Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Determinanten für Chruschtschows Raketenplan 5
2.1 Die Furcht vor einer bevorstehenden Invasion Kubas 5
2.2 Die Verbesserung der strategischen Position der UdSSR 8
2.3 Das sozialistisch-sowjetische Ansehen 10
2.4 Chruschtschows Psyche und Charakter 12
3. Operation Anadyr - Chruschtschows Raketenplan wird 16
Wirklichkeit
3.1 Die Tarnung der Operation 17
3.2 „The gravest issues would arise “ 19
3.3 Vorsätzliche Täuschung als Erfolgsgarant 20
3.4 Taktische Atomraketen als Erfolgsgarant 21
3.5 Die Tarnung der Operation Anadyr fliegt auf 22
4. Der Beginn der Kuba-Krise 24
5. Kennedys Krisenmanagement 26
5.1 Die Gründung des ExComm 26
5.1.1 Die Optionen der ExComm
5.1.2 Die Entscheidung der ExComm
5.2 Die Verkündung der Seeblockade 28
6. Chruschtschows Krisenmanagement 30
6.1 Die Optionen der Kremlführung 31
6.2 Die Entscheidung der Kremlführung 32
6.3 Aufatmen im Kreml 34
6.4 Harte Worte und besänftigende Gesten Chruschtschows 35
7. „Nah’ am Ende der Welt? - Faktoren und kritische Momente, die 37
eine nukleare Eskalation der Kuba-Krise hätten bedeuten könnten
7.1 Der Faktor der nuklearen Gefechtsfeldwaffen 37
7.2 Der Faktor der U-Boote 41
7.3 Der Faktor Fidel Castro 46
7.4 Der Moment des U2-Abschusses 47
7.5 Der Faktor der bellizistischen Militärs 50
8. Das Ende der Kuba-Krise 51
9. Resümee 55
10. Quellen- und Literaturverzeichnis 61
1. Einleitung
Die Kuba-Krise liegt nunmehr über 45 Jahre zurück - und doch erfreut sie sich anhaltender Aufmerksamkeit und einer nahezu ungebrochenen Anziehungskraft auf Historiker, Politologen, Journalisten sowie auch auf die breite Öffentlichkeit. Die spannungsgeladenen Tage der Kuba-Krise im Oktober 1962 sind Gegenstand unzähliger Bücher, Fachpublikationen, Zeitungsartikel, von Seminaren an Universitäten und Fachtagungen, TV-Dokumentationen und schließlich gar zahlreicher Hollywood-Spielfilme. Eine Rezession des umfassenden Interesses an der Thematik der Kuba-Krise ist unter anderem deswegen nicht absehbar, da seit Anfang der 90er Jahre im Zuge des Zerfalls der Sowjetunion bis dato unveröffentlichte Dokumente der Geschichtswissenschaft sukzessive zur Verfügung gestellt werden, die neue aufschlussreiche Einblicke in die Prozesse der Entscheidungsfindung und zu fragwürdigen oder gar unbekannten Aspekten der Krise bieten. Die schrittweise Öffnung russischer Archive und Publikation geheimer Regierungsdokumente ermöglicht es, Sichtweise, Ziele und Taktik der Kremlführung mehr auf Basis evidenter Quellen, denn im Zuge von Interpretationen und Spekulationen zu deuten. Insbesondere die virtuellen Archive des Cold War International History Project 1 , des Kremlin Decison-Making Project 2 und auch des National Security Archive 3 bieten informative Einblicke in das Krisenmanagement der UdSSR, aber auch in Sicht- und Handlungsweisen der US-Regierung. Von mindestens ebenso großer Bedeutung sind die aktuellen Werke russischer Autoren wie Fursenko 4 und Zubok 5 , denen ein exklusiver Zugang zu streng geheimen, zum Teil unveröffentlichten sowjetischen Dokumenten vonseiten der russischen Regierung eingeräumt wurde. John F. Kennedys geheime Mitschnitte der ExComm-Beratungen 6 stellen eine nahezu singuläre historische Quelle dar und bieten ergänzend zu reinen Informationen faszinierende Einblicke in den Diskussionsverlauf des US-Krisenstabes und zu Sichtweisen und Emotionen einzelner Personen. Trotz der Vielzahl bereits veröffentlichter Dokumente zu
1 www.wilsoncenter.org/index.cfm?topic_id=1409&fuseaction=va2.browse&sort=Collection
&item=Cuban%20Missile%20Crisis
2 www.millercenter.org/scripps/archive/kremlin
3 www.gwu.edu/~nsarchiv/
4 Fursenko/Naftali: Khrushchev’s Cold War, 2007.
5 Zubok: A Failed Empire, 2007.
6 vollständig transkribiert in: May/Zelikow: The Kennedy Tapes, 1997.
1
der Kuba-Krise darf angenommen werden, dass auch in den nächsten Jahren sukzessive weitere Quellen, insbesondere von Seiten russischer und wohl auch kubanischer Staatsarchive, deklassifiziert werden. Vor diesem Hintergrund und unter Berücksichtigung des neuen, zur Verfügung stehenden russischen Quellenmaterials erscheinen einige Aspekte der Kuba-Krise in einem anderen Licht, wodurch eine erneute Auseinandersetzung mit dieser Thematik als aufschlussreich und angemessen erachtet wird.
