Die indonesische Staatsdevise lautet „Bhinneka Tunggal Ika - Einheit in Verschiedenheit“. Angesischts der Geschichte des Landes, kann man zwar von Vielfalt sprechen. Von Einheit jedoch sicherlich nicht. Der Historiker Gunnar Heinsohn spricht im Zusammenhang mit Indonesien von „eine(r) der führenden Demozid-Nationen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts“. 1
Massengewalt hat in Indonesien bereits seit dem Unabhängigkeitskrieg (1945-1949) eine traurige Tradition. Nachdem Sukarno die Republik Indonesien ausrief und das darauf folgende, vierjährige Auflehnen gegen die niederländische Besatzung siegreich beendet wurde, begann der anti-westlich gesinnte Präsident mit der Stabilisierung des Landes, welches immer mehr von ideologischen und religiösen Spannungen geprägt wurde, in dem er sein eigens geschaffenes System der ‚Guided Democracy‘ 2 institutionalisierte. Der Nationalgedanke stand dabei im Vordergrund und sollte durch eine starke Armee zum Ausdruck kommen und einigend auf die Bevölkerung wirken. 3 Das Problem der Vielfältigkeit und ein gewisses imperialistisches indonesisches Denken führten anschließend zu mehreren Gewaltausschreitungen, die bis heute andauern. 4
Eine besondere Rolle spielte in diesem Zusammenhang auch der General und späterer Staatsführer Suharto, der mit seiner anti-kommunistischen Ideologie und der Unterstützung der USA 1965 die Macht ergriff 5 und anschließend die eigentliche Gewalt des indonesischen Regimes der 60er, 70er und 80er Jahre einleitete und fortführte. Die Gewalt richtete sich zu Beginn des Regimes gegen Kommunisten und Chinesen, später dann gegen Timoresen und Papua.
Dies führt zur Frage, woher die Bereitschaft zum Töten kam und ob es sich bei den zahlreichen Fällen von Massengewalt in Indonesien um Genozide, Demozide oder Politizide handelte.
1 Siehe Gunnar Heinsohn: Lexikon der Völkermorde. Reinbek 1998, S. 184 f.
2 Siehe Samuel Totten, William S. Parsons, Israel W. Charny, Century of genocide: critical essays and eyewitness accounts, Routledge: 2004. S. 235.
3 Siehe “Guided Democrary” (1957‐1966) the army and the communis party had emerged as the two principal political organizations in the country and the only serious contenders for power following the eventual departure of the ailing Sukarno” aus Samuel Totten, Teaching about genocide: issues, approaches, and resources, IAP: 2004. S. 134‐135.
4 Das Bali‐Attentat, Unruhen in Java, etc.
5 Siehe Damien Kingsbury, The politics of Indonesia, 3 rd Edition, Oxford University Press: 2005. S. 57.
I. Die Massengewalt bei der Machtergreifung Suhartos
1. Der Politizid an den Kommunisten
Um den ‚Politizid‘ 6 an den Kommunisten zu verstehen, muss man sich die genauen Umstände der Machtergreifung Suhartos näher anschauen. 1965 gab es einen Putschversuch, der nach aktuellem Forschungsstand keiner Bewegung eindeutig zuzuordnen ist, für den aber die Kommunisten verantwortlich gemacht wurden. 7 Dieser scheiterte jedoch, da sich Militärs des rechten Flügels unter der Führung General Suhartos zu einem Gegenputsch entschlossen und mit dem Vorwand der Kommunistenbekämpfung die Macht an sich rissen. In nächsten zwei Jahren trieb das Militärjunta die Verfolgungen voran und verursachte damit je nach Quelle 78.000 bis 2.000.000 Tote. 8 Der wahre Wert wird nach aktuellem Forschungsstand allgemein auf ca. 500.00 Opfer geschätzt. Die Gewalt richtete sich zunächst gegen die gut organisierte und agressiv nach Mitgliedern werbende PKI (Kommunistische Partei Indonesiens) und ihr nahestehenden Personen, weitete sich dann aber auch auf deren Familien aus. 9 Die ethnische und religiöse Vielfalt Indonesiens sorgte für komplexe Abläufe, die am Beispiel des Verhaltens der Hindus deutlich gemacht werden kann. Auf einigen Inseln kämpften diese mit den Kommunisten gegen die Armee, auf anderen widerum mit indonesischen Soldaten gegen die PKI. 10
Die Staatsgewalt wurde jedoch nicht nur von befehlstreuen Soldaten ausgeübt, sondern ebenfalls durch vom Staat ausgestattete paramilitärische Verbände, sowie Privatpersonen, die zum eigenen Schutz aus sozialem Druck dazu gezwungen wurden, durch den Kampf gegen kommunistische Gruppen ihren Antikommunismus zum Ausdruck zu bringen und dem Eigenschaden zuvorzukommen. 11
Suhartos Motivation für diesen Politizid war dabei sicherlich einerseits die die Sicherung der Macht, aber auch Verhinderung eines kommunistischen Regimes bzw. die Minderung des kommunistischen Einflusses, der durch de von ihm propagierten Atheismus im Widerspruch mit den Ethnien und Religionen Indonesiens stand. 12
6 Nach Rummel
7 Siehe Israel W. Charny, Encyclopedia of genocide, ABC‐CLIO: 1999. S 356.
8 Siehe Samuel Totten, William S. Parsons, Israel W. Charny, Century of genocide: critical essays and eyewitness accounts, Routledge: 2004. S. 208.
9 Siehe Angela Paul, Kritische Analyse und Reformvorschlag zu Art. II Genozidkonvention, Springer: 2008. S. 133.
10 Siehe Samuel Totten, William S. Parsons, Israel W. Charny, Century of genocide: critical essays and eyewitness accounts, Routledge: 2004. S. 235.
11 Siehe Samuel Totten, Teaching about genocide: issues, approaches, and resources, IAP: 2004. S. 133.
12 Siehe Ebda. S. 138.
Bei der Frage nach der Klassifizierung des Ereignisses, lässt sich klar von einem Politizid nach Rummels Definition sprechen, da die von der Regierung ausgehende Gewalt gegen die kommunistische Bewegung das Ziel ihrer Auslöschung verfolgte, bei dem es auch zum Einsatz von Gefangenenlagern und Folter kam und mehrere gezielte Massaker begangen wurden. Auch wenn ein Teil der Kommunisten bewaffnet war, traf dies bei Weitem nicht auf die Gesamtheit der Bewegung zu.
Der Politizid an den Kommunisten markierte den Beginn des Staatsterrors, der unter Suharto bis 1998, dem Zeitpunkt seiner Abdankung und der demokratischen Öffnung des Landes, eine große Rolle in der indonesischen Politik spielte.
2. Die Massengewalt gegen Chinesen
Zu den Opfern der im Zuge der Kommunistensäuberung stattgefundenen Morde muss ebenfalls ein großer Teil der chinesischen Minderheit gezählt werden, die im Zusammenhang der erstarkten militanten antikommunistischen Bewegung auf Grund ihres kommunistischen Heimatlandes ebenfalls verfolgt und ermordet wurden. 13 Die Angst vor einem imperialistischen, chinesischen Einfluss auf Indonesiens Gesellschaft war ebenfalls nicht zu verachten. 14 Die Gewalt kann man dabei als eine Fortführung der starken Repressionspolitik gegen die chinesische Kultur und ihre Bräuche betrachten, deren Ausübung unter anderem die noch aus Zeiten Sukarnos stammende spezielle Kennzeichnung der chinsesischen Ethnie in indonesischen Ausweispapieren erleichtert wurde. 15
Dabei vermischte sich der politisch ideologische Aspekt mit ethnischen Vorurteilen. Seit langem waren Chinesen vor allem in Döfern wohlhabende Grundbesitzer und profitierten vom Handel 16 , was den Neid und Hass der lokalen Bevölkerung hervorrief. Wegen der in einander überlaufenden Motive ist die Kategorisierung der Gewalt gegen die chinesische Minderheit nur schwer nach zu vollziehen. Das Antikommunistische Ressentiment war die offiziele Motivation der Regierung direkte Gewalt zu verüben. Die chinesische Ethnie wurde jedoch Opfer vereinzelter, wenn auch häufig aufkommender Gewalt, die jedooch auf Individuen, nicht aber auf eine organisierte Verfolgung durch die Regierung zurückzuführen ist.
13 Siehe Angela Paul, Kritische Analyse und Reformvorschlag zu Art. II Genozidkonvention, Springer: 2008. S. 136.
14 Siehe Boris Barth, Genozid: Völkermord im 20. Jahrhundert : Geschichte, Theorien, Kontroversen, C.H.Beck: 2006. S. 164.
15 Siehe Samuel Totten, William S. Parsons, Israel W. Charny, Century of genocide: critical essays and eyewitness accounts, Routledge: 2004. S. 239 f.
16 Siehe Angela Paul, Kritische Analyse und Reformvorschlag zu Art. II Genozidkonvention, Springer: 2008. S. 136.
Arbeit zitieren:
Dominique Omakowski, 2009, Massengewalt in Indonesien (1965-1998), München, GRIN Verlag GmbH
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