Vorwort
Die ursprüngliche Arbeit entstand im Jahr 2008 als Besondere Lernleistung. Nachdem ich eine militärische Laufbahn einschlug, neues Wissen und neue Erfahrungen sammelte, modifizierte ich diese Arbeit.
Ihr Zweck ist es, die Ausbildung und die Formung des Reichsheeres in den 1920er Jahren näher zu beleuchten, ohne hierbei auf die Beziehungen zwischen Reichsheerführung und Regierung in dieser Zeit besonderen Wert zu legen, da dieses Kapitel schon zur Genüge behandelt wurde. Mit Hilfe der Auswertung von Handbüchern, Ausbildungsvorschriften, Artikeln und dergleichen sollte die Anpassung des Reichsheeres an die Anforderungen des modernen Bewegungskrieges, wie er genannt wurde, möglichst genau nachgezeichnet werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Der Weg von der alten Armee zum Reichsheer 1
1.1 Das Ende des Ersten Weltkrieges 1
1.2 Der Friedensvertrag von Versailles 4
1.3 Die vorl ufige Reichswehr 7
2 Die ersten Jahre des Bestehens des neuen Reichsheeres 10
2.1 Das Reichsheer in der deutschen Republik 10
2.2 Die Mobilmachungsvorbereitungen des Reichsheeres 13
3 Die Modernisierung des Reichsheeres 21
3.1 Die Gedanken Hans von Seeckts zur Modernisierung
des Reichsheeres 21
3.2 Das Prinzip des „F hrerheeres“ und die „Auftragstaktik“ 22
3.3 Die Ausbildung 25
3.3.1 Hans von Seeckts Vorstellungen von der
allgemeinen Ausbildung 25
3.3.2 Die Publikation milit rwissenschaftlicher Schriften 26
3.3.3 Die erneuerte allgemeine Ausbildung 27
3.3.4 Die neuen Taktikgrunds tze 30
3.3.5 Die Ausbildung der Unterf hrer und F hrer 33
3.3.6 Die Generalstabsausbildung 35
3.3.7 Die Man„ver 37
3.4 Die Auffassungen der Reichswehrf hrung vom Wesen des Krieges 40
3.5 Die Zusammenarbeit von Reichsheer und Roter Armee 44
3.5.1 Die Entwicklung der Partnerschaft der beiden Streitkr fte 44
3.5.2 Das Luftwaffenprojekt in Lipezk 46
3.5.3 Das Panzerwaffenprojekt Kama 48
3.5.4 Die Zusammenarbeit der Generalst be und
die gegenseitigen Truppenbesuche 50
3.6 Die Kavallerie und die Panzerwaffe 52
4.6.1 Das Wesen der Kavallerie in den 1920er Jahren 52
3.6.2 Die Überlegungen des Offizierkorps zur
Motorisierung der Kavallerie 54
3.6.3 Die Vorbereitung des Aufbaus einer Panzerwaffe 56
4 Quellen- und Literaturverzeichnis 58
5 Anhang 69
1
1 Der Weg von der alten Armee zum Reichsheer
1.1 Das Ende des Ersten Weltkrieges
Als im November 1918 der Erste Weltkrieg nach mehr als vier Jahren endete, hatte er tiefe Spuren hinterlassen, welche die Entwicklung Europas, und besonders Deutschlands, stark beeinflussen sollten. Um diese Folgen nachvollziehen zu k„nnen, ist es n„tig die Ereignisse der letzten Kriegswochen noch einmal n€her zu beleuchten. Die O.H.L. 1 , welche durch die Operation Michael und die weiterf‚hrenden Fr‚hjahrsoffensiven noch einen entscheidenden Sieg zu erringen erhofft hatte, wurde nach diesen vergeblichen Versuchen zur‚ck auf den Boden der Tatsachen geholt. W€hrend die Alliierten st€ndig Verst€rkungen in Form der amerikanischen Streitkr€fte erhielten, konnte das deutsche Heer die Front nur noch m‚hsam halten. Die milit€rische Niederlage schien hierdurch nach den verlustreichen Schlachten des Sommers 1918 nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Dies bewog die O.H.L. wiederholt der Regierung Ende September einen Vorschlag zur Schlie…ung eines Waffenstillstandes vorzutragen. Mittlerweile spitzte sich die Lage an der Westfront so dramatisch zu, dass die O.H.L. mit Nachdruck nach einem Waffenstillstand verlangte, der ihren Ansichten Rechnung trug, d.h. die Wiederherstellung des status quo ante garantierte. Letztendlich wollte die O.H.L., besonders Erich Ludendorff, hierdurch der milit€rischen Kapitulation vorbeugen. Dieses Anliegen kam auch am 2. Oktober in dem von dem Major Freiherr von dem Bussche gehaltenen Vortrag ‚ber die allgemeine Kriegslage
zum Ausdruck. 2
Aufgrund des Drucks, der von der O.H.L. ausging, sah sich die Regierung gen„tigt am 6.
