Abstract
Über die sozialen Auswirkungen von Infotainment-Formaten im TV
auf den Rezipienten am Beispiel der ATV-Ernährungs-Doku-Soaps
Mit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts begann in den Medien der Trend, die medialen Grundkonzepte Unterhaltung und Information zu vermischen. Dieser Trend kam aus den USA und verbreitete sich auf der ganzen Welt. Unter dem sich bildenden Begriff des Infotainments wurde eine Fülle an neuen Genres mit entsprechend hybridem Charakter entwickelt. So werden heute auch informative Themen, die von gesellschaftlicher Relevanz sind, vermehrt in unterhaltenden Formaten präsentiert. Diese Vermischung ist konkret im Genre der "Doku-Soap" zu beobachten. Sie beansprucht für sich, den Informationsgehalt einer Dokumentation mit den Unterhaltungselementen einer Serie zu verknüpfen. Die vorliegende Arbeit untersucht die Frage aus welchen Gründen sich die Rezipienten den jeweiligen Inhalten dieser veränderten Darreichungsform überhaupt zuwenden, sowie die Auswirkungen der Formate auf das Individuum. Diese Fragen wurden in der bisherigen Gesundheitskommunikation und Medien-wirkungsforschung bereits aufgeworfen, aber bis heute für die Sparte der Ernährungs-Doku-Soaps nicht näher erforscht.
Die Untersuchung wurde anhand der ATV-Doku-Soaps „Du bist was Du isst“, „Sasha Walleczek isst anders“ und „Österreich isst besser“ mittels einer quantitativen Online-Befragung durchgeführt.
3
Abstract
About the social Impact of Infotainment-Programs on TV on the Re-cipient by the example of the ATV-Nutrition-Docu-Soaps.
Starting with the 80ies of the 20 th Century, coming from the USA, the media witnessed a trend towards the mixing of the two basic concepts in media, Entertainment and Information.
Within the newly evolving term of Infotainment, a huge variety of new Genres was developed, which were all bound to the same hybrid characteristics. So, today informative topics of significant social relevance relevance, as for example nutrition in the prospect of a healthier way of life, are increasingly presented in entertaining programs on TV. This mix can, as well, be observed in the genre of the so called “Docu Soap”. It claims to contain the same amount of information as a normal documentation while at the same time linking it with the entertaining elements of a TV-series.
This piece is examining how the way of presenting the content is changing the act of reception. It also answers the questions of for what reasons people turn towards those contents and which impact the programs have on the individuum. These questions have been raised in health-communication and media impact research, but haven’t yet been answered particiularly for nutrition-concerning-docu-soaps. To answer them within this piece, an empiric analysis on the ATV-nutrition-docusoaps „Du bist was Du isst“, „Sasha Walleczek isst anders“ and „Österreich isst besser“ has been done, using the tool of a quantitative online-survey.
4
INHALTSVERZEICHNIS
1. EINLEITUNG 7
2. INFOTAINMENT 10
2.1 Begriffsdefinition 10
2.2 Entstehung und Entwicklung von Infotainment 11
3. DIE DOKU-SOAP 13
3.1 Begriffserklärung und Merkmale 13
3.2 Authentizität in Doku-Soaps 15
3.3 Die ATV-Ernährungsformate 18
3.3.1 Inhalt, Präsentation und Protagonisten 18
3.3.2 Die Moderatorin 21
4. EDUTAINMENT IM ZUSAMMENHANG MIT DOKU-
SOAP -FORMATEN 23
