1. Einleitung
In dieser Arbeit möchte ich mich mit der Frage auseinandersetzen, was Transsexualität bedeutet. Um dies genauer zu beleuchten, werde ich zunächst grundsätzlich klären, was Geschlechtsidentität überhaupt ist und welche Bedeutung dieser in unserer Gesellschaft zukommt. Um noch weiter zurückzugreifen, muss die Frage gestellt werden, wie Geschlechtlichkeit überhaupt festgelegt wird: Ist Geschlecht ein inneres Gefühl oder eine äußere Erscheinung? Oder gibt es unterschiedliche Ebenen, auf denen Geschlechtlichkeit definiert werden kann?
Bei der Untersuchung von Transsexualität kann als erstes festgehalten werden, dass das biologische Geschlecht offenbar im Unterschied zum gefühlten betrachtet werden und nicht zwangsläufig mit diesem übereinstimmen muss. Meine Motivation, über genau diesen Konflikt, den ein Transsexueller hat, zu schreiben, ist darin begründet, dass ich selber diesen Konflikt nicht nachvollziehen, aber gerade deshalb wenigstens versuchen möchte, einen Einblick in diesen zu geben. In einer Arbeit diesen Umfangs kann natürlich das Phänomen Transsexualität nicht ausschöpfend behandelt werden - aber ich möchte versuchen, ein besseres Verständnis dafür zu bekommen, wie es für jemanden ist, der sich im falschen Körpergeschlecht fühlt und sich mit diesem nicht versöhnen kann. Dabei werde ich insbesondere aufzeigen, welche Fragen und Probleme sich für einen transsexuellen Menschen und die ihn ggf. behandelnden Menschen ergeben und welchen Einfluss die Gesellschaft, in der dieser lebt, dabei hat.
Auf die kontroversen Erklärungsmodelle für die Entstehung, die Ursachen von Transidentität werde ich nicht eingehen, zum einen da mein Schwerpunkt auf den Probleme innerhalb der Gesellschaft und auf den Folgen für den Transidenten liegt und zum anderen, weil bis heute kein Erklärungsmodell gefunden wurde, das tatsächlich auf alle Betroffenen zutreffend und unumstritten in der Forschung über Transsexualität ist.
2. Hauptteil
2.1 Was ist Geschlechtsidentität?
Geschlechtsidentität meint „die subjektive Einschätzung einer Person von sich selbst im Unterschied zur Beurteilung der eigenen Person durch andere. Das schließt auch die Geschlechtszugehörigkeit ein. Diese subjektive Einschätzung muss, um als gelungen bezeichnet zu werden, ein stimmiges Selbstbild ergeben. Nur wenn ich mich in meinem Körper (der entweder männlich oder weiblich ist) zu Hause fühle, kann ich auch von einer gelungenen Geschlechtsidentität sprechen.“ 1
1 http://www.kindergartenpaedagogik.de/746.html
3
Weil Geschlechtsidentität demnach völlig subjektiv ist, kann sie nicht von Geburt an für das ganze Leben eindeutig festgelegt sein, sondern sich im Lauf des Lebens verändern. Denn sowohl der Körper als auch der Geist, das Bewusstsein und die Empfindungen bezüglich des eigenen Daseins eines Menschen verändern sich, weshalb auch die eigene Identität, die entscheidend durch die Geschlechtszugehörigkeit geprägt ist, immer wieder neu definiert werden kann: „Geschlechtsidentität bezeichnet also keinen abgeschlossenen Prozess, sondern beginnt vor der Geburt und muss lebenslang immer wieder bearbeitet und neu definiert werden.“ 2
Die Suche nach der eigenen Geschlechtsidentität, nach dem stimmigen Bild von der eigenen Person beginnt bereits im frühen Kindesalter und wird meist vor allem in der Pubertätszeit von neuem überdacht, angezweifelt und neu definiert. Die Frage nach der Geschlechtszugehörigkeit spielt dabei eine wichtige Rolle, denn die Festlegung, welchem Geschlecht man angehört, ist in unserer Gesellschaft prinzipiell sehr wesentlich, wie ich in den folgenden Kapiteln noch genauer erörtern werde. Jeder Mensch wird mit einem biologischen Geschlecht 3 geboren, das gefühlte Geschlecht ist aber nicht zwangsläufig dasselbe, eben weil die eigene Geschlechtsidentität erst subjektiv gefunden wird; ich möchte ich im Folgenden die Verknüpfung dieser Begrifflichkeiten klären, um eine Basis für die anschließenden Kapitel zu schaffen.
2.1.1 Die verschiedenen Ebenen der Geschlechtsidentität
„Die Geschlechtsidentität eines Individuums wird auf der Basis der biologischen Geschlechtszugehörigkeit sozial hergestellt und im Entwicklungsverlauf individuell konstruiert.“ 4
Der Begriff der Geschlechtsidentität bezieht sich laut dieser Definition also nicht eindeutig auf die eine Identität, die einem Lebewesen aufgrund seines Geschlechtes (‚männlich’ oder ‚weiblich’) zukommt, sondern auf eine von drei aufeinander aufbauenden Definitionsebenen: 1.) der biologischen 2.) der sozialen 3.) der individuellen. 5
Zu 1.) Das biologische Geschlecht wird bestimmt durch die geschlechtschromosomale Differenzierung, woraus noch im pränatalen Stadium das Keimdrüsengeschlecht, das
2 Ebd..
3 Wenn auch nicht immer mit einem eindeutigen; es gibt ‚Zwitter’ (=‚Intersexuelle’), die Teile oder alle
Merkmale beider Geschlechter aufweisen. Auf diese Erscheinung werde ich in dieser Arbeit nicht
genauer eingehen können.
4 Winkelmann: Transsexualität und Geschlechtsidentität, S. 3. Zitiert nach: Trautner: Geschlecht und
Identität in entwicklungspsychologischer Perspektive- längsschnittliche Analyse von
Entwicklungsmerkmalen der Geschlechtstypisierung im Kindesalter, S. 9.
5 Ebd..
4
hormonelle, das morphologische und das hypothalamische Geschlecht hervor gehen. 6 Dabei hängt die erste Determinierung, ob sich männliches oder weibliches Lebewesen entwickeln wird, bereits von dem Vorhandensein oder Fehlen des Y-Chromosoms im befruchtenden Spermium ab. 7 Nach der Befruchtung kommt es in der weiteren Entwicklung durch die Ontogenese zur Ausbildung weiterer biologisch determinierender Merkmale, wie den sekundären Geschlechtsmerkmalen. 8 Bis zur sechsten Schwangerschaftswoche ist jeder Embryo ein Zwitter, d.h. geschlechtsneutral. Erst dann wird durch die Geschlechtshormone festgelegt, ob ein weiblicher oder ein männlicher Fötus heranwächst. Zu 2.) Die soziale Ebene des Geschlechts (auch: Erziehungs- oder Zuweisungssgeschlecht) knüpft an den äußeren Geschlechtsmerkmalen des Neugeborenen an. Die darauf folgenden Geschlechtsdifferenzierungen sind insofern sozial hergestellt, als sie gelernt werden, mittels Belohnung, Bestrafung und Beobachtung. Die Eltern und andere (Autoritäts-) Personen weisen dem Kind also aufgrund seiner biologischen Geschlechtsmerkmale sein Geschlecht zu und erziehen es dementsprechend. Zunächst wird die Geschlechtszugehörigkeit eines Kindes also durch die Menschen, die es umgeben und dementsprechend behandeln, geprägt. Meistens baut darauf die Entwicklung der eigenen Geschlechtsidentität des sich entwickelnden Kindes auf, die übereinstimmt mit dem biologischen und sozialen Geschlecht. Doch dies ist nicht immer der Fall, denn manche Menschen merken bereits in ihrer Kindheit, dass ihr inneres Geschlechtsempfinden nicht übereinstimmt mit dem biologischen und dem sozial hergestellten Geschlecht. Auf den Konflikt dieser Menschen, bei denen dies der Fall ist, werde ich im zweiten Teil dieser Arbeit genauer eingehen.
