Florian Winkler
Bei dem vorliegenden Textauszug über die Rolle der Philosophie in der Gesellschaft und über das Wesen dieser Geisteswissenschaft aus dem 5.Buch von Platons insgesamt zehn Büchern umfassenden Werk „Der Staat“ handelt es sich um zwei der vielfältigen Themen in Platons Philosophie. In diesem Fall lässt Platon die Personen Glaukon und Sokrates einen Dialog führen, bei dem es im Kern darum geht, ob ein Unterschied existiert zwischen dem, was man gewöhnlicherweise als „Meinung“ und dem, was man als „Wissen“ beziehungsweise „Erkenntnis“ bezeichnet. Daraus resultiert die Frage, ob man wiederum aus einer möglichen Unterscheidung dieser beiden „Begriffe“ Konsequenzen ziehen müsse, was die Einrichtung eines Staates betrifft, um in ihm geordnete Verhältnisse herstellen zu können. Dieser Textauszug dient im Kern also dazu, die These „Philosophen sollen Könige sein“ zu beweisen.
Von Glaukon als Dialogpartner Sokrates' ist anzunehmen, dass mit ihm einer der zwei älteren Brüder Platons gemeint ist, da dieser genauso wie Platon selbst einer der Schüler von Sokrates war. Platon wurde von Sokrates stark beeinflusst, was daraus resultierte, dass Platon im Alter von circa zwanzig Jahren, anno 407 v.u.Z., sich dem circa vierzig Jahre älteren Sokrates neben einer Gruppe weiterer junger Männern anschloss, um philosophische Themen dieser Zeit zu diskutieren. Sokrates wurde allerdings aufgrund des Vorwurfs, dass er die Jugend Athens verderbe und zudem in der Absicht handle, neue Götter einführen zu wollen, im Jahre 399 v.u.Z. hingerichtet. Platon lässt in seinen Dialogen oftmals seinen philosophischen Lehrmeister Sokrates sprechen, dem damit ein ewiges Denkmal gesetzt wird, wobei nicht immer bewiesen ist, dass diese Aussagen auch auf den wirklichen Sokrates zurückzuführen sind. Man kann also sagen, dass Platon in seinen Dialogen Sokrates mitunter Argumentationen in den „Mund legt“ und sich dadurch einen eigenen Sokrates „konzipierte“.
Platon selbst entstammte einer bekannten und finanziell gut gestellten Familie der Oberschicht. Er wurde Zeit seines Lebens Zeuge von zerrütteten politischen Verhältnissen, wie zum Beispiel des im letzten Drittel des 5. Jahrhunderts vor unserer Zeit stattfindenden 25-jährigen „Peloponnesische Krieges“, den Athen im Jahre 404 v.u.Z. gegen Sparta verlor. Athen, die Polis, in der Platon seine Kindheit und Jugend verbrachte, litt unter den Folgen der Zerstörung und der Demütigung durch den Sieger Sparta, was durch den Akt des Abschleifens der Wehrmauern Athens auch ihre für die Antike typische symbolische Demütigung des Unterlegenen zur Folge hatte. Zudem erschütterte ihn die Ungerechtigkeit der Hinrichtung Sokrates im Jahre 399 v.u.Z schwer. Vor diesem Hintergrund lässt sich die Frage Platons, ob und wenn wie man „Meinung“ von „Wissen/Erkenntnis“ unterschieden kann und was sich daraus für Folgen ergeben, noch einleuchtender betrachten.
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Florian Winkler
Zunächst aber zum Textauszug aus dem fünften Buch aus der Reihe „Der Staat“ mit der Thematik der Rolle der Philosophie in der Gesellschaft sowie über das Wesen der Philosophie. Sokrates stellt zuerst einmal die These auf, dass ein Herrscher nie ein guter und gerechter Herrscher sein kann, wenn bei ihm nicht die Macht, die er inne hat, auch mit Weisheit gekoppelt ist, und zwar mit der Weisheit der Philosophen. Wenn das nicht geschieht, so sieht er keinen Staat dazu in der Lage, gerechte und geordnete Verhältnisse zu schaffen und müsse deswegen zwangsläufig zusammenbrechen. Somit versuchen Sokrates und Glaukon im Verlauf des Dialogs sich zu einigen, wie ein Philosoph zu definieren sei, um daraus zu rechtfertigen, dass eben nur Philosophen die wahren Herrscher sein können. Sokrates kommt dabei zum dem Schluss, dass auf der einen Seite Menschen existieren, die er als die sogenannten „Weisheitsliebenden ähnlich“ bezeichnet und auf der anderen Seite die (wahrhaft) „Weisheitsliebenden“, die Philosophen. Dabei ergibt sich ihre Weisheit aus ihrem Wissen, dass heißt aus ihrer gesicherten Erkenntnis, die sie durch die ständige Denkarbeit der Überprüfung und Weiterverarbeitung von Wahrnehmungen erlangen. Hingegen haben die „Weisheitsliebenden ähnlichen“ nur eine „Meinung“ , die deswegen nur eine Meinung ist, weil sie nicht solide überprüft und somit nicht zu Ende gedacht wurde, sozusagen bleiben sie am Punkt der Wahrnehmung stehen. An dieser Stelle kommt das „Ideenkonzept“ Platons ins Spiel: Ein Philosoph sieht das „Wesen der Dinge“, da dieser durch „anstrengendes Hinschauen“ zur Erkenntnis gelangt. Hingegen jemand, der nur eine „Meinung“ hat, nur oberflächlich die Dinge betrachtet, wie beispielsweise die rein visuelle Wahrnehmung der Schönheit einer Blume, wodurch diese Person nicht das Wesen der Dinge sieht und erkennt, wie eben in diesem Fall, dass die Schönheit der Blume wiederum nur ein Teil der „Idee des Schönen“ an sich ist. Somit kann laut Aussage Sokrates die „Meinung“ nur zwischen dem „Seienden“, die die Erkenntnis beinhaltet, stehen, und dem „Nicht-Seienden“ eingeordnet werden, denn eine „Meinung“ kann sich nicht auf etwas „Nichts-Seiendes“ beziehen, da dies sich dann auf etwas nicht Reales beziehen würde. Somit kann die „Meinung“ eine Zwischenstation sein auf dem Weg zur Erkenntnis, wenn man bereit ist, sich mit der Philosophie zu beschäftigen.
