Inhalt
1 Einleitung 1
2 Krise der Moderne und Linguistic Turn 1
3 Biographische Skizze - Jean-Francois Lyotard 3
4 Philosophie des Widerstreits
4.1 Grundlegende Ausführungen 4
4.2 Exkurs: Holocaust und Widerstreit 6
5 Kritik an Lyotards Konzept diskursiver Gerechtigkeit
- Gerechtigkeit auf welcher Basis? 8
6 Literatur 11
1 Einleitung
Im Folgenden soll Jean-Francois Lyotards Hauptwerk Der Widerstreit einer genaueren Betrachtung unterzogen werden. Dabei erscheint es dem Autor notwendig das Werk in einen Kontext zu allgemeinen Tendenzen der westlichen Geisteswissenschaften im 20. Jahrhundert zu stellen und auch die Persönlichkeit Lyotard näher zu beleuchten, denn sowohl der Ansatz als auch die Konsequenzen der Ausführungen im Widerstreit werden von Autor als kritischer Reflex auf die Krise der Moderne und ihrer Erzählungen und Versprechen verstanden. Diese Kritik der Moderne kann aber nur richtig eingeordnet werden, wenn verstanden wird warum Lyotard eben dieser Moderne eine kritische Absage erteilt und ein gewissermaßen postmodernes Konzept von diskursiver Gerechtigkeit an ihre Stelle setzt. Zum Abschluss sollen einige kritische Anmerkungen getroffen werden, insbesondere in Bezug auf die Möglichkeiten der praktischen Umsetzbarkeit von Lyotards Konzepten.
2 Die Krise der Moderne und der Linguistic Turn
Lyotards Widerstreit muss im Kontext der allgemeinen Entwicklungen der Geisteswissenschaften im 20. Jahrhundert interpretiert werden. Die Hinwendung zur Sprache und konsequente Interpretation der Welt nach dem linguistischen Paradigma sind keine willkürlichen Entwicklungen, sondern ein kritischer Reflex auf das politische Scheitern totalitärer 1 Weltinterpretationen.
Die Moderne war geprägt von Emanzipationshoffnungen, die auf allumfassenden, alles erklärenden - im eigentlichen Sinne totalen - Prinzipien basierte. Sei es die Hoffnung der Emanzipation von religiösem Aberglauben durch die rationale Durchdringung und Beherrschung der Natur oder die Hoffnung der Emanzipation und Befreiung des Menschen 2 selbst durch den Sozialismus. Die Versuche diese Versprechen auch praktischpolitisch zu verwirklichen können spätestens nach 1989 als gescheitert - oder doch zumindest als in der Krise begriffen - angesehen werden. Die rationale Beherrschung der
1 Hier erscheint es angebracht den Begriff totalitär von seiner Verwendung im politik-wissenschaftlichen Kontext zu trennen. (Anmerk. d. Autors)
2 Marx spricht ja sogar selbst von der „menschlichen Emanzipation“, wenn er über die Überwindung des Kapitalismus spricht. (Anmerk. des Autors)
1
Natur verdrängte zwar archaische Abergläubigkeit und Mythen, ersetzte diese aber letztlich durch moderne Mythen von Sachzwängen und schuf gleichzeitig Mittel und Methoden die Unmündigkeit des Menschen zu perpetuieren. Die vom Sozialismus im Namen der Menschlichkeit angestoßene Bewegung pervertierte sich in den Versuchen ihrer Verwirklichung und verkehrte sich durch die teilweise Unmenschlichkeit ihrer Politik in ihr Gegenteil.
Das Vorhandensein der Krise scheint offensichtlich. Derzeit existiert kaum ein Entwurf, kaum ein Projekt, dass sich in Reichweite und Zielen mit den großen Entwürfen der Moderne vergleichen ließe. Die gewissermaßen konsequenteste These zu dieser Krise des Fortschrittsglaubens stellte der amerikanische Historiker Francis Fukuyama auf, in dem er an Hegel angelehnt das „Ende der Geschichte“ 3 verkündete. Fukuyama greift dabei einen Impuls der zeitgenössischen Geisteswissenschaft auf, der sich auch bei Lyotard widerspiegelt. 4 Es geht nicht mehr um das vermeintliche Realexistierende, nicht um ontologische Fragestellungen, sondern darum, wie eben diese Welt repräsentiert und sozial verhandelt wird. Um die Frage wie Bedeutungen produziert und durchgesetzt werden. 5 Aussagen über die Dinge zu treffen, das tut kaum ein Geisteswissenschaftler mehr. Viel mehr rückt das Ding oder der soziale Fakt in den Hintergrund und an ihre Stelle tritt die Frage nach den Diskursen über die Dinge - nach der sozialen Konstruktion eben dieser. Dabei verschiebt sich auch die Methode. Nicht mehr die materialistische Analyse des Sozialen ist zentral, nicht mehr ökonomische Analysen definieren und klassifizieren Gesellschaft, sondern Sprache und Kommunikation als grundlegendste menschliche Verkehrsformen. 6 Gesellschaft entsteht erst durch Kommunikation und ihre Struktur wird durch Sprache und Diskurse geformt. Die zentrale Frage der Philosophie ist demnach die nach der Ordnung der Diskurse. 7
3 Fukuyama, Francis: Das Ende der Geschichte. Wo stehen wir?, München 1992
4 Der vermeintliche Stillstand der Geschichte ist gemeint. Keine großen Veränderungen sind mehr zu erwarten. Was passiert sind keine Prozesse mehr, die auf ein vermeintliches Ziel hinstreben, sondern wie Lyotard immer wieder formuliert „Vorkommnisse“. (Anmerk. d. Autors)
5 Den Leitspruch eben jener Hinwendung zur Sprache formulierte Ludwig Wittgenstein: „Alle Philosophie ist Sprachkritik.“ (Tractatus 4.0031), vgl.: Wittgenstein, Ludwig: Tractatus logico-philosophicus, Frankfurt a. M. 1963
6 Die Hinwendung der Philosophie zur Sprache mit besonderem Augenmerk auf ihre Ideengeschichte bei Hacking. Siehe: Hacking, Ian: Die Bedeutung der Sprache für die Philosophie, Königstein 1984
7 Foucault zu Folge ist der Diskurs das, was zu einem Ding gesagt werden könnte. Die Ordnung des Diskurses wird durch vermachtete Struktren bestimmt. Macht ist auch der entscheidende Faktor darüber, welche Aussagen dann tatsächlich auch gesellschaftlich relevant getätigt werden. Siehe: Foucault, Michel: Die Ordnung des Diskurses, Frankfurt a. M. 1993
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Magister André Keil, 2007, Jean-Francois Lyotard: Der Widerstreit - Darstellung und Kritik, München, GRIN Verlag GmbH
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