Zu 3.) An der sozialen Ebene der Geschlechtsidentität knüpft die individuelle oder subjektive Ebene an. Diese beinhaltet den kognitiven Aspekt (wie man sich selbst kategorisiert), den emotionalen Aspekt (wie man die eigene Femininität/ Maskulinität konzipiert) und den verhaltensmäßigen Aspekt (welche geschlechtstypischen Einstellungen und Bewertungen man vertritt und welches individuelle geschlechtsbezogene Verhalten man äußert). Im Folgenden möchte ich untersuchen, welche Bedeutung der Geschlechtszugehörigkeit überhaupt in unserer westlichen Kultur, unserer Gesellschaft zukommt sowie darauf eingehen, welche Folgen bzw. Wechselwirkungen sich aus dieser für ein in ihr lebendes Individuum ergeben.
6 Ebd.. genauer kann in dieser Arbeit nicht auf diese einzelnen biologischen Vorgänge der
Geschlechtsdifferenzierung eingegangen werden.
7 Eicher: Transsexualismus. Möglichkeiten und Grenzen der Geschlechtsumwandlung, S. 11.
8 Winkelmann: Transsexualität und Geschlechtsidentität, S. 3.
5
2.1.2 Welche Rolle spielt die Gesellschaft für die Geschlechtsidentität und umgekehrt?
Wie im vorigen Kapitel festgestellt, meint Geschlechtsidentität keinen naturgegebenen Zustand eines Menschen und auch keinen zu einem bestimmten Zeitpunkt abgeschlossenen Prozess, sondern vielmehr eine subjektive Selbsteinschätzung, die im Laufe des Lebens individuell entwickelt bzw. erarbeitet wird. Damit diese Selbsteinschätzung stimmig ist, also die Suche nach der eigenen Geschlechtsidentität gelungen ist, muss das Bewusstsein bzw. die Psyche mit dem Körper, in dem sie steckt, im Einklang sein. Anders formuliert: Eine gelungene Geschlechtsidentität setzt eine Seele voraus, die sich in ihrem Körper zu Hause fühlt. Das kann also auch bedeuten, dass jemand seine biologischen Geschlechtsmerkmale zugunsten der gelungenen Geschlechtsidentität ändern will - weil sein Selbstbild erst dann stimmig werden kann. Nicht nur die eigene Identitätsfindung bezüglich des Geschlechtes, sondern auch die Identitätsfindung grundsätzlich ist zu verstehen als „prozeßhafte und unabschließbare Aufgabe jedes einzelnen“ 9 . Dies klingt zunächst so, als könne jeder Mensch allein für sich selbst eine Identität konstruieren, diese ggf. wieder verwerfen und neu konstruieren; doch ein wichtiger Faktor fehlt in dieser Definition von Identität: die soziale Welt außerhalb des Menschen, die in dem Prozess der Identitätsfindung eine erhebliche Rolle spielt. Denn Identität ist zu begreifen „als ein subjektiver Konstruktionsprozeß […], in dem Individuen eine Passung von innerer und äußerer Welt suchen.“ 10
Für eine gelungene Identität kann also weder gelten, dass sie angeboren ist, noch dass sie, wenn sie einmal hergestellt ist, nicht erneut überdacht und verändert werden müsste. Vielmehr meint gelungene Identität einen temporären Zustand eines gelungenen Ausgleichs. Das Kriterium hierfür liegt in jedem Fall beim Subjekt; doch ohne die Integration in die Gesellschaft und deren Anerkennung kann das Subjekt seine Identität nicht ohne weiteres als ausgeglichen und gelungen empfinden. Denn prinzipiell hat die Gesellschaft, in der ein Mensch lebt, großen Einfluss auf seine Identität; er ist ständig umgeben von ihr, in ihr kann er Sicherheit finden und sich ein soziales Netz aufbauen. Das biologisch angeborene äußere Geschlecht und die sozial hergestellte Geschlechtszugehörigkeit wird im Laufe des Lebens vom Menschen subjektiv überdacht und evtl. angezweifelt - Dabei kann die Passung von innerem Empfinden, dem Zugehörigkeitsgefühl zu einem der Geschlechter(rollen) und den Erwartungen von Außen ohne Konflikte verlaufen; oder aber problematisch sein, wenn nämlich das gefühlte Geschlecht nicht übereinstimmt mit dem biologischen und mit den Erwartungen des sozialen Umfeldes. In jedem Fall bleibt die Suche nach der eigenen Geschlechtsidentität für jeden Menschen essentiell; jeder Mensch muss sich zwangsläufig damit auseinandersetzen,