Oktober ihre erste Note an Pr€sident Wilson zu senden, dessen 14 Punkte 3 als Grundlage f‚r die Verhandlungen dienen sollten. Woodrow Wilson war bereit auf dieses Angebot einzugehen, forderte jedoch zuvor die Einstellung des uneingeschr€nkten U-Bootkrieges und die Zusage zu dem Abzug der deutschen Truppen von franz„sischem Terrain. Die Regierung kam diesen Forderungen nach, w€hrend die O.H.L. hierin die Chance der Alliierten sah, dem Deutschen Reich einen „Gewaltfrieden“ aufzuzwingen, der vor allem das Milit€r bedrohte. Der deutschen Regierung imponierte diese Haltung der O.H.L. nicht,
1 Oberste Heeresleitung
2 vgl. Anlage 1
3 vgl. Anlage 2
2
da diese nach einem Waffenstillstand verlangte, aber dennoch den entsprechenden Bestrebungen der Regierung widersprach. Ungeachtet ihrer Position zur O.H.L. mussten die Politiker jedoch feststellen, dass Woodrow Wilson in seiner dritten Note an die deutsche Regierung auf die Forderungen der anderen alliierten Staaten einging und so tatsächlich einer militärischen Entmachtung des Deutschen Reiches zustrebte. Die Regierung fürchtete zu dieser Zeit jedoch ein Kippen der zugespitzten innenpolitischen Lage bzw. eine militärische Niederlage bei einer Weiterführung des Krieges. Die Heeresleitung dagegen wollte einen solchen Waffenstillstand schon aus Prinzip nicht annehmen, da selbiger ihren Ansichten zu Folge dem Eingeständnis der militärischen Niederlage gleich kam, obwohl, nach Beurteilung der Lage durch die Heeresleitung, das Heer mindestens noch einige weitere Monate zum Halten der Front imstande war, um damit den Druck auf die alliierten Regierungen zu erhöhen und einen Waffenstillstand zu erreichen, der keine umfassenden Repressionen gegen das Heer forderte.
Am 27. Oktober ging die deutsche Regierung in ihrer letzten Note schließlich auf alle Bedingungen ein und öffnete damit den Weg zum Waffenstillstand und zum Friedensvertrag von Versailles. So kam es, dass am 8. November die deutsche Friedensdelegation unter Matthias Erzberger in Richtung Compiégne aufbrach, um den Waffenstillstand in einem Salonwagen unter den Augen Marschall Fochs zu unterzeichnen. Am 9. November spitzte sich derweil die politische Lage in Deutschland zu. Die Revolution war seit Anfang November am Ausbrechen und erreichte zu diesem Zeitpunkt gefährliche Ausmaße. Prinz Max von Baden gab eigenmächtig die Abdankung des Kaisers bekannt und übergab die Regierungsgeschäfte Friedrich Ebert, um die Bevölkerung zu beruhigen. Später, noch am gleichen Tage, wurde die Republik ausgerufen. Weit wichtiger für die folgenden Betrachtungen ist, dass die alte Regierung noch kurz vor ihrer Auflösung Befehle erließ, die zur Einstellung der Kampfhandlungen von deutscher Seite her führten. Das deutsche Heer hatte zu diesem Zeitpunkt noch hart gekämpft, um der wachsenden Übermacht der alliierten Streitkräfte standhalten zu können. Allerdings konnte sie dieser, trotz der teilweisen inneren Auflösung, immer noch die Stirn bieten. Die endgültige Einstellung der Kämpfe kam jedoch erst am 11. November zustande, als die deutsche Friedensdelegation den ihr vorgelegten Waffenstillstand 1 unterschrieb. Am 10. November hatten die Staatssekretäre in Berlin die Bedingungen erhalten und zeigten sich entrüstet über die Forderungen der Alliierten. Obwohl eine formelle militärische Kapitulation von deutscher Seite her nicht vorlag, stellte der
1 vgl. Anlage 3
3
Waffenstillstand Deutschland als Verlierer sowie alleinigen Verursacher des Krieges dar. Diese Formulierung legitimierte den Beschluss der Versailler Friedensvertr€ge ohne die Einbeziehung Deutschlands in die Verhandlungen. Der Regierung blieb in diesem Augenblick keine andere M„glichkeit, als den Waffenstillstand zu unterzeichnen, um eine Fortsetzung des Krieges bzw. die vollst€ndige Unterwerfung zu vermeiden. Den nationalistischen Kr€ften bot dies den entscheidenden Stoff f‚r die so genannte „Dolchsto…legende“, welche den Politikern die alleinige Schuld am Kriegsausgang zuschob.
Die deutsche Regierung konnte zwar keine nachtr€gliche Milderung der Waffenstillstandsbedingungen durchsetzen, vor allem in Bezug auf eine Aufhebung der alliierten Seeblockade, doch der Krieg, der Millionen von Opfern gefordert hatte, war nun beendet, zumindest an den ehemaligen Fronten. Der „Krieg“ innerhalb Deutschlands dagegen wurde fortgesetzt, wobei auch die alliierte Seeblockade noch ein weiteres halbes Jahr bestehen blieb. Die deutschen Truppen durften vorerst unangetastet in ihre Heimat zur‚ckkehren, d.h. weder Waffen und Ausr‚stung wurden beschlagnahmt, noch die Truppen sofort aufgel„st. Viele €ltere Soldaten waren schon l€ngere Zeit nicht mehr in der Heimat gewesen. Nun kehrten sie zur‚ck in ein ihnen fremdes Land. Deutschland war zwar kaum von Zerst„rungen gezeichnet, doch fast ‚berall herrschten b‚rgerkriegs€hnliche Zust€nde, die durch Auseinandersetzungen gepr€gt waren, in welchen linke und rechte Gruppierungen sowie regierungstreue Formationen gegeneinander k€mpften. Die ehemalige Staatsordnung geh„rte den Erinnerungen an und der Kaiser, der oberste Kriegsherr, hatte abgedankt. Das System und die Werte, f‚r welche die Soldaten gek€mpft hatten, existierten nicht mehr in der alten Form. Wilhelm Groener, der Nachfolger Ludendorffs als Generalquartiermeister, erkl€rte sich am 10. November bereit, die legitimierte Regierung im Kampf gegen die Aufst€ndischen zu unterst‚tzen, woraufhin die Soldaten zum Kampf gegen die eigene Bev„lkerung eingesetzt wurden. Damit stellte er sich loyal hinter die Regierung und beschwichtigte die Position des deutschen Heeres, welches formal als ‚berparteiliche Organisation lediglich den Interessen des Staates sowie der Aufrechterhaltung der Ordnung verpflichtet war und sich dadurch in den Dienst der einzig legitimierten Regierung stellte.
Trotz der Lage wurden schon 1918 viele Soldaten entlassen und es kam zur Bildung von Freikorps. Diese bestanden aus ehemaligen Soldaten, die keinen Weg zur‚ck in ihr Leben vor dem Krieg fanden und sich aus diesem Grund in Gruppen um ihre ehemaligen Befehlshaber sammelten, in denen sie au…erdem noch den alten Zusammenhalt und ihre alten Kameraden
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wieder fanden. Es waren zumeist leicht bewaffnete Verb€nde, die lediglich ihrem Kommandeur gegen‚ber loyal waren und ausschlie…lich ihm gehorchten. Die meisten dieser Freikorps waren sehr nationalistisch gesinnt, w€hrend nur ein kleiner Teil der Verb€nde auf Seiten der aufst€ndischen linken Kr€fte in den Kampf zog. Die letzteren bestanden haupts€chlich aus ehemaligen Marineangeh„rigen, so z.B. die Volksmarinedivison. Die deutsche Regierung arbeitete mit den nationalistischen Freikorps zusammen. Selbige waren zwar keine Freunde der Republik und wollten die alte Staatsordnung wiederherstellen, doch zu diesem Zeitpunkt hatten sie und die Regierung das gleiche Ziel - die Niederschlagung der aufst€ndischen linken Kr€fte. Es stellte sich au…erdem heraus, dass sich die alte kaiserliche Armee aufgrund ihrer Zusammensetzung weniger f‚r den Kampf gegen die Aufst€ndischen eignete und so wurden die Freikorps unentbehrlich f‚r die Regierung.
1.2 Der Friedensvertrag von Versailles
Nachdem Deutschland den Waffenstillstandsbedingungen nachgekommen war, fanden sich im April 1919 die alliierten und assoziierten Regierungen in Versailles ein, um die Friedensbedingungen zu beraten und anschlie…end festzusetzen. Deutschland war von diesen Verhandlungen ausgeschlossen, weshalb es weder seine eigenen Interessen vertreten, noch die Bedingungen mildern konnte. Die Alliierten legitimierten diesen Umstand damit, „da• Deutschland und seine Verb‚ndeten als Urheber aller Verluste und aller Schƒden verantwortlich sind, welche die alliierten und assoziierten Regierungen und ihre Angeh„rigen infolge des ihnen durch den Angriff Deutschlands und seiner Verb‚ndeten aufgezwungenen
Krieges erlitten haben.“ 1 Wie bereits festgestellt, unterstrichen die Alliierten damit ihre angebliche Unschuld am Kriegsausbruch und stellten das Deutsche Reich als Verlierer des Krieges dar, obwohl urspr‚nglich, gem€… den 14 Punkten Wilsons, eine Einteilung in Sieger und Besiegte h€tte unterbleiben und ein Kompromissfrieden zwischen den kriegf‚hrenden M€chten h€tte geschlossen werden sollen. Der genannte Artikel jedoch, welcher zur damaligen Zeit auch als „Kriegsschuldartikel“ Popularit€t erlangte, erm„glichte es den Alliierten Deutschland zu entmachten und vorerst seine politische Bedeutung im neuen Europa auf ein Minimum zu beschr€nken. Ihm sollten vorerst alle Mittel genommen werden, um wieder zu einer wirtschaftlichen und vor allem milit€rischen Gro…macht aufzusteigen. Besonders Frankreich, das unmittelbar an das Deutsche Reich grenzte, wollte sich Sicherheit verschaffen. Da die Provokation der anderen europ€ischen Staaten, d.h. die Bedrohung des
1 „Die Friedensbedingungen der Alliierten und Assoziierten Regierungen“, Art.231, S.97.
