Wissenschaft zuzuordnen. Zwar bewegt sich diese mehr oder weniger nah am praktischen erzieherischen und bildenden Arbeiten, kann jedoch mit der reinen Praxis nur selten in Einklang gebracht werden. Die erziehungswissenschaftlichen Überlegungen und Entwicklungen beschäftigen sich zwar grundlegend mit Elementen, die in der Praxis ihren Ursprung haben, weisen jedoch keinesfalls immer einen Zusammenhang mit der tatsächlichen, ursprünglichen oder beruflichen pädagogischen Praxis auf. Das Theorie-Praxis-Problem der Pädagogik entspringt genau aus diesem Dreiklang der unterschiedlichen Betrachtungsweisen des Handlungsfeldes. Während das rein praxisorientierte Denken in Familien und Lebensgemeinschaften in erster Linie den einzelnen Menschen anspricht und sich obendrein durch eine Vielzahl von persönlichen Einflüssen, Vorlieben und Erfahrungen beeinflusst vollzieht, beinhalten theoretischer intonierte Ansichten eher Überlegungen zu einem großen Ganzen, ja gar zur pädagogischen Gesamtheit. In der pädagogischen Theorie kann wohl nicht der Einzelfall das entscheidende Kriterium der Betrachtung sein, es muss vielmehr verallgemeinert werden und das Augenmerk liegt tendenziell eher auf der Fortentwicklung der Pädagogik als System.
Das Problem der Zusammenführung von Theorie und Praxis nun jedoch im beruflich professionellen praktisch-erzieherischen Arbeiten als Bindeglied zu suchen, funktioniert nur bedingt. Das direkte Arbeiten am Menschen als Zielobjekt pädagogischen Handelns birgt eine Unberechenbarkeit und eine Individualität, die eine Theorie schlicht nicht berücksichtigen kann. Auch wenn es für jeden professionellen Schritt einer theoretischen Grundlage bedarf, muss pädagogisches Arbeiten im kleinen sowie im großen Kontext immer praxisorientiert sein, um den einzelnen Menschen als Adressaten von Bildung und Erziehung nicht aus dem Fokus zu verlieren. Niemandem ist geholfen, wenn man den Menschen in seiner Unterschiedlichkeit und Varianz einem pädagogischen Gesetz des Handelns unterwirft, welches ihm in keiner Weise gerecht werden kann. Um dies zu verdeutlichen, muss die eigentliche Aufgabe und der Hintergrund der Pädagogik stärker herausgestellt werden. Von den griechischen Begriffen paideia (Erziehung, Bildung), pais (Knabe, Kind) und agein (führen) abgeleitet beschreibt die Disziplin der Pädagogik eine Arbeit, mit deren Hilfe Heranwachsende oder dementsprechend bedürftige Menschen durch erzieherische und bildende Maßnahmen zu einem persönlich höherwertigen Niveau in ihrer individuellen Entwicklung gelangen. Diese genannte Aufgabe und der Ursprung der Pädagogik findet sich in jedem familiären Zusammenhang seit ewigen Zeiten wieder, wobei dies allein Bildung und Erziehung noch
14.06.10 Philipp Nawroth - Das Theorie-Praxis-Problem der Pädagogik 2/5
nicht zu einer wissenschaftlichen Disziplin erhebt. Den Sprung zu einem Fachgebiet, über das auch in akademischen Rahmen nachgedacht werden muss, macht die Pädagogik erst dadurch, dass sie institutionell umgesetzt wird. Indem nicht mehr die Familie allein die Verantwortung für die Herausbildung für förderlich befundener Fähigkeiten und Persönlichkeitsmerkmalen trägt, sondern sie professionellen, spezialisierten
pädagogischen Institutionen und Einrichtungen übergibt, besteht ein Bedarf an wissenschaftlicher Arbeit auf diesem Gebiet. Denn plötzlich steht nicht mehr nur der einzelne Mensch und seine Einordnung in bestehende, eher lokal anzusiedelnde Systeme im Vordergrund, sondern die übergreifende Behandlung einzelner pädagogischer Fälle in ihrer Gesamtheit.
Das Paradox dabei liegt zum einen in der menschlichen Vielfalt und dennoch in der Ähnlichkeit, die in menschlichen Gesellschaften zwischen den Individuen festzustellen ist. Die Wissenschaft ist bemüht, aus der Masse an bekannten Daten und Fakten aus entsprechenden der Praxis entspringenden Einzelfällen allgemein gültige und treffende Aussagen zu formulieren, um ihrerseits wiederum der pädagogischen Praxis einen systematischen Hintergrund zu verleihen.
Auf diesem Weg von der theoretischen Verallgemeinerung wieder hin zur praktischen Umsetzung liegt wohl ein bedeutendes Element des Theorie-Praxis-Modells der Pädagogik verborgen. Zwar können theoretische Überlegungen durchaus einen Leitfaden für praktisches Arbeiten bilden, das steht außer Frage. Lässt man die rein praktische, intuitive pädagogische Arbeit ohne jeglichen theoretischen Bezug nun außen vor, bietet sich noch immer genügend Raum für Zweifel an der Umsetzung standardisierter und statischer theoretischer Überlegungen in eine funktionierende Erziehungspraxis. Die professionelle Behandlung des pädagogischen Falls ist stets eine Gratwanderung, da man zwischen der Konzentration auf den individuellen Fall und der Einordnung in bekannte Verhaltens- und Handlungsmuster abwägen muss. Bietet nun die Wissenschaft neue Erkenntnisse oder entwickelt auf Erhebungen und Beobachtungen beruhende Handlungsschemata für pädagogisches Arbeiten, sind diese für die in der Praxis Tätigen nur bedingt umsetzbar, da sie immer auch Einzelschicksale in Betracht ziehen müssen, um erfolgreich und produktiv arbeiten und wirken zu können. Obwohl natürlich mit Hilfe von wissenschaftlichen Erkenntnissen die Effizienz und die Wirkung von pädagogischer Arbeit in der Masse gesteigert werden kann, verfehlt eine solch generalisierte Herangehensweise an Bildung und Erziehung doch die Eigenheit dieses Handlungsfeldes,
14.06.10 Philipp Nawroth - Das Theorie-Praxis-Problem der Pädagogik 3/5
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Philipp Nawroth, 2010, Das Theorie-Praxis-Problem der Pädagogik, München, GRIN Verlag GmbH
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