Die Kuba-Krise begann augenscheinlich mit der Fernsehansprache „von höchster nationaler Dringlichkeit“ 7 des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy am 22. Oktober 1962, infolge derer die Weltöffentlichkeit mit der Tatsache konfrontiert wurde, dass die Sowjetunion insgeheim offensive Raketenbasen auf der Karibikinsel Kuba errichtet hatte. Dass es sich hierbei nicht etwa bloß um eine Vermutung, sondern um ein, wie es Kennedy ausdrückte, „(…) durch unwiderlegbare Beweise geschaffenes Faktum“ 8 handelte, belegt die legendäre Aufnahme eines amerikanischen U2-Aufklärungsflugzeuges vom 14. Oktober 1962, die eindeutig die Stationierung sowjetischer SS-4 Mittelstreckenraketen, die mit atomaren Sprengköpfen bestückt werden konnten und eine Reichweite von knapp 2000 Kilometer besaßen, bei San Cristobál im Westen Kubas erkennen ließ:
7 Ankündigung Salingers zu Kennedys Fernsehansprache vom 22.10.1962.
Aus: http://edition.cnn.com/SPECIALS/cold.war/episodes/10/documents/kennedy.speech/
8 Ebd.
9 Aufnahme aus: Steininger, S.129.
2
Um zu verhindern, dass der forcierte Ausbau der Karibikinsel zu einer sowjetischen Militärbasis weiter vorangetrieben werden konnte, kündigte Kennedy die Errichtung einer Seeblockade gegen Kuba für den 24. Oktober an. Zugleich wurde die Alarmstufe DefCon 3 für das gesamte US-Militär ange-ordnet. 10 Mit Atomraketen bestückte Polaris U-Boote wurden in Nähe der sowjetischen Küstenstreifen positioniert, und mit atomaren Sprengköpfen bestückte B-52 Bomber befanden sich fortan ständig einsatzbereit in der Luft. Im Gegensatz zu den USA traf die Sowjetunion im Allgemeinen eher verhaltene militärische Maßnahmen und versetzte die Truppen des Warschauer Paktes sowie die Kontingente auf Kuba lediglich in erhöhte Alarmbereitschaft. Für den Fall, dass von Kuba aus eine Atomrakete gestartet werden würde, hatte Präsident Kennedy „(…) einen massiven Vergeltungsschlag gegen die Sowjetunion“ 11 angekündigt und somit die Bereitschaft zu einem Atomkrieg als Ultima Ratio ausgesprochen. Bei einer befürchteten und de facto auch erwogenen amerikanischen Invasion Kubas vor dem 22. Oktober,
wären die sowjetischen Truppenkontingente auf Befehl ihrer Kommandeure berechtigt gewesen, ihre taktischen Atomraketen zur Abwehr einzusetzen. 12 Der russische Armeegeneral Anatoli Gribkow fasste in einem Interview die gesamte Dramaturgie während der Kuba-Krise plakativ zusammen: „Die Nukleare Katastrophe hing an einem seidenen Faden … wir zählten nicht die Tage, sondern die Minuten.“ 13
Das erklärte Ziel dieser Arbeit ist es, nachzuweisen, dass die Gefahr einer amerikanisch-sowjetischen Eskalation bis hin zu einem thermonuklearen Krieg mit ungewissen Konsequenzen für die gesamte Menschheit tatsächlich gegeben war und nicht bloß auf subjektive Empfindungen, persönliche Ängste oder mediale Hysterie zurückzuführen war. Hierfür werden nicht ausschließlich, doch insbesondere die neueren sowjetische Quellen herangezogenen, die verdeutlichen, dass eine nukleare Eskalation, bedingt durch unfallartige Entwicklungen, militärische Eigenmächtigkeiten oder gar wohlüberlegte politi-
10 Innerhalbdes gestaffelten Alarmsystems befinden sich die US-Streitkräfte in Friedenszeiten
in Defense Condition 5; im Kriegsfall in Defense Condition 1 (kurz DefCon).
11 Kennedys Fernsehansprache vom 22.10.1962.
Aus: http://edition.cnn.com/SPECIALS/cold.war/episodes/10/documents/kennedy.speech/
12 Siehe Dokument II im Anhang. Erst am 22.10.1962 wurde nach einer kontroversen Präsidi-
umssitzung der Einsatz taktischer Atomwaffen ausgeschlossen.
13 Gribkow in einem Interview. Aus: www.wilsoncenter.org
3
sche Entscheidungsfindung, drohte. Der Verlauf der Kuba-Krise (Kapitel 4 und 8) stellt nicht das eigentliche Erkenntnisinteresse dieser Arbeit dar und wird deswegen nur in seinen Grundzügen geschildert. Als besonders aufschlussreich wird die Frage nach den Motiven Chruschtschows für eine Stationierung nuklearer Mittelstreckenraketen auf der Karibikinsel (Kapitel 2) erachtet, da bereits diese Entscheidung kausal den Weg in die Kuba-Krise wies. Nur wenn man versteht, was den Kremlführer zu dieser wohl spektakulärsten Entscheidung seiner Amtszeit veranlasst hatte, kann man die Ursachen und den Kontext der Kuba-Krise korrekt deuten und historisch einordnen. Darüber hinaus dient das Wissen über die Motivation des Kremlführers einem besseren Verständnis des sowjetischen Krisemanagements während der Krise und lässt die Entscheidungsfindung nachvollziehbarