Einleitung
Jeder Mensch hat einen Lebenslauf, in dem er verschiedene Phasen der Entwicklung von der Geburt bis zum Tod durchläuft. Die Ausgestaltung dieser Lebensphasen hängt von sozialen Konstruktionen ab, da die Gesellschaft das Leben der Individuen durch institutionelle Vorgaben und kulturelle Deutungen strukturiert (vgl. Burkart 2008, S.533). Alle Gesellschaften teilen das Leben in Altersstufen und Lebensphasen ein und organisieren so das Zusammenleben der verschiedenen Generationen. Die Einteilung des individuellen Lebens in Altersphasen und der Bevölkerung in Altersgruppen dient der gesellschaftlichen Integration und Ordnungsbildung, verhilft aber auch gleichzeitig den Individuen zur Strukturierung ihres Lebens (vgl. ebd., S.543).
Aus Durchschnittswerten entwickelten sich Altersnormen, wodurch der „Normallebenslauf“ entstand. Dieser heutige Normallebenslauf ist durch die Priorität der Erwerbsphase und seine Dreiteilung gekennzeichnet (vgl. ebd, S.540).
So prägen drei gesellschaftliche Kerninstitutionen die Phasen des Lebenslaufs: Während der Kindheit und Jugend bereitet das Bildungssystem den Zugang zum Arbeitsmarkt vor. In der mittleren Lebensphase bildet den zentralen Referenzpunkt des gesamten Lebenslaufs der Arbeitsmarkt und im höheren Alter ist der Ruhestand durch die Rentenversicherung abgesichert (vgl. Sackmann 2007, S.20).
Der Normallebenslauf ist ein allgemeines Modell, dass für alle Individuen gelten soll, auch wenn es unterschiedliche Verlaufsmuster in den sozialen Schichtungen und Geschlechtern gibt (vgl. Burkart 2008, S.541).
Der Begriff „Lebenslauf“ gibt im Deutschen einen Eindruck von der Doppeldeutigkeit der Kategorie Lebenslauf. Zum einen handelt es sich um den je individuellen Verlauf einer Person. Zum anderen benennt „Lebenslauf“ auch ein hoch standardisiertes Dokument mit dem man potenziellen Arbeitgebern zeigt, wie sich der individuelle Kompetenzenerwerb vollzogen hat (vgl. Sackmann 2007, S.10).
In der folgenden Arbeit soll das Konzept des institutionalisierten Lebenslaufs nach Martin Kohli dargestellt werden, welcher durch die Entwicklung der typischen Lebensform der vorindustriellen und protoindustriellen westlichen Gesellschaften des 18. und 19. Jahrhunderts zur Hochmoderne der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts entstanden ist (vgl. Kohli 2003, S.526).
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Kapitel 1 beschreibt die Institutionalisierung des Lebenslaufs. Dabei geht Kohli davon aus, dass der Lebenslauf für das Individuum selbst eine „Institution“ ist, da er orientierend wirkt, normale Erwartungen weckt und Abweichungen wieder in Bahnen lenkt (vgl. Sackmann 2007, S.21).
Lebenslauf kann zwar als soziale Institution konzeptualisiert werden, darf hierbei aber nicht als Gruppierung von Individuen oder als ein von ihnen generiertes Aggregat verstanden werden, ,,sondern im Sinn eines Regelsystems, das einen zentralen Bereich oder eine zentrale Dimension des Lebens ordnet" (vgl. Kohli 1985, S.1).
Der Lebenslauf hat sich im Laufe der Zeit stark verändert. Im 2.Kapitel soll der strukturelle Übergang dieses Transformationsprozesses verdeutlicht werden.
Das Konzept des institutionalisierten Lebenslaufs hat jedoch nicht nur positive Resonanz erfahren. Kapitel 3 erörtert deshalb Kritikpunkte an der Dreiteilung des Lebenslaufs, sowie am Erwerbssystem als Strukturgeber für den Lebenslauf. In den letzten Jahrzehnten sind für bestimmte Lebensphasen gewisse
Destandardisierungstendenzen durch die Pluralisierung von Lebensformen im Privat- und Erwerbsleben festzustellen (vgl. Burkart 2008, S.547). Diese Anzeichen eines neuen Strukturwandels werden in Kapitel 4 in den Bereichen des familialen Verhaltens und des Arbeitsverhaltens dargestellt.
