zu nutzen“ (Döbert-Nauert 1985 zitiert nach Feldmeier 2007, S. 8). Solche Analphabeten haben in der Regel über einen längeren Zeitraum eine Schule besucht, die erworbenen schriftsprachlichen Kompetenzen in deren Muttersprache sind jedoch nicht ausreichend, um problemlos lesen und schreiben zu können (vgl. Feldmeier 2007, S. 18).
• Beim sekundären Analphabetismus haben die Betroffenen, trotz des Schulbesuchs ihre
Kenntnisse über die Schriftsprache völlig oder zum Teil verlernt, indem sie die Schriftsprache über einen langen Zeitraum nicht benutzt haben. Sekundärer Analphabetismus ist ein Sonderfall des funktionalen Analphabetismus und tritt meistens dann auf, wenn die erwachsenen MigrantInnen keine Gelegenheit oder Nutzen haben, die vorhandenen Schriftsprachkenntnisse in ihrer Muttersprache im Ausland anzuwenden 2 .
• Beim Zweitschrifterwerb geht es um die Erwachsenen, die in ihrer Heimat mehrere Jahre
Schulerfahrung sammeln konnten, aber in einem nicht-lateinischem Schriftsystem alphabetisiert sind. Solche Personen verfügen in der Regel über gute Deutschkenntnisse, können auf zahlreiche Lernstrategien zurückgreifen und machen große Fortschritte im Alphabetisierungsunterricht. In diesem Fall spricht man von einer „Umalphabetisierung“ (vgl. ebd., S. 19).
Die Ursachen des Analphabetismus sind je nach Herkunftsland und Form des Analphabetismus unterschiedlich und liegen meistens in Armut und unzureichenden sozialen Bedingungen. Der Analphabetismus betrifft alle Länder der Welt, sowohl Industrie-, als auch Entwicklungsländer, und kennzeichnet sich durch folgende Faktoren 3 :
• Ökonomische Armut: Entweder der Familie oder der Gesellschaft fehlen die finanziellen
Mittel, um ihren Kindern oder ihren Gesellschaftsmitgliedern die Grundschulbildung zu ermöglichen.
• Pädagogische Armut wird vor allem als Ursache des funktionalen Analphabetismus
betrachtet. Es fehlen beispielsweise pädagogische Konzepte, die das lebenslange Lernen der Schriftsprache fördern und die unterrichtende Institutionen dabei unterstützen, die Problematik des Analphabetismus zu überwinden.
• Sozialer Stand: Das Bewältigen von alltäglichen Situationen erfordert keine besonderen
Schriftsprachkenntnisse aufgrund der Ausgrenzung der betroffenen Person von der Gesellschaft oder aber der gesamte soziale Stand der Gesellschaft setzt diese Kenntnisse nicht voraus.
2 http://uni-leipzig.de/herder/projekte/alpha/index.htm
3 Vgl. ebd.
2
• Kultureller Hintergrund: Die traditionelle Vorstellung in den meisten orientalischen
Ländern, dass in erster Linie die Männer eine Bildung erhalten müssten, während die Frauen eher für die Kindererziehung und den Haushalt zuständig sind. In diesem Fall werden die Frauen benachteiligt und gehören somit zu der Hauptzielgruppe in den internationalen Zielplänen der UNESCO gegen Analphabetismus.
• Politischer Hintergrund: Im Fall eines Krieges oder im Fall von ethnischen Minderheiten,
deren Sprache/Mundart nicht in der Schule unterrichtet wird und langsam mehr oder weniger von der Gesellschaft ausgeschlossen wird.
• Sprachlicher Hintergrund: Es gibt Sprachen, die hauptsächlich mündlich tradiert wurden
und kaum in schriftlicher Form existieren, wie beispielsweise kurdisch, bestimmte afrikanische Sprachen oder Dialekte.
Was die Herkunftsländer und Nationalitäten der Zielgruppe der Analphabeten in der Zweitsprache Deutsch angeht, sind bisher leider nur sehr wenige aktuelle Statistiken erstellt worden. So gibt Schramm (1996) eine ungefähre Abschätzung, die auf Statistiken über die in Deutschland lebenden Ausländer und auf den von der UNESCO herausgegebenen Statistiken zur Analphabetismusrate der jeweiligen Herkunftsländer für das Jahr 1990 basiert. Laut dieser Abschätzung, führt die Gruppe der türkischen Analphabeten mit großem Abstand, danach kommen die Analphabeten aus dem ehemaligen Jugoslawien, gefolgt von Iranern, Marokkanern, Griechen und Afghanen (Schramm 1996 zitiert nach Feldmeier 2004, S. 103). Zusätzlich zu diesen Daten werden noch die Daten vom Sprachverband 4 angeführt, die die überwiegende Mehrheit der türkischen Analphabeten noch mal bestätigen. Bezüglich dieser Daten vom Sprachverband muss erwähnt werden, dass die von ihm finanzierten Sprachkurse ausschließlich für die Teilnehmer gedacht wurden, die aus der EU, sowie aus den ehemaligen Anwerbeländern Türkei, dem früheren Jugoslawien, Marokko und Tunesien und aus den ehemaligen DDR-Vertragsländern Angola, Mosambik und Vietnam stammten (vgl. Feldmeier 2004, S. 104).