Aus dem Aufgeführten folgt zwangsläufig laut Platons Dialog die logische Schlussfolgerung, dass Philosophen Könige sein müssen. Diese Philosophenherrschaft soll dabei nicht nur ausschließlich zum Zwecke der Herrschaft im ursprünglichen Sinne dienen, sondern die Philosophen sollen dabei auch Aufgaben der Traditionswahrung erfüllen sowie die Herausarbeitung von moralischen Grundsätzen vorantreiben und festlegen.
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Doch wenn man die Unterscheidung vornimmt zwischen „Weisheitsliebenden“ und denen, die ihnen sehr ähnlich sind, ergeben sich auch Kritikpunkte bei der Forderung der Philosophenherrschaft. Zum einem impliziert der Textauszug, dass ein Philosoph zwangsläufig nach Weisheit strebt. Dieses „Streben“ würde aber genauso wenig einen Irrtum im Handeln ausschließen wie das Handeln eines nicht-philosophischen Herrschers, der ernsthaft gewillt ist, nach besten Wissen und Gewissen gerecht zu handeln. Die Frage, wann ein Philosoph ein Philosoph ist, wird damit zwar theoretisch im Text beantwortet - mit dem Streben nach Weisheit - , aber wie und in welchem Maße dies allerdings geschehen muss, dass dieser auch als legitimer (Philosophen-)Herrscher gesehen werden kann wird nicht eindeutig geklärt. Ist es zudem nicht ein etwas zu naives Menschenbild, dass jemand, der sich in Tiefe und Intensität mit der Philosophie und ihren Problemfragestellungen beschäftigt, woraufhin dieser durchaus berechtigt als Philosoph bezeichnet werden könnte, nicht trotzdem ein schlechter Herrscher sein kann? Denn nur allein aus einem Wissen, das man hat, muss nicht ein konkludentes Handeln resultieren. In weiteren Ausführungen in seinem Werk „Der Staat“ sieht Platon zudem eine Dreiteilung des Staates vor: Zuerst die Philosophenherrscher, zum zweiten die Wächter der Polis und drittens die Bauern, Handwerker und Händler, also die einfachen Bürger. Diese Erwähnung ist wichtig, um den Textauszug auch in einem gewissen Kontext zu sehen und zu verstehen. Schließlich ist es den Poleiswächtern durchaus auch in einzelnen Fällen möglich, in die Klasse der Philosophenherrscher aufzusteigen, wenn sie besonderes Talent zeigen und sich einem vielfältigen Bildungsprogramm unterziehen. Doch auch dort bleibt die Frage, wer entscheiden darf, wer dafür geeignet ist und welche möglichst eindeutigen Kriterien für eine solche Entscheidung herangezogen werden sollten. Wie kann also an dieser Stelle wirklich objektiv entschieden werden, wer eher dazu neigt, Meinungen zu vertreten oder wer eher das Vermögen besitzt, nach der wirklichen „Weisheit“ zu streben. So bleibt dabei auch die Frage unbeantwortet, ob nicht auch in einem solchen System genauso ähnliche persönliche Interessen bei „Personalfragen“ wie in einem nicht von Philosophen geführten Staat eine Rolle spielen oder nicht. Vielleicht hat der eine Philosophenherrscher, vielleicht aus persönlichen Differenzen oder sonstigen Gründen, ein persönliches Interesse daran, diesen Wächter in seiner Philosophenherrschaft einzubeziehen oder auch der umgekehrte Fall, dass er den „Philosophenanwärter“ lieber von etwaigen Herrschaftsrechten außen vor lassen würde. Hier ist also die ähnliche kritische Frage, wie schon ein Stück zuvor aufgeführt, und zwar ob es reicht, eine Erkenntnis zu haben, ohne diese aber und die aus ihr resultierende Weisheit anzuwenden. Des weiteren kann ein Philosophenherrscher, gesetzt dem Fall, er handelt nicht weise, genauso
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Arbeit zitieren:
Florian Winkler, 2010, Platon - Der Staat, München, GRIN Verlag GmbH
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