4.1 Der Begriff Edutainment 23
4.2 Doku Soaps als Edutainment-Formate 23
4.2.1 Bildungsanspruch der ATV-Ernährungs-Soaps 24
4.2.2 Wirkungspotential von Edutainment-Doku-Soaps 24
5. MEDIENWIRKUNG 27
5.1 Medienwirkungsforschung - Beginn und Modelle 27
5.2 Gratifikationsforschung 30
5.2.1 Definition und Einteilung von Gratifikationen 30
5.2.2 Gratifikationen im Zusammenhang mit den ATV-Doku-Soaps 32
5.2.2.1 Unterhaltung, Information, Spannung und Entspannung 32
5.2.2.2 Gemeinschaft und soziale Interaktion 33
5.2.2.3 Eskapismus und Langeweile 35
6. UNTERSTÜTZENDE STUDIEN UND DENKANSTÖßE 38
6.1 Zur Diskrepanz geschlechterspezifischer Mediennutzung 38
6.2 Gesundheitsthemen in den Medien 39
5
7. EMPIRIE 42
7.1 Methodik 42
7.1.1 Methodenbeschreibung 42
7.1.2 Stichprobe 43
7.1.2.1 Demographie 43
7.1.2.1.1 Geschlecht 43
7.1.2.1.2 Alter 44
7.1.2.1.3 Bildung 44
7.1.2.1.4 Einkommen 45
7.1.2.2 Medienverhalten und Freizeitgestaltung 46
7.1.2.2.1 Medienverhalten allgemein 46
7.1.2.2.2 Freizeitgestaltung 48
7.2 Ergebnisse 48
7.2.1 Spezifika von Demographie, Medienverhalten und Freizeitge-
staltung im Zusammenhang mit dem Untersuchungsgegenstand 49
7.2.2 Vor der Rezeption: Motive zur Nutzung der Sendungen 55
7.2.3 Während der Rezeption: 61
7.2.4 Nach der Rezeption: Einfluss der, und Lebensveränderung durch,
die Nutzung der Sendungen 63
8. ZUSAMMENFASSUNG 68
8.1 Fazit 68
8.2 Methodendiskussion 70
8.3 Ausblick 71
9. VERZEICHNISSE 73
9.1 Literaturverzeichnis 73
9.2 Online-Quellen 77
9.3 Tabellenverzeichnis 80
9.4 Abbildungsverzeichnis 80
10. ANHANG 81
10.1 Fragebogen 81
6
1. Einleitung
Seit es die Medien, wie wir sie heute kennen, gibt, war ihre Aufgabe stets dual. Ihre entscheidenden Funktionen waren einerseits zu informieren und andererseits ein gewisses Maß an Unterhaltung zu bieten.
Seit Beginn des 21. Jahrhunderts verändert sich diese Medienwelt. Der Trend entwickelt sich in Richtung Infotainment - der Vermischung von Information und Unterhaltung innerhalb eines Formates. Während früher ein Nebeneinander von Information und Unterhaltung vorherrschte, gibt es heute vermehrt Mischformen
der beiden medialen Grundkonzepte. 1
Da sich dieser Trend vor allem im Fernsehen niederschlägt, ist dieses Medium auch der zentrale Bezugspunkt der vorliegenden Arbeit. Ziel der Arbeit ist letztendlich Aufschluss darüber zu geben, wie sich Sendeformate dieser Art auf das Verhalten und das Leben derer, die sie konsumieren, auswirken, denn „JournalistInnen konstruieren mit Hilfe von Fakten Geschichten über Wirklichkeit, die unterhalten, weil sie informativ sind
und informativ sind, weil sie unterhalten.“ 2
Viele dieser Infotainment-Formate müssen sich allerdings dem Vorwurf stellen, dass sie mit Journalismus nichts mehr zu tun hätten. Die Sendungen würden auf den subjektiven Einschätzungen und Meinungen der Produzenten beruhen und
von ihnen beeinflusst werden. 3
Aus diesem Grund wird im Bereich der Doku-Soap, auch auf die Authentizität des Inhalts und die „Natürlichkeit“ der Protagonisten und des Umfelds der Dreharbeiten geachtet.
Nach Einführung in den Begriff des Infotainments wird der Fokus auf das Genre der Doku-Soap gelegt. Hierzu werden als Beispiele die ATV-Ernährungs-Doku- 1 Vgl.Klöppel, 2008, S. 9
2 Klaus/Lüneborg, 2002, S. 111
3 Vgl. Schneider/Raue, 2006, S. 111
7
Soaps herangezogen, welche in weiterer Folge im empirischen Teil untersucht werden.
Es ist nicht der Zweck dieser Arbeit ein Urteil über die Art und Weise abzugeben, wie Infotainment im deutschsprachigen Raum gemacht wird und ob die Herangehensweise gut oder schlecht zu bewerten ist. Auch wird nicht die genaue Dramaturgie hinter der Doku-Soap hinterfragt. Vielmehr wird die Funktionsweise von verschiedenen Seiten untersucht. Es soll Aufschluss darüber gegeben werden, wie sich der Konsum von Infotainment-Formaten - im speziellen Fall dieser Arbeitder Konsum der ATV-Ernährungsformate „Du bist was Du isst“, „Sasha Walleczek isst anders“ und „Österreich isst besser“ - auf den Rezipienten auswirkt. Das heißt, in wiefern durch die Nutzung dieser Medieninhalte der Rezipient angeregt wird sein Verhalten in seinem realen Umfeld zu verändern Weiters wird erhoben aus welchen Gründen die Sendung gesehen wird und in welchem Verhältnis die Nutzunghäufigkeit zu etwaigen Auswirkungen steht. Ein umfangreiches Literaturstudium zu den Bereichen Info- und Edutainment, Doku-Soap und vor allem Medienwirkungs- und Gratifikationsforschung sind für die theoretische Bearbeitung des Themas unerlässlich. Ein Grundstock an Informationen zu Entstehung und Entwicklung von Infotainment führt den Leser in die Materie ein. Danach soll speziell auf das Genre der Doku-Soap eingegangen werden. Dabei wird besonderes Augenmerk auf die Authentizität und die erzieherischen Möglichkeiten und Wirkungen dieser Formate gelegt. Danach folgen die Kapitel über Medienwirkungs- und Gratifikationsforschung, deren Bedeutung für die vorliegende Thematik besonders hervorzuheben ist. Den Abschluss des Theorieteils bilden unterstützende Studien und Denkanstöße, die den Leser bei der Deutung der darauf folgenden empirischen Ergebnisse unterstützen sollen. Des Weiteren gibt der Empirie-Teil nicht nur Aufschluss darüber, in wiefern sich die Nutzung des medialen Angebots auf das Verhalten der Rezipienten niederschlägt, sondern erläutert auch, warum sich die Zuseher den Sendungen zuwenden. Das abschließende Fazit fasst die gesammelten Daten zusammen und überlässt das
8
Ende der Arbeit einer Methodendiskussion und einem Ausblick auf zukünftige
Forschungsm öglichkeiten.
9
2. Infotainment
Was sind Doku-Soaps? Wie funktionieren sie, woher kommen sie und welchen Einfluss haben sie auf den Rezipienten? Um diese Fragen beantworten zu können wird dem Leser zuerst ein Überblick über die übergeordnere Gattung des Medienphänomens Infotainment geboten. Dieses Kapitel erklärt, wie Infotainment definiert wird, worum es dabei geht und wie es entstanden ist, um dem Leser eine Basis für das bessere Verständnis des Genres der Doku-Soap zu geben.
2.1 Begriffsdefinition
Die Definition des Infotainmentbegriffs ist insofern schwer, als ein breites Spektrum an Inhalten damit beschrieben und mit diesem Begriff assiziiert wird. Das allgemeine und zentrale Charakteristikum des Infotainment-Genres ist jedoch ein-
heitlich die Verschmelzung von Information und Unterhaltung. 4 Diese allgemeine Einschränkung von Wirth trägt jedoch noch nicht viel zum Verständnis des Begriffs bei. Deshalb definiert Bosshart den Begriff aus einer Perspektive bei der die Rezeptionsqualität im Vordergrund steht: „Der Begriff Infotainment sollte nicht nur als eine Mischung von Information und Unterhaltung definiert, sondern auch als Rezeptionsqualität in einem angeregten (Information) und erregten (Unterhaltung) Zustand aufgefasst werden. Es geht um das Wechselspiel von Kognition und Affekt, um das Spannungsfeld zwischen Nachrichtenwerten und Gefühlsfaktoren [...] Die Ingredienzien für die Dramaturgie informativer Unterhaltung und unterhaltender Information sind [...] Abwechslung, Personalisierung [...], Emotionalisierung, dosierte Mischung von Spannung und Entspannung, Stimulation, Vermei-
dung von Langeweile.“ 5
4 Vgl. Wirth, 2000, S. 62
5 Bosshart, 1991, S. 3
10
Diese Definition ist für den zentralen Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit sinnvoll, da eine Untersuchung der Auswirkungen der Rezeption von Infotain-ment-Formaten vorgenommen wird.
Die Fachwelt ist sich in der Frage der Definition des Begriffes Infotainment allerdings uneinig, was auch damit zu tun haben könnte, dass der Begriff sehr breit ist und in vielen Bereichen verwendet, aber gleichzeitig verschieden verstanden wird. Für Mast ist der Begriff Infotainment daher ein „sozialwissenschaftliches Un-ding“ 6 . Aus diesem Grund erlaubt sich der Autor, zum besseren Verständnis, hier nur die oben genannte und für das Verständnis des Untersuchungsgegenstandes relevanteste Definition zu nennen. Sie wird dem Leser am ehesten helfen die Thematik plastisch nachzuempfinden und weitere Definitionen würden nur zu einem nicht unerheblichen Maß an Verwirrung führen. Eine lange Liste an zusätzlichen, teils konträren Definitionen bieten dem interessierten Leser die Autoren
Steinmann 7 und Wittwen 8 in ihren Werken.
Zwar keine Definition des Begriffes selbst, aber eine klare Aussage welche die Wichtigkeit des Begriffes Infotainment für diese Arbeit unterstreicht findet sich bei Wolf. Für ihn ist Infotainment „die Mutter der meisten Hybridformen im
Fernsehen“ 9 . Damit gemeint ist, dass unter dem Dachbegriff Infotainment fast alle Hybridformate von Doku-Soap über Krimi-Dokumentationen bis zur Quiz-Show
zusammengefasst werden können. 10
Folgend wird ein Überblick über die Entstehung dieser „Mutter“ der Doku-Soap und damit „Mutter“ des Untersuchungsgegenstandes verschafft.
2.2 Entstehung und Entwicklung von Infotainment
Die heutige Klassifizierung von Infotainment, in der viele verschiedene Format-Gattungen enthalten sind, hat nur noch wenig mit den Anfängen des Infotainment zu tun. Klöppel fasst in seinem Buch „Infotainment“ unter anderem Talk-Shows, Reality-TV, Wissens-Magazine, Politische Magazine, Society-Magazine, Boule- 6 Mast,1991, S. 185
7 Vgl. Steinmann, 1991, S.18
8 Vgl. Wittwen, 1995, S. 22f
9 Wolf 2003, S. 70
10 Vgl. ebenda
11
vard-Magazine, Quiz-Shows und nicht zuletzt die Gattung der Doku-Soaps, unter
dem Begriff des Infotainment zusammen. 11
Interessanterweise entstand Infotainment graduell im Amerika der 1980er Jahre. Der zunehmend Druck der TV-Sender höhere Einschaltquoten zu gernerieren, führte zur Einführung derartiger Sendeformate, da das herkömmliche Nachrich-
tenprogramm den Zusehern langweilig wurde. 12
Das bis dahin übliche Herunterlesen von Nachrichtenmeldungen wurde durch den Einsatz von unterhaltenden Elementen zunehmend abgelöst. So betrachtet war die Entstehung von Infotainment eine rein medienwirtschaftliche Notwendigkeit. Diese Mischform war das erzwungene Ergebnis, dass die In-formation angenehm genug verpacken sollte um den Unterhaltungswert zu stei-
gern. 13
Die ursprüngliche Idee war, die unterhaltsame Umgestaltung der Fernsehnachrichten. Daraus wurde jedoch eine eigenständige Gattung die aufgrund des großen Zuspruchs seitens des Publikums ein Selbstläufer wurde. So entstanden immer mehr hybride Sendeformate, die dem Zuschauer die Möglichkeit boten näher und
emotionaler an der Information teilzuhaben. 14
Dieses Phänomen fand bald den Weg nach Europa wo sich viele neue Genres und Sendeformate entwickelten. Unter anderem auch die Doku-Soap, um die es in dieser Arbeit geht. Alleine zwischen 1998 und 2001 gab es im deutschen Fernse-
hen 46 Doku-Soaps. 15 Was das Spezielle an ihrem Aufbau und Inhalt ist, wird im nächsten Kapitel erklärt.
11 Vgl. Klöppel, S.
12 Vgl. Freudenreich, 1986, S. 132
13 Vgl. Foltin, 1991, S. 48
14 Vgl. Freudenreich, 1986, S. 133f
15 Vgl. Lücke, 2002, S. 78
12
3. Die Doku-Soap
Doku-Soaps sind ein relativ junges Genre in der Geschichte des Fernsehens. In diesem Kapitel werden sowohl allgemeine Informationen zum Konzept, wie auch zu den Hauptmerkmalen von Doku-Soaps gegeben. Der Leser bekommt einen Einblick in die Art und Weise wie die Verschmelzung eines fiktionalen und eines non-fiktionalen Genres funktioniert. Anschließend gibt es einige kurze Überlegungen zum Thema Authentizität in Doku-Soaps, da diese gerade in jenem Genre eine entscheidende Rolle spielt. Erst danach soll der Leser in die spezielle Thematik der zu untersuchenden ATV-Ernährungs-Doku-Soaps eingeführt werden. Dabei werden Inhalt und Machart sowie Ziele der Sendungen beschrieben. Den Abschluss macht ein Unterkapitel über die Person der Moderatorin, da im empirischen Teil geklärt werden soll, ob diese tatsächlich Einfluss auf den Erfolg der Sendeformate hat.
3.1 Begriffserklärung und Merkmale
Die Doku-Soap entstand in den 90er Jahren in Großbritannien. Sie wurde vom öffentlich-rechtlichen Sender BBC entwickelt. Es handelte sich dabei um dokumentarische Mehrteiler, die sich zwar inhaltlich an die Regeln der Dokumentation hielten, sich in Aufmachung und Spannungsaufbau aber an der Seifenoper orientierten. Meist gab es mehrere Protagonisten, deren Geschichten durch die Parallelmontage kontrastiert werden. Doku-Soaps vom „wahren Leben“ und alltäglichen Problemen wurden zu absoluten Quotenhits. Darum wurde dieses Genre auch in vielen anderen Ländern regelrecht ausgeschlachtet. Das faszinierende für den Zuschauer ist dabei, dass die Charaktere echt sind und keine Schauspieler wodurch ein Stück Wirklichkeit transportiert und repräsentiert wird und ein persönlicherer Bezug der Zuseher zu den Darstellern ermöglicht wird. Unzählige Sendeformate wurden im Laufe der Jahre entwickelt und bekamen aufgrund ihrer
Attraktivität immer wieder Sendeplätze zu den besten Sendezeiten. 16 Die Idee einer Verbindung zwischen Dokumentation und Soap Opera herzustellen hatte, im Jahre 1994, ein gewisser Julien Mercer - Mitarbeiter in der Abteilung
16 Vgl. www.mediaculture-online.de
13
für Dokumentarfilm bei der BBC. Er kann somit als Erfinder der Doku-Soap be-zeichnet werden. 17
Diese „Erfindung“ setzte einen Boom in Gang der darin gipfelte, dass 1998 be-
reits allein im englischen Fernsehen 75 Doku-Soaps ausgestrahlt wurden. 18 Das führte dazu, dass auch in Deutschland die Produktion von Doku-Soaps einsetzte. Vor allem die privaten Sender des deutschen Fernsehens übernahmen den Trend aus England schnell. Zu Beginn wurden die bis dahin erfolgreichen briti-
schen Formate einfach kopiert. 19 In den Jahren 1998 bis 2001 gab es im deutschen Fernsehen 46 Doku-Soaps. 20
Möglich gemacht wurde dieser Erfolg vor allem durch technische, sowie soziale Entwicklungen im Bereich der Erstellung von Film- und Tonmaterial. Während es auf der einen Seite viel leichter wurde gutes Ton- und Bildmaterial herzustellen, hatten auf der anderen Seite immer weniger Menschen ein Problem damit, gefilmt zu werden - im Gegenteil. Die Zurschaustellung von Privatem und Intimem im Fernsehen wurde zu einer Modeerscheinung.
Der entscheidende Punkt im Bereich der Doku-Soap ist dabei die Gratwanderung zwischen beobachten und inszenieren. Der Unterschied zwischen Authentizität und Gespieltem und zwischen dem Finden und Erfinden von Alltagssituationen,
muss gewahrt bleiben um, laut Wolf, eine gelungene Doku-Soap zu erzeugen. 21 Diesen Punkt sieht Prokop etwas kritischer. Sie ist der Meinung, dass diese Formate wenig echte Information sondern eher Selbstdarstellung beinhalten. Durch Personalisierung und Dramatisierung von Verhaltensmustern oder ethischen Fragen wird versucht die Sachthemen für den Alltag zu konkretisieren. Das kann aber auch eine Simplifizierung bedeuten, die beim Publikum zu Fehlinterpretationen der Gesamtthematik führt. So wird von Experten die eigentliche Innovation der Doku-Soap darin gesehen, dass die strikte Grenze zwischen Darsteller und Publikum aufgehoben wird. Es wird nicht einfach nur über gewisse Themen gesprochen sondern die Themen sollen als greifbare Beispiele selbst auftreten. Im Kontext des Untersuchungsgegenstandes dieser Arbeit bedeutet das, dass nicht mehr
17 Vgl. Lücke, 2002, S. 64
18 Vgl. ebenda, S. 78
19 Vgl. Wolf, 2003, S. 96
20 Vgl. Lücke, 2002, S. 78
21 Vgl. Wolf, 1999, S. 5
14
bloß die Themen Ernährung und Gewichtsprobleme besprochen und diskutiert werden, sondern vielmehr, dass das Ernährungsproblem in der Person eines übergewichtigen Menschen selbst auf den Plan tritt. Dazu kommen die lenkenden Ein-griffe von Moderation und Regie. 22
Prokop findet, dass in diesem Zusammenhang das größte Interesse an den intimen Formaten besteht,
„[...]in denen unprominente Personen im Mittelpunkt des Geschehens stehen, von ihren Schicksalen erzählen, nach Lösungen für ihre Probleme suchen oder ihre Lebenseinstellungen
konfrontativ zur Debatte stellen.“ 23
Dieses intime „dabei sein“ und miterleben macht den Reiz dieser Doku-Soaps aus. Sie gibt dem Zuseher, zumindest scheinbar, die Möglichkeit das Leben einer anderen Person für eine kurze Zeit mitzuleben. Etwas zu erleben, dass zwar Alltag
ist, aber für den Zuseher deswegen noch lange nicht alltäglich sein muss. 24
Der Unterschied zu einer herkömmlichen Dokumentation liegt dabei darin, dass gewisse, für Serien typische, Elemente verwendet werden. So gibt es immer eine gewisse Geschichte hinter dem Berichteten. Das dokumentarische des Inhalts wird mit der Dramaturgie einer Serie verbunden. So gibt es bei Doku-Soaps etwa auch sogenannte Cliffhanger, also Spannungshöhepunkte am Ende der Sendung,
um das Interesse bis zur nächsten Folge hochzuhalten. 25
3.2 Authentizität in Doku-Soaps
Authentisch ist im Fernsehen all das, was dem Rezipienten als glaubwürdig erscheint. Der Anspruch besteht darin ein gewisses Maß an Übereinstimmung mit der Erwartung des Zuschauers zu erreichen, um einen „stimmigen“ Beitrag zu
22 Vgl. Prokop, 2006, S. 13ff
23 ebenda, S. 28
24 Vgl. Jung, 1999, S. 285
25 Vgl. Wolf, 2003, S. 95
15
gestalten. Die Erwartungshaltung, die erfüllt werden muss, um dieses Gefühl her-vorzurufen, ergibt sich aus den Erfahrungen des Individuums. Diese werden persönlich mit jeder Rezeptionssituation gesammelt. Daraus wird abgeleitet, wie die-se im Normalfall abzulaufen haben. Der Rezipient bildet ein Ablaufschema. 26 Demzufolge ist im gesamten Alltag des Menschen alles, was nicht erwartet wird, gleichzeitig verstörend oder unnatürlich. Die vom Individuum gebildeten Ablaufschemata zur Einordnung von „normalen“ Abläufen funktionieren auch im Bereich der Medien.
Schmidt sieht diese Medienschemata als eine Art kognitiver Orientierungshilfe. „Sie regeln Ansprüche und Erwartungen an Wirklichkeitsbezüge von Medienangeboten[...], an die Glaubwürdigkeit von Kommunikatoren[...], an die ästhetische Gestaltung[...], an die Glaubwürdigkeit von Medienangeboten[...], bzw. an die
Funktion des Medienangebots[...].“ 27
Die Einordnung eines Medienangebots, in eines der durch Erfahrung gebildeten Schemata, prägt somit die Erwartung die an das Medienangebot gestellt wird. Darum bezeichnet Schmidt die Gesamtheit der für ein gewisses Medienangebot
typischen Schemata als Gattung. 28
Die Doku-Soap ist eine solche Gattung, da hier ein besonders hoher Anspruch an die Authentizität des Gezeigten gestellt wird, da diese Natürlichkeit gewissermaßen die Daseinsberechtigung der Doku-Soap ist. „Doku-Soaps versprechen [...], unterhaltsamer zu sein als so manche spröde Dokumentation. Und sie versprechen Authenti-
26 Vgl.Schmidt, 2008, S. 60
27 ebenda, S. 61
28 Vgl. ebenda
16
zität: echte Menschen mit echten Geschichten. Wie das Leben
so spielt.“ 29
Mit diesem Zitat von Wolf ist bereits vieles gesagt, was Macher von Doku-Soaps zu ihrer Verteidigung vorbringen. Doch oft wird an der Echtheit des Inhalts gezweifelt und den Produzenten Inszenierung vorgeworfen. Wolf geht sogar noch weiter und behauptet, dass kaum ein Doku-Format mehr ohne szenische Rekonstruktion auskommt. Trotzdem sieht er noch immer ein Band zwischen diesen
Doku-Formen und kritischem Journalismus. 30
Kann eine Doku-Soap aber überhaupt die „wirkliche Wirklichkeit“ abbilden? Oder ist diese Abbildung durch vielerlei Gründe, wie die banale Tatsache der Anwesenheit einer Kamera, gar nicht möglich? Wittwen vertritt jedenfalls die Meinung:
„Die wirkliche Wirklichkeit gehorcht nämlich selten den dramaturgischen Gesetzen einer Fernsehsendung, sie bedarf der Dramatisierung. Der Handlungsknoten muss geschürzt werden, Zeitlupe und Zeitraffer kommen zur Anwendung, Nacherzählungen und bildliche Nachstellung ersetzen das Doku-
ment.“ 31
Bei Klaus und Lücke findet man dazu gemischte Aussagen:
„Als Vertreter des performativen Reality TV stellen auch Doku Soaps und Reality Soaps Geschichten und Erlebnisse gewöhnlicher Menschen in den Mittelpunkt. Laut Selbstaussage der Fernsehsender handelt es sich vor allem bei der Doku Soap
um ein authentisches Genre.“ 32
29 Wolf, 2001, S. 115f
30 Vgl. Wolf 2003, S. 9
31 Wittwen, 1995, S. 20
32 Klaus/Lücke, 2003, S. 204
17
Die Autorinnen sehen hier die Möglichkeit zur authentischen Darstellung von Problemen und Lebensumständen der realen, unprominenten Menschen. Gleichzeitig wird aber eingeräumt, dass diese de facto nicht verwirklichbar ist, da Doku-Soaps zwar versuchen den Schein von Authentizität zu wahren, tatsächlich jedoch eine neue Realität inszenieren. Diese ist fix an eine feste Dramaturgie gebunden. So sollen manche Regisseure zugeben, dass sie bewusst Szenen nachstellen lassen oder in die Handlungen der Protagonisten eingreifen um die jeweiligen Aktionen der Protagonisten so vorteilhaft wie möglich für das mediale Endprodukt zu ges-
talten. 33
Der tatsächliche Grad an Authentizität der Sendungen liegt also in der individuellen Wahrnehmung des Rezipienten. Denn dieser entscheidet durch seine jeweilige Prä-Disposition selbst darüber, wie authentisch er die ihm vermittelten Inhalte findet. Trotzdem ist für Martenstein gewiss: „Und immer verlangt das Publikum nach frischer Ware, immer will es in der großen Erzählung seinen gegenwärtigen All-tag und seine gegenwärtigen Wünsche erkennen.“ 34
3.3 Die ATV-Ernährungsformate
3.3.1 Inhalt, Präsentation und Protagonisten
In die obige Formatbeschreibung der Doku-Soaps passen auch die drei ATV-Ernährungsformate „Du bist was Du isst“, „Sasha Walleczek isst anders“ und „Österreich isst besser“.
Das bestätigt Lücke indirekt damit, dass sie das deutsche Doku-Soap-Pendant „Abnehmen in Essen“ als ein klassisches Beispiel für eine Doku-Soap, nach dem
heutigen Verständnis des Begriffs bezeichnet. 35
33 Vgl. Klaus/ Lücke, 2003, S. 205f
34 Martenstein, 1996, S. 13
35 Vgl. Lücke, 2002, S. 70
18
In den oben genannten Formaten geht es vorrangig um die Ernährungsgewohnheiten der Österreicher. Das Ziel der Sendung ist es mit plakativen Beispielen aufzurütteln, zu provozieren und zum Nachdenken über den eigenen Umgang mit Lebensmitteln und Ernährung anzuregen.
Bereits der Beginn der jeweiligen Sendungen lässt klar erkennen worum es gehen wird. So ist beispielsweise der Vorspann der letzten Staffel von „Österreich isst besser“ davon gekennzeichnet, dass eine Karotte und ein Hamburger einen Boxkampf austragen. Ein spezieller Jingle im Hintergrund trainiert die auditive Wiedererkennung der Sendung. Der Vorspann endet damit, dass die Karotte den Hamburger in Zeitlupe aus dem „Ring“ prügelt, der sich in eine rot-weiß-rote Österreich-Karte verwandelt, die an ein Tischtuch erinnert. In den Sendungen werden die Essgewohnheiten von stark übergewichtigen Protagonisten analysiert und dann mit Hilfe von plakativen, konfrontativen Situationen sowie Auseinandersetzung der Protagonisten mit ihrem Problem aufbereitet. Das klassische Beispiel dafür ist die Präsentation der Lebensmittel des Protagonisten einer ganzen Woche auf einem großen Tisch. Diese teilweise eindrucksvollen Bilder sollen wohl einerseits schockieren und andererseits durch die alltäglichen Geschichten der Protagonisten eine Identifikation des Zuschauers mit dem Gesehenen hervorrufen. Nach dem Auftakt, bei dem den übergewichtigen Protagonisten erklärt wird, welche Ernährungsfehler vorliegen, geht es daran mit ihnen alltagstaugliche Wege zu erarbeiten, ihre Ernährung derart umzustellen, dass sie gesünder leben und Gewicht reduzieren.
Über diese Art und Weise der Inhaltsvermittlung gibt es geteilte Meinungen. So meinte die Redaktion von www.stadt-wien.at, dass Sasha Walleczek es schafft „[...] ihre Klienten auf quotenträchtige, aber einfühlsame Art und Weise in ihrer Sendung „Österreich isst besser“ (früher: „Du bist, was du isst“) zu einer gesünde-ren Lebensweise zu animieren[...]“. 36
36 Vgl. www.stadt-wien.at
19
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Andreas Reisenberger, 2010, Über die sozialen Auswirkungen von Infotainment-Formaten im TV auf den Rezipienten, München, GRIN Verlag GmbH
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