1. Vorwort
Ob die Bildtheorie im TLP (Anm. 1) in der Tat - so wie manche Autoren behaupten - „ein
Schlüssel zur Gesamtauslegung“ (Anm. 2) des ersten philosophischen Werkes von
Ludwig Wittgenstein ist, sei dahingestellt. Tatsache scheint jedoch, dass die findigsten
Köpfe des Menschengeschlechtes die Kluft zwischen der Welt und dem Bild, das wir uns
von ihr machen, schon seit Äonen zu überwinden suchen. Was Wunder, dass
Wittgenstein sich im TLP zunächst um die gesamte Wirklichkeit, die die Welt ist (TLP 1
bis 2.063), kümmert und sich sodann um das Bild davon bemüht ( TLP 2.1ff). Welche
Erkenntnisse uns die Wittgensteinsche „Logisch‐philosophische Abhandlung“
diesbezüglich liefern kann, soll mit vorliegender Arbeit - ohne Anspruch auf
atomistische Feinheiten - skizziert werden.
Es beginnt wie die Arbeit auf einer Baustelle. Zunächst finden Vermessungen statt, wird
die Baugrube ausgehoben, trudeln Stück für Stück die Materialien und Werkzeuge ein
(siehe 2ff und 3ff). Dann werden die Baupläne studiert, wird nochmals alles durchdacht
(siehe 4. bis 4.4), bis schließlich das Bauwerk wächst (siehe 4.5ff) und endlich fertig
wird (siehe 5.). Was zunächst wie Chaos wirkt, findet seine Ordnung.
2. Was ist ein Bild?
Was versteht Wittgenstein unter einem Bild? Für ihn sind Bilder beispielsweise nicht
nur Gemälde, Zeichnungen oder Fotografien, sondern auch Landkarten, Plastiken,
dreidimensionale Modelle - „Wie wenn im Pariser Gerichtssaal ein Automobilunglück
mit Puppen etc. dargestellt wird“ (Anm. 3) - und überdies Partituren und
Schallplattenaufzeichnungen (Anm. 4, siehe auch TLP 4.013ff ). Im TLP bietet er
mehrere Definitionen, die sich wohlgemerkt gegenseitig nicht ausschließen, sondern,
wie wir sehen werden, zu einem Gesamtbild zusammenfügen. Zunächst geht es darum,
fast unkommentiert zu sammeln, was Wittgenstein im TLP als Bild bezeichnet (siehe
2.1ff). Hernach wollen wir wissen, was ein Bild abbilden kann (siehe 3ff). Zweck der
Übung ist, die entscheidenden Stellen (die Baumaterialien) übersichtlich zu ordnen.
2.1 Bild - Ein Modell der Wirklichkeit
Zunächst bezeichnet Wittgenstein das Bild als ein Modell der Wirklichkeit
(TLP 2.12).
2.2 Bild - Eine Tatsache
Das Bild ist aber auch eine Tatsache (TLP 2.141).
2.3 Bild - Ein logisches
Überdies ist jedes Bild auch ein logisches (TLP 2.182).
2.4 Bild - Gedanke
Das logische Bild der Tatsachen ist der Gedanke (TLP 3). Und wenn wir die Gesamtheit
der wahren Gedanken betrachten, dann sehen wir ein Bild der Welt (TLP 3.01).
2.5 Bild - Satz
Schließlich ist der Satz ein Bild der Wirklichkeit (TLP 4.01).
2.6 Was keine Bilder sind
Keine Bilder der Wirklichkeit sind allerdings Tautologie und Kontradiktion. Sie stellen
keine mögliche Sachlage dar. Denn jene lässt jede mögliche Sachlage zu, diese keine (TLP
4.462).
3. Was bildet das Bild ab?
Wir wissen nun, was das Bild ist. Es ist demnach ein Modell der Wirklichkeit, eine
Tatsache, logisch, der Gedanke (in Form eines logischen Bildes der Tatsachen), der Satz.
Was bildet das Bild aber ab, was stellt es dar? Schauen wir, was Wittgenstein im TLP
dazu sagt.
3.1 Wirklichkeit
Das Bild kann jede Wirklichkeit abbilden (TLP 2.171). Auch bildet das Bild die
Wirklichkeit ab, indem es eine Möglichkeit des Bestehens und Nichtbestehens von
Sachverhalten darstellt (TLP 2.201).
3.2 Tatsache
Was der Fall ist, die Tatsache, ist das Bestehen von Sachverhalten (TLP 2). Tatsachen
sind also das Bestehen von Sachverhalten. Nun stellt das Bild die Sachlage im logischen
Raume, das Bestehen und Nichtbestehen von Sachverhalten vor (TLP 2.11). Das Bild
stellt also eine mögliche Sachlage im logischen Raume dar (TLP 2.202). Demnach enthält
das Bild die Möglichkeit der Sachlage, die es darstellt.
3.3 Logik
Jedes Bild ist auch ein logisches (TLP 2.182) und das logische Bild kann die Welt
abbilden (TLP 2.19). Was das Bild mit dem Abgebildeten gemeinsam hat, ist die logische
Form der Abbildung (TLP 2.2). Doch dazu später mehr.
3.4 Gedanke
Wir haben schon gelesen, dass das logische Bild der Tatsachen der Gedanke ist (TLP 3).
Das heißt, grob gesagt: Wenn wir denken, dann machen wir uns Bilder. Also: „'Ein
Sachverhalt ist denkbar' heißt: Wir können uns ein Bild von ihm machen.“ (TLP 3.001)
Die Tatsachen, dass die Welt in Tatsachen zerfällt (TLP 1.2), und dass die Tatsache das
Bestehen von Sachverhalten ist
(vgl. TLP 2), und dass „denkbare Sachverhalte“ ein Bild vorstellen (TLP 3.01), schließen
mit ein, dass die Gesamtheit der (wahren) Gedanken ein Bild der Welt sind (TLP 3.01).
Den Begriffen „wahr“ und „falsch“ werden wir uns später noch zuwenden.
3.5 Satz
Ein Bild der Wirklichkeit ist der Satz (TLP 4.01) „Der Satz, das Bild, das Modell, sind im
negativen Sinne wie ein fester Körper, der die Bewegungsfreiheit der anderen
beschränkt; im positiven Sinne, wie der von fester Substanz begrenzte Raum, worin ein
Körper Platz hat.“ (TLP 4.463) Im Übrigen ist ein Satz immer ein vollständiges Bild (TLP
5.156).
3.6 Sinn
Nebenbei bemerkt: „Was das Bild darstellt, ist sein Sinn.“ (TLP 2.221)
4. Wie stellt das Bild das Abgebildete dar?
Wir wissen nun, was ein Bild im Sinne Wittgensteins ist und was vom Bild dargestellt
wird. Was wir aber noch nicht wissen, ist das „Wie“. Wie bildet ein Bild ab? Wie muss ein
Bild beschaffen sein, um das Original abzubilden?
4.1 Die allgemeine Form der Abbildung
Wittgenstein selbst bringt es auf den Punkt: „In Bild und Abgebildetem muss etwas
identisch sein, damit das eine überhaupt ein Bild des anderen sein kann.“ (TLP 2.161)
Bloß was muss in Bild und Original identisch sein? Klärung finden wir in den Aussagen,
dass den Gegenständen (des Originals) im Bilde die Elemente des Bildes entsprechen
(TLP 2.13). Diese Bild‐Elemente sind sozusagen die Vertreter (oder Platzhalter) der
ursprünglichen Gegenstände (TLP 2.131). Und so wie sich im Original die Gegenstände
in einer bestimmten Art und Weise zueinander verhalten, so verhalten sich im Bild seine
Elemente (TLP 2.14). Gewissermaßen ist das „Sich‐zueinander‐verhalten“ der Elemente
die Struktur des Bildes, so wie der „identische“ Zusammenhang der Gegenstände die
Struktur des Originals ist (TLP 2.15). Und schon sind wir bei der allgemeinen Form der
Abbildung: Diese ist die Möglichkeit, dass sich die Gegenstände des Originals so
zueinander verhalten wie die Elemente des Bildes (TLP 2.151). Gegenstände des
Originals und Elemente des Bildes müssen also dieselbe logische Form aufweisen (TLP
2.18). Allerdings kann diese logische Form ihrerseits nicht Element des Bildes werden.
Frei nach dem Motto: „Die Logik muss für sich selber sorgen.“ (TLP 5.473) Würde sich
die logische Vielfalt vom Bild abbilden lassen, dann würde dies nämlich auch dem
Grundgedanken des TLP widersprechen: „Mein Grundgedanke ist, dass die 'logischen
Konstanten' nicht vertreten. Dass sich die Logik der Tatsachen nicht vertreten lässt.“
(TLP 4.0312 , siehe auch Anm. 5)
4.2 Die abbildende Beziehung
Allerdings ist genau durch die logische Form das Bild mit dem Original verknüpft; es
reicht bis zu ihm (TLP 2.1511). Das Bild nimmt am Original Maß (TLP 2.1512). Überdies
ist das, was ein Bild zum Bilde macht, eine „abbildende Beziehung“ (TLP 2.1513). Dies
bedeutet, dass sich einzelne Bestandteile des Bildes und einzelne Bestandteile des
„Abgebildet‐zu‐werdenden“ einander zuordnen lassen (TLP 2.1514). Das Bild berührt so
das Original, d.h. Bild‐Elemente und Original‐Elemente treten via eine Art „Fühler“ in
Kontakt
(TLP 2.1515 ).
4.3 Die Form der Darstellung
Und weil das Bild sein Objekt von außerhalb darstellt, darum stellt das Bild das Original
auch richtig oder falsch dar (darüber, wie gesagt, später noch mehr). Diesen vom Objekt
„entrückten“ Standpunkt bezeichnet Wittgenstein als „Form der Darstellung“ (TLP
2.173). Nur zwei Sachen kann das Bild nicht: Zum einen kann es sich nicht außerhalb
seiner Form der Darstellung stellen (TLP 2.174). Zum anderen kann es nicht seine Form
der Abbildung abbilden - diese weist es auf (TLP 2.172). Das ist so wie der Spruch von
Alan Watts, der besagt, dass die Zunge nicht die Zunge schmecken kann (Anm. 6).
4.4 Die allgemeine Bildtheorie (ganz praktisch)
Arbeit zitieren:
Herbert Hofmann, 1992, Die Bildtheorie in Wittgensteins „Tractatus logico-philosophicus“, München, GRIN Verlag GmbH
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