9 Keupp u.a.: Identitätskonstruktionen. Das Patchwork der Identitäten in der Spätmoderne, S. 76.
10 Ebd., S. 7.
6
welches (geschlechtstypische) Verhalten und Äußere er annehmen möchte, da die eigene Geschlechtszugehörigkeit, die (mehr oder weniger bewusste) Entscheidung, welcher Geschlechtergruppe man sich anschließt, zwangsläufig Konsequenzen für das soziale Leben hat; denn die Gesellschaft reagiert auf das eigene äußerliche Erscheinungsbild, aber auch auf das Verhalten, mit dem man sich in ihr bewegt - ob man will, oder nicht. Umgekehrt hat das soziale Umfeld, die Gesellschaft in der jemand lebt, Einfluss auf die Geschlechtszugehörigkeit eines Menschen, denn in ihr werden geschlechtsstereotypische Verhaltensweisen und Äußerlichkeiten vorgelebt, die mit Erwartungen an den einzelnen einhergehen. Inwiefern bestimmt Geschlechtlichkeit nun konkret die Gesellschaft, in der wir leben, und umgekehrt, inwiefern bestimmt die Gesellschaft die eigene Geschlechtlichkeit?
2.1.3 Das Konstrukt von Geschlechtlichkeit in der westlichen Kultur
Im Blick auf unsere westliche Kultur gilt: „Wir leben in einer Welt, in der es allem Anschein nach nur weibliche und männliche Wesen, nur Frauen und Männer gibt.“ 11 Wenn man als Mitglied unserer Gesellschaft jemanden begegnet, ist es ganz selbstverständlich, dass man diesen Menschen automatisch einem der beiden Geschlechter zuordnet: dem männlichen oder dem weiblichen. Wohl jedem Menschen unserer Gesellschaft wird es schon einmal widerfahren sein, dass diese Zuordnung nicht auf Anhieb gelungen ist, und er wird sich deshalb irritiert oder verwirrt gefühlt haben. „Denn das Grundgesetz der Geschlechtlichkeit heißt in unserer Kultur nun einmal: entweder weiblich oder männlich, entweder Frau oder Mann. Gewaltig ist deshalb der allgemeine Druck, ebenso sichtbar wie unsichtbar, sich selbst einem der beiden Geschlechter zuzuordnen.“ 12 Bei der Identitätsfindung ist die Frage nach der Geschlechtszugehörigkeit in unserer Gesellschaft also grundlegend. Dies wird nicht nur in behördlichen Formularen deutlich, in denen meist gleich an erster Position das Geschlecht ‚männlich’ oder ‚weiblich’ angekreuzt werden muss, sondern auch bereits im Verhalten von Kindern beim Spielen. Ein Beispiel hierfür ist das bei Kindern beliebte klassische „Vater, Mutter, Kind- Spiel“, in dem es für die mimenden Elternteile hauptsächlich darum geht, die typischen Geschlechterrollen einzunehmen und diesen entsprechend zu handeln. Bereits im Kindesalter ist es also entscheidend, ob ein Kind mit einem weiblichen oder männlichen biologischen Geschlecht auf die Welt kam; und zwar entscheidend für die weitere Entwicklung des Kindes, denn der Einfluss der ihm umgebenden Menschen ist groß und die Erwartungen derer wirken sich unmittelbar auf die Psyche und das Verhalten des Kindes aus. Im Regelfall (zu den Ausnahmen im nächsten Kapitel) verhält ein Kind sich erst einmal seinem Körpergeschlecht und so den Erwartungen an ihn entsprechend: „Bereits Kinder im Alter von zwei Jahren
11 Sigusch: Geschlechtswechsel, S. 7.
12 Ebd..
7
Arbeit zitieren:
Janina Stührmann, 2008, Was bedeutet Geschlechtsidentität und Transidentität – für das Individuum und die Gesellschaft?, München, GRIN Verlag GmbH
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