künstlerische Gestalt zu verleihen, zu. Zudem bestimmt er auch das Verhältnis des Genies zum „gôut“:
»Le goût est souvent séparé du génie. Le génie est un don de la nature; ce qu’il produit est l’ouvrage d’un moment; le goût est l’ouvrage de l’étude et du temps; il tient à la connaissance d’une multitude de règles ou établies ou supposées; il fait produire des beautés qui ne sont que de convention. [...]
Les règles et les lois du goût donneraient des entraves au génie; il les brise pour voler au sublime, au pathétique, au grand. L’amour de ce beau éternel qui caractérise la nature, la passion de conformer ses tableaux à je ne sais quel modèle qu’il a créé, et d’après lequel il a les idées et les sentiments du beau, sont le goût de l’homme de génie.« 6
Auffallend ist hier die Bestimmung, daß der Geschmack ausschließlich konventionelle Schönheiten erzeugt, wohingegen das Genie als „don de la nature“ bezeichnet wird. Hieraus resultiert ein wesentlicher Unterschied in bezug auf die Erzeugnisse des Geschmacks, welches die Gesellschaft ist, und denen des Genies, welches die Natur ist. Man sieht im Genie-Artikel Diderots, wie der Geschmack als Funktion der Konvention und das Genie als natürliche Schöpferkraft auseinandertreten. Für das 17. Jahrhundert und für die Klassizisten des 18. Jahrhunderts waren „goût“ und „génie“ zwei getrennte Aspekte der herrschenden „raison“, wobei der „goût“ im Geiste der „raison“ urteilte und das „génie“ nach den Regeln der „raison“ schuf. Durch den Individualismus der Ästhetik, einhergehend mit dem Sensualismus, veränderte sich das „génie“ zur regelunabhängigen Schöpferkraft und forderte vom Geschmack das Gefühl für das Erzeugnis des Genies. 7 Die Fesseln des Geschmacks werden abgeworfen und das Genie schafft sein eigenes Gesetz. Für den romantischen Geniebegriff, der hier entsteht, ist demzufolge der Geschmack von untergeordneter Bedeutung; er wird vom „génie“ diktiert.
5 Diderot, Denis, „Génie“, in: Oeuvres complètes (hrsg. J. Assézat), Bd.15 (Encyclopédie F-Logique), Paris 1876, S.35.
6 Vgl. ebda., S. 37
5
2. Einblick in die Geniekonzeption bei Mme de Staël
Wie bereits erwähnt, ist Mme de Staëls Geniekonzeption durchaus mit derjenigen von Diderot vergleichbar. Jedoch muß ein wesentlicher Unterschied in Diderots Geniebegriff von demjenigen der Romantik erwähnt werden. Das Genie ist für ihn noch nicht eine isolierte Kraft, die sich im Gegensatz zur gesamten Umwelt einsam-schöpferisch verzehrt. „Sein Genie ist vielmehr die Zusammenfassung der geistig produktiven Kräfte der jeweiligen Gesellschaft, die deren Lebensinhalte und Lebenswerte zum reifsten Ausdruck bringt.“ 8 Im Grunde stellt Mme de Staëls Geniekonzeption nichts grundlegend Neues dar. In ihrem Werk „De la littérature - considérée dans ses rapports avec les institution sociales“ (1800) schreibt sie: „ Ce n’est que dans les états libres qu’on peut réunir le génie de l’action à celui de la pensée“. 9 Folglich räumt Mme de Staël dem Genie einen über die Dichtung hinausgehenden Entfaltungsraum ein. Diesen Ansatz verfolgt Mme de Staël weiter, bis er in ihrem späteren Werk De l’Allemagne (1810) ausführlicher behandelt wird. Jedoch bildet das Hauptthema die Verbindung des Genies mit dem Göttlichen. Corinne, die das weibliche Genie verkörpert, wird erhoben zur „prêtresse inspirée“. 10 Maßgebend ist ihre grenzenlose Autonomie, mit der sie sich ihren Talenten hingibt und diese zur Entfaltung bringt. Jedoch weist Mme de Staël auf die Folgen dieser Autonomie hin, die mit Corinnes Frömmigkeit einhergehen. Corinne erklärt hier, daß es für solch eine Einstellung der Ausdehnung äußerer Bereiche bedarf. In einer gesunden Gegensätzlichkeit von innen und außen sollten Religion, Poesie und Genie eine Einheit bilden: „Les objets extérieurs aussi sont d’un grand secours pour la piété; l’ame retombe sur elle-même, si les beaux-arts, les grands monuments, les chants harmonieux, ne viennent pas ranimer ce génie poétique, qui est aussi le génie réligieux“ (C, 272).
Eine weiterer mit dem Geschlecht des Genies verbundener Aspekt tritt bei Mme de Staël hinzu: Liebe führt bei den Protagonistinnen, wie auch bei Corinne, zu einem Stocken der genialen Impulse, weil diese an den Geliebten angepasst werden. Die fiktionalen Helden befinden sich wie die Protagonistinnen in einer ähnlich prekären Situation, jedoch steht ihnen die Option eines Schutzbereiches in der Gesellschaft offen, um den Untergang des Genies zu
7 Vgl. Köhler, S. 70.
8 Vgl. Köhler, S. 71.
9 Die Zahlen in runden Klammern mit der Abkürzung DL bezeichnen die Seitenzahlen in Mme de Staël: De la littérature (DL), édition critique pas Paul van Tieghem, Paris: M.J.Minard, 1956.
6
Arbeit zitieren:
Emel Deyneli, 2003, Das weibliche Genie im Spannungsfeld zwischen Selbstverwirklichung und Wahnsinn anhand von "Corinne ou l'Italie", München, GRIN Verlag GmbH
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