Verschwendung von Unsummen für Rüstung, (Bürger-)Kriege und Hungerkatastrophen genannt.
2. Neben der Uniformierung der Kulturen angesichts von wirtschaftlichen Prozessen heißt Globalisierung außerdem auch Durchmischung von Globalem und Lokalem bzw. Regionalem. Der neuerdings eingeführte Begriff Glokalisierung versucht der Mixtur von einander durchdringenden Kulturen Rechnung zu tragen. Wie nie zuvor entsteht vornehmlich durch die Neuen Medien und erhöhte Mobilität eine Diffusion zwischen Eigenem und Fremdem, deren Grenzen mehr und mehr verschwimmen. Natürlich ist ein Modell, das Kulturen gleich abgeschlossenen Inseln betrachtet nicht erst seit den Entwicklungen der letzten Jahrzehnte obsolet. Der Begriff des Kulturkreises beispielsweise wurde von Ethnologen längst verworfen. Denn schon immer gab es kulturelle Synkretismen, in welchen man Eigenes mit Teilen des Fremden verschmolz. Kulturen sind dynamische, nicht statische Gebilde. Während lange Zeit Prozesse kultureller Amalgamierung allerdings langsam sich vollzogen, in mehr oder weniger übersichtlichen, nur relativ offenen kulturellen Räumen, so findet heute eine rasante Beschleunigung und Verdichtung dieser Berührungen statt. Nicht ein organisches Verbinden, denn Konfrontation und unverdaute Kulturklumpen sind die Folge. Die Überflutung der Menschen mit Eindrücken des Unbekannten, mithin die ungefilterte Zusammenführung von mehr oder weniger Divergentem, führt für viele zu einer chronischen Überforderung und gefährdet (kulturelle) Identität. Im Zuge dieser »Vergiftungen« durch das ins Eigene eindringende Fremde entstehen Wertkonflikte, gesteigerte ontologische Verunsicherung; Verwirrungen also bezüglich Handlungssicherheit, Denkökonomie und „Selbst-Ständigkeit“, für die der Andere im Lichte einer neuen Pluralität der Wirklichkeitsauffassungen eher eine Zumutung bedeutet.
Angesichts einer wechselseitig »vergiftenden« Vernetzung der Kulturen und damit einhergehenden Orientierungsschwierigkeiten, ja drohendem Chaos aufgrund von Differenz und Diskontinuität, sehe ich neben der Bewahrung der Vielfalt kultureller Erscheinungen eine diesem Bemühen gewissermaßen gegenläufige weitere wichtige Aufgabe interkultureller Bildung in der Bearbeitung der Frage, ob es nicht tiefere Gemeinsamkeiten gibt, die als kulturübergreifend gelten können und Menschen in ihrer vordergründigen Verschiedenheit auf einer tieferen Ebene wesentlich verbindet. Angenommen es gibt solche Gemeinsamkeiten - und für diese These werde ich im folgenden optieren - würde das den Kontakt mit dem (vermeintlich) Fremden sehr
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erleichtern und meines Erachtens eine Bedingung für die Möglichkeit beschreiben, sich dem Anderen in seiner Eigenart wirklich zu öffnen und zwar nicht nur als Fremdem, sondern als Nächstem. Hiermit würde die Grundlage geschaffen, dass der Andere weniger als Gefahr oder Gegenmensch auftreten muss, sondern könnte in gewissen Teilen sicher auch als Bereicherung und Erweiterung wahrgenommen werden, weil dieser wie man selbst eine allgemein-menschliche Möglichkeit verwirklicht, die somit nicht nur als gefährdende Bruchstelle des Eigenen, sondern als Teil der Symphonie des Lebens im Ganzen aufscheint. Im Anderen läge so die Chance der eigenen Ergänzung einerseits, sowie der Entwicklung gemeinsamer angemessener Weltvorstellungen, die verschiedene Wissensformen und kulturelle Techniken in sich vereinen, anderseits. Dies jedoch auf der Grundlage des «Einen», alles menschliche Existieren durchdringenden.
Interkulturelle Kompetenz heißt für mich insbesondere dahin zu gelangen, im Anderen den Nächsten und in mir den Anderen erkennen zu können ohne dabei diesen vorschnell unter dem Vorurteil des Wohlbekannten zu annektieren oder ihn in einem Miss-Verstehen zu assimilieren. Vielmehr geht es um ein Entdecken gemeinsamer Frequenzen als für das Wagnis der Differenz und für das daraus möglicherweise Entstehen von Neuem unerlässliche Voraussetzung. Davon abgesehen wäre es ein lebenskünstlerischer Auftrag, einen Entwurf oder ein Weltbild für sich selber als verbindlich anzuerkennen und gleichzeitig so weit zu relativieren, dass abweichende Vorstellungen und Überzeugungen darin Platz haben und toleriert werden können, ohne sie einfach zu ignorieren.
3. Für alle Beteiligten dürften die Umbrüche der Globalisierung (also) zu einer Intensivierung der Infragestellung ihrer selbst hinauslaufen. Mit anderen Worten zur Frage: «Wer bin ich?», die es in Zukunft interkulturell zu synthetisieren und zu legitimieren gilt. Es ließe sich auch von Sein-lernen sprechen, wie es im UNESCO Bericht (Education for the 21 century) 1 heißt. Interkulturelle Bildung sollte m. E. in dieser Frage ihren Ausgang nehmen, und beginnt damit ganz im Sinne klassischer Bildungstheorie mit einer Selbstthematisierung. Im interkulturellen
Bildungsgeschehen ist man immer auch und zunächst selber mit Thema. Umso mehr als ich davon ausgehe, dass erst Selbsterkenntnis und eine eigene Identität - wobei
1 UNESCO Bericht (Education for the 21 century in: C. Wulf: Anthropologie kultureller Vielfalt:
Interkulturelle Bildung in Zeiten der Globalisierung. Bielefeld 2006
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diese vor allem jene zur Voraussetzung hat - für ein Mitsein mit dem Anderen oder Fremden öffnet. Wie sonst sollte interkulturelle Kompetenz möglich sein, wenn nicht beginnend mit der Kompetenz für sich selber? Nicht nur für internationalen Dialog und Zusammenleben sind Leute notwendig, die ihr eigenes Profil, ihre eigene Identität haben und auf dieser Basis Anerkennung des Andersseins und neue Synthesen entwickeln. Interkulturelle Bildung geht demnach zunächst in Richtung der eigenen Existenz. So zwar, dass dabei nicht nur der je Einzelne allein, individuell und nur relativ betroffen wird, sondern ebenso wohl der Andere. Indem das Vordringen in den eigenen Grund scheinbar in die Vereinzelung führt, erfolgt in Wahrheit eine Vertiefung in existentielle Grundlagen, in denen alle zusammenhängen.
Statt einer zersplitternden, Menschen mehr oder minder schroff in ihrer Relativität gegeneinander stellenden soziologischen bzw. historisch anthropologischen Kleinarbeit bedarf es, damit die Frage, «wer ich bin», zugleich zu mir und zum Anderen, kulturell Fremden führt, der Daseinsanalyse. Sie hebt den Einzelnen aus der Enge seines historisch-kulturellen Kontextes heraus und stellt ihn in eine umfassendere Perspektive der Gemeinsamkeit. In ihr werden die Ergebnisse der philosophischen Anthropologie vorausgesetzt. Was hier ansteht ist jedoch die existentielle Dimension, d.h. die Innenseite des Subjekts, während besondere körperliche Merkmale geringere Gewichtung erfahren. Auch hier werden allgemeine Bedingungen des menschlichen Daseins eruiert, die aber gleichzeitig jeden Einzelnen auf der Ebene seiner Mentation allerintimst und unbedingt angehen - freilich in je kultureller Ausformung.
Ein derartiges Kulturmodell expliziert, was es bedeutet als Person, die der Mensch ist, zu leben. Dies herausfinden heißt die in der Oberfläche kultureller Vielfalt involvierte Tiefendimension des Daseins zu ent-decken. Weniger gilt es dabei kulturelle Differenz ins Bewusstsein zu heben, gesucht wird vielmehr nach dem Gleichen, immer Wiederkehrenden, d.h. Kohärenz.
4. Ein kurzer Blick in die Geschichte der Menschwerdung soll an dieser Stelle zu einer einenden existentiellen Charakteristik des Daseins überleiten: Gewisse evolutionäre Verläufe im Rahmen des »Tier-Mensch-Übergangsfeldes« führten beim Menschen zu einer unter den Lebewesen einzigartigen Entwicklung des Gehirns, das zu einem hochkomplexen Gefüge von interagierenden Nervenzellen heranwuchs. Aus diesen emergierte schließlich das (Selbst-)Bewusstsein; plötzlich
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Arbeit zitieren:
Magister Artium (M.A.) Tobias Fiege, 2007, Eine Annäherung an den Begriff interkulturelle Bildung, München, GRIN Verlag GmbH
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