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europ€ischen Kr€ftegleichgewichts, haupts€chlich mit dem Wettr‚sten vor Ausbruch des Krieges zusammenhing, sollte Deutschlands milit€rische St€rke gebrochen werden. Aus diesem Grunde war das deutsche Milit€r am h€rtesten von den Beschr€nkungen des Versailler Vertrags betroffen. Der Teil V („Bestimmungen ‚ber die Land-, See- und Luftstreitkr€fte“) sollte dem Heer ein neues, weniger bedrohliches Gesicht geben. So beschr€nkte der Artikel 160 des Vertrages die maximale St€rke des Heeres auf 100 000 Mann, einschlie…lich der Offiziere (4000) und des Zivilpersonals, deren Gliederung in maximal sieben Infanterie-und drei Kavalleriedivisionen erfolgen durfte, welche wiederum, gem€… Artikel 162, unter
maximal zwei Korpskommandos zusammengefasst werden durften. 1 Artikel 160 legte auch die neuen Aufgaben des Reichsheeres fest. So sollte sie lediglich dem Grenzschutz und der Wahrung der inneren Ordnung dienen. Die Anzahl von 100 000 Mann sollte dazu ausreichen, aber das dies, vor allem 1919, utopisch war, zeigte sich schnell, denn die so genannte vorl€ufige Reichswehr war zu diesem Zeitpunkt mit ihrem Bestand von ‚ber 300 000 Soldaten bereits mehr als ausgelastet damit, die Unruhen niederzuschlagen und die Staatsordnung zu wahren sowie auch noch den Grenzschutz zu stellen, wodurch sie in Ostpreu…en auf so genannte Heimwehren zur‚ckgreifen musste. Dies erkl€rt auch, warum erst 1921 statt der im Artikel 159 festgesetzten zwei Monate nach Unterzeichnung des Friedensvertrages die Reichswehr, mit all ihren Beschr€nkungen, aufgestellt werden konnte. Selbst nachdem die kritischen Zeiten der inneren Unruhen und Revolution ‚berwunden waren, zeigte sich, dass 100 000 Mann zur Bewerkstelligung eines effektiven Grenzschutzes und einer effektiven Verteidigung ‚ber l€ngere Zeit nicht imstande waren. In diesem Sinne war das deutsche Heer nach der Meinung Heinz Guderians, des sp€teren Inspekteurs der Panzertruppen, „zu einer Polizeitruppe herabgesunken, mit der […] nicht einmal ein
Kolonialkrieg gewagt werden konnte.“ 2 Des Weiteren verlangte Artikel 162 die Aufl„sung des Gro…en Generalstabes und verbot die Neuaufstellung eines solchen F‚hrungsorgans. Zum Ausgleich dieser Restriktion bildete die deutsche Regierung das Reichswehrministerium, dessen Truppenamt die Friedensaufgaben des Generalstabes ‚bernehmen sollte.
Damit Deutschland im Kriegsfall kein gro…es Reservoir an milit€risch ausgebildeten Staatsb‚rgern besa…, welche eine Reserve bzw. Landmiliz bilden konnten, wurde die allgemeine Wehrpflicht, gem€… Artikel 173, abgeschafft und die Reichswehr zur Berufsarmee deklariert, deren Unteroffiziere und Mannschaften sich auf 12 Jahre, entsprechend Artikel 174, und Offiziere, gem€… Artikel 175, auf mindestens 25 Jahre Dienstzeit
1 vgl. Anlage 4
2 Guderian, Heinz: „Achtung - Panzer!“, S.127.
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verpflichten mussten. Außerdem durften jegliche zivile Vereine, entsprechend Artikel 177, keinerlei militärische Inhalte vermitteln und vor allem keine Ausbildung an Kriegswaffen vornehmen, weshalb z.B. Schützenvereine vollständig aufgelöst wurden. Des Weiteren durften, entsprechend Artikel 178, keine Einrichtungen aufgebaut werden, die der Vorbereitung einer Mobilmachung dienten, d.h. auch die Vorbereitungen für einen eventuellen Verteidigungskrieg unter Einbeziehung der gesamten Volksmasse durften nicht getroffen werden, und deutsche Staatsbürger wurden, gemäß Artikel 179, nicht zum Militärdienst in den ehemaligen Mitgliedsstaaten der Alliierten zugelassen, außer in der französischen Fremdenlegion. Diese Beschränkungen sollten letztendlich dafür sorgen, dass Deutschland, im Falle eines Krieges, auf keine große Masse militärisch ausgebildeter Personen zurückgreifen und vor allem selbst keinen Krieg beginnen konnte. Artikel 179 sollte seinerseits Spionagetätigkeiten vorbeugen, d.h. Deutschland die Möglichkeit nehmen, sich im Ausland über die neuesten militärischen Errungenschaften und Erfahrungen mit denselben zu informieren.
Weitere große Einschränkungen in der Verteidigungskraft des Reichsheeres brachten auch die Bestimmungen über die Bewaffnung desselben. So wurden im Artikel 165 die Gesamtzahlen des maximalen Waffen- und Munitionsbestandes festgelegt 1 , für die lediglich eine Ersatzmenge von 1/25 der Handfeuerwaffen und 1/50 der Geschütze als Reserve geführt werden durften. Überschüssiges Material sollte, entsprechend Artikel 169, ausgeliefert werden, genauso wie der größte Teil der Maschinen zur Herstellung von Kriegsmaterial. Artikel 171 untersagte die Herstellung und Einfuhr von chemischen Kampfstoffen sowie von Panzerkampfwagen jeglicher Art. Außerdem sollte Deutschland, gemäß Artikel 172, die Zusammensetzung und Herstellungsweise der im Krieg verwandten Spreng- und chemischen Kampfstoffe preisgeben. Auch die Einfuhr und Herstellung von Luftfahrzeugen wurde in Artikel 201 verboten. Insgesamt durfte das Reichsheer hierdurch nicht die Waffen führen, welche im Ersten Weltkrieg ihren Wert für die zukünftige Kriegführung unter Beweis gestellt hatten. Die Abrüstungen kontrollierte, entsprechend Artikel 203, die so genannte Interalliierte militärische Kontroll-Kommission (IMKK). Sie wurde über die Lage der Depots und sonstigen militärischen Einrichtungen in Kenntnis gesetzt, hatte das Recht jegliche Unterlagen einzufordern und musste in jeder Hinsicht von der Reichswehr bzw. deutschen Regierung entgegenkommend behandelt werden. Die IMKK übernahm zugleich die Fabrikenkontrolle und überwachte somit Militär und Wirtschaft.
