Dipl.‐Päd. Jürgen Schlieckau
Pädagogischer Dienst
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Deklaration möglicher Interessenkonflikte
Es liegen keinerlei Interessenkonflikte im Zusammenhang mit der Erstellung dieser Publika‐ tion vor. Eingereicht: 03.11.2010 Angenommen: 03.11.2010
Vorwort
Angesichts der teils alarmierenden Nachrichten in den Medien über das Ausmaß und die Folgen des jugendlichen Alkoholkonsums, wird der Ruf nach Alkoholprävention immer lau‐ ter. Doch häufig scheint es mit diesem Ruf nicht ganz ernst gemeint zu sein, nach dem Motto „Problem benannt - Problem gebannt“. Was in der Prävention wirklich geschieht, was tat‐ sächlich umgesetzt wird, wieviel Geld Prävention kostet und wo es herkommen soll, inte‐ ressiert meist nur noch die Fachöffentlichkeit und Kommunalpolitiker, die in ihren Gemein‐ den die Folgen des ausufernden Alkoholkonsums im öffentlichen Raum ausbaden müssen.
Die wissenschaftlichen Erkenntnisse darüber, welche Prävention wirklich wirkt, spielen in den medialen Debatten kaum eine Rolle. Sie weisen jedoch in eine eindeutige Richtung: die bevölkerungsweit wirkungsvollste Prävention setzt bei den Strukturen und Verhältnissen an und ist zudem nicht teuer. Verhältnispräventive Maßnahmen sind meist mit gesetzlichen Regelungen verbunden. Sie können beispielsweise steuernd in Herstellung und Vermarktung alkoholischer Getränke eingreifen oder sie können den Zugang zu Alkoholika regeln. Sie erfordern von Bund, Ländern und Gemeinden in der Regel keine oder nur geringfügige finanzielle Investitionen. Maßnahmen dieser Art haben sich sowohl in Deutschland als auch international als besonders wirksam bei der Reduzierung alkoholbedingter Schäden erwie‐ sen, auch und gerade bei Jugendlichen. Daher empfehlen WHO und Europäischer Rat den Regierungen dringend, verhältnispräventive Maßnahmen in ihre Präventionsstrategien auf‐ zunehmen.
Häufig wird diese Art der Alkoholpolitik in der Öffentlichkeit nicht als Prävention wahrge‐ nommen und angesehen. A u f k l ä r u n g muss daher im doppelten Sinne verstanden wer‐ den, als Information über Risiken und Folgen von Alkoholkonsum als auch als Information über die hohe Bedeutung, die der Verhältnisprävention zukommt. Hierzu liefert das vorlie‐ gende Buch einen umfänglichen und praxisnahen Beitrag.
Wirksame Prävention darf die Verhältnisprävention nicht außer Acht lassen. Sie führt bevöl‐ kerungsweit und nicht nur individuell zu messbaren Reduzierungen alkoholbedingter Schä‐ den. Verhaltensprävention darf darüber nicht vernachlässigt werden. Sie muss sich auf die Ansätze in ihrem Feld konzentrieren, die sich als wirksam erwiesen haben. Aufklärungskam‐ pagnen können als Chance für die Bewusstmachung von alkoholbedingten Problemen ge‐ nutzt werden. Sie helfen, den Boden für teils unpopuläre Interventionen wie z.B. gesetzliche Regelungen vorzubereiten. Hamm, 02.11.2010
Gabriele Bartsch, Grundsatzreferentin der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) e. V.
Synopse der gesundheitspolitischen Aussagen zur
Prävention in den Parteiprogrammen (2007 bis 2009)
der im Bundestag vertretenen Parteien
Quelle: www.medi‐deutschland.de/seite.php?seite=660, aufgerufen 01.11.2010
DIE LINKE Programm(‐eckpunkte), Dortmund, März 2007
„Gesundheit ist keine Ware, sondern ein Menschenrecht! … (Dringlich sind) …ein größeres Gewicht von Vorbeugung und Nachsorge…“ (Die Linke 2007, 12)
CSU Grundsatzprogramm, München, September 2007
„Vorrang für Prävention. Die CSU setzt sich für eine präventive Gesundheitspolitik und ge‐ sunde Lebensverhältnisse ein… Dazu gehören auch Gesundheitserziehung, Gesundheitsvor‐ sorge, Prävention durch Arbeitsschutz, Umweltschutz, Verbraucherschutz, Schutz vor Passiv‐ rauchen und psychosoziale Betreuung von Kranken sowie Aufklärung und Beratung, um Ge‐ sundheitsgefährdungen wie Übergewicht, Rauchen und Alkohol zu vermeiden.“ (CSU 2007, 110)
SPD Hamburger Programm, Hamburg, Oktober 2007
„Vorsorgende sozialdemokratische Gesundheitspolitik will Krankheit vermeiden, Gesundheit erhalten und Unterschiede in den Gesundheitschancen abbauen. Wir streben gesunde Le‐ bensverhältnisse für alle Menschen an und fördern gesundheitsbewusstes Verhalten…“ „Jedes Kind hat ein Recht darauf, gesund aufzuwachsen.“ (SPD 2007, 38 und 58)
CDU Grundsatzprogramm, Hannover, Dezember 2007
„Eine besondere Bedeutung kommt in Zukunft der Prävention zu…“ „CDU und CSU bekennen sich nachdrücklich zu einer Stärkung von Prävention und Gesund‐ heitsförderung im deutschen Gesundheitswesen. Prävention ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.“ (CDU 2007, Kurzfassung, 7; Langfassung, 23 ff.)
Bündnis 90/Die Grünen Europawahlprogramm, Dortmund, Januar 2009
„BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN stehen für eine Politik, die die Gesundheit schützt und diese ge‐ gen jedwede Attacken von Lobbygruppen verteidigt…“
„Grüne Verbraucherpolitik legt einen weiteren Schwerpunkt auf die Organisation von Verbraucherinnen und Verbrauchern als Marktmacht. Es geht um gleiche Augenhöhe im Marktgeschehen… Wir wollen die Menschen vor gesundheitlichen Gefahren und steigenden Umweltbelastungen schützen…“ „Wir wollen für Kinder und Jugendliche Lobby sein.“ (Bündnis 90/Die Grünen 2009, 48, 62 und 126)
FDP Deutschlandprogramm, Hannover, Mai 2009
„Die Prävention gewinnt immer stärker an Bedeutung. Insbesondere die demographische Entwicklung und die Zunahme von Volkskrankheiten, die durch einen gesunden Lebens‐ wandel weitgehend vermeidbar wären, tragen dazu bei… Dazu bedarf es einer zielgruppenorientierten, umfassenden Aufklärung… Gezielt muss denjenigen geholfen werden, für die der Staat eine ganz besondere Verantwor‐ tung trägt und für diejenigen, die es nicht oder nur eingeschränkt aus eigener Kraft schaffen, gesund zu leben. Das betrifft insbesondere Kinder und sozial Benachteiligte… Das liberale Menschenbild, das auf freier Selbstbestimmung beruht, verlangt Freiheit von Sucht und Ab‐ hängigkeit. Um dies zu erreichen, setzt liberale Drogen‐ und Suchtpolitik auf die drei Säulen Prävention, Therapie und, wo notwendig, Repression. Der Suchtmittelkonsum in Deutsch‐ land führt zu einer großen Zahl vorzeitiger Sterbefälle, zu erheblichen Krankheitshäufungen, großem persönlichen Leid, sozialen Schäden und hohen Kosten für die Gesellschaft. Die le‐ galen Suchtmittel Alkohol und Tabak stellen nach wie vor eine große Herausforderung dar, ebenso wie Medikamentenmissbrauch… Aufgrund der besonderen Schutzbedürftigkeit von Kindern und Jugendlichen muss die Einhaltung der bestehenden Jugendschutzbestimmun‐ gen sichergestellt werden. Oberste Priorität hat für die FDP die Einrichtung flächendecken‐ der Präventionsprogramme. Prävention muss früh, wenn möglich bereits im Kindesalter, ein‐ setzen, damit Suchtkrankheiten erst gar nicht entstehen. Gleichzeitig muss bei denen, die bereits begonnen haben zu konsumieren, ein frühzeitiger Ausstieg gefördert werden. Bereits bei Jugendlichen finden sich hochriskante Konsummuster exzessiven Trinkens bis zur Alko‐ holvergiftung. In den letzten Jahren ist die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die mit einer Alkoholintoxikation in Krankenhäuser eingeliefert wurden, deutlich gestiegen. Diese Entwick‐ lung muss gestoppt werden. Dabei darf es nicht zu einer Ausweitung der Verbotspolitik kom‐ men. Notwendig ist eine Präventionsstrategie mit angemessener finanzieller Ausstattung. Die Wissenschaft hat gezeigt, dass die Kombination von Information und Aufklärung mit strukturellen Maßnahmen erfolgreich ist. Erwachsene müssen über einen verantwortungs‐ bewussten Umgang mit Suchtmitteln informiert und für ein Vor‐bildverhalten für Kinder sen‐ sibilisiert werden. Suchtkranken muss frühzeitig und umfassend geholfen werden. Besonders Kinder aus suchtkranken Familien müssen mit Hilfeangeboten erreicht werden. Therapieziel ist ein unabhängiges Leben…
Bei Kindeswohlgefährdung müssen die Fachkräfte der Kinder‐ und Jugendhilfe angehalten werden, sich ein umfassendes Bild über den Lebensalltag von Kindern im Familienkontext zu bilden und frühzeitig präventive Hilfe anzubieten. Dies erfordert eine angemessene perso‐ nelle Ausstattung der Jugendämter. Die Elternkompetenz in Familien sollte durch Modelle der Frühprävention gestärkt werden. Dies gilt auch für niedrigschwellige Angebote durch Fa‐ milienhebammen und Kinderschwestern auf kommunaler Ebene.“ (FDP 2009, 19 ff.)
Inhalt
Vorwort 4
Synopse der gesundheitspolitischen Aussagen zur Prävention in den Partei‐ programmen der im Bundestag vertretenen Parteien (2007 bis 2009) 5‐6 1. Einleitung 9‐10 2. Epidemiologie des Alkoholmissbrauchs bei Kindern und Jugendlichen 11‐17 3. Trinkkulturen 17‐21
Erster Exkurs: Alkohol als „Kulturgut“? - Von der Kultur des Wegsehens zur Kultur des Hinschauens 19 4. Das Rauschtrinken bei Kindern und Jugendlichen 22‐36 4.1. Rauschtrinken 23
4.2. „Komatrinken“, „Kampftrinken“ und „Kofferraumsaufen“ 24 4.3. Binge drinking 25 4.4. Akute Alkoholvergiftung 29
4.5. Früher Beginn des Alkoholkonsums und das Rauschtrinken bei Kindern und Jugendlichen 32
5. Eine Risikodiskussion 37‐55
5.1. Risikogruppen von Kindern und Jugendlichen für Alkoholmissbrauch 37
5.2. Risikofaktoren für Alkoholmissbrauch im Kindes‐ und Jugendalter 40
5.3. Funktionen des Alkoholkonsums im Kindes‐ und Jugendalter 41 5.4. Alkoholabhängigkeit 44
5.5. Ein Fallbeispiel: Die 16‐jährige „Jessica“ 51
6.3. Zahlen, Daten und Fakten 57 7. Alkoholprävention 66‐125 7.1. Verhaltensprävention 67 7.2. Verhältnisprävention 69
7.3. Präventionstheorien, Menschenbild und ethische Aspekte 70
7.4. Akteure, Gegenakteure und Best practice‐Instrumente der globalen und europäischen Alkoholkontrollpolitik 77
7.5. Erhöhung der Alkoholpreise
7.6. Entwicklung von Alkohol‐Aktionsplänen in der EU 97
7.7. Alkoholkontrollpolitik in Deutschland 102
Vierter Exkurs: Die Entwicklung des Branntweinmonopols in Deutschland 116
7.8. Gute Chancen der Alkoholprävention durch Gemeindemobilisierung 117
7.9. Diskussion alkoholpolitischer Massnahmen am Beispiel des Schutzes der deutschen Jugend vor weinhaltigen Premixgetränken 122
8. Zusammenfassung und Ausblick 126‐131
8.1. Verhaltenspräventive Massnahmen 126 8.2. Verhältnispräventive Massnahmen 126 8.3. Ausblick 129 9. Anhang 132‐154 9.1. Tabellen und Abbildungen 132 9.1.1. Tabellen 132 9.1.2. Abbildungen 133
9.2. Abkürzungsverzeichnis
9.3. Autorenverzeichnis
9.4. Sachverzeichnis
141 9.5. Alkohol‐Maßeinheiten
144
9.6. Internationale, europäische und nationale Organisationen und Projekte zur Alkoholprävention 145
9.7. Das “European Alcohol and Health Forum” 150
9.8. Deutsches Jugendschutzgesetz vom 01.01.2009, § 4, Abs. 1 und § 9, altersabhängige Abgabe von Alkoholika 152
9.9. Das Bundesmodellprojekt „Hart am Limit“ (HaLT) 152
9.10. Mindestalter für den Verkauf und Ausschank von Alkohol in den EU‐Staaten, in Norwegen und in der Schweiz (Stand: 2009) 154
10. Internet‐Linkverzeichnis 155‐162
11. Literaturverzeichnis 163‐332
12. Verzeichnis der verwendeten Zeitschriften/Periodika nach Verlagsstandorten 332‐343
2. Epidemiologie des Alkoholmissbrauchs bei Kindern und Jugendlichen
Zwar geht der Alkoholkonsum in Deutschland allgemein langsam zurück (seit den 70er Jah‐ ren ca. 1 Liter pro Kopf pro Jahrzehnt). Tranken die Deutschen in den 70er Jahren noch ca. 14 Liter reinen Alkohol pro Kopf und Jahr, so lag der Pro‐Kopf‐Jahresverbrauch 2008 bei 9,9 Litern reinen Alkohol und damit doppelt so hoch wie im Weltdurchschnitt (DHS 2009a, vgl. WHO 2006). Deutschland zählt immer noch zur Weltspitze beim Alkoholverbrauch (vgl. Ba‐ bor et al. 2005; Abb. 1: 5. Platz weltweit; bzw. Eurobarometer 2010: 3. Platz in Europa bei der 12‐Monats‐Prävalenz). Der Pro‐Kopf‐Konsum ist ein verläßlicher Indikator für die aus dem Konsum alkoholischer Getränke resultierenden gesundheitlichen, sozialen und volks‐ wirtschaftlichen Schäden (DHS 1997). Fast 10 Millionen Deutsche trinken Alkohol in gesund‐ heitlich riskanter Form. Deutsche Jugendliche trinken häufiger und mehr Alkohol als Jugend‐ liche in anderen europäischen Ländern (ESPAD 2007). Alkohol ist die am Weitesten verbrei‐ tete psychoaktive Substanz. In der Drogenaffinitätsstudie der Bundeszentrale für gesund‐ heitliche Aufklärung (BzgA) gaben im Jahr 2008 rund drei Viertel (75,8%) der 12‐ bis 17‐Jäh‐ rigen an, schon einmal Alkohol getrunken zu haben (BZgA: DAS, 2008, 4). Die Belastung in der Bevölkerung durch vermeidbare(!) Krankheitsfolgen liegt bei Alkohol ähnlich hoch, wie bei Tabak. „Episodischer exzessiver Alkoholkonsum im Kindes‐ und Jugendalter … stellt in Deutschland ein relevantes gesundheitliches Problem dar und geht mit vielfältigen Risiken einher“ (Stolle et al. 2009, 323). Neuen internationalen Forschungsergebnissen zufolge be‐ trinken sich in westlichen Ländern weniger Jungendliche als in Osteuropa (Kuntsche et al. 2010). Suchtmittelkonsum hat viel mit uns selbst zu tun. Es zeichnet sich ab, dass das mode‐ rate Trinken von Alkohol an Bedeutung verloren hat. Aber die signifikante Zunahme (p <0,5) des exzessiven Rauschtrinkens bei einer Minderheit von Kindern und Jugendlichen und die Verdoppelung der Fallzahlen behandlungsbedürftiger Jugendlicher mit akuten Alkoholver‐ giftungen seit 2000 bereiten den Ärzten und Suchtexperten zunehmend Sorgen (vgl. Stolle et al. 2009, 324). Die Bundesdrogenbeauftragte teilte in einer Pressemitteilung mit: „25.700 Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 20 Jahren wurden 2008 stationär behandelt. Das entspricht einer Steigerung um 11 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.“ (Bundesdrogenbeauf‐ tragte, PM vom 15.12.2009). Der Trend zum Rauschtrinken setzt sich offenbar fort. Kran‐ kenkassen melden, dass die Zahl der alkoholbedingten Krankenhausaufenthalte 2009 im Ver‐ gleich zum Vorjahr erneut angestiegen war (vgl. Techniker Krankenkasse vom 12.05. 2010), gerade auch bei Gymnasisaten (DAK 2010). Über 80 Millionen Europäer ab 15 Jahren prakti‐ zierten Binge drinking mindestens einmal wöchentlich. 24% von ihnen, ca. 19 Millionen eu‐ ropäische „Binge drinker“, seien 15 bis 24 Jahre alt (Anderson 2007). Jugendliche und junge Erwachsene zeigen dieses Trinkkonsummuster von Alkohol demnach überproportional häu‐ fig. Nach den Daten der Drogenaffinitätsstudie 2008 ist davon auszugehen, dass etwa 8,2% der Jugendlichen im Alter von 12 bis 17 Jahren einen riskanten oder gefährlichen Alkohol‐ konsum aufweisen (BZgA 2008). Dennoch praktizieren Menschen aller Altersklassen (außer Kinder unter 11 Jahren), quer durch alle sozialen Schichten, Binge drinking.
Abbildung 1: Anteile der Alkoholabhängigen an der Gesamtbevölkerung und registrierter Pro‐Kopf‐Konsum in Litern reinen Alkohol nach WHO‐Regionen
Anmerkung: Deutschland zählt zur WHO‐Region Europa A. WHO‐Regionen: vgl. Tabelle 2. Quelle: Babor et al. 2005, 49f.
Gelegentlicher Alkoholkonsum verursacht jedoch insgesamt mehr alkoholassoziierte Proble‐ me, als der Hochkonsum von Alkohol (vgl. Fillmore et al. 2006). Dazu eine kurze Darstellung des Alkoholverbrauchs je Einwohner nach Alkoholsorten sowie der in aktuellen epidemiolo‐ gischen Studien ermittelten Prävalenzraten:
Abbildung 2: Trend des durchschnittlichen Verbrauchs an Bier, Wein, Schaumwein und Spirituosen je Einwohner in Deutschland 2001‐2005 (in Litern)
* Weinwirtschaftsjahr 01.09.‐31.08.; ** ab 2002 incl. Spirituosen‐Mischgetränke umgerechnet auf durchschnittlich 33 Vol. %. Quelle: Jahrbuch Sucht 2007, 7 (modifiziert) Es ist zu beachten, dass bei Befragungen Probanden zu geringe Konsummengen angeben und zu wenige Hochrisikokonsumenten erreicht werden.
Der regelmäßige Alkoholkonsum hat, ähnlich wie das Rauchen, erfreulicherweise zwischen 2002 und 2009 auch bei jüngeren Jugendlichen abgenommen, nachdem seit Anfang der 90er
Jahre des vergangenen Jahrhunderts noch ein deutlicher Anstieg zu verzeichnen war (HBSC 2002, zitiert nach Hüllinghorst 2004). Dennoch stagniert der Alkoholmissbrauch in Deutsch‐ land auf extrem hohem Niveau: Es wird zu viel und zu riskant Alkohol getrunken. Nach Lu‐ xemburg, Irland, Ungarn und Tschechien steht Deutschland beim Alkoholkonsum der über 15‐Jährigen mit 9,9 Litern reinem Alkohol pro Kopf (2007, 2008) weltweit an 5. Stelle aller Staaten (DHS, Jahrbuch Sucht 2010). Nach der Eurobarometer‐Studie steht Deutschland bei der 12‐Monats‐Prävalenz zusammen mit Österreich sogar an 3. Stelle hinter Irland und Rumänien (Eurobarometer 2010). Insgesamt sinkt der Bier‐ und Spirituosenkonsum leicht, während der Weinkonsum in den letzten 10 Jahren anstieg (Gaertner et al. 2010, 21). Tabelle 1: Ergebnisse epidemiologischer Studien zum Alkoholkonsum Jugendlicher
Abbildung 3: Entwicklung des regelmäßigen Alkoholkonsums bei 13‐ und 15‐Jährigen, mindestens einmal wöchentlich
Quellen: HBSC‐Studien 2002 und 2006 (modifiziert)
Während die Prävalenzraten des wöchentlichen Alkoholkonsums bei Erwachsenen ab 25 Jahren weiter sinken, steigen sie seit 2005 bei den 12‐ bis 17‐jährigen Jugendlichen ebenso wie bei den 18‐ bis 24‐jährigen jungen Erwachsenen bei beiden Geschlechtern wieder an.
Dieser Gesamtanstieg ist auf den vermehrten Konsum von Bier, bier‐ bzw. weinhaltigen Mischgetränken und von Spirituosen zurückzuführen, der besonders von männlichen Ju‐ gendlichen im Alter von 16 bis 17 Jahren betrieben wird. Bei Mädchen ist dieser Anstieg größer als bei Jungen (BzgA 2007). Die Alkoholwirtschaft berichtete von einem Absatzanstieg an Biermischgetränken von 17,7% in 2006, bzw. 18,2% in 2007 (Deutscher Brauer‐Bund 2009).
Abbildung 4: Häufigkeit des wöchentlichen Alkoholkonsums bei den 12‐ bis 17‐Jährigen im letzten Jahr, mind. einmal pro Woche, in Prozent
Quelle: BZgA 2007 (modifiziert)
Bei einer Minderheit dieser Kinder und Jugendlichen gab es einen besorgniserregenden An‐ stieg der Rate schwerer Alkoholintoxikationen. Der Trend zum Binge drinking als Trinkkon‐ summuster ‐ das Institut für Therapieforschung spricht in seiner Studie von Rauschtrinken ‐ nahm in den vergangenen zehn Jahren auch bei den jungen Erwachsenen kontinuierlich zu. Abbildung 5: Trends der 30‐Tage‐Prävalenz des Rauschtrinkens bei 18‐ bis 24‐Jährigen (mindestens einmal in den letzten 30 Tagen), fünf oder mehr Gläser Alkohol bei einer Trinkgelegenheit, 1995 bis 2006
Quelle: IFT 2006 (modifiziert)
Bei den männlichen und weiblichen Jugendlichen verlaufen die entsprechenden Trends der 30‐Tage‐Prävalenz des Rauschtrinkens in den BZgA‐Studien von 2004, 2005, 2007 und 2008 jeweils unterhalb der Anteile von jungen Erwachsenen (IFT‐Studie 2006; vgl. die Drogenaffi‐
nitätsstudie DAS 2008). Zu berücksichtigen sind dabei jedoch die den Studien jeweils zu‐ grundeliegenden, z. T. unterschiedlichen Definitionen von Binge drinking. Während 2004 und 2005 von der BZgA erfragt wurde, wie oft 5 oder mehr alkoholische Getränken hinter‐ einander getrunken wurden, wurde 2007 erhoben, wie oft dieselbe Menge an einem Tag konsumiert wurde.
Der Anteil der deutschen Jugendlichen, die in den letzten 30 Tagen mindestens einmal Binge drinking praktiziert haben, blieb im Zeitraum 2004 bis 2008 relativ konstant, wie die folgen‐ de Abbildung zeigt und liegt im internationalen Vergleich relativ hoch. Abbildung 6: Trends der 30‐Tage‐Prävalenz des Binge drinking (Konsum mindestens einmal in letzten 30 Tagen) bei den 12‐ bis 17‐Jährigen 2004, 2005, 2007 und 2008 in Prozent
Quelle: BzgA, DAS 2008, 5 (modifiziert)
In einer Studie der Krankenkasse DAK gaben 43 Prozent der Befragten im Alter von 12 bis 18 Jahren an, mindestens einmal im Monat mehrere alkoholische Getränke direkt hintereinan‐ der zu konsumieren. Allerdings waren nur 17 Schulen und 4116 Schüler in die Studie einbe‐ zogen. Hierbei gaben z. B. Gymnasiasten an, auch wegen Leistungsdruck zu trinken (DAK 2010). Diese Befunde könnten auf eine weitere Zunahme des Binge drinking bei Jugendli‐ chen, besonders auch bei Gymnasiasten, hindeuten. Größere epidemiologische Studien wie ESPAD und HBSC sollten daher zur Exploration und Identifizierung neuer Alkoholkonsum‐ trends beitragen. Regelmäßiges Binge drinking gehört offenbar für viele Jugendliche zum All‐ tag. Manche Jugendliche meinen, „Saufen, bis der Arzt kommt ...“, ‐ sei cool und ‐ steigere das Ansehen.
Alkohol steht bei ihnen als Stimmungsmacher im Vordergrund. Ein „Kampftrinker“ will als Erster seinen Rausch haben oder die größte Menge Alkohol von allen getrunken haben, um im Mittelpunkt zu stehen. Dagegen wird ein alkoholabhängiger Mensch von vielen Mitbür‐ ger/innen immer noch ausgegrenzt und stigmatisiert. Es muss aber gesagt werden:
Die „Alkopop‐Generation“ der 12‐ bis 16‐jährigen Jugendlichen aus den Jahren 2002 bis 2004 befindet sich 2010 in der Altersgruppe der 18‐ bis 24‐Jährigen. Diese Jugendlichen wurden durch die damalige Alkopopwerbung dahin gehend geprägt, dass Spirituosen bei ihnen be‐ liebter wurden, als in anderen Altersgruppen. Im Marktsegment der spirituosenhaltigen Al‐ kopops gab es seit 2004 bei den Kindern und Jugendlichen, bei Mädchen und Jungen, an‐ ders als beim Rauschtrinken mit Bier, Spirituosen und bier‐ und weinhaltigen Mischgeträn‐ ken, einen deutlichen Rückgang im Konsum. Für den Absatz von Biermischgetränken ergab sich 2007 z. B. ein Zuwachs von 8,7% zum Vorjahr (2006: 26,5% zum Vorjahr; www.dhs.de/ web/datenfakten/alkohol.php; Coder et al. 2009). Dies geschah vermutlich durch
a) die Einführung der Alkopop‐Sondersteuer, die Bundeskanzler Schröder 2004 letztlich mit der Kanzlermehrheit durchsetzen konnte,
b) die intensive Aufklärung in den Medien und
c) die öffentliche Diskussion der Risiken des Alkopopkonsums.
Kinder und Jugendliche verfügen über geringere finanzielle Mittel und sind stärker preissen‐ sibel als Erwachsene (vgl. RAND Europe 2009). Zur vertiefenden Information und Lektüre der Alkopops‐Debatte vgl. Schlieckau 2004.
Die folgende Abbildung zeigt den erfreulich deutlichen Rückgang im monatlichen Konsum spirituosenhaltiger Alkopops bei den 12‐ bis 17‐Jährigen im Zeitraum von 2004 bis 2008. Durch das Alkopopsteuergesetz und ggf. durch weitere Wirkfaktoren wurde also das Ziel er‐ reicht, den Kinder‐ und Jugendschutz sicherzustellen und dieses Marktsegment erfolgreich zu regulieren.
Abbildung 7: Häufigkeit des monatlichen Konsums von spirituosenhaltigen Alkopops bei den 12‐ bis 17‐Jährigen (m/w) 2004, 2005, 2007 und 2008, in Prozent
Quelle: BzgA, DAS 2008, 7
Ein ähnlich erfreulicher Abwärtstrend zeigte sich in den bisher 14 Querschnittstudien, die in der Dietrich Bonhoeffer Klinik von April 2004 (einige Monate vor Einführung der Alkopop‐ sondersteuer) bis Oktober 2010 halbjährlich durchgeführt wurden, beispielsweise bei der Le‐ benszeitprävalenz des Konsums von Alkopops (tatsächlicher Konsum, mindestens einmal im Leben) bei den 14‐ bis 25‐jährigen Patient/innen der Klinik (s. Abb. 8: Schlieckau 2010). Die Patient/innen hatten weit überwiegend eine Polytoxikomanie (Abhängigkeiten von Alko‐ hol, Tabak, Cannabis, Amphetaminen, Opiaten und weiteren Suchtsubstanzen), sowie Dop‐
peldiagnosen im Bereich psychischer, sozialer und psychiatrischer Störungen entwickelt. Sie berichteten von einem Einstieg in den Substanzmissbrauch, den sie i. d. R. mit Tabak und Al‐ kohol gefunden hatten. Dieser Befund entspricht der von Kandel und Yamaguchi (1999) for‐ mulierten Entwicklungssequenz des Drogenkonsums, in der davon ausgegangen wird, dass der Konsum legaler Drogen dem (harten) Konsum von illegalen Drogen, unabhängig vom kul‐ turellen und historischen Hintergrund, vorausgeht. Die Patient/innen der Klinik haben i. d. R. einen Haupt‐ oder Förderschulabschluss oder ein Schulabgangszeugnis, selten die Mittlere Reife oder das Abitur erreicht. Sie sind überwiegend von Geburt Deutsche, wohnen überwie‐ gend bei Angehörigen, sind alleinstehend, erwerbslos und kinderlos. Sie sind durchschnittlich 19 bis 20 Jahre alt und waren vor der Behandlung durchschnittlich seit sieben Jahren abhän‐ gigkeitskrank.
Abbildung 8: Lebenszeitprävalenz des Konsums von spirituosenhaltigen Alkopops (vor der Therapie) bei 14‐ bis 25‐jährigen Patienten (m/w) der Dietrich Bonhoeffer Klinik, Daten aus 14 klinikinternen Querschnittsstudien
Quelle: Schlieckau 2010
3. Trinkkulturen
Das Wort "Alkohol" stammt aus dem Arabischen und wurde von Paracelsus 1520 wieder auf‐ gegriffen. Das seit Jahrtausenden beliebteste Getränk wird zu unterschiedlichsten Anlässen als Nahrungsmittel, als Genussmittel, als psychoaktive Substanz oder als „Heilmittel“ konsu‐ miert. Menschen in verschiedenen Regionen der Welt gehen unterschiedlich mit Alkohol um. Bestimmte Völker können v. a. genetisch bedingt schlechter mit Alkohol umgehen, wie z. B. die indigenen Völker oder die Aborigines in Australien. Es gibt in verschiedenen Regionen der Welt unterschiedliche Trinkkulturen, die sich über lange Zeiträume entwickelt haben (Pitt‐ man 1967):
a) Abstinenzkulturen gibt es z. B. in Saudi‐Arabien und im Iran. Alkoholkonsum gilt in diesen Kulturen als unnormal und wird gesellschaftlich geächtet. Eine Ausnahme stellt der heuti‐ ge Iran mit dem in der Bevölkerung stark verbreiteten Opiatmissbrauch dar.
b) Ambivalenzkulturen gibt es z. B. in Norwegen, Schweden, Finnland, Island, USA und Kana‐ da. Der Alkoholkonsum wird in diesen Kulturen prohibitiv eingeschränkt, es kommt je‐ doch mitunter zu explosiven Trinkkonsummustern.
c) Permissivkulturen gibt es z. B. in Deutschland, der Schweiz, Österreich, Spanien und Itali‐ en. Der Alkohol ist in diesen Kulturen ein Konsumgut. Regelmäßiger Alkoholkonsum gilt als normal, dagegen wird der Alkoholrausch (außer in extremen Permissivkulturen) nur bedingt akzeptiert.
Die folgende Tabelle zeigt die in den verschiedenen Regionen der Welt meistgetrunkenen und daher marktbeherrschenden Alkoholsorten. Tabelle 2: Vorherrschende Alkoholsorten nach Regionen der Welt
Quelle: Babor et al. 2005 (modifiziert)
Die Industrie generiert über das Marketing ihrer Produkte immer neue Konsumbedürfnisse, um Umsatzsteigerungen zu erreichen. Das ist zunächst ein normaler Vorgang im Wirtschafts‐ leben. Wer in industriell entwickelten Ländern die Botschaften der Freizeit‐ und Konsumgü‐ terindustrie kritisch reflektiert, die heute allgemein die Einstellungen und Orientierungen der Verbraucher zum Konsum beeinflussen sollen, wird aber auch Prozesse der zunehmenden Kommerzialisierung und Entgrenzung des Lebens sowie den möglichen Suchtcharakter von … Flatrateessen (“binge eating”, „all‐you‐can‐eat“, z. B. Brunchen), All‐ inclusive‐Urlaub, d. h. möglichst viel Konsum für wenig Geld, Flatrate‐Trinken bis zum Koma (“all you can drink”), Exzessiven Marathonlauf‐Serien einzelner Sportfans, Doping im Sport,
Telefon‐, Handy‐, Fernseh‐ und Internet‐Flatrates, Fernsehshows, wie z. B. „Wer wird Millionär?“, Markenklamotten, usw. wahrnehmen.
Allein diese Aufzählung macht deutlich, dass es in unserer Alltagswelt viele Verlockungen zum grenzenlosen Konsum‐“Vergnügen“ gibt. Manche Menschen reagieren in der Tat auf die „Spaßgesellschaft“ mit extremen Konsumverhaltensmustern, die mitunter einen süchtigen Charakter annehmen können. Der Mensch kann sich in einen unersättlichen Konsum verlie‐ ren. Dies wird zum Beispiel zunehmend in der Glücksspielindustrie (Lotterien, Spielhallen und Casinos, Spielbanken, Sportwetten, Online‐Glücksspiel, usw.) und in der Computerspie‐ leindustrie deutlich. Die mit diesen Angeboten und Verhaltensmustern verbundenen Werte sind äußerer Natur. Wenn Glück nur noch über grenzenloses Vergnügen und monetären Er‐ folg definiert und maximiert werden kann und innere Werte gesellschaftlich veröden, wird der Mensch mit dieser Verdinglichung der Werte am Ende wahrscheinlich recht unglücklich werden. Es ist auch vornehme Aufgabe der Kirchen, zu diesem kulturellen Wandel Stellung zu beziehen, einen neuen gesellschaftlichen Diskurs zur Pflege des Gemeinsinns und gegen die ausschließlich materialistische Sinnvermittlung und Gier einer Konsumgesellschaft zu moderieren.
Erster Exkurs: Alkohol als „Kulturgut“? - Von der Kultur des Wegsehens zur Kultur des Hinschauens
Alkohol hat nicht generell etwas mit Kultur zu tun. „Weinanbau und Alkoholkonsum haben zwar eine lange Tradition in Europa, von ‚Kultur‘ kann man aber nur sprechen, wenn Alkohol in sehr geringen Mengen und zu bestimmten Zeiten und Orten getrunken bzw. gar nicht ge‐ trunken würde. Alkoholbedingte Verkehrstote und ‐verletzte, verprügelte Frauen und Kinder sowie Suizide von Jugendlichen sind die Kehrseiten der Medaille „Kulturgut“, die die Gesell‐ schaft nur ungern wahrhaben möchte“ (DHS 2008a).
Alkohol ist bei Jugendlichen der führende Risikofaktor für Tod und Behinderung (WHO 2006). „Gesundheitliche Risiken aufgrund von Alkoholkonsum werden häufig unterschätzt“ (Bartsch 2007). Diesen Umständen ist nicht allein mit technischen Argumenten zu begegnen. Es macht auch eine ethische und Grundwerte‐Diskussion erforderlich, die den Rahmen die‐ ses Buches jedoch sprengen würde und hier nur angerissen werden kann, die aber noch zu führen ist.
Es geht in der Diskussion um Jugend und Rauschtrinken nicht um Verbote. Kinder und Ju‐ gendliche wollen eine normative Orientierung und brauchen einen effektiven Schutz. Die El‐ tern und die Gesellschaft sind ihnen beides schuldig.
Die Deutschen haben kulturell bedingt eine permissive (d. h. erlaubende, gewährende, J. S.) Haltung zum Alkoholkonsum. 80% bis 90% der Bevölkerung konsumiert gelegentlich Alkohol (Simpura et al. 1997). Was wir heute brauchen, ist eine Einstellungsänderung gegenüber den Risiken des Alkohol‐ und Drogenkonsums. Es kann, wie gesagt, nicht darum gehen, All‐ tagsdrogen pauschal zu verteufeln. Aber es sollte darum gehen, die Gefährdungen durch den Substanzmissbrauch zu verdeutlichen. Dazu gehört die gesundheitliche Aufklärung über Al‐ kohol und Drogen und die damit verbundenen Risiken. Es geht sowohl um den Abbau von
unbegründeten elterlichen Ängsten vor dem Missbrauchsverhalten Jugendlicher und von möglichen Vorurteilen vieler Bürger/innen gegenüber Abhängigkeitskranken, wie um kon‐ krete und evidenzbasierte Massnahmen zur Gesundheitsförderung.
Nach dem Konzept der Punktnüchternheit sollte Alkohol komplett gemieden werden: 1. am Arbeitsplatz, 2. bei der Bedienung von Maschinen, 3. im Straßenverkehr, 4. beim Sport,
5. in der Schwangerschaft und während der Laktation (Stillzeit), 6. bei Medikamenteneinnahme und nach Behandlung einer Alkoholabhängigkeit (vgl. DHS, 2008).
Aber auch in der Freizeit stellt exzessives Trinken eine Un‐Kultur dar. Gefordert ist m. E. ein Paradigmenwechsel in der Haltung zum Alkohol als Genussmittel und Zellgift, wie er bei‐ spielsweise in unserem Nachbarland Frankreich seit den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts vorgelebt wird. Dort heißt es in etwa:
Eine hohe Krankheitsbelastung durch (vermeidbaren!) Alkoholmissbrauch kann sich die Ge‐ sellschaft nicht nur aus ethischen und gesundheitsökonomischen Gründen, sondern auch volkswirtschaftlich immer weniger leisten (Bühringer et al. 2000, Chaloupka et al. 2002, An‐ derson & Baumberg 2006).
Mehr noch: Die Bürgerinnen und Bürger sollten ihre Volksvertreter in den Parlamenten mit Nachdruck mit der Aufforderung zur Umsetzung der seit Jahren bekannten und wissen‐ schaftlich gesicherten, evidenzbasierten Alkoholpräventionsstrategien unterstützen. Weil es in demokratischen Gesellschaften immer um einen Interessenausgleich gehen muss, braucht es eine gesellschaftliche Risikodiskussion und einen viel stärkeren Gegendruck gegen die starke politische Einflussnahme der Alkohollobbyisten, denen es bisher gelungen ist, ihre Kli‐ entel‐Interessen weitestgehend durchzusetzen. Es geht daher um eine zielführende Ent‐ scheidung im Konflikt zwischen wirtschaftsliberaler Marktgestaltung und staatlicher Regulie‐ rung des Alkoholmarktes zugunsten von Public Health‐Ansätzen. Um evidenzbasierte alko‐ holpolitische Strategien umzusetzen, reicht der nationale Rahmen der Politik jedoch immer weniger aus. Der Markt für Alkohol und Alkoholwerbung ist ein europäischer und globaler Markt geworden. Alkoholische Getränke und Alkoholwerbung überqueren die Ländergren‐
zen. Die Alkoholindustrie ist international gut vernetzt, agiert multinational und muss sich unter hohem Konkurrenzdruck global ständig neue Märkte schaffen. Eine Public Health‐Poli‐ tik mit einer drogenpolitischen Gesamtstrategie muss daher vornehmlich auf internationaler und europäischer Ebene durchgesetzt und koordiniert werden (vgl. etwa die WHO‐Erklärung von Valencia gegen Werbebotschaften):
A. Auf internationaler Bühne entwickelt vornehmlich die WHO Initiativen (seit Jahrzehnten). B. Auf EU‐Ebene gibt es bereits einen mit dem Europäischen Parlament abgestimmten Handlungsplan der Europäischen Kommission (European Commission 2006). Seit 2007 ar‐ beitet das Europäische Alkohol‐ und Gesundheitsforum (European Alcohol and Health Forum), in dem alle relevanten europäischen Alkohol‐Interessengruppen, sowie Non‐Pro‐ fit‐Organisationen und Public Health‐Interessengruppen vertreten sind (vgl. den Anhang, 9.7.), der europäischen Politik als Beratergremium zu. Die Mitglieder des Forums ver‐ pflichten sich, geeignete Präventionsstrategien auch selbst umzusetzen. Leider wird die‐ ses Forum noch stark von der Alkohollobby dominiert.
C. Auf nationaler Ebene muss ebenfalls eine drogenpolitische Gesamtstrategie und ein Akti‐ onsplan Alkohol formuliert und umgesetzt werden.
D. Neben europäischen und nationalen Aktionsplänen gilt es, durch Gemeindemobilisierung auf lokaler Ebene vernetzte Hilfen zu schaffen, um mit den vor Ort versammelten Akteu‐ ren evidenzbasierte kommunale Präventionsstrategien nachhaltig umzusetzen (Babor et al. 2005). Je weniger die Bereitschaft auf höherer politischer Ebene (Länder, Bund, EU) vorhanden ist, wirksame Alkoholkontrollmassnahmen zu unterstützen, desto wichtiger können lokale Initiativen zur Schadensreduzierung werden (Babor et al. 2005, 167). Ne‐ ben Staat, Behörden, Kirchen, Verbänden, Unternehmen, Gewerkschaften, Profit‐ und Non‐Profit‐Organisationen und anderen Akteuren kann der Einzelne in der Kommune durch bürgerschaftliches Engagement einen guten Beitrag für einen verbesserten Kinder‐ und Jugendschutz leisten (Holder et al. 2000, Greater London Authority 2003). Insgesamt aber muss es auch gelingen, den einzelnen Bürger besser als bisher über die Risi‐ ken des Alkoholmissbrauchs zu informieren, damit er sich leichter ein Urteil über geeignete Präventionsstrategien machen kann.
Um sich den Themen „Rauschtrinken von Kindern und Jugendlichen“ und „Alkoholkontroll‐ politik“ zu nähern, müssen zunächst noch einige Begriffe klar definiert werden.
4. Das Rauschtrinken bei Kindern und Jugendlichen
Die „Alkoholsozialisation“ beginnt nach Wiedig und Weber (2002, 108ff.) schon im Vorschul‐ alter durch das „Lernen am Modell“.
Die Jugend ist die Lebensphase zwischen der Kindheit und dem Erwachsensein. Dieser Über‐ gangsprozess verläuft individuell höchst unterschiedlich. In der Jugend lösen sich die Men‐ schen allmählich aus der Bindung zu den Eltern heraus. Jugendliche haben u. a. ein natürli‐ ches Bedürfnis nach Grenzüberschreitung. Sie haben heute häufig ein kulturell vermitteltes Bedürfnis nach einem kontrollierten Rausch: Martinic und Measham sehen im Rauschtrin‐ ken den Versuch von Jugendlichen, einen „kontrollierten Kontrollverlust“ („controlled loss of control“) zu praktizieren (Martinic & Measham 2008, 262). Dies geschieht zu einer Zeit, in der viele Eltern in der Erziehung wenig Orientierung anbieten (können), wenig Grenzen set‐ zen und nicht mehr darauf achten, Rituale des Alkoholkonsums zu vermitteln und vorzule‐ ben, die eine Funktion für die Begrenzung gesundheitlicher Risiken hätten („harm reducti‐ on“, vgl. Flammer 1991). Natürlich sollten Erwachsene zuerst einmal selbstkritisch ihre eige‐ nen Trinkkonsummuster überprüfen (Vorbildfunktion) und dann in der Kindererziehung risi‐ koarme Trinknormen vermitteln (siehe dazu das Kapitel zur Alkoholprävention). Es ist aus‐ serdem entscheidend, zu fragen, ob der Jugendliche zu einem gegebenen Zeitpunkt bereits über die notwendige Reife verfügt, auf dem schmalen Grad des von ihm bewusst praktizier‐ ten Trinkverhaltensmusters Grenzen einzuhalten und nicht ungewollt in riskante Situationen (Verkehrsunfälle, ungeschützter Geschlechtsverkehr, Gewalt, usw.) zu geraten. „Die Kinder und Jugendlichen sehen nicht mehr ihre kritische Grenze, wann genug ist und trinken bis zur Bewusstlosigkeit weiter“, sagte 2004 Lutz Bauer, Oberarzt für Kinder‐ und Jugendpsychiatrie im Vivantes‐Klinikum in Berlin über die akut intoxikierten behandlungsbedürftigen Teenager und fügte hinzu: „... unsere Jüngste war elf. Sie hatte 2,3 Promille Alkohol in sich“.
Um sich wissenschaftlich dem Phänomen des Rauschtrinkens zu nähern, empfiehlt sich zu‐ nächst der Blick in die einschlägige Forschungsliteratur, die immer noch stark US‐amerika‐ nisch dominiert ist. Forschungsarbeiten können über verschiedene Suchsysteme gezielt re‐ cherchiert werden, etwa über PubMed, MEDLINE und PsychINFO, mit folgenden Suchbegrif‐ fen in Englisch, Deutsch und weiteren Sprachen:
Binge drinking oder episodic heavy drinking oder intoxication oder drunkenness, mit: Preva‐ lence, Epidemiology, Survey, Adults, Young people, Adolescents, Europe, Accidents, Injuries, Intentional injuries, Unintentional injuries, Crime, Violence, Aggression, Domestic violence, Child abuse, Suicide, Murder, Homicide, Heart disease, Cardiovascular diseases, Strokes, Pri‐ ce, Tax, Legal age, Availability, Advertising, Drink driving, Education, Massmedia, Informa‐ tion, Server training, Bars, Communities, Treatment, Safety.
4.1. Rauschtrinken
Der Alkoholrausch kann begrifflich von einer kaum merklichen Beeinträchtigung (leichter Schwips) über eine Berauschung und einen starken Rausch (Vollrausch) bis zur komatösen Bewusstlosigkeit (extremes „Komatrinken“, s. u.) reichen. Dies kann zu Problemen bei der Interpretation des Begriffes Rauschtrinken führen. Die Europäische Schülerstudie ESPAD fragte 2003 daher explizit nach der Stärke der Räusche, von „nur etwas beschwipst“ bis „sturzbetrunken“ und „so schwer berauscht, dass ich nicht mehr auf den eigenen Beinen ste‐ hen konnte“. So konnten mit den ESPAD‐Studien differenzierte Daten erhoben werden. Ältere Jugendliche und junge Erwachsene praktizieren das Rauschtrinken am Häufigsten. Ge‐ legentliche Rauschtrinker verursachen die meisten alkoholbezogenen Probleme. Dieser Um‐ stand wird in der Literatur als Präventions‐Paradoxon bezeichnet (Kreitman 1986, vgl. Ros‐ sow & Romelsjö 2006 und Uhl 2005f, 6f.). G. Rose verstand unter dem Begriff „Präventions‐ paradoxon“, anders als Kreitman, den Umstand, dass sinnvolle und erfolgreiche bevölke‐ rungsbezogene Massnahmen aus der persönlichen Sicht der Mehrheit der Bürger durchaus als sinnlos aufgefaßt werden können (G. Rose 2001).
Uhl & Springer weisen darauf hin, dass bei Bevölkerungsumfragen das Ausmaß der alkohol‐ assoziierten Probleme bei starken Trinkern systematisch unterschätzt werde (Uhl & Springer 1996).
Bei jedem Alkoholrausch sterben Gehirnzellen ab. Regelmäßiges Betrinken führt zu einem schlechteren Gedächtnis und verminderter Intelligenz. Schlaganfälle und Herzrhythmusstö‐ rungen können direkt durch einen schweren Rausch ausgelöst werden. Die Unfallgefahr ist für Betrunkene in allen Bereichen um ein Vielfaches erhöht.
Die Beeinträchtigungen der Psyche sind abhängig von...
‐ der Blutalkoholkonzentration (BAK; das Maximum wird nach 45 bis 75 Minuten erreicht), ‐ den Persönlichkeitsmerkmalen,
‐ der Erfahrung im Umgang mit Alkohol (Anpassung, Lernen), ‐ der Umgebung und Wirkungserwartung, ‐ dem Mischkonsum mit Alkohol und anderen Drogen. Durch den Rausch sind eingeschränkt... ‐ Bewegungssinn, Gleichgewichtssinn,
‐ Reaktionszeit (Grenzwert: 0,4 Promille; Eckardt et al. 1998b), ‐ Urteilsvermögen, ‐ Emotionen, Sensibilität.
Rauschzustände können wie folgt klassifiziert werden:
Tabelle 3: Einteilung der Rauschzustände nach Feuerlein et al.
Ab einer BAK von 4,0 Promille beginnt bei Erwachsenen das alkoholische Koma mit möglicher Todesfolge nach Ersticken, Kreislauf‐ und Atemstörungen. BAK‐Promilleangaben gelten für Erwachsene! Quelle: Feuerlein et al. 1998
Rauschtrinken führt häufig zu Schäden z. B. durch Unfälle, Gewalt, usw. Die große COGA‐Stu‐ die grenzte spezifische Genregionen ein, die mit dem Alkoholrisiko assoziiert sind, konnte aber keine Gene für Alkoholismus identifizieren (Rose et al. 2001, Dick et al. 2002). Zu den neurobiologischen Aspekten des Rauschtrinkens und dem dopaminergen System s. Stolle et al. 2009, 326f. und vgl. Abel 1988, Peterson et al. 1990, Goodlett & Peterson 1995, Finckh et al. 1997, Kono et al. 1997, Brown et al. 2000, De Bellis et al. 2000, Mann 2002, 2008, Agartz et al. 2003, Hiller‐Sturmhövel & Swartzwelder 2004, Nagel et al. 2005, Sowell et al. 2005, Zeigler et al. 2005, Spear & Varlinskaya 2006, Tapert & Schweinsberg 2006, DHS 2008, IAS 2009b, Beutel in: www.diakonie‐baden.de/aktuelles/binge‐drinking.htm.
4.2. „Komatrinken“, „Kampftrinken“ und „Kofferraumsaufen“
Diese Begriffe entsprechen nicht dem Begriff Binge drinking. Die wissenschaftliche Begleit‐ studie des HaLT‐Projektes fasst die Motive für schwere Alkoholintoxikationen in vier Haupt‐ gruppen zusammen: (1) Wetten und Trinkspiele, (2) Exzessives Trinken als Zeitvertreib, (3) Naivität und Unwissenheit im Umgang mit Alkohol und (4) Trinken als Problemverdrängung (PROGNOS AG 2007, vgl. Kuttler 2009 und DAK 2010).
Da bei einem schweren Rauschzustand akute Lebensgefahr bestehen kann, ist eine intensiv‐ medizinische Behandlung notwendig. Das alkoholische Koma beginnt meist bei einer Blutal‐ koholkonzentration (BAK) von über 4,0 Promille (bei Erwachsenen! Anm. d. Verf.). Bei etwa 5,0 Promille liegt die Letalität (bei Erwachsenen! Anm. d. Verf.) bei rund 50% (DHS 2003). Tödlich wirkt in der Regel eine Dämpfung des Atemzentrums, das Verschlucken des Erbro‐ chenen mit anschließendem Ersticken oder die starke Unterkühlung Betrunkener, die im Winter komatös im Freien liegen bleiben.
Bedenklich ist nicht, wenn ein 18‐Jähriger sich etwas beschwipst fühlt, sondern wenn er eine hohe Alkoholtoleranz entwickelt hat, auch bei großen Alkoholmengen keine Anzeichen von Beeinträchtigung zeigt und sich nicht berauscht fühlt (BMA 1995, Uhl et al. 2005).
Vielfach geübte Praxis der Event‐Gastronomie waren in den letzten Jahren Veranstaltungen mit "Flatrate‐Angeboten" für alkoholische Getränke. Diese zielten erkennbar auf die Verab‐ reichung von Alkohol an Betrunkene ab und provozierten geradezu das Komatrinken. Dies ist also ein konkretes Beispiel dafür, wie der Jugendschutz mit Füßen getreten wurde. Solche Veranstaltungen sind nach geltendem Recht unzulässig (Gaststättengesetz, § 20). Die vor‐ malige Drogenbeauftragte Sabine Bätzing begrüßte das Verbot von Flatrate‐Partys: „Angebo‐ te zum Rauschtrinken sind unverantwortlich. Ein verantwortlicher Umgang mit Alkohol wird besonders bei Jugendlichen und jungen Menschen durch diese Angebote deutlich unterlau‐ fen“ (BMG, PM 2009). Weil Jugendlichen oft noch ein Maßstab fehlt, braucht es neben der Erziehung und Verhaltensprävention gesetzliche Regelungen zur Marktregulierung. Bereits im Vorfeld kann das Marketing entsprechender Veranstaltungen verboten werden, da die Annoncierung solcher Veranstaltungen ein klares Indiz für die Abgabe von Alkohol an Be‐ trunkene darstellt. Die Durchführung von Flatratepartys muss gemäß Gaststättengesetz, § 4 Abs. 1 Nr. 1 und § 15 Abs. 2 zum Widerruf der Gaststättenerlaubnis führen (Anm. d. Verf.)! 4.3. Binge drinking
Das Binge drinking trat als problematisches Phänomen in den 80er und 90er Jahren des 20. Jahrhunderts in den USA besonders an den Colleges auf. Viele US‐Studien zum Binge drin‐ king wurden daher bereits vor dem Jahr 2000 durchgeführt („College Alcohol Study“ CAS 1994, 1997, 1999 und 2001: Wechsler et al. 1994, 1998, 2000b, 2001e; Schulenberg et al. 1996, u. a.). Längsschnittanalysen zeigten, dass die Rate niedrigfrequenter und abstinenter College‐Studierender zugenommen hatte, die Rate an Binge drinkern aber über die Zeit sta‐ bil geblieben war. In Europa war dieses Trinkkonsummuster bei Kindern und Jugendlichen
bereits bekannt, wurde aber ca. 10 Jahre später als in den USA, ab dem Jahr 2000 auffällig und dann auch zunehmend von europäischen Forschern untersucht. Dies erfolgte zuerst durch die 2. und 3. Prävalenzschätzung in der Schweiz 1997 und 2002 (Wicki, Gmel et al. 2005; die 4. Prävalenzschätzung folgte 2007. Vgl. für Deutschland BzgA, Drogenaffinitäts‐ studien 2004 und 2007).
Deutschland liegt beim Binge drinking im europäischen Vergleich im oberen Drittel. Da im angloamerikanischen und auch im skandinavischen Raum andere Trinkkonsummuster und eine andere Alkoholpolitik praktiziert werden, sind die Ergebnisse von Studien aus diesen Re‐ gionen nur bedingt auf die Verhältnisse in Mitteleuropa und Deutschland übertragbar. Ein Großteil der bisherigen Forschungsergebnisse zum Binge drinking liegt uns bisher aber aus US‐amerikanischen Studien vor. Leider sind hierzulande die Forschungsmittel im Suchtbe‐ reich begrenzt. In den letzten Jahren wurde allerdings auch die europäische Suchtforschung etwas intensiviert.
Umgangssprachlich bedeutet Binge drinking das Trinken von Alkohol bei einem Trinkgelage („to binge on something“ = „sich mit etwas vollstopfen“); in der Epidemiologie bedeutet es Rauschtrinken. ‐ Doch wie lautet nun die gebräuchliche Definition des Binge drinking?
Diese heute allgemein anerkannte und überwiegend gebräuchliche Definition der Epidemio‐ logen geht auf Wechsler et al. (1994) zurück und ist unscharf. Ein Glas enthält ca. 10g bis 12g reinen Alkohol. Man spricht also von Binge drinking, wenn z. B. samstagabends mindestens 5 Glas Bier oder 5 Glas Wein oder 5 Glas Spirituosen o. ä., insgesamt mindestens 60g reiner Al‐ kohol bei einer Trinkgelegenheit (Episode) getrunken werden. Im klinischen Bereich ist die‐ se Definition von Binge drinking weniger von Bedeutung, da es in der Behandlung von Per‐ sonen mit starkem Alkoholmissbrauch teilweise um wesentlich höhere Alkoholkonsummen‐ gen geht. Jedoch kann diese weltweit gebräuchliche Definition gute kulturübergreifende Hin‐ weise auf die Verbreitung des Binge drinking ermöglichen.
Es gibt noch eine ganze Reihe anderer (regional und/oder inhaltlich unterschiedlicher) Defi‐ nitionen von Binge drinking (Alcohol Concern 2003, NIAAA 2004, Schuckit 2006a, WHO 2009, u. a.). „The US based National Institute of Alcohol and Alcoholism (NIAAA) defines binge drinking as a pattern of drinking alcohol that brings the blood alcohol concentration (BAC) to 0.8g/l or above. For the typical adult, this pattern corresponds to consuming 70g alcohol or more (male) or 56g or more (female) in about two hours“ (NIAAA 2007, zitiert nach Ander‐ son 2008, 15). In Großbritannien ist Binge Drinking als Konsum von acht oder mehr Trinkein‐ heiten bei Männern und sechs oder mehr Trinkeinheiten bei Frauen definiert (eine Getränke‐ einheit entspricht dort 7,9g Alkohol: Alcohol Concern 2003). In den USA wird „Binge drin‐ king“ meist auf ein Zeitfenster von zwei Stunden bezogen (Stolle et al. 2009, 324). Das Natio‐ nal Institute on Alcohol Abuse and Alcoholism in den USA orientiert sich seit 2007 am Blutal‐
koholwert (0,8 Promille und mehr bei Erwachsenen: NIAAA 2004, 2007), was letztlich pro‐ blematisch ist, da es den typischen Erwachsenen nicht gibt. Die WHO bezeichnet den „Konsum einer großen Menge Alkohol“ als Binge drinking (WHO 2009b). Seit 2007 wird bei ESPAD der Terminus „Heavy Episodic Drinking“ statt Binge Drinking benutzt. Daher muss bei der Interpretation von Studienergebnissen jeweils beachtet werden, von welcher Definition des Binge drinking im Studiendesign ausgegangen wurde.
In vielen angelsächsischen Ländern wird statt von Gläsern von „Standarddrinks“ (die exakt 10g reinen Alkohol enthalten) gesprochen. Dieser Terminus wird als Recheneinheit verstan‐ den. So wird z. B. in Australien auf verkauften Getränken angegeben, wie viele Standard‐ drinks sie enthalten (www.alcohol.gov.au/internet/alcohol/publishing.nsf/Content/standard, aufgerufen am 03.08.2009). Die Alkoholhersteller ermitteln die durchschnittlichen Volu‐ men‐Prozente Alkohol in einer Getränkesorte und geben diese bekannt.
Das Langenscheidt Handwörterbuch Englisch (Messinger, 1994) übersetzt „Binge“ mit „Gela‐ ge“, mit „über mehrere Tage andauernden Feiern mit starkem Alkoholkonsum“ sowie mit „ei‐ nen Draufmachen“, also mit einer „Sauftour“. Im deutschen Sprachraum wird „Binge drin‐ king“ oft auch mit Begriffen wie „Kampf“‐, „Wett“‐, „Kofferraum‐“ und „Komatrinken“ (s. o.) gleichgesetzt, die eine Reihe erheblich andere Bedeutungen haben, was eine einheitliche Verwendung des Begriffes Binge drinking noch komplizierter macht. In diesem Buch wird da‐ her in der Folge, der Einfachheit halber, die von Epidemiologen bevorzugte Definition des Binge drinking von Wechsler et al. (2004) benutzt.
Jeder fünfte deutsche Jugendliche trinkt einmal im Monat 5 Gläser oder mehr Alkohol (BZgA 2009). Diese Menge gefährdet bereits die körperliche und geistige Entwicklung von Jugend‐ lichen (Seitz, Bühringer & Mann 2008). Beim Binge drinking muss u. U. noch nicht einmal ein Rausch auftreten. Erfahrene Trinker, die bereits eine höhere Toleranz gegenüber Alkohol entwickelt haben, müssen nach 5 Gläsern jedenfalls noch keinen deutlichen Rausch verspü‐ ren. Sie meinen oft, dass sie viel Alkohol vertragen können, ohne beeinträchtigt zu sein. Sie merken aber in der Gewöhnung an den Alkohol nicht (oder wollen es nicht wahrhaben), dass sie sich möglicherweise schleichend auf dem Weg in eine Alkoholabhängigkeit befinden oder sogar bereits alkoholabhängig geworden sind. Auch das Risiko im Umgang mit Spirituosen ist nicht zu unterschätzen. Im Gegensatz zu Bier oder Wein kann dem Körper durch Spirituosen in kurzer Zeit eine erheblich größere Menge Alkohol zugeführt werden. Es kommt dann oft
gar nicht zu den bekannten Ausfällen nach Bier‐ und Weinkonsum, wie z. B. Müdigkeit, Reak‐ tionsschwächen, Übelkeit, Erbrechen und allmählichem Abbau von Alkohol. Dieser Schutz‐ mechanismus entfällt bei großen Mengen Spirituosen, und eine Vergiftung tritt überra‐ schend schnell und plötzlich auf. Der Körper muss dann mit der gesamten Menge Alkohol auf einmal fertig werden. Ein paar Gläser Alkohol können also sehr wohl recht gefährlich sein, nicht nur für den Organismus eines Jugendlichen. Der Mythos, ein paar Gläser Alkohol scha‐ deten nicht (s. o.), stimmt so nicht.
Zudem muss man erstens berücksichtigen, dass Kindern bis zur Pubertät noch nicht alle drei, sondern bestenfalls zwei funktionierende Alkoholabbauenzyme im Körper zur Verfügung ste‐ hen. Daher persistieren nach exzessiver Alkoholzufuhr vorübergehend hohe Alkoholmengen im Körper und wirken besonders schädigend auf alle Organe, besonders aber auf das noch in der Entwicklung befindliche Gehirn.
Man muss zweitens sehen, dass der Körper von Kindern im Vergleich zum Körper Erwachse‐ ner ein viel kleineres Volumen bietet, in dem sich die Alkoholmenge verteilen kann. Man muss drittens bedenken, dass Mädchen und Frauen im Vergleich zu Männern durch ihr i. d. R. geringeres Körpervolumen, eine geringere Alkoholabbaurate, prozentual weniger Kör‐ perflüssigkeit und einen größeren Fettanteil deutlich weniger Alkohol vertragen. Viertens ist darauf hinzuweisen, dass Kinder von alkoholkranken Eltern häufig mehr Alkohol zu sich nehmen müssen, um überhaupt die gleiche Rauschwirkung verspüren zu können, wie andere Gleichaltrige. Sie reagieren durch ihre genetische Disposition enzymatisch anders auf Alkohol als Kinder von gesunden Eltern.
In der DAK‐Studie von 2007 wurde deutlich, dass rauchende Jugendliche deutlich häufiger zum "Rauschtrinken" (Binge drinking) neigen, als nichtrauchende Jugendliche. So gaben 62% der rauchenden Schüler an, im letzten Monat mindestens einmal fünf oder mehr Gläser Al‐ kohol direkt hintereinander getrunken zu haben (Nichtraucher: 20%). Besonders stark sei dieser Unterschied bei den 11‐ bis 15‐Jährigen. In dieser Gruppe sei die Häufigkeit für "Binge drinking" bei den rauchenden Schülern sogar fast fünfmal so hoch wie bei den nicht rau‐ chenden Schülern (52% vs. 11%: Morgenstern et al./DAK 2007, 7).
Die Studie der SFA‐ISPA von 2009 in der Schweiz brachte folgendes Ergebnis: Je häufiger die älteren Geschwister sich betrinken und je geringer die elterliche Fürsorge ist, desto eher trinken auch die jüngeren Geschwister auf problematische Weise. Selbst bei guter Fürsorge der Eltern habe sich gezeigt, dass die jüngeren Kinder eher zum Rauschtrinken neigten, wenn dies die älteren Geschwister auch praktizierten (Gossrau‐Breen et al./SFA‐ISPA 2009). Der (vorübergehende) Konsum verschiedener psychotroper Substanzen ist viel typischer für das Jugendalter als der Konsum nur einer einzigen Droge (z. B. Alkohol). „Jugendliche, die über ‚Binge drinking‘ berichten, konsumieren zu einem hohen Prozentsatz weitere psycho‐ trope Substanzen“ (Stolle et al. 2009, 325). Ebenso kommt es häufig vor, dass Jugendliche mit Alkoholproblemen zusätzliche komorbide psychische, psychiatrische oder soziale Störun‐ gen aufweisen. Psychiatrische Störungen können sowohl Ursache als auch Folge einer Ab‐ hängigkeitserkrankung sein.
Abbildung 9: Beziehungen zwischen Alkoholkonsum, intermediaten Variablen und alkoholbezogenen Folgestörungen
Quellen: Rehm et al. 2004, Babor et al. 2005 (modifiziert)
4.4. Akute Alkoholvergiftung
Im Kindes‐ und Jugendalter treten alkoholmissbrauchende Kinder und Jugendliche klinisch vor allem durch folgende Störungen in Erscheinung: akute Alkoholintoxikation (WHO, ICD‐10: F10.0), schädlicher Gebrauch/Missbrauch von Alkohol (WHO, ICD‐10: F10.1), Alkoholabhängigkeitssyndrom (zumeist bis zur beginnenden Chronifizierung, WHO, ICD‐ 10: F10.2).
Dabei können nach L. G. Schmidt drei Gruppen von exzessiven Trinker/innen unterschieden werden, deren Trinkkonsummuster sich von der Frühadoleszenz über die mittlere Adoles‐ zenz bis ins frühe Erwachsenenalter verschieden entwickeln (sog. Trajektorien, Schulenberg et al. 1996, Hill et al. 2000 und vertiefend Chassin et al. 2002, Maggs & Schulenburg 2006 sowie Schmidt, LG 2009, 471). Unterschieden werden frühe Binge drinker, eine „Late‐onset‐ Gruppe“ mit späterem Binge drinking und eine „fling drinkers‐Gruppe“ mit entwicklungs‐ bedingt begrenztem Binge drinking (Schmidt, LG 2009, 470). Nach Angaben des Statistischen
Bundesamtes und des Bundesministeriums für Gesundheit mussten in Deutschland seit 2000 immer mehr Kinder und Jugendliche mit der Diagnose „akute Alkoholintoxikation“ stationär im Krankenhaus behandelt werden. Dies seien im Jahr 2007 z. B. 3.779 Kinder im Alter von 10 bis 15 Jahren gewesen. Es kam bei Jugendlichen deutlich häufiger als im vergangenen Jahrhundert zu Todesfällen nach starker Alkoholvergiftung. Die tödliche Alkoholkonzen‐ tration im Blut habe in einigen Fällen unter 3‰ gelegen (Hollstedt & Rydberg 1977, bzw. bei 1,8‰ bis 6‰: Schmidbauer & vom Scheidt 1998, 40). Dagegen habe in den 60er Jahren ein 4‐jähriges Mädchen mit einer BAK von 7,4‰ unter intensivmedizinischer Behandlung über‐ lebt (Dickerman et al. 1968).
Abbildung 10: Einweisungen in Krankenhäuser wegen akuter Alkoholintoxikation, 2000 bis 2008, gestaffelt nach Alterskohorten
Quelle: Statistisches Bundesamt: www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/ Content/statistik… (Stand: 20.01.2010)
Die Einweisungen in Krankenhäuser wegen akuter Alkoholintoxikationen haben sich nach Angaben des Statistischen Bundesamtes im Zeitraum 2000 bis 2008 bei allen Altersklassen verdoppelt und bei den 15‐ bis 20‐Jährigen sogar verdreifacht. Akute Alkoholvergiftungen und sog. Komasaufen sind also nicht allein ein jugendspezifisches Problem! Die Behandlung im Krankenhaus wird von der Schwere der Alkoholvergiftung bestimmt. Es kann in der Akutbehandlung erforderlich sein, eine Magenspülung vorzunehmen, Infusionen mit Glukose‐ und Elektrolyt‐Lösungen durchzuführen, um den Flüssigkeitsverlust auszuglei‐ chen, ggf. bei schweren Kreislauf‐ oder Atemstörungen eine Beatmung oder eine Hämodia‐ lyse‐Therapie (Blutreinigung) durchzuführen (DHS 2009a, 5; Schneider et al. 2008). Die Vital‐ parameter (Puls, Atemfrequenz, Blutdruck) müssen dabei regelhaft überwacht werden, da es sich oft um eine lebensbedrohliche Vergiftung handelt.
Abbildung 11: Einweisungen in Krankenhäuser wegen akuter Alkoholintoxikation, 2000 bis 2008, alle Altersklassen
Quelle: Statistisches Bundesamt 2009 (modifiziert)
Betrachtet man den Trend bei den 10‐ bis 20‐Jährigen, so hat sich die Zahl der Krankenhaus‐ behandlungen von 2000 bis 2008 fast verdreifacht (Steigerung um 270 Prozent)!
Abbildung 12: Einweisungen von 10‐ bis 20‐jährigen Kindern und Jugendlichen in Krankenhäuser wegen akuter Alkoholintoxikation, 2000 bis 2008
Quelle: Statistisches Bundesamt 2009 (modifiziert)
4.5. Früher Beginn des Alkoholkonsums und das Rauschtrinken bei Kindern und Jugendlichen
Nun ist das Trinken großer Mengen von Alkohol in kurzer Zeit kein neues Phänomen. Neu und besorgniserregend ist nur der sehr frühe Einstieg vieler Kinder in dieses Alkoholkonsum‐ verhalten und speziell in das frühe Trinken großer Spirituosenmengen. Zum Vergleich: Nach dem 2. Weltkrieg begannen Adoleszente durchschnittlich erst etwa mit 18 Jahren, 1965 begannen sie mit 17,5 Jahren (Schmidt, LG 2009) mit dem regelmäßigen Al‐ koholkonsum (v. a. Bier!). Heute beginnen viele Kinder ca. fünf Jahre früher, im Alter zwi‐ schen 11 und 14 Jahren, bzw. durchschnittlich mit 13,2 Jahren, mit Alkohol zu experimentie‐ ren (Settertobulte & Richter 2007). Bekannt ist das Muster des gemeinsamen exzessiven Be‐ säufnisses von Kindern und Jugendlichen mit hochprozentigen alkoholischen Getränken wie Wodka und Tequila im außerfamiliären Kontext an Wochenenden. Jugendlichen steht heute mehr Geld (auch für Alkohol) zur Verfügung, als noch vor 15 Jahren. Der Trend, dass Kinder immer noch früher in den Alkoholkonsum einsteigen, konnte mittlerweile gebrochen werden (Ravens‐Sieberer & Nickel 2007, 20).
Der erste Rausch wird von Kindern zum Teil bereits kurz nach dem ersten Alkoholkonsum, im Alter von durchschnittlich 13,9 Jahren erlebt. In der Regel geschieht dies im Rahmen der Peer group (Settertobulte & Richter 2007, Stumpp et al. 2009) im sog. „dritten Sozialraum“, wie die Soziologen (Löw & Sturm 2005) sagen, d. h. außerhalb von Familie („erster Sozial‐ raum“) und Schule/Beruf („zweiter Sozialraum“). Die Peer group ist dabei sowohl ein Ex‐ perimentierraum, als auch ein Risikoraum.
Die 14‐ bis 25‐jährigen Patienten der Dietrich Bonhoeffer Klinik, eine Gruppe von Hochrisiko‐ konsument/innen berichteten vom Einstiegsalter beim Konsum von Alkopops wie folgt: Abbildung 13: Einstiegsalter beim Konsum von spirituosenhaltigen Alkopops bei 14‐ bis 25‐ jährigen Patienten (m/w) der Dietrich Bonhoeffer Klinik in Jahren, aggregierte Daten aus 14 Querschnittsstudien 2004 bis 2010
Quelle: Schlieckau 2010; Zahlen geben das durchschnittliche Einstiegsalter an.
Man muss dabei berücksichtigen, dass die Patient/innen der Klinik vor Beginn der Entwöh‐ nungsbehandlung im Durchschnitt bereits seit etwa sieben Jahren abhängigkeitskrank wa‐ ren. Daher hatten sie bereits vor dem großen Hype auf die Alkopops 2002/2003 mit 11 bis 14 Jahren zuerst andere Drogen (Tabak, andere Alkoholsorten, Cannabis) missbraucht. Die Alko‐ pops wurden von den meisten Patient/innen später als Begleitdroge benutzt. Erst bei den neueren Querschnittstudien in der Klinik ab 2009 wurde deutlich, dass die spirituosenhalti‐ gen Alkopops auch bei ihnen recht früh (ab 14 Jahren), noch in den ersten Jahren der Sucht‐ karriere und zeitgleich mit dem großen Hype auf die Alkopops 2002/2003, eine Rolle gespielt hatten. Die ab 2011 folgenden Querschnittstudien bei den zukünftigen Patient/innen wer‐ den erst noch Aufschluss darüber geben müssen, ob das Einstiegsalter beim Alkopop‐Kon‐ sum noch weiter gesunken war. Erst dann könnte man feststellen, ob die Alkopops bei den Patient/innen der Klinik tatsächlich auch eine Funktion als Einstiegsdrogen gehabt hatten. Diese These kann jedenfalls für die Gruppe der Patient/innen der Dietrich Bonhoeffer Klinik nach den bisherigen Befunden der Klinikforschung noch nicht endgültig verifiziert werden. Die Toleranz gegenüber Alkoholtrinkmengen ist bei Jugendlichen im Vergleich zu Erwachse‐ nen ungewöhnlich hoch. Insbesondere für Mädchen hatte sich bereits kurz nach der Jahr‐ tausendwende durch die süßen spirituosenhaltigen Alkopops die Schwelle zum Einstieg in den Alkoholkonsum gesenkt. Jugendliche berauschen sich aber nicht mit Alkopops, die zu‐ meist ca. 5 Vol.‐% Alkohol enthalten, sondern vornehmlich mit wesentlich höherprozenti‐ gen Spirituosen. Die Alkopops‐Welle war bereits 2004 deutlich abgeebbt. Der exzessive Alko‐ holkonsum bei Kindern und Jugendlichen hat seit 2005 besonders unter dem Einfluss der niedrigen Alkoholpreise, die sich seit Jahrzehnten unter der Inflationsrate entwickelt hatten und insofern immer weiter absanken, und der Flatrate‐ und Lifestyle‐Werbung wieder zuge‐ nommen. Das Rauschtrinken von Alkohol verstärkte sich dadurch weiter. Nach Stolle et al. haben Jugendliche, die vor dem 15. Lebensjahr regelmäßig Alkohol konsumieren, gegen‐ über jungen Erwachsenen, die erst mit 20 Jahren regelmäßig Alkohol konsumieren, ein vier‐ fach höheres Risiko, alkoholabhängig zu werden (Grant, Stinson & Harford 2001, Dawson. Li & Grant 2008, Stolle et al. 2009, 326).
Der Drogen‐ und Suchtrat der Bundesregierung hatte es sich in seinem Arbeitsprogramm vom 6. März 2006 daher zum Ziel gesetzt, die Quote der regelmäßig Alkohol konsumieren‐ den 12‐ bis 17‐jährigen Jugendlichen bis 2008 auf unter 18 Prozent zu senken. Nach der Drogenaffinitätsstudie 2008 war dies erfolgreich gelungen: Bei den 12‐ bis 17‐Jährigen tran‐ ken 2008 17,4 Prozent regelmäßig Alkohol, 2004 waren es noch 21,2 Prozent (BZgA, DAS 2008). Der Trend zum exzessiven Trinken, das sog. „Binge Drinking“, ist dagegen weiterhin ungebrochen; dies sind der Anlass und die zentrale Thematik für dieses Buch. Jugendliche, die sich häufig nach der Schule oder am Abend treffen, konsumieren regelmäs‐ siger Alkohol und berichten häufiger Alkoholrauscherfahrungen (HBSC 2006). Jugendliche, deren Eltern nicht wissen, wo (im „dritten Sozialraum“) ihre Kinder den Samstagabend ver‐ bringen, konsumieren mehr Alkohol (ESPAD 2007). Real‐ und Hauptschüler trinken häufiger regelmäßig Alkohol als Gymnasiasten (vgl. dagegen die DAK‐Studie 2010!). Jungen und Mäd‐
chen, die ihre schulischen Leistungen als durchschnittlich und schlechter einschätzen, trin‐ ken ebenfalls regelmäßiger Alkohol (HBSC 2006). Aus der qualitativen Studie des Instituts für Erziehungswissenschaft der Universität Tübingen, „Einflussfaktoren, Motivation und Anreize zum Rauschtrinken bei Jugendlichen“, geht hervor, dass (1.) Jugendliche überwiegend aus „Spaß“ trinken, aber es fänden sich auch (2.) Hinweise auf Alkoholkonsum zur „Bewältigung von Stress und von Problemen“ (Stumpp et al. 2009).
Jugendliches Rauschtrinken finde vorwiegend zusammen mit Freunden bei gemeinsamen Treffen
‐ an privaten Orten, wie z. B. in der sog. „sturmfreien Bude“, ‐ im Partykeller, ‐ auf dem privaten Gartengrundstück oder
‐ auf öffentlichen Plätzen, wie z. B. Supermarktparkplätzen, Bushaltestellen, Busbahnhöfen, Plätzen vor Diskotheken und Jugendtreffs, Half‐Pipes oder in Parks statt (vgl. HBSC 2007).
Vor dem Besuch von Diskotheken und Lokalen findet häufig das typische sog. „Vorglühen“ statt, bei dem sich Jugendliche bereits mit Alkohol berauschen. In Diskotheken selbst prakti‐ zieren sie i. d. R. keinen exzessiven Alkoholkonsum. Nach dem Diskotheken‐Besuch wird oft weitergetrunken. An all diesen kaum von Erwachsenen besetzten Orten können Jugendliche ungestört agieren und ihre Spielräume nutzen. Die Trinkzeiten seien dabei in der Peer group, in der das Rauschtrinken eine soziale Norm darstelle, häufig ritualisiert und relativ klar fest‐ gelegt. Bekannt sei
‐ das Wochenend‐Besäufnis von Jugendlichen am Freitagabend oder Samstagabend, ‐ das Besäufnis nach Sportveranstaltungen und
‐ das Rauschtrinken anlässlich offizieller und besonderer Events (z. B. Geburtstage, Karne‐ val, Silvesterparty; vgl. Stumpp et al. a. a. O.).
In der Tübinger Studie wird eine 17‐Jährige zitiert: „... da bin ich, glaube ich 14 geworden … da habe ich immer mehr getrunken, es war nicht mal eine halbe Wodkaflasche, dann habe ich angefangen zu kotzen, das war nicht mehr schön. Am nächsten Tag hatte ich solche Kopf‐ schmerzen, da habe ich mir geschworen, ich trinke nie mehr Alkohol“ (Stumpp et al. 2009, 20).
Ein extremes Beispiel, das 2007 häufig in den Medien berichtet wurde, war der Alkoholtod nach fünfwöchigem Koma des 16‐jährigen Schülers Lukas W. Er hatte in einer Berliner Bar am 25.02.2007 bei einem durch den Wirt initiierten Wetttrinken innerhalb einer Stunde mehr als 40 Tequila (38 Vol.‐% Alkohol) getrunken.
6,2% der 12‐ bis 17‐Jährigen weisen riskante tägliche Konsummengen von Alkohol auf. Wie‐ tere 2,0% trinken täglich Alkoholmengen, die auch für Erwachsene gefährlich hoch sind (BZgA 2009). Im Zuge der Berichterstattung in den Medien über Alkoholexzesse Jugendlicher wurde das Trinken großer Alkoholmengen in der Bevölkerung vor allem als Problem der Ju‐
gend wahrgenommen, obwohl es zahlenmäßig vor allem Erwachsene betrifft. 2/3 der er‐ wachsenen Bevölkerung trinken aber keine großen Mengen Alkohol und „bingen“ auch nicht.
Der frühe Beginn des Alkoholkonsums, insbesondere des Rauschtrinkens, gilt als Risikofaktor für die spätere Entwicklung einer Alkoholabhängigkeit. Je früher der Beginn, umso größer sind die Risiken und desto schlechter ist die Prognose für das Individuum (Tucker et al. 2003). Die Entwicklung des Trinkens zielt bei den Jugendlichen häufig darauf ab, mehr Kon‐ trolle über den Alkoholkonsum und das mit ihrer Lebenswelt zusammenhängende Verhal‐ ten zu erreichen, gleichzeitig aber auch eine Trinktoleranz zu entwickeln, um größere Men‐ gen vertragen zu können, ohne gleich mit extrem negativen Folgen konfrontiert zu sein. Erlernte Trinkverhaltensweisen setzen sich häufig fort, unterstützt vom vorgelebten Verhal‐ ten Erwachsener. Dieses Konsumverhalten wird sehr stark von der Einstellung der Eltern, des Freundeskreises und des sozialen Umfeldes (Jugendgruppen, Sportvereine, Jugendzentren u. ä.) geprägt. Das Vorbild Erwachsener spielt ebenso eine gewichtige Rolle für das Trinkver‐ halten der Jugendlichen, wie der Wunsch, in Gleichaltrigengruppen dazuzugehören. Der Ein‐ fluß der Eltern ist i. d. R. sogar noch größer, als der Einfluß der Peer group, wie Untersu‐ chungen zeigen. Viele Jugendliche erwarten, wie gesagt, von ihren Eltern Orientierung, klare Regeln und Konsequenz. Es gibt einen klaren Zusammenhang zwischen lockeren Regeln im Elternhaus und exzessivem Trinkverhalten von Jugendlichen. Dies gilt besonders für die Aus‐ gangsregel und die Trinkregel, die jeweils durch die Erziehung im Elternhaus vermittelt wer‐ den müssen. So zeigt beispielsweise eine Längsschnittstudie aus Island, dass sich elterliches Erziehungsverhalten bei 14‐jährigen Jugendlichen als einer der stärksten Prädiktoren für das Trinkmuster, das diese Jugendlichen später als 17‐Jährige entwickelt haben, erwies (vgl. Jär‐ vinen & Room 2007, 165). Eine pädagogische Studie mit ähnlichem Ergebnis wurde in Ham‐ burg und Schleswig‐Holstein durchgeführt, Anm. d. Verf. Kombinierte Eltern‐, Kinder‐, und Familientrainings, Elternerziehungsprogramme und Angebote der systemischen Familienbe‐ ratung können eine Hilfestellung sein, wenn Eltern bezüglich der Erziehung und Alkoholprä‐ vention Hilfe suchen. Diese Hilfen sind in Deutschland bisher aber nur vereinzelt gängige Pra‐ xis. Für manche Jugendliche ist Alkohol ein wichtiges Mittel bei der Freizeitgestaltung und bei der Kontaktaufnahme (vgl. zusammenfassend Weichold et al. 2008). Dies ist besonders dann der Fall, wenn Alkohol nur einseitig als reizvoll und positiv erlebt und ohne erkennbare Alternativen benutzt wird, z. B. wenn jugendspezifische lebensweltorientierte Angebote feh‐ len oder eine frustrierende soziale Umwelt gegeben ist und echte (berufliche) Perspektiven fehlen. Wenn Jungen und Mädchen eine attraktive Freizeitgestaltung geboten wird, kann diese von ihnen selbst als interessante Alternative zum exzessiven Trinken wahrgenommen werden. Allerdings sind freizeitpädagogische Aktionen noch zu selten evaluiert worden. Es fehlt noch an pädagogischer Ergebnisforschung, welche die Bestimmung von Evidenzstär‐ ken auf höherem Evidenzniveau erst ermöglicht. Ausnahmen sind z. B. das Frühinterventi‐ ons‐ und Elternerziehungsprogramm „Triple‐P“ oder bestimmte Projekte in der Out‐door‐Pä‐ dagogik.
Der übermäßige und wiederholte Konsum wird auch als Alkoholabusus oder Alkoholmiss‐ brauch (Alkoholkonsum mit nachweislich schädlicher Wirkung) bezeichnet und deutet auf ernste Probleme hin. Je früher der Alkohol eine Bedeutung im Sinne kurzfristiger Scheinlö‐ sungen für Konflikte gewinnt, desto größer ist die Gefahr von Missbrauch und Abhängigkeit. Schauen wir uns die entwicklungspsychologische Ebene an. Jugendliche werden bei über‐ mäßigem Alkoholkonsum in ihren Entwicklungsaufgaben behindert. Entwicklungsaufgaben im Jugendalter sind u. a. die Entwicklung intellektueller und sozialer Kompetenzen, das Erler‐ nen von Normen und Werten, die Identitätsfindung, die Partnersuche, schulische und beruf‐ liche Bildung (Erikson 1976, Keupp 1999 und 2002, Fend 2003). Die Pubertät ist allgemein eine schwierige Zeit der Identitätsfindung. Alkohol erschwert die Entwicklung einer stabilen Persönlichkeit. Besonders gefährdet seien Jugendliche, die unter schweren Belastungen und Traumastörungen leiden, z. B. Unsicherheit, Versagensangst, Einsamkeit, extreme Lebenser‐ fahrungen wie (sexuelle) Missbrauchs‐ und Gewalterlebnisse usw. (Stimmer & Müller‐Teus‐ ler 1999). Jugendliche verhalten sich ohnehin riskant und erleben noch zu wenig die negati‐ ven gesundheitlichen und sozialen Folgen ihres süchtigen Verhaltens. Jugendliche zeigen eine hohe Risikobereitschaft, nicht nur beim Trinken von Alkohol ‐ auch das ist jugend‐ typisch. Andere dissoziale Aktivitäten bei randständigen Jugendlichen sind beispielsweise Diebstähle, Prügeleien, Vandalismus (McClellan & Teplin 2001) und körperliche Gewalt, ex‐ treme „Mutproben“, politischer Radikalismus, Rassismus. Dahinter verbergen sich oft Ängs‐ te, Minderwertigkeitsgefühle, „Wut im Bauch“, Suche nach Anerkennung und Teilhabe, der Wunsch nach Zuwendung, die Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit, usw. Dörner hat einmal sinngemäß gesagt, der Mensch lebe vom ersten bis zum letzten Atemzug mit der Liebe und leide darunter. Dieses Leiden an der Liebe manifestiert sich im Ausprobieren von Beziehungen und besonders an den bekannten Wendepunkten der Reifung eines Menschen, z. B. in der Pubertät und in der Adoleszenz, an denen die Suche nach einer befriedigenden Identität eine zentrale Bedeutung für Jugendliche erlangt (zu Genderfragen vgl. Fillmore et al. 1991, Leifman 2002, Mäkelä et al. 2005, Gildemeister & Robert 2008). Die Peer group wird häufig zur Bühne der Selbstinszenierung (Keupp 1999) und hat (als „Ersatzfamilie“) mitunter vorübergehend mehr Anerkennung zu bieten, als die Familie. Unterschiedliche Motive und Wirkerwartungen werden von Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit dem Rauschtrinken verknüpft (Kraus et al. 2008, Stolle et al. 2009). Alkoholexzesse können, wenn es keine „Spassgründe“ dafür gibt, Signale für die sich verbergende innere Not mancher randständiger Jugendlichen sein. Das betrifft besonders die durch ihre familiäre Sozialisation und psychische und psychiatrische Störungen vorgeschädigten Jugendlichen. Jugendliche reagieren besonders stark gegenüber den positiven Wirkungen von Alkohol, die in der Enthemmung und Erleichterung soziale Kontakte liegen (verminderte Sensitivität für Alkohol‐Folgestörungen, Schuckit 1994, Schuckit et al. 2001, Spear & Varlinskaya 2006). Auch hohe Stresssensitivität scheint die Entwicklung von Alkoholstörungen zu begünstigen (Finn & Pihl 1987, Schuckit et al. 2001).
5. Eine Risikodiskussion
Um es noch einmal zu betonen: Es geht weder um eine Dramatisierung, noch um eine Baga‐ tellisierung von Alkoholproblemen, sondern um eine sachliche Information und Diskussion über die Risiken des Alkoholkonsums. Deutschland liegt im europäischen Vergleich mit 9,9 Litern reinen Alkohol pro Kopf der Bevölkerung und Jahr (Zahl von 2008, das entspricht 145 Litern Bier pro Jahr: DHS 2009) mit an der Spitze im Pro‐Kopf‐Verbrauch von Alkohol. Der nichtregistrierte Konsum wird für Deutschland 2003 auf 1 Liter pro Kopf der Bevölkerung geschätzt ((Gaertner et al. 2010, 29). Hoch‐ und Niedrigkonsumländer in Europa nähern sich im Alkoholkonsum an. Alkohol kann rund um die Uhr erworben werden. Der Alkoholkonsum geht, wie gesagt, im langjährigen Trend leicht zurück, und die Abstinenzrate nimmt zu. Aber durch häufigeres Rauschtrinken nehmen Gesundheitsrisiken zu (Anderson 2007). Es gibt in Deutschland zzt. ca. 1,7 Mio. Alkoholabhängige und mindestens ebenso viele Menschen, die einen regelmäßigen Missbrauch von Alkohol praktizieren. „Best Practice“‐Präventionsstra‐ tegien sind in Deutschland bisher nur ansatzweise, am besten noch im Straßenverkehr umgesetzt.
5.1. Risikogruppen von Kindern und Jugendlichen für Alkoholmissbrauch
Die Suchtforschung identifiziert folgende Risikogruppen, in denen Jugendliche und junge Er‐ wachsene besonders häufig eine Alkoholabhängigkeit entwickeln:
- Jugendliche, die in Risikofamilien aufwachsen (Stichworte: Alkohol‐/Drogenmissbrauch, Disharmonie, Strukturmangel, Migrationshintergrund),
- Jugendliche, die vorübergehend Mitglied einer ungünstigen Peer group sind (Stichworte: Konformitätsdruck, Statushandlung, „cool sein“),
- Menschen mit psychiatrischen Auffälligkeiten (Stichworte: ADHS, Störung des Sozialverhaltens, Traumastörungen, usw.) und geringer Selbstwirksamkeitserwartung,
- Menschen mit einer beruflichen Tätigkeit, die leichten Zugang zu alkoholischen Getränken bietet.
Aus der Forschung ist weiter bekannt, dass folgende Vulnerabilitätsfaktoren* bei Jugendli‐ chen und jungen Erwachsenen die Entwicklung einer Alkoholabhängigkeit häufig begünsti‐ gen:
- ungünstige Temperamentsmerkmale (leichte Irritierbarkeit, Impulsivität und Stimulati‐ onssuche),
- verminderte Fähigkeit zum Gratifikationsaufschub,
- Defizite in den sozial adaptiven Fähigkeiten,
- das Bedürfnis nach der entspannenden Wirkung des Alkohols.
*) „Vulnerabilität (lat. vu.lnus, vu.lneris Wunde, Verletzung) für: Verletzbarkeit; (psychologische) Bezeichnung für die durch genetische, organische, biochemische, psychische und soziale Faktoren bedingte individuelle Disposition, auf Belastungen überdurchschnittlich stark mit Spannung, Angst, Verwirrung bis hin zu psycho‐ tischer Dekompensationen zu reagieren“ (Pschyrembel 1999).
Besonders gefährdet sind Kinder von alkoholkranken Eltern (KVA) ‐ das Risiko ist etwa sechsfach höher, als bei Kindern gesunder Eltern (Klein 2008). Kinder von Alkoholikern (KVA) spüren weniger die Alkoholwirkung und trinken daher tendenziell mehr Alkohol. In einer Vielzahl von Studien (z. B. Cotton 1979, McKenna & Pickens 1981, Hesselbrock et al. 1982, Zobel et al. 1994) wurde nachgewiesen, dass Alkoholabhängige überzufällig oft aus Familien stammen, in denen bereits ein Elternteil oder beide abhängig waren. Auch die Er‐ fahrungen der Dietrich Bonhoeffer Klinik aus 30 Jahren stationärer Behandlung von jungen Patient/innen mit substanzbezogenen Störungen in bestätigen dies eindrücklich. Kinder von Alkoholikern (KVA), und zwar insbesondere Söhne, müssen als Risikogruppe für die Entwicklung von Alkoholmissbrauch und ‐abhängigkeit angesehen werden. In verschie‐ denen Untersuchungen zeigte sich, dass Söhne von Alkoholabhängigen als junge Erwachsene auf Alkohol anders reagieren, als Vergleichspersonen. Im Einzelnen ergab sich, dass sie frü‐ her Alkohol zu trinken beginnen, dass sie einerseits die berauschenden Effekte des Alkohols erst bei einer höheren Konzentration von Alkohol im Körper wahrnehmen ‐ also mehr trin‐ ken müssen, um den gleichen berauschenden Effekt zu spüren, wie Vergleichspersonen. Sie reagieren weniger mit Gleichgewichtsstörungen, werden schneller alkoholabhängig (Schmidt, LG 2009, 473). Die später einsetzenden unangenehmen Effekte nehmen sie eben‐ falls in geringerem Maße wahr (Klein & Zobel 1997). Es fehlt offenbar ein natürliches Warn‐ zeichen. Die Ursache liegt wohl im Bereich der serotonergen Neurotransmission (Heinz & Beck 2009). Zu den von Kindern von Alkoholikern selbst am häufigsten berichteten Erfah‐ rungen gehört die der Unberechenbarkeit des elterlichen Verhaltens (s. z. B. Cork 1969). Diese bezieht sich verstärkt auf den Alkohol trinkenden, aber auch auf den jeweils anderen (meist als co‐abhängig bezeichneten) Elternteil. Ankündigungen, Versprechungen, Vorsätze, usw. werden oft nicht eingehalten, aber auch uneindeutiges Belohnungs‐ und Bestrafungs‐ verhalten herrscht vor. Suchtkranke Eltern können die kindlichen Bedürfnisse nach Liebe, Wärme, Nähe und Zuneigung, nach Anerkennung usw. nicht oder nur unzuverlässig erfüllen. Winnicott hat dies treffend sinngemäß in dem Bild beschrieben, wenn das Kind nie den "Glanz im Auge der Mutter" gesehen habe, werde es später anfällig für eine Suchtentwick‐ lung sein. Zu den Töchtern von Alkoholikern vgl. Eng et al. 2005. Diese ca. 2,65 Millionen deutschen Kinder und Jugendlichen brauchen besonderen Schutz (Klein 2008 a und b, vgl. UN 1989!). Die amerikanische Psycho‐biologieprofessorin Shirley Y. Hill formulierte in Bezug auf die Risikogruppe der Kinder aus Suchtfamilien die Forderung nach radikaler Aufklärung mit den Worten "You have to know your risks". Aufklärung ist auch für andere Risikogruppen wichtig. Weitere Risikogruppen für Alkoholabhängigkeit sind
- Jugendliche, die früh psychosozialen Stressoren ausgesetzt waren. Diese setzen infolge einer verminderten Affekt‐ und Impulskontrolle Alkohol zur Stressdämpfung ein (Kessler et al. 1996, Windle & Windle 1997);
- Jugendliche, die als Kinder eine ADHS‐Störung in Kombination mit einer Verhaltensstö‐ rung entwickelt haben (Wlens et al. 1997) und
- Jugendliche, die ein ängstliches Verhalten und Depressivität aufweisen. Hier können ex‐ treme Traumatisierungen, wie Verwahrlosung, Gewalt oder Missbrauch, vorangegangen sein (Sher et al. 1997, Brook et al. 1998, Wittchen et al. 1998, Armstrong & Costello 2002, Rummel 2010, 203).
Zudem ist zu berücksichtigen, dass bei der Entwicklung der Alkoholabhängigkeit verschiede‐ ne Faktoren interagieren (vgl. Abb. 14).
Die wichtigsten Faktoren für die Entwicklung der Alkoholabhängigkeit sind:
- genetische Faktoren,
- die Eigenwirkung des Alkohols im Körper und
- psychosoziale Einflüsse (z. B. widrige familiäre Umstände, Scheitern von Entwicklungsauf‐ gaben im Jugendalter).
Jugendliche, die große Mengen Alkohol auf einmal konsumieren, müssen Hemmungen in der Entwicklung ihres Gehirns in Kauf nehmen. Dieses wichtige Organ wird durch Alkohol am stärksten gefährdet. Das Gehirn übernimmt etwa bis zum 17. Lebensjahr seine Funktionen und entwickelt sich noch bis über das 21. Lebensjahr hinaus, z. B. die Region des präfronta‐ len Kortex mit dem (glutamatergen) Hemmungssystem. Das Gehirn von Kindern und alten Menschen sei wesentlich anfälliger gegenüber der akuten Alkoholwirkung, als jenes von er‐ wachsenen Menschen mittleren Alters. Insbesondere Hirnregionen, die an Lernprozessen beteiligt sind, werden durch Alkoholkonsum geschädigt (De Bellis et al. 2000). „Die Gehirn‐ strukturen, die für das Lernen zuständig sind, sind zehn Prozent kleiner als bei nicht trinken‐ den Jugendlichen“, sagt Dr. Martin Beutel, leitender Arzt der Kraichtal‐Kliniken. Es gebe fast kein Organsystem, das nicht durch Alkoholmissbrauch geschädigt werden könne. Organisch seien Jugendliche anfälliger für Alkoholschäden, als Erwachsene. Makroskopisch zeigt sich ei‐ ne alkoholbedingte Nervenzellschädigung als Hirnatrophie. Aufgrund des wissenschaftlichen Kenntnisstandes empfahl das Wissenschaftliche Kuratorium der DHS 2003 folgende Regeln (für Erwachsene) für den Umgang mit alkoholischen Getränken:
1. Die risikoarme Schwellendosis im Umgang mit Alkohol beim gesunden Menschen ohne zusätzliches genetisches oder erworbenes Risiko liegt beim Mann bei 24g Alkohol pro Tag und bei der Frau bei 12g Alkohol pro Tag. Dies entspricht etwa 0,5 bis 0,6 Liter Bier oder 0,25 bis 0,3 Liter Wein mit einem durchschnittlichen Alkoholgehalt, für Frauen die Hälfte.
2. Auch bei dieser Alkoholdosis sollten mindestens 2 alkoholfreie Tage pro Woche eingehal‐ ten werden (Kornhuber 2001). Diese Grenzwerte sind erneut weiter nach unten korrigiert worden (Burger et al. 2004, DHS 2010, in: www.dhs.de/, aufgerufen 31.07.2010). Achtung: Bei der Angabe derartiger Grenzwerte ist zu bedenken, dass diese im Laufe der Jahre auf Grund neuer Forschungsergebnisse immer weiter nach unten korrigiert werden mussten! Außerdem lassen sich diese Grenzwerte auf Kinder und Jugendliche nicht anwenden. Kinder sollten gar keinen Alkohol trinken und Jugendliche sollten Alkohol weitgehend vermeiden, um Störungen in ihrer Entwicklung zu verhindern (Harm reduction‐ Ansatz: Seitz, Bühringer & Mann 2008). Jugendliche sind für Langzeitschädigungen des Gehirns anfälliger als Erwachsende (IAS 2009 b). Jugendliche sollten daher Alkohol
weitgehend meiden, um einen negativen alkohol‐assoziierten Effekt auf das noch in der körperlichen, psychischen und sozialen Entwicklung befindliche Individuum zu verhindern (DHS 2008a).
5.2. Risikofaktoren für Alkoholmissbrauch im Kindes‐ und Jugendalter
Seit der Jahrtausendwende nehmen Alkoholvergiftungen bei Kindern und Jugendlichen zu. Das Trinkverhalten einer nur kleinen Hochrisikogruppe ist als problematisch zu betrachten. Der Erstkonsum von Alkohol verlagert sich zunehmend von einem familiären („erster Sozial‐ raum“) in einen außerfamiliären Kontext („dritter Sozialraum“)(DHS 2009a). Erleichtert wird der Alkoholkonsum von Kindern und Jugendlichen durch
- extrem niedrige Alkoholpreise in Verbindung mit einem Anstieg des verfügbaren Einkom‐ mens der Eltern,
- eine größere verfügbare Taschengeldmenge (Erschwinglichkeit, vgl. Lintonen et al. 2000),
- eine auf (leicht beeinflussbare) Kinder und Jugendliche zielende Imagewerbung,
- die hohe Verfügbarkeit von Alkohol durch die hohe Dichte der Verkaufsstellen und
- lange Ladenöffnungszeiten in Deutschland.
Folgende Risikofaktoren für das „Binge drinking“ sind zu beachten:
- Genetische Belastung und Gen‐Umwelt‐Interaktion,
- Besonders niedrige Alkoholpreise („Affordability“) bei gleichzeitig größerer Menge an verfügbarem (Taschen‐)Geld,
- Großer Einfluss der Alkohol‐Imagewerbung,
- Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten (2003 und 2006),
- Hohe Dichte der Verkaufsstellen („Availability“),
- (unbehandelte) Aufmerksamkeits‐Defizit‐Hyperaktivitätsstörung (ADHS),
- Störung des Sozialverhaltens,
- Andere komorbide psychische und psychiatrische Störungen,
- Eltern mit riskanten Alkohol‐/Drogenkonsummustern,
- Inkonsistenter, nicht eingreifender („laissez‐faire“‐) Erziehungsstil der Eltern, keine oder inkonsistente erzieherische Begleitung des Abschnittes Jugend,
- Fehlende Orientierung, fehlende Vorbilder und fehlende Konsumregeln,
- Exzessiv Alkohol konsumierende Peers,
- Schwierige Lebensumstände des Jugendlichen, Trinken als Bewältigungsstrategie,
- Niedriger sozioökonomischer Status,
- Psychische, soziale und leistungsmäßige Überforderung des Jugendlichen,
- Starke Impulsivität („sensation seeking“),
- Übersteigerte Neugier („novelty seeking“),
- Kultur des Wegsehens mit Bagatellisierung der Alkoholproblematik (vgl. Sullivan & Farrell 2002).
Arbeit zitieren:
Jürgen Schlieckau, 2010, Rauschtrinken bei Kindern und Jugendlichen und evidenzbasierte Alkoholkontrollpolitik, München, GRIN Verlag GmbH
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Diesem Werk ist die grösstmögliche Verbreitung zu wünschen, damit die Abwehrfront der ideologie-verkrusteten Politiker endlich aufgeweicht wird und sie erkennen, wo die Interessen der ihnen anvertrauten Bevölkerung liegen. Jeder Tag kostet neue alkoholbedingte Todesfälle, Verletzte, persönliches Leid und immense Schäden für die Gesellschaft.
am Wednesday, December 29, 2010-