Nach Feldmeier (2004) stellten in den letzten zwei bis drei Jahren die Kurden aus dem Irak zusammen mit den Kurden aus der Türkei die größte Analphabetengruppe dar, gefolgt von thailändischen Frauen, Marokkanern, sowie Griechen, Chinesen, Litauer, Roma und Menschen aus anderen Ländern. Feldmeier betont ausdrücklich die kurdische Mehrheit als die zu alphabetisierende Gruppe in Deutschland (vgl. ebd. S. 104).
4 Der Sprachverband Deutsch für ausländische Arbeitnehmer (DfaA) finanzierte bis zum Jahr 2003 die meisten
Alphabetisierungskurse in DaZ (Feldmeier 2004, S. 103).
3
Im folgenden Teil wird das vorläufige Konzept für einen bundesweiten Integrationskurs mit Alphabetisierung vorgestellt.
3 Vorläufiges Konzept für einen bundesweiten Integrationskurs mit
Alphabetisierung (Feldmeier 2007)
Aufgabe der Integrationskurse mit Alphabetisierung ist, die Teilnehmenden innerhalb von 630 UE dem Ziel der funktionalen Alphabetisierung möglichst nah zu bringen und gleichzeitig grundlegende Deutschkenntnisse zu vermitteln.
Da sich diese Alphabetisierungskurse an die MigrantInnen richten, liegt deren Aufgabe zusätzlich daran, ein aktives Zusammenleben und Integration in der deutschen Gesellschaft zu ermöglichen. Des Weiteren sollen bei einer teilnehmerorientierten Vermittlung sprachlicher und schriftsprachlicher Kompetenzen auch soziale, sozio-kulturelle, interkulturelle und sozialpsychologische Ziele sowie der Aspekt der Nachhaltigkeit berücksichtigt werden. 3.1 Umfang und Struktur
Integrationskurse mit Alphabetisierung haben - ebenso wie die allgemeinen Integrationskurse - einen Umfang von 630 UE. Sie setzen sich aus dem (Schrift-) Sprachkursteil mit 600 UE (300 UE im Basis-Alpha-Kurs und 300 UE im Aufbau-Alpha-Kurs) und dem sich anschließenden Alpha-Orientierungskurs mit 30 UE zusammen. Im vorliegenden Konzept werden die Zielgruppen auf primäre und funktionale Analphabeten, sowie auf Zweitschrifterwerbsteilnehmer aufgeteilt, wobei alle Teilgruppen zusammen lernen. Es besteht allerdings die Möglichkeit, die fortgeschrittenen Teilnehmer in ein höheres Modul einzustufen. Jedes Modul besteht jeweils aus 100 UE, es sind also jeweils 3 Module pro Kurs. Am Ende des Aufbau-Alpha-Kurses sollen die Teilnehmer möglichst nah an das Niveau A1 gebracht werden. 3.2 Teilnehmer
Die Teilnehmende an Alphabetisierungskursen zeichnen sich stark aus durch ihre Heterogenität bezüglich ihrer jeweiligen (schrift-)sprachlichen Kompetenzen. Die
sprachlichen Kenntnisse variieren zwischen den Kenntnissen so genannter „absoluter Nullanfänger“, die z. B. ihren Namen nicht angeben können, bis zu den Kenntnissen von Teilnehmenden, die sich im so genannten „Gastarbeiter-Deutsch“ fließend mitteilen können. Kenntnisse über Grammatik liegen in der Regel nicht vor. Die schriftsprachlichen Kenntnisse charakterisieren sich dadurch aus, dass auf einer Seite die Teilnehmende stehen, die keine Schule besucht haben und keine "Stift"-Erfahrungen sammeln konnten, sie verfügen
4
Arbeit zitieren:
Ekaterina Avalon, 2010, Alphabetisierung in der Zweitsprache im Erwachsenenalter, München, GRIN Verlag GmbH
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