Zorn und Strafe Gottes im Alten und Neuen Testament 2
1. Einleitung
Beim Versuch das „Böse“ zu umschreiben, merkt man schnell, dass dieses sich nicht so einfach fassen lässt. Beim Umschreibungsversuch bringt man immer wieder unterschiedlichste Begriffe in Verbindung mit „dem Bösen“: die Freiheit des Menschen und seine Veranlagung zur Sünde, aber ebenso die Liebe Gottes, die scheinbar in absolutem Widerspruch zum Leid in der Welt zu stehen scheint.
In dieser Arbeit möchte ich einen Überblick über das alt- und neutestamentliche Gottesbild schaffen, um das in diesem Zusammenhang stehende Verständnis von Zorn und Strafe Gottes, als Folge von Sünde und Verfehlungen des Menschen gegen Gott, vorzustellen.
Was Sünde ist, tritt erst in trinitarischer Perspektive mit seinem ganzen unheilvollen Gewicht hervor: Sie ist das dunkle „Gegen-Mysterium“ zur Helle des sich verschenkenden dreifaltigen Gottes. Während dieser Communio ist und den Menschen zur Communio einlädt, ist Sünde ihrem Wesen nach ein Sich-auf-sich-selbst-Zentrieren und Sich-selbst-Isolieren, also: Verweigerung von Communio mit Gott und den Mitgeschöpfen. 1
Menschliche Verfehlungen, auch gegen die Mitmenschen, sind immer zugleich Verfehlungen gegen Gott und eine Absage gegen den von ihm aus Liebe geschenkten Bund. Dieser Communio-Gedanke steht in engem
Zusammenhang mit der Gottesvorstellung und dem Bundesgedanken im Alten Testament.
Werden im Neuen Testament seltener und weniger radikal Aussagen über einen strafenden Gott gemacht werden, darf man sich nicht verleiten lassen, generell über einen zornigen, rachsüchtigen, strafenden Gott des Alten Testaments zu sprechen und über einen Gott der Erlösung, Barmherzigkeit und Liebe im Neuen Testament. 2
1 Greshake, Gisbert: Der dreieine Gott. Eine trinitarische Theologie, Freiburg 2007, S. 326
2 Deissler, Alfons: Die Grundbotschaft der Alten Testaments, Freiburg 2006, S. 148
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Ebenso unmöglich, wie eine radikale Trennung und Abgrenzung des alttestamentlichen vom neutestamentlichen Gottesbild, ist es, in der Betrachtung der neutestamentlichen Verkündigung, die alttestamentliche Botschaft außen vor lassen.
Zwar zeichnet sich bei Jesus ein viel intensiveres und scheinbar neues, so nicht bekanntes Gottesverhältnis ab, jedoch ist das Alte Testament, die Tora, Grundlage seines, des jüdischen Glaubens, an welches er in seiner Verkündigung vom Reich Gottes, in seinem besonderen Sohnschaftsverhältnis zu Gott anknüpft.
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2. Grundzüge des alttestamentlichen Gottesbildes
„Das, was Israel wurde, ist es, so bezeugen es alle Überlieferungen“, und auch der hier zitierte Alfons Deissler, „durch Mose geworden.“ 3
In dieser Aussage kristallisieren sich ansatzweise zentrale Vorstellungen des alttestamentlichen Gottesbildes heraus, denn (so ebenfalls Alfons Deissler) „die kanonische Endgestalt lässt jedenfalls - und darin sind sich alle ‚Forscher von Namen’ einig - keine andere Feststellung zu als diese: die Bindung Israels an ‚Jahwe’ allein führte am Ende dazu, dass spätestens im 6. Jh. vC. auch der ‚theoretische Monotheismus’ ein wesentliches Glaubensgut des Gottesvolkes Israel wurde.“ 4 Somit gewinnt das Volk Israel seine „wahre“ Identität unter Voraussetzung des Bundesschlusses und des daraus resultierenden Monotheismus, also der Alleinverehrung Jahwes.
Während die altorientalischen polytheistischen Gottheiten als „in-der-Weltseiend“ verstanden wurden, wird der Gott des Alten Testaments als unwelthaft, unverfügbar und welttranszendent verstanden. Mit der monotheistischen Gottesvorstellung geht einher, dass Jahwe kein Volks- oder Sippengott ist, er ist nirgendwo zu lokalisieren, er ist ein übervölkischer und überregionaler Gott, also kosmisch ungebunden und allgegenwärtig. Ebenso ist er überzeitlich, ohne Werden und Vergehen.
Jahwe ist ein lebendiger Gott und besitzt personale Lebensfülle, er ist nicht auf Welt und Menschen angewiesen, er braucht keine Opfer, keine Lebenszufuhr aus dem Kosmos. Jahwe ist übergeschlechtliches Alleinwesen,
anthropomorphe Aussagen sind lediglich perspektivische Aspekte oder Gleichnisse für das Walten Gottes, sowie seinen Selbstbezug auf Welt und Mensch, um seine Personalität aufleuchten zu lassen.
3 Deissler, Alfons: Die Grundbotschaft der Alten Testaments, Freiburg 2006, S. 78
4 Deissler, A., S. 38
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Es heißt in der christlichen Offenbarung: „er ist Mensch geworden“, und nicht: „er ist Mann/Frau geworden“, weshalb ebenfalls angeführte mütterliche Züge Gottes nicht den Vater-Vorstellungen von Gott widersprechen.
Als der „Heilige", ist Jahwe, als der ganz Andere, von den Menschen Unterschiedene gemeint. Dennoch, ist er ein Gott für Mensch und Welt. Durch seine Wort- und Namensoffenbarung zeigt er sich als personaler Gott, der sich seinem Volk zuwendet. Und gerade die Namensoffenbarung stellt ihn in seiner Einzigkeit heraus, er ist es, Jahwe - der ich bin. Diese Proklamation hat Unterscheidungsfunktion und ist Programm und Zeugnis der Zuwendung und des personalen Verhältnisses zu den Menschen.
Am Anfang steht die Schöpfung der Welt. Jahwe ist der Schöpfergott, in seiner Macht, Weisheit und Liebe erschafft er die Welt und der Ziel- und Mittelpunkt der Schöpfung ist der Mensch, dem ein Lebensraum geschenkt wird, den er pflegen und an Gottes statt beherrschen soll. Jahwe ist Gott der Geschichte er ist gnädig, schenkt den Menschen Leben und Lebensraum, doch er richtet ebenso die Verfehlungen des Menschen, wenn auch die Gnade größer ist, als das Gericht.
Die Zeit der Patriarchen, ist die Zeit der Verheißung, auf welche, wie uns aus der Überlieferung bekannt ist, die Erfüllung folgen wird. In der Zusage des „Mitseins“ mit dem Volk und der Landverheißung 5 zeigt sich Jahwe als heils-und segenswilliger Gott, er zeigt sein initiatives Handeln, wobei die Bindungspflicht noch im Hintergrund bleibt. Dennoch wird der Gottesbund bereits als lebensvolle Verbundenheit verstanden.
Wie schon zu Anfang gesagt: was Israel wurde, ist es durch Mose geworden: Israel gedachte immerfort in Psalmodie und Gebet des „Meereswunders“. Die „Herausführung aus dem Sklavenhaus“ wurde zum Hauptthema der Verkündigung und des Glaubensbekenntnisses. Auch die Propheten greifen immer wieder darauf zurück. 6
5 Gen 15, 1-21
6 Deissler, A., S. 81
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Jahwe erweist sich immer wieder als Anwalt der Schwachen und Gebeugten und demonstriert seinen notwendigen Beistand. Es kommt schließlich zur „Großtat“ der Befreiung und wie sollte ein so seltenes Naturereignis, wie dieser Oststurm, der das Meer zurückflutet, in dieser Situation des Volkes anders zu erklären sein, als mit dem Eingreifen Jahwes, zumal außerdem ein Errettungsgeschehen von Mose verkündigt worden war?
"Ihr habt gesehen, was ich den Ägyptern angetan habe, wie ich euch auf Adlerflügeln getragen und hierher zu mir gebracht habe. Jetzt aber, wenn ihr auf meine Stimme hört und meinen Bund haltet, werdet ihr unter allen Völkern mein besonderes Eigentum sein. Mir gehört die ganze Erde, ihr aber sollt mir als ein Reich von Priestern und als ein heiliges Volk gehören." 7 Dieses Bundesangebot ist Zeugnis für die Zuwendung Gottes zu Welt und Menschheit. Er handelt als gnädiger Befreier und Erlöser an Israel, dem Volk, das sich ihm zuwendet und verpflichtet. In Freiheit soll das Volk sich für den Bund mit Jahwe entscheiden und sein Angebot positiv beantworten. 8
Garant für diese "neue" Freiheit soll der Dekalog darstellen: „Obwohl er an vielen Stellen die Wachstumsspuren seiner zeitgebundenen Entstehung zeigt, will er in gewählter allgemeiner Formulierung die zentralen Bereiche des Lebens mit Gott ansprechen und seinen Minimalkatalog von Grundbedingungen für die Bewahrung der von Jahwe geschenkten Freiheit aufstellen. Der Dekalog erhebt den Anspruch, erster und vornehmster Ausdruck des göttlichen Rechtswillens zu sein. In ihm schützt der Bundesgott sein Gott-sein, die Erwählung seines Bundesvolkes Israel und darüber hinaus die Würde jedes Menschen.“ 9
Das Bundesbuch 10 gilt als „Grundgesetz des Gottesvolkes im Gotteslande“. Apodiktische Rechtsformulierungen gelten vorrangig zugunsten der Armen und Gebeugten. So wie Jahwe sich den Menschen zugewendet hat, so soll jeder
7 Ex 19, 4-6
8 Vgl. Deissler, A., S. 82
9 Deissler, A., S. 88
10 Ex 20,22-23,19
Arbeit zitieren:
cand. Dipl. Theol. Nicole Kaiser, 2009, Zorn und Strafe Gottes im Alten und Neuen Testament, München, GRIN Verlag GmbH
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