Ob diese Tendenzen der Deinstitutionalisierung wirklich zu einer Auflösung des „Normallebenslaufs“ führen, soll in einem abschließenden Fazit betrachtet werden.
1. Die Institutionalisierung des Lebenslaufs
Kohli sieht den sozialen Wandel zur Moderne durch eine Chronologisierung des Lebens gekennzeichnet, durch den „Übergang vom Muster der Zufälligkeit der Lebensereignisse zu einem des vorhersehbaren Lebenslaufs“.
Im Zuge dieser Chronologisierung des Lebens seien aus Durchschnittswerten tatsächliche Normen geworden, wodurch sich „normative Lebensereignisse“ und eine „Normalbiographie“ entwickelt haben.
Vorangetrieben worden sei diese Entwicklung durch die Entstehung des Wohlfahrtstaates und die altersgeschichteten Systeme öffentlicher Rechten und Pflichten, wie die allgemeine Schulpflicht, die Wehrpflicht und das Bildungs- und Rentensystem.
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Dabei bezieht er sich primär auf drei Befunde:
1. Die Lebenserwartung ist in den letzten hundert Jahren drastisch gestiegen (vgl. Kohli 1985, S.4). Heute spiegelt sich eine hohe Stabilisierung unserer Lebensspanne wieder, da unser Leben biologischer sicherer geworden ist (vgl. Imhof 1984, S.189). Der Modernisierungsprozess ist ein Übergang von einem Muster der Zufälligkeit der Lebensereignisse zu einem des vorhersehbaren Lebenslaufs. Der Tod war in der vormodernen Bevölkerungsweise ein Ereignis, dass jederzeit eintreten konnte. Im historischen Verlauf hat sich die Sterblichkeit in den höheren Altersjahren konzentriert, wodurch sich die Lebensdauer stark verlängert hat (vgl. ebd., S.5). Wenn heute jemand vor dem Rentenalter stirbt empfinden wir es als unnormal und ungerecht. Heute sind die wichtigsten Todesursachen chronische Leiden mit denen wir uns auseinandersetzen müssen und nicht mehr wie früher Infektionskrankheiten. Die Gesellschaft reagiert auf zu viele Sterbefälle in relevanten Altersgruppen mit schnellen Investitionen im Gesundheitswesen (vgl. Imhof 1984, S.178). 2. Die Ausbildung eines standardisierten Familienzyklus. Für die vormoderne Lebensform kann von einem „Familienzyklus“ sinnvoller Weise nicht gesprochen werden. Die vormoderne Familie wies eine große Spannweite von Verwandtschafts- und Alterskonfigurationen und einen raschen Wechsel zwischen ihnen, dass heißt eine hohe Fluktuation der Familienmitglieder auf (vgl. ebd., S.6).
3. Die Ausdifferenzierung von drei Phasen des Erwerbslebens in Vorbereitung, Ruhestand und Teilnahme. Im Lauf der historischen Entwicklung haben sich zentrale Leistungssysteme wie das Schul- und Alterssicherungssystem stark verbreitet und damit zu einer Homogenisierung der Lebensläufe geführt. Auch viele Berechtigungssysteme knüpfen daran an, zum Beispiel Eintrittspreise, Fahrkarten etc. Die Altersschichtung des Arbeitsmarktes erfolgt durch formelle und informelle altersbezogene Beförderungs- und Schutzregelungen und Einstellungsgrenzen. Das Bildungs- und Rentensystem sind die organisatorischen Träger der Ausdifferenzierung der wichtigsten Lebensphasen. Auf ihrer Grundlage konstituiert sich die Dreiteilung des Lebenslaufs (vgl. ebd., S.9).
2. Struktureller Übergang
Kohli fasste die Veränderungen von einem Lebenslaufregime zu einem anderen in fünf Thesen zusammen:
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Arbeit zitieren:
Stephanie Engel, 2010, Die Institutionalisierung des Lebenslaufs, München, GRIN Verlag GmbH
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