1 vgl. Anlage 5
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Nach der Betrachtung der erw€hnten Artikel l€sst sich feststellen, dass Deutschlands milit€rische St€rke nicht den Anforderungen entsprach, d.h. f‚r eine Verteidigung gegen ein mehr oder weniger modernes Heer, auch wenn sich dieses nicht auf dem neuesten Stand der Waffentechnik befand, nur unzureichend ger‚stet war. Au…erdem sollte das deutsche Milit€r durch die IMKK der totalen Kontrolle durch die einstigen Feindm€chte ausgesetzt werden und keine Geheimnisse mehr vor selbigen besitzen, zumindest solange deren Kommissionen t€tig waren.
Der Versailler Friedensvertrag erzeugte in Deutschland einen regelrechten Hass gegen dessen Verfasser. Er wurde von den Medien als „Grundgesetz der neuen deutschen Unfreiheit“ 1 bezeichnet und von der deutschen Bev„lkerung als ungerecht empfunden. Es war ein politisch ungeschickter Schachzug, da ein betr€chtlicher Teil der deutschen Bev„lkerung die Aufhebung desselben favorisierte und damit der Weg zu den sp€teren politischen Entwicklungen wieder um ein St‚ck geebnet war.
1.3 Die vorläufige Reichswehr
Noch vor Aufnahme der Friedensverhandlungen in Versailles verabschiedete die deutsche Regierung im M€rz des Jahres ein Gesetz zur Aufstellung einer vorl€ufigen Reichswehr. Das Chaos, in welchem sich die deutsche Armee befand, sollte beseitigt und das Heer wieder in Ordnung gebracht werden, schlie…lich brauchte die Regierung ein starkes Exekutivorgan, mit welchem sie effektiv zusammenarbeiten konnte, um die Ordnung im gesamten Staat wiederherzustellen. Bis zu diesem Zeitpunkt musste sich die Regierung noch in vielen F€llen neben dem Heer auf die Freikorps st‚tzen. Auf der anderen Seite sollte diese Streitkraft auch einen reibungslosen ‡bergang von der, im Grunde noch bestehenden, alten Armee zur neuen, nach den Ma…st€ben der Friedensbedingungen zu bildenden, Reichswehr bezwecken und garantieren. An erster Stelle sollte hierzu ein Gro…teil der Freikorps in das Heer eingegliedert werden.
Freikorps existierten einst schon im Drei…igj€hrigen Krieg sowie in sp€teren Kriegen des 17.-19. Jahrhunderts. Sie glichen damals losen Gruppen aus S„ldnern und Freisch€rlern, welche der Kleinkriegf‚hrung dienten und keine regul€ren Verb€nde darstellten. In diesem Sinne handelten sie haupts€chlich nach eigenen Interessen, auch wenn sie sich auf die Seite einer kriegf‚hrenden Partei schlugen und so dem Gegner schadeten. Die Freikorps der
1 „Die Friedensbedingungen der Alliierten und Assoziierten Regierungen“, S.3.
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Weimarer Republik waren demnach auch lose Gruppen, die lediglich sich selbst gegen‚ber Rechenschaft abzulegen hatten und ausschlie…lich ihrem pers„nlichen F‚hrer gehorchten. Sie waren in dieser Beziehung mit ihren Vorg€ngern vergleichbar und stellten keinen wirklichen Ersatz f‚r eine regul€re Armee dar, auf welche sich die Regierung hundertprozentig verlassen konnte. Bereits aus diesem Grund musste die Regierung so schnell wie m„glich eine Truppe formen lassen, welche die Interessen der Regierung vertrat und in der klare Verh€ltnisse herrschten. Schon aus der Tatsache, dass in den Freikorps eine S„ldner- und keine Soldatenmentalit€t vorherrschte, geht hervor, dass die Eingliederung dieser Verb€nde nicht ohne Probleme vonstatten ging. Viele Verb€nde bestanden darauf, dass ihnen ihre bisherigen Geh€lter weitergezahlt wurden, da diese h„her lagen als die Bez‚ge der Reichswehrangeh„rigen. Des Weiteren verlangten einige in ihrer Struktur unangetastet zu bleiben und keinen anderen F‚hrern unterstellt zu werden. Aufgrund dieser Forderungen verblieben einige Freikorps weiterhin au…erhalb des Reichsheeres und die Regierung konnte sie wegen der innerstaatlichen Spannungen nicht zur Eingliederung zwingen. Um den Forderungen entgegenzukommen verk‚rzte die Regierung lediglich die Verpflichtungszeit der Freiwilligen auf mindestens drei Monate, da sich unter der Bedingung mindestens sechs Monate zu dienen, zu wenige meldeten.
