Einleitung
In der Sozialforschung interessieren immer wieder die Funktionen und Strukturen der gesamten Gesellschaft. Die Komplexität einer Gesellschaft lässt sich durch die individuellen Biographien einzelner Mitglieder erfassen.
Doch wie gelangt man als Forscher an die individuelle Lebensgeschichte unbekannter Menschen und wie kann man diese für die Sozialforschung verwertbar machen? Dazu kann eine individuelle Biographie rekonstruiert und anschließend ausgewertet werden, wobei das Forschungsinteresse bei biographischen Deutungsmustern und Interpretationen des Biographieträgers liegt (vgl. Schütze 1983, S.284). Unter einer Biographie werden die verschiedenen Prozesse an denen ein Biographieträger teilhatte verstanden. Diese Prozesse treffen zusammen, wirken zusammen und beeinflussen sich gegenseitig (vgl. Detka 2005, S.353). Fritz Schütze vertritt die These, dass es sinnvoll ist, die Frage nach den Prozessstrukturen des individuellen Lebenslaufs zu stellen und davon auszugehen, dass es elementare Formen dieser Prozessstrukturen gibt, die im Prinzip in allen Lebensläufen anzutreffen sind. Darüberhinaus nimmt Schütze an, dass es systematische Kombinationen derartiger elementarer Prozessstrukturen gibt, die als Typen von Lebensschicksalen gesellschaftliche Relevanz besitzen.
Die Lebensgeschichte ist eine sequenziell, also zeitlich, geordnete Aufschichtung größerer und kleinerer in sich sequenziell geordneter Prozessstrukturen. Mit dem Wechsel der dominanten Prozessstruktur im Fortschreiten der Lebenszeit ändert sich auch die jeweilige Gesamtdeutung der Lebensgeschichte durch den Biographieträger. Wichtig für diese Gesamtbiographie sind die interne Abfolge von inneren und äußeren Ereignissen und Zuständen und der Übergang zwischen einem Endpunkt und einem neuen Anfangspunkt (vgl. Schütze 1983, S.284f.).
Da das narrative Interview eine geeignete Methode ist, um die Biographien einzelner Individuen zu untersuchen, wird sich die folgende Arbeit mit diesem Datenerhebungsverfahren beschäftigen.
Die Anfänge des Einsatzes von Interviewmethoden in der Sozialforschung sind gegen Ende des 19.Jahrhundert zu verzeichnen (vgl. Friebertshäuser 1997, S.373). Zu Beginn beinhaltet Kapitel 1 zunächst eine knappe Einführung zur Datenerhebung mittels
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Interviews in der qualitativen Forschung. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf den erzählgenerierenden Interviews, welchen auch das narrative Interviewverfahren zugehörig ist.
Das narrative Interview ist eine sprachbezogenen qualitative Forschungsmethode zur Generierung und Analyse empirischer Daten und steht in biographischen Studien im Zentrum der Erhebung. Über Sprache soll die in sozialen Interaktionen konstituierte Wirklichkeit erfasst werden, woraus Wahrnehmungs-, Handlungs- und Bewertungsorientierungen resultieren (vgl. ebd., S.375; vgl. auch Detka 2005, S.351ff.). Kapitel 2 beschäftigt sich daher mit den zentralen Schritten der Datenerhebung und den im Interview entstehenden dreifachen Zugzwängen des Erzählens. Dadurch gewinnen die Erfahrungsaufschichtungen des Interviews an Verständlichkeit. Kapitel 3 beschreibt die einzelnen Analyseschritte des narrativen Interviews nach Fritz Schütze. Das narrative Interview unterscheidet sich zu anderen qualitativen Interviews. Es zielt nicht darauf, bereits aufgestellte Hypothesen mittels der Ergebnisse des Interviews zu prüfen, sondern der Forscher interpretiert diese Ergebnisse, um daraus Hypothesen zu bilden.
Jedoch kann das narrative Interviewverfahren auch an Grenzen stoßen. Um diese zu überwinden, werden im 4.Kapitel die zu beachtenen Aufgaben der Beteiligten in der Interviewsituation erläutert. So sollen möglich entstehenden Problemen entgegengewirkt werden.
Abschließend sollen in einem Fazit die zentralen Punkte der narrativen Interviewführung zusammenfassend dargestellt und der Bezug zur Sozialforschung und der praktischen sozialen Arbeit hergeleitet werden.
1. Interviews in der qualitativen Forschung-
Definitionen und Allgemeines
„Das Interview erscheint als einfach Methode, nicht zuletzt aufgrund seiner Nähe zum Alltagsgespräch. Fragen zu stellen liegt nahe und erscheint so leicht. Darin liegt etwas Verführerisches…“ (Friedrichs 1990, S.209 zit. nach Friebertshäuser 1997, S.371).
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Da man durch Interviews einen schnellen Zugang zum Forschungsfeld, sowie den darin lebenden Personen erhält, werden diese in der qualitativen Forschung häufig eingesetzt und spielen eine zentrale Rolle. Durch Interviews erhalten die Befragten die Gelegenheit über ihre Biographie, Erfahrungen und Kontexte zu berichten und machen so diese Informationen der Forschung zugänglich (vgl. ebd., S.371). Ein Interview ist eine verabredete Zusammenkunft zweier Personen in direkter oder indirekter Interaktion, auf der Basis vorab getroffener Vereinbarungen und damit festgelegter Rollenvorgaben als Interviewender und Befragter. Mittels der Interviewtechniken für die sich der Interviewende entschieden hat, können verbale Daten erhoben, sowie Auskünfte und Erzählungen des Befragten hervorgelockt werden (vgl. ebd., S.373).
1.1 Erzählgenerierende Interviews
Erzählgenerierende Interviews arbeiten ausdrücklich nicht mit einem vorbereiteten Gesprächsleitfaden und grenzen sich so von üblichen Frage-Antwort-Interviews ab. Diese Interviewtechnik hat damit zum Ziel, die Interviewten zu Erzählungen ihres Alltags, ihrer Biographie oder speziellen Ereignissen anzuregen. Bei der Interviewführung ist es also wichtig, das Datenmaterial nicht durch Leitfragen vorzustrukturieren, sodass der Befragte die Erzählung über seine Lebensgeschichte selbst gliedert. Der Interviewer nimmt dabei die Rolle des interessierten Zuhörers ein, der sich zurückhält (vgl. ebd., S.373 und S.386).
2. Das narrative Interview
Insbesondere in der Biographieforschung hat das narrative Interview, dass hauptsächlich von Fritz Schütze entwickelt wurde, einen hohen Stellenwert und entwickelte sich zu einem Standardinstrument dieser Forschungsrichtung.
Dieses Erhebungsverfahren folgt nicht dem sonst üblichen Frage- und Antwortschema von Interviews, sondern die Aufgabe des Befragten ist es, den Gegenstandsbereich in einer ausführlichen und durch den Forscher ungestörten Stegreiferzählung begreifbar zu machen (vgl. Hermanns1992, S.119; vgl. auch Friebertshäuser 1997, S.387).
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Stegreiferzählungen sind spontane, nicht durch Vorbereitung vorgeprägte oder vorgeplante Erzählungen, die aus dem Stand heraus erzählt werden (vgl. Hermanns 1992, S.119f.).
Das Grundprinzip der Datenerhebung wird folgendermaßen beschrieben: „Im narrativen Interview wird der Informant gebeten, die Geschichte eines Gegenstandsbereichs, an der der Interviewte teilgenommen hat, in einer Stegreiferzählung darzustellen. (…) Aufgabe des Interviewers ist es, den Informanten dazu zu bewegen, die Geschichte des in Frage stehenden Gegenstandsbereichs als eine zusammenhängende Geschichte aller relevanter Ereignisse von Anfang bis Ende zu erzählen.“ (vgl. Hermanns 1995, S.183 zit. nach Flick 2006, S.147).
Im narrativen Interwies wird durch das freie Erzählen eines Individuums über sein Leben oder bestimmte Ereignisse seines Lebens biographisches Material gewonnen (vgl. Friebertshäuser 1997, S.387).
Theoretischer Hintergrund von Studien mit narrativen Interviews ist die Analyse subjektiver Sicht- und Handlungsweisen und damit eine Analyse vor dem Hintergrund konkreter und allgemeiner Umstände des Lebensverlaufs. Ziel der Analyse sind Typologien von biographischen Verläufen, um so allgemeingültige Modelle zu generieren (vgl. Flick 2006, S.156).
2.1 Die Datenerhebung
Nachdem der Interviewer seinem Informanten eine Einführung in das Verfahren des narrativen Interviews gegeben hat, erklärt der Interviewer den ihn besonders interessierenden Aspekt in der Lebensgeschichte des Interviewten. Das autobiographisch-narrative Interview beinhaltet drei zentrale Teile: 1. Eröffnet wird das narrative Interview durch eine autobiographisch orientierte Eingangsfrage zum interessierenden Gegenstandsbereich. Durch diese Erzählaufforderung soll die Haupterzählung des Interviewten stimuliert werden. In dieser Anfangserzählung wird- wie bereits erwähnt- vom Interviewer nicht intervenierend unterbrochen und der Befragte erzählt so lange, bis er die Erzählung selbst beendet. Auch in Erzählpausen des Befragten muss der Interviewer aushalten, um den Erzählfluss nicht zu stören und aushalten, bis der
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Arbeit zitieren:
Stephanie Engel, 2010, Das narrative Interview in der qualitativen Sozialforschung, München, GRIN Verlag GmbH
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