Inhaltsverzeichnis:
1.
Einleitung, Fragestellung
2
2.
Begriffserklärung
3
2.1
Bildung
3
2.2
Soziale Ungleichheit
4
2.3
Bildungsungleichheiten
5
2.4
Chancengleichheit
5
3.
Die Bildungsexpansion
5
3.1
Historische Eingrenzungen der Bildungsexpansion
6
3.2
Ursachen der Bildungsexpansion
7
3.3
Dimensionen der Bildungsexpansion
8
3.3.1
Strukturelle Dimension 3 Ebenen der Ungleichheit
8
3.3.2
Kulturelle Dimension
10
4.
Empirische Untersuchungen PISA-Studien, Hamburger Bildungsbericht 2009 11
4.1
PISA
11
4.2
Bildungsbericht Hamburg 2009
13
5.
Fazit
13
6.
Literaturverzeichnis
16
2
1.
Einleitung, Fragestellung
,,Bildung ist nicht nur eine formale, auf dem Arbeitsmarkt verwertbare Ressource im Sinne
des Humankapitals, sondern eine entscheidende Voraussetzung für viele unterschiedliche
Lebenschancen"
1
.
Das Thema Bildung steht bereits seit mehreren Jahrzehnten im Fokus der öffentlichen
Wahrnehmung. Seit ihrer ,,Entdeckung" jedoch in den 1960gern, hatte die nach
Schichtzugehörigkeit, Geschlecht, Region und Konfessionalität ungleiche Teilhabe am
Bildungssystem und die daraus resultierende Reproduktion der sozialen Ungleichheit seitdem
mehrere Wellen der öffentlichen Diskussion und der dazugehörigen Erklärungs- und
Lösungsansätze erlebt. Die neueren Erkenntnisse, u.a. durch die PISA-Studien, liessen die
Diskussion aufs Neue aufflammen, und machen die Frage nach den Ursachen und
umfassenden, interdisziplinären Erklärungsansätzen besonders aktuell. Die PISA-Studien, die
in der Öffentlichkeit zum ,,PISA-Schock"
2
geführt haben, haben erheblich dazu beigetragen,
dass das Thema Bildung in Deutschland wieder in den Fokus der Gesellschaft getreten ist.
Durch den internationalen Vergleich bei PISA wurde deutlich, dass Deutschland Kinder
aufgrund ihrer sozialen Herkunft massiv benachteiligt. Der Zusammenhang von
Kompetenzerwerb und sozialer Herkunft ist in Deutschland immer noch entscheidend höher
für den Erwerb eines höheren Bildungsabschlusses als in anderen vergleichbaren
europäischen Industrieländern.
Der Zusammenhang von Bildung und Lebenschancen, zwischen Reproduktion sozialer
Herkunft und Lebenslagen gehört inzwischen beinahe zum Allgemeinwissen. In der
Sozialwissenschaft divergieren jedoch die Ansichten und theoretische Erklärungsansätze für
diese Zusammenhänge erheblich. Das deutsche Bildungssystem weist einige Spezifika auf,
die mit dazu beitragen, dass sich soziale Unterschiede hierzulande in besonderer Weise als
Bildungsungleichheiten kulminieren. Vom besonderen Interesse sind für die vorliegende
Arbeit die institutionalisierten, also die dauerhaften und regelmäßigen Ursachen für die
1
Becker, Rolf; Lauterbach, Wolfgang: Bildung als Privileg. Erklärungen und Befunde zu den Ursachen der
Bildungsungleichheit, 4. Auflage, Wiesbaden 2010.
2
Vgl. dazu bspw. ,,Der neue Pisa-Schock", Hamburger Abendblatt vom 22.11.2004, online abrufbar unter:
http://www.abendblatt.de/politik/deutschland/article712092/Der-neue-Pisa-Schock.html
.
(Abgerufen
am
10.09.2010)
3
Ungleichheit im Bildungssystem, welches in der modernen ,,Wissensgesellschaft"
3
zunehmend die Rolle des ,,Statusverteilers" übernimmt, die Ungleichheiten in den
Lebensläufen also perpetuiert.
In der vorliegenden Arbeit wird ein historischer Kontext für den heute bestehenden
institutionalisierten Bildungsrahmen der Bundesrepublik dargestellt, die Ursachen und
strukturelle Muster für die Ungleichheitsfaktoren erörtert, sowie die Ergebnisse der neueren
Studien in einen Bezugsrahmen gestellt. Im Mittelpunkt der Arbeit stehen die Fragen nach
den strukturellen Ursachen, oder ,,Ebenen" der Bildungsungleichheit, sowie nach dem Erfolg
der Bildungsexpansion in Deutschland bezüglich der Bekämpfung von Bildungsungleichheit.
Im Besonderen ist die Arbeit wie folgt strukturiert: im zweiten Kapitel wird eine
Begriffsdefinition und -Abgrenzung getroffen; im dritten Kapitel erfolgt die historisch
konsekutiv angelegte Betrachtung des Wandels der Chancenstruktur im deutschen
Bildungssystem um den Hintergrund der heutigen Probleme zu beleuchten, werden
Ursachen und Folgen der Bildungsexpansion genauer betrachtet und ihre Wirkung erläutert.
Als Nächstes wird die Frage nach der Typisierung der strukturellen Ungleichheitsmuster,
nach der Entstehung und Reproduktion der Ungleichheitsfaktoren im Bildungssystem erörtert.
Anschließend erfolgt eine kurze Betrachtung der empirischen Basis am Beispiel der PISA-
Studien, sowie eines lokalen Bildungsreports im vierten Kapitel, um mit einer
Schlussbetrachtung im fünften Kapitel einen Fazit zu ziehen.
2.
Begriffserklärung
Es erscheint als notwendig, die für die Problematik zentralen Begriffe zu erläutern. Dazu
zählen
vor
allem:
Bildung,
soziale
Ungleichheit,
Bildungsungleichheit
und
Chancengleichheit.
2.1 Bildung
Im weitesten Sinne versteht man Bildung als individuelle Aneignung von Kultur - eine
Aneignung, die den Einzelnen die kognitiven, expressiven und ästhetischen Traditionen der
3
Heute ist Bildung für die meisten Menschen das wichtigste ,,Kapital". Für moderne postindustrielle
Gesellschaften ist Bildung und das hiermit vermittelte Wissen dermaßen bedeutend, daß diese als
,,Wissensgesellschaften bezeichnet werden. (Vgl. Hradil, Stefan: Die Sozialstruktur Deutschlands im
internationalen Vergleich, 2. Auflage, Wiesbaden 2006, S. 129)
4
Menschheit und seiner Kultur verfügbar macht. Hierdurch erweitert Bildung die
Ausdrucksmöglichkeiten, Interpretationsmuster und Sichtweisen des Individuums auf die
Welt und auf sich selbst und transzendiert damit die individuelle Erfahrung des Hier und Jetzt.
Das entscheidende Kriterium dafür, ob von Bildung gesprochen werden kann, ist das der
Nachhaltigkeit, während die Art und Weise der Aneignung zunächst unerheblich ist: ob im
Rahmen formeller Institutionen oder auf informellem Wege. Bildung schließt also die
bewusste Kenntnis von Wissenselementen wie auch ein weniger bewusstes Verstehen und
Erkennen von Sinnhaftigkeit ein. Durch diese Aneignung von Kultur werden Kompetenzen
und Fähigkeiten erlangt, die einen selbständigen Umgang mit ihr ermöglichen.
4
In diesem Verständnis ist Bildung nicht beschränkt auf Schulwissen und spezielle Kenntnisse
der Berufsbildung oder akademischen Lehre. Bildung, im Sinne Bourdieus als »inkorporiertes
kulturelles Kapital« verstanden
5
, schließt durch ihre Einverleibung gleichermaßen kognitive
und habituelle Aspekte ein. In der vorliegenden Arbeit wird dennoch vorrangig die Bildung in
ihrem formalisierten, institutionalisierten Aspekt behandelt. Hier ist eine engere Definition
der Bildung anwendbar ,,die Vermittlung von Werthaltungen, Wissenbeständen und
Fertigkeiten, (...) die Menschen benötigen, um ihre sozialen Rollen als Erwachsene in einer
Gesellschaft ausüben zu können"
6
, und zwar in eigens dafür geschaffenen
Bildungseinrichtungen. Ziel der Bildungssoziologie ist es daher, ,,Prozesse der Bildung und
Erziehung, sowie deren Institutionalisierung im historisch-gesellschaftlichen Kontext zu
betrachten un die Bedeutung von Bildung für die moderne Gesellschaft zu rekonstruieren"
7
.
2.2
Soziale Ungleichheit
Unter sozialer Ungleichheit versteht man einen ,,gesellschaftlichen Zustand, in dem die
Zugangschancen zu wichtigen Sozialbereichen (z.B. Bildung (...) ) für einzelne Personen
oder sozialgruppen erschwert ist und die ungleiche Verteilung von (...) Ressourcen, von
sozialen Positionen und Rängen als ein soziales Problem angesehen wird"
8
, und in ihrer
Verstetigung zu einer Institutionalisierung führen kann. Durch ungleiche Machtverteilungen
4
Vgl.: Suderland, Maja: Territorien des Selbst. Frankfurt am Main 2004, S. 19 -20.
5
Vgl. Bourdieu, Pierre: Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital. In: Kreckel, Reinhard
(Hrsg.): Soziale Ungleichheiten. Soziale Welt, Sonderband 2, Göttingen 1983.
6
Hradil, Stefan: Die Sozialstruktur Deutschlands im internationalen Vergleich, 2. Auflage, Wiesbaden 2006, S.
129.
7
Löw, Martina: Einführung in die Soziologie der Bildung und Erziehung, Opladen 2006, S. 25.
8
Schäfers, Bernhard; Lehmann, Bianca: ,,Ungleichheit, soziale" (S. 329 330), in: Schäfers, Bernhard; Kopp,
Johannes: Grundbegriffe der Soziologie, 9., grundlegend überarbeitete und aktualisierte Auflage, 2006, hier S.
329.
5
und Interaktionsmöglichkeiten werden also Individuen, Gruppen oder Gesellschaften
dauerhaft eingeschränkt oder bevorzugt.
2.3
Bildungsungleichheiten
Bildungsungleichheiten stellen einen Strukturmerkmal moderner Gesellschaften
9
.
Ungleichheit der Bildung besteht, wenn Kinder bestimmter Gesellschaftsschichten (z.B.
Arbeiterkinder oder Migrantenkinder) durch soziale Barrieren und durch schichtspezifische
Sprachentwicklung in der Entfaltung ihrer Bildungsmöglichkeiten behindert sind
10
.
2.4
Chancengleichheit
Die Begrifflichkeit der Chancengleichheit wird hier als ein Teilbegriff der sozialen Gleichheit
verstanden. Unter der sozialen Gleichheit versteht man die Stellung der Menschen in der
Gesellschaft, welche ihnen den gleichen Zugang zu den Produktionsmitteln ermöglicht, die
gleichen politischen und zivilen Rechte garantiert, die Gleichstellung von den Geschlechtern
und sozial-ethnischen Gruppen ermöglicht
11
. In dem vorliegenden konkreten Zusammenhang
wird die Gleichheit des Zugangs zu den Bildungsmöglichkeiten behandelt.
3.
Die Bildungsexpansion
Im Artikel 3, Absatz 3 des Grundgesetzes wird eine Vorgabe getroffen, niemand wegen seines
Geschlechts, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft,
seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen zu benachteiligen oder zu
bevorzugen
12
, welches als Leitsatz auch für die Expansion im Bereich Bildung betrachtet
werden kann.
Wenn es um den Begriff der ,,Bildungsexpansion" geht, stehen vor allem eine höhere
Bildungsbeteiligung, der Ausbau von Bildungssystemen, die Ausweitung von
Bildungsgelegenheiten für alle Kinder und die erhöhte Nachfrage nach Bildung im
Mittelpunkt der Betrachtung. So bestand das Ziel der Bildungsexpansion der 60er Jahren
darin, die Rahmenbedingungen für den Bildungszugang so zu gestalten, dass sich die
Verweildauer im Bildungssystem verlängert sowie die Zahl höherer Bildungsabschlüsse
zunimmt. Weder das strukturelle Angebot an Bildungsgelegenheiten, noch sozialstrukturelle
9
Vgl. Becker, Rolf: Entstehung und Reproduktion dauerhafter Bildungsungleichheiten, in: Becker, Rolf:
Lehrbuch der Bildungssoziologie, Wiesbaden 2009, S. 85.
10
Vgl.
http://www.politik-info.de/themen-/-hintergruende/gesellschaft/definitionsoziale-ungleichheit.html
(Abgerufen am 12.09.2010)
11
Vgl. Pawlenok, Pjotr: ,,Kratkij slowar,, po soziologii", Moskau 2001, S. 154.
12
Vgl. Deutsches Grundgesetzbuch, Artikel 3, Absatz 3. Abgerufen am 20.09.2010 online unter:
http://www.bundestag.de/dokumente/rechtsgrundlagen/grundgesetz/gg_01.html
.
6
Merkmale von Schulkindern und ihren Eltern sollten systematische Einflüsse auf den
Bildungsverlauf und den Erwerb von Bildungsabschlüssen haben
13
.
Mit dem Ausbau des
Schul- und Hochschulwesens und den institutionellen Reformen ist größtenteils erreicht
worden, dass institutionelle, ökonomische und geographische Barrieren beim Bildungszugang
weitgehend an Bedeutung verloren haben. Insbesondere konnten Mädchen ihre
Bildungsdefizite gegenüber den Jungen mehr als ausgleichen. Allerdings muss man hier
anmerken, daß die gleichen Bildungserfolge zwischen den Geschlechtern in Ostdeutschland
eher üblich waren, und auch im europäischen Ausland keine Besonderheit darstellen
14
. Sind
also diese Ziele der Reformbemühungen in den 1960er und 1970er Jahren tatsächlich erreicht
worden, als es neben der Abwendung eines drohenden ,,Bildungsnotstandes" und der
,,Ausschöpfung von Begabtenreserven", die in den bildungsfernen Sozialschichten vermutet
wurden, vor allem um ,,Chancengleichheit durch Bildung" ging?
15
.
Gemessen an den bildungsreformerischen Zielsetzungen fallen die soziologischen
Evaluationen ernüchternd aus. Im Zuge der Bildungsexpansion gab es zwar deutliche
Verbesserungen, sprich die quantitativen Zunahmen der Bildungsbeteiligung (mehr
Abschlüsse) und eine höhere Bildungsqualität in der Bevölkerung, jedoch gab es gemessen
am Zusammenhang von Schichtzugehörigkeit und Schulbesuch nur mäßige bis geringe
Struktureffekte beim Übergang in das Gymnasium
16
.
So hängen Chancen für den Übergang in
das Gymnasium wie darauf aufbauende Bildungs- und Arbeitsmarktchancen immer noch von
der sozialen Herkunft, von der Schichtzugehörigkeit und Klassenlage des Elternhauses ab
17
.
Beim Besuch der Realschule hingegen fand eine deutliche Angleichung der Schichten statt.
3.1 Historische Eingrenzungen der Bildungsexpansion
Während die erste Welle der Bildungsexpansion historisch bereits dem 18. Jahrhundert
zugeordnet werden kann, allerdings nur eine begrenzte Ausweitung fand
18
fast exklusiv auf
13
Vgl. Friedeburg, Ludwig von: Bildungsreform in Deutschland. Geschichte und gesellschaftlicher
Widerspruch. Frankfurt am Main 1992, S. 190.
14
Vgl. Hradil (2006), S. 151.
15
Vgl. Friedeburg, a.a.O., S. 189.
16
Vgl. Meulemann, Heiner: Expansion ohne Folgen? Bildungschancen und sozialer Wandel in der
Bundesrepublik. S. 123-156. In: Wolfgang Glatzer (Hrsg.): Entwicklungstendenzen der Sozialstruktur. Frankfurt
am Main 1992
17
Vgl. Mayer, Karl- Ulrich; Blossfeld, Hans- Peter: Die gesellschaftliche Konstruktion sozialer Ungleichheit im
Lebensverlauf. S. 297-318. In: Peter A. Berger und Stefan Hradil (Hrsg.): Lebenslagen, Lebenläufe, Lebensstile.
Sonderband 7 der Sozialen Welt, Göttingen 1990.
18
Vgl. Roth, Hans Georg: 25 Jahre Bildungsreform in der Bundesrepublik. Bilanz und Perspektiven. Bad
Heilbrunn 1975, S. 9.
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