Der Kapp-Putsch von 1920 zeigt am deutlichsten, dass die Freikorps nur nach ihren eigenen Interessen handelten und sich einige von ihnen deshalb gegen eine ‡bernahme in das Reichsheer str€ubten. Die teilnehmenden Putschisten wollten sich demnach vor allem gegen die Aufl„sung der irregul€ren Verb€nde wehren und zu diesem Zweck eine Neubildung der Regierung veranlassen. F‚nf Tage nachdem die Marinebrigade Ehrhardt in Berlin einmarschierte brach der Putsch zusammen als General Walter von L‚ttwitz seinen R‚cktritt verk‚ndete. Darauf folgend traten auch der Reichswehrminister Gustav Noske und der Chef der Heeresleitung Walter Reinhardt als von L‚ttwitz’ Vorgesetzte von ihren ‰mtern zur‚ck, obwohl sie pers„nlich nicht an dem Putsch beteiligt waren und sich sogar als einzige hochrangige Offiziere f‚r einen milit€rischen Eingriff gegen die Putschisten ausgesprochen hatten. Trotzdem zeigte sich die gesamte Reichswehrf‚hrung ‚ber von L‚ttwitz’ Verhalten emp„rt, da die vorl€ufige Reichswehr als politisch neutrale Institution galt und der Vorfall diesen Status angriff. Zugleich hatte sich jedoch ein Gro…teil der Reichswehrf‚hrung von einem Einsatz gegen die Putschisten distanziert, da das Freikorps aus ehemaligen Soldaten bestand bzw. zusammen mit dem Nachkriegsheer gegen die Aufst€ndischen gek€mpft hatte. Bis auf den Wechsel in den Spitzenpositionen der Reichswehrf‚hrung zog der Putsch keine
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weiteren Konsequenzen für das Reichsheer nach sich, wodurch die starke Stellung des Heeres innerhalb der Gesellschaft erneut zum Ausdruck kam.
Vorerst sollte die vorläufige Reichswehr eine Stärke von 200 000 Mann aufweisen, deren Zahl aber, wie sich bald herausstellte, nicht für die Bewältigung ihrer Aufgaben ausreichte, weshalb sie auf 322 000 Mann aufgestockt wurde. Diese obere Grenze hatte die Regierung festgelegt, obwohl das Militär mit 350 000 Soldaten arbeiten wollte und die Struktur der vorläufigen Reichswehr schon dementsprechend ausgebaut hatte. Da sich die innerdeutschen Verhältnisse im Laufe des Jahres besserten und die Friedensbedingungen ein 100 000 Mann starkes Heer vorschrieben, wurde die deutsche Armee bis zum Jahresende wieder auf einen Stand von 200 000 Soldaten gebracht. Im Sommer 1920 unternahm eine deutsche Delegation den letzten Versuch die Beibehaltung dieses 200 000 Mann starken Heeres durchzusetzen, jedoch ohne Erfolg. Die Arbeiten zum Personalabbau liefen daraufhin auf Hochtouren und innerhalb eines halben Jahres wurde das Heer so stark verkleinert, dass am 1. Januar 1921 das vorgeschriebene 100 000-Mann-Heer stand. Des Weiteren wurde die vorläufige Reichswehr dem Reichspräsidenten, dem nunmehrigen Oberbefehlshaber, unterstellt, während der Reichswehrminister für die Organisation und Struktur derselben zuständig war. Im gleichen Atemzuge wurde auch ein neues Vereidigungsgelöbnis eingeführt, welches jedoch im Zuge der Aufstellung der Reichswehr noch einmal geändert wurde, um es an die neue Verfassung
anzupassen. 1 Am Ende des Bestehens der vorläufigen Reichswehr stand die Überführung in die entsprechend den Friedensbedingungen gebildete Reichswehr. Nachdem das Übergangsheer damit seinen Zweck erfüllt hatte, brach eine neue Zeit für das deutsche Militär an.
1 vgl. Anlage 6
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2 Die ersten Jahre des Bestehens des neuen Reichsheeres
2.1 Das Reichsheer in der deutschen Republik
Nachdem bis 1921 schon die ersten Schritte zur neuen Armee getan waren, wurde diese nun vollst€ndig an die Bestimmungen des Versailler Vertrages angepasst, d.h. in deren Sinne aufgestellt und erhielt auch ihren offiziellen Namen, womit die Reichswehr geboren war. Doch allein mit diesen Ma…nahmen war es nicht getan, schlie…lich gaben sie der Armee nur einen Rahmen. Sie brauchte ein neues Selbstverst€ndnis, d.h. eine neue Wertevorstellung, nachdem der alte Staat zusammengebrochen und die Monarchie abgeschafft waren. Das Milit€r musste seine inneren Verh€ltnisse kl€ren und L„sungen finden, um sich seinen zuk‚nftigen Aufgaben stellen und mit der neuen Situation umgehen zu k„nnen. Erst 1924, mit der Stabilisierung der innenpolitischen Lage, war auch das Reichsheer zu einem wirklich brauchbaren und von der Bev„lkerung anerkannten Machtinstrument des Staates gereift.
