9) Das Küssen
10) Essen, Trinken, Rauchen und Geruchsempfindungen
Das Prinzip des Reigens wird durch das Abspielen einiger Motive von mehreren Partnern und einiger stereotyper Redewendungen durchexerziert. Die Motive bilden eine gedankliche und bildliche Verbindung der einzelnen Szenen und Figuren.
Die Beziehungen zwischen Mann und Frau verlaufen disharmonisch:
Die Frau wechselt von spröder Ablehnung zu zärtlicher Anhänglichkeit, der Mann von sinnlicher Erregung zu kalter Ablehnung. Die Unmöglichkeit gemeinsamen Glücks wird offenbar.
Die Begebnisse des Reigens implizieren die These, daß allen Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht und ihrem Sozialstatus ein elementares Verlangen zukommt, das keineswegs immer auf Liebe und Ehe zielt.
Schnitzler schrieb in einem Brief:
„Geschrieben hab ich den ganzen Winter über nichts als eine Szenenreihe, die vollkommen undruckbar ist, literarisch auch nicht viel heißt, aber nach ein paar hundert Jahren ausgegraben, einen Teil unserer Kultur eigentümlich beleuchten würde."
Zunächst ist der Reigen gar nicht für die Bühne gedacht, es erscheinen nur 200 Exemplare, die Schnitzler an seine Freunde weitergibt. Doch 1920 kommt es dann zur Uraufführung in Berlin. Danach müssen sich die Schauspieler wegen Unzucht und Erregung öffentlichen Ärgernisses vor Gericht verantworten.
In Wien, München und Berlin führte das Stück zu solch starken Publikumstumulten, daß weitere Vorstellungen untersagt wurden. Schnitzler selbst verbot daraufhin jede Aufführung seines Stückes. Erst 1982 lief die Sperrfrist ab.
Seine Biografie möchte ich aussparen, zu erwähnen scheint mir nur wichtig, was für das Stück interessant ist: Der Arzt in Schnitzler hat Beobachtung und Diagnose des Dichters geprägt und bestimmt. Auch die der eigenen Person.
Bei den Szenen „das süße Mädel und der Dichter“ & „der Dichter und die Schauspielerin“ handelt es sich bestimmt um ein Selbstporträt Schnitzlers. (geht auf das Verhältnis mit Burgschauspielerin Adele Sandrock zurück).
Seine Position dem Stück gegenüber läßt sich rein als Beobachterposition beschreiben, er stellt sich natürlich außerhalb der gängigen Moral.
Schnitzlers Reigen ist als Zyklus von 10 Einaktern konstruiert, mit einem Personal von 10 Figuren (die ich auf dem Handout angeführt habe).
Sie sind keine ausgeprägten Individuen, sondern repräsentative Vertreter ihrer sozialen Schicht, sowohl in ihrem Verhalten als auch in ihrer Sprache, sie spielen nur Rollen und haben bezeichnenderweise keine Namen.
Nach der Art der späteren Expressionisten nennt er sie: Dirne, Soldat, süßes Mädel, Graf usw. Wichtig ist, daß der Reigen durch alle sozialen Schichten der Gesellschaft führt. Wie die Figuren des Puppentheaters, wie die Gestalten des Totentanzes sind sie Typen - und wie Marionetten reagieren sie alle gleich auf die Anreize od. Antriebe, d.h. Dirne und Ehefrau oder Ehegatte und Soldat sind nicht so himmelweit voneinander unterschieden. Zehnmal wiederholt sich also der makabre Tanz, zehnmal Werbung, Lockung, Paarung, Sättigung und Ernüchterung.
Die in sich geschlossenen Episoden sind dadurch verknüpft, daß jeweils einer der beiden Akteure im nächsten Akt auf einen neuen Partner trifft, bis sich der amouröse Kreis wieder schließt.
Die Begebnisse d. Reigens implizieren die These, daß allen Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht und ihrem Sozialstatus ein elementares Verlangen zukommt, das keineswegs immer auf Liebe und Ehe zielt.
Mit der Negation der natürlichen Geschlechterdifferenz steht Schnitzler in der Zeit d. Jahrhundertwende mit seiner Auffassung eher alleine da. Noch etwas zum sozialen Status:
Der Soldat und das Stubenmädchen gehören ebenso wie der junge Herr und die junge Frau derselben Schicht an, können über den anderen nicht verfügen und spielen das Spiel deshalb als Ebenbürtige. Ist einer der Partner in der überlegenen Position, so schreibt der die Regeln vor.
Unbedingt beachtet werden muß, daß die Reihenfolge der Szenen strikt den sozialen Möglichkeiten folgt, über welche die Figuren verfügen, d.h. die junge Frau und der Soldat wäre eine unmögliche Konstellation gewesen. Die einzige Ausnahme ist der Graf: er verkehrt ganz natürlich sowohl mit der Schauspielerin als auch mit der Dirne. Das um sein Prestige besorgte Bürgertum beschränkt sich auf das süße Mädel und das Stubenmädchen.
Die Szenen mit dem Aufstieg im sozialen Milieu verlängern sich: das hat mit den längeren Umständen zu tun, die man sich in gehoberen Schichten macht, es verlängern sich die Gespräche, die Charaktere werden diffiziler beschrieben, aber die Flüchtigkeit und die neue Begehrlichkeit nach dem nächsten und anderen zeigen sich schnell bei allen.
Zehnfach variiert wiederholt sich das Ritual der Verführung: die verschiedensten VH-Weisen werden an den Tag gelegt:
- Unterwürfigkeit
- Schamlosigkeit
- Lust am Abenteuer
- Eheliche Pflichterfüllung
- Verstellung
- Zynisches Raffinement
- Naivität
- Frivolität
All diese Verhaltensweisen streben nach einem Ziel, der sexuellen Befriedigung.
Die Beziehungen zw. Mann und Frau verlaufen disharmonisch:
Die Frau wechselt von spröder Ablehnung zu zärtlicher Anhänglichkeit und der Mann von sinnlicher Erregung zu kalter Ablehnung.
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Andrea Rieger, 1999, Arthur Schnitzler - Der Reigen, Munich, GRIN Publishing GmbH
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