Eines der gr„…ten Probleme des deutschen Milit€rs der ersten Friedensjahre war die politische Einstellung der Soldaten, vor allem des Gro…teils des deutschen Offizierskorps. Sie hingen zumeist immer noch an dem alten kaiserlich-monarchistischen Staatssystem bzw. waren sehr nationalistisch gesinnt und sahen die Weimarer Republik nur als vor‚bergehende L„sung, die nicht lange bestehen w‚rde. Sie rechneten mit einer bzw. traten f‚r eine Restauration der Monarchie ein und solange die innerdeutschen Verh€ltnisse noch nicht vollst€ndig stabilisiert waren blieb dieses Gedankengut noch erhalten. Nach dem Krieg waren die deutschen Politiker durch die Nationalisten oftmals als „Novemberverbrecher“ und „Erf‚llungspolitiker“ bezeichnet worden und auch in der so genannten „Dolchsto…legende“ schlugen sich die Gedanken nieder, dass allein die Politiker am „Elend“ Deutschlands Verantwortung trugen. Obwohl dies nicht der Realit€t entsprach vertraten sowohl die S„ldner der nationalistischen Freikorps als auch ein Gro…teil der aktiven Soldaten dieses Gedankengut. Im Kampf gegen die Revolution€ren stellten sie ihr Denken zwar in den Hintergrund, doch seit der Unterzeichnung des Friedensvertrages traten diese Gedanken immer vordergr‚ndiger in Erscheinung. Ein gro…er Teil der Bev„lkerung unterst‚tzte dies noch. Als das neue Reichsheer aufgestellt wurde, musste dementsprechend eine Entpolitisierung vorgenommen und die derzeitige Regierung anerkannt werden. Nach alter preu…isch-deutscher Tradition, gem€… den Grunds€tzen Clausewitz’, sollte das Milit€r die Pflicht und den Gehorsam ‚ber die eigene Einstellung, ‚ber die eigenen Interessen stellen und keine eigene Politik betreiben,
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sondern eine „Staatsgesinnung“ 1 herausbilden, um mit Seeckts Worten zu sprechen, welche den Staat ‚ber die politischen Parteien stellte. Das bedeutet, dass den Interessen des Staates, d.h. weder einer Partei noch den eigenen Interessen allein, gedient und diese nach au…en verteidigt werden sollten, denn der Staat verband alle Interessengruppen miteinander. In diesem Sinne sollte die milit€rische Macht des Staates von politischen Einfl‚ssen freigehalten werden, damit sie vorbehaltlos als letztes politisches Machtmittel zur Verf‚gung stand. Hans
von Seeckt 2 versuchte den Geist des vorbehaltlosen Staatsdieners, dessen Interesse das Wohl der Nation ist, in dem neuen Reichsheer wiederzuerwecken und dr‚ckte dies folgenderma…en aus: „Nicht zum Staat im Staate soll das Heer werden, sondern im Staat dienend aufgehen und selbst zum besten Abbild des Staates werden.“ 3 Nat‚rlich war es keine leichte Aufgabe das deutsche Milit€r in diese Bahnen zu lenken, weshalb das Reichsheer auch erst 1924, nach der W€hrungsreform und der damit einhergehenden innenpolitischen Stabilisierung des
deutschen Staates, kein „potentieller Putschherd gegen die Republik“ 4 mehr war. Die Heeresleitung unter Hans von Seeckt wollte dies durch eine Entpolitisierung der Truppe und das Verlangen strengen Gehorsams erreichen. Hierzu verbot die Heeresleitung jegliche Beteiligung der Soldaten an dem parteipolitischen Leben der Republik, d.h. sie durften weder das passive bzw. aktive Wahlrecht in Anspruch nehmen, noch einer politisch orientierten Organisation beitreten oder f‚r selbige werben. Ein Gro…teil des Offizierkorps bef‚rwortete diese Beschr€nkung der Grundrechte der Soldaten, welche in Form des Artikels 133 der Weimarer Verfassung eine rechtliche Grundlage erhielt.
Die innenpolitische Lage spielte in dem Sinn eine gro…e Rolle, als dass eine Armee ihrer Regierung nur vertrauen und vorbehaltlos dienen kann, wenn sie nicht das Gros des Volkes gegen sich aufbringt und dementsprechend die Interessen der Mehrheit des Volkes vertritt. Dass die Bev„lkerung vorerst noch nicht hinter der Regierung bzw. hinter der Republik stand, wurde auch bei der Wahl des Reichstages im Jahre 1920 deutlich. Viele W€hler stellten sich auf die Seite der linken oder rechten Opposition, was nat‚rlich nur wenig zur Stabilisierung der jungen Republik beitrug. Solange die Regierung die innenpolitischen Zust€nde noch nicht
1 von Gaertner, Franz: „Die Reichswehr in der Weimarer Republik - Erlebte Geschichte“, S.73.
2 Der 1866 geborene Hans von Seeckt trat 1885 in das deutsche Heer ein und zeichnete sich als sehr guter
Offiziersch‚ler aus. W€hrend des Ersten Weltkrieges fungierte er als Generalstabsoffizier der 11.Armee an der
Ostfront und auf dem Balkan. Sp€ter wurde er im Rang eines Generalmajors Chef des Generalstabes des
Heereskommandos Mackensen. Da er sich w€hrend des Krieges durch seine milit€rischen und
organisatorischen F€higkeiten auszeichnete, leitete er nach dem Krieg die Aufl„sung des kaiserlichen
Generalstabs und ‚bernahm im Oktober 1919 die Leitung des Truppenamtes, bis er 1921 Walter Reinhardt als
Chef der Heeresleitung abl„ste und als solcher bis 1926 t€tig war.
3 ebd., S.73.
4 Zeidler, Manfred: „Reichswehr und Rote Armee 1920-1933 - Wege und Stationen einer ungew„hnlichen
Zusammenarbeit“, S.35.
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v„llig im Griff hatte bzw. die Republik noch nicht vom Gro…teil des Volkes akzeptiert wurde, drohte auch das Verh€ltnis der Reichswehr zum Staat zu kippen, obwohl sich die Heeresleitung auf die Seite der Regierung stellte. Gerade die politische Unsicherheit im Mehrparteiensystem machte vielen deutschen Staatsb‚rgern die Republik gegen‚ber der Monarchie unbeliebt, in der eine klare Linie geherrscht und eine sichtbare Ordnung existiert hatten. Zudem war der deutsche Kaiser „ffentlich immer in Uniform aufgetreten und der Oberbefehlshaber der deutschen Armee gewesen, womit er diesen, von milit€rischer Ordnung gepr€gten, Staat personifiziert hatte und, im Gegensatz zu den b‚rgerlichen demokratischen Politikern, wie ein Vorgesetzter erschienen war, welcher keine Infragestellung seiner Herrschaft duldete. Viele Deutsche hingen noch an diesem traditionellen Herrschaftssystem, vor allem aufgrund der soeben genannten Gr‚nde, und verstanden deshalb nicht, wie die Soldaten nur diesem neuen Staate bzw. unter den Einschr€nkungen des Versailler Vertrages dienen konnten und nicht f‚r die Restauration der Monarchie k€mpften. Franz von Gaertner schreibt hierzu: „Das Bild des Staates wird durch die f‚hrenden Politiker der Regierung und
der politischen Parteien des Parlaments geprƒgt, nicht aber durch die Soldaten“. 1 Er dr‚ckt damit aus, dass, wie oben beschrieben, das Milit€r keine eigene Politik betreibt, sondern Mittel derselben bleibt und keine eigene politische Meinung hat, demnach also auch nicht ideell an eine politische Idee gebunden ist. Das Reichsheer diente in diesem Sinne den Interessen des Volkes, welches die Grundlage des Staates bildete. Handelte auch die Regierung nach diesen Grunds€tzen, so blieb das Heer ein Mittel derselben und musste sich den politischen Absichten der Regierung unterordnen. Dass Hans von Seeckt, als Chef der Heeresleitung, diese Auffassung vom Dienst und der Pflicht einer Armee vertrat, zeigte sich im Jahre 1923, als ihm, im Zuge der Reichsexekutionen, die vollziehende Gewalt in die H€nde gelegt wurde und er die M„glichkeit hatte, eine Diktatur ins Leben zu rufen. Er tat es nicht, weil er den Zweck eines Heeres genau so verstanden hatte und hinter der traditionellen preu…isch-deutschen Auffassung vom milit€rischen Dienst innerhalb eines Staates stand, auch wenn er pers„nlich an den alten Werten und der Monarchie hing. Genau mit diesem Geist formte er das Reichsheer zu einem loyalen Instrument nach preu…isch-deutschem Vorbild, welches seinen Zweck erf‚llte: die Verteidigung der nationalen Interessen. Auf der anderen Seite zeigte diese Macht‚bertragung aber auch die Machtstellung, ‚ber welche das deutsche Milit€r in der Gesellschaft noch verf‚gte und welche auch teilweise zur Distanzierung der Politik vom Milit€rwesen f‚hrte. Letztendlich besa… das Reichsheer hierdurch in vielen F€llen
1 von Gaertner, Franz: „Die Reichswehr in der Weimarer Republik - Erlebte Geschichte“, S.72.
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die Möglichkeit, seine Angelegenheiten ohne eine tiefer gehende Einbeziehung der Regierung zu regeln.
Durch die gemachten Beobachtungen ist es möglich zu sagen, dass das Reichsheer keinen solchen Staat im Staate bildete, wie heute oft behauptet wird. Zum besseren Verständnis ist es an dieser Stelle nötig klarzustellen, dass jede Streitmacht in gewissem Sinne einen Staat im Staate bildet, da sie neben den Gesetzen des Staates noch über ihre eigenen verfügt und außerdem nach eigens für sie aufgestellten Regeln lebt. Während zudem manche Interessengruppen oder auch Parteien mit ihren Kampfverbänden (z.B. Stahlhelm, Rotfrontkämpferbund) nur eine bestimmte Meinung verteidigten, d.h. eine bestimmte politische Richtung, war das Reichsheer eine überparteiliche Organisation, welche der Regierung diente und an keine Partei gebunden war, geschweige denn eine eigene bildete. Das deutsche Offizierkorps war zudem der Überzeugung, dass eine Beteiligung des Reichsheeres am politischen Leben nur schaden konnte, da ein Einzug des Parteienlebens den Zusammenhalt der Truppe untergraben und das Heer seinen Ruf der objektiven Lagebeurteilung verlieren würde, d.h. jeder Offizier, der einer Partei angehört, würde nicht mehr als Fachmann sondern als politischer Gegner betrachtet, wenn er mit den Meinungen der eigenen Partei übereinstimmt. Letztendlich sah die Führungsspitze des Reichsheeres in der Entpolitisierung die einzige Möglichkeit um möglichst eng an das Erbe der alten Armee anzuknüpfen und die Stellung des Militärs in der Gesellschaft zu bewahren, ohne einen zu großen Einfluss der Politik auf das Tagesgeschäft und das Traditionsverständnis des Reichsheeres zuzulassen.
Insgesamt lässt sich festhalten, dass das Reichsheer zwar eine große Unabhängigkeit von dem Parlament bzw. den Parteien im Allgemeinen anstrebte, aber weder das Primat der Politik außer Acht ließ, noch eine Abschottung vom Leben der Gesellschaft betrieb, wie in späteren Abschnitten noch gezeigt werden soll.
2.2 Die Mobilmachungsvorbereitungen des Reichsheeres
Vor allem in den Anfangsjahren ihres Bestehens, d.h. 1921-1924, sah das Reichsheer noch eine von den angrenzenden Nachbarstaaten ausgehende Gefahr für Deutschland und arbeitete an verschiedenen Mobilmachungsplänen, um einem solchen Überfall begegnen zu können. Natürlich spielte auch die Rüstungsindustrie hierbei eine sehr wichtige Rolle. Durch die Friedensbedingungen wurden der Industrie jedoch die Hände gebunden. Trotz alledem wurde
Arbeit zitieren:
Florian Peter Kleeberg, 2010, Organisation und Wesen des Reichsheeres der Weimarer Republik, München, GRIN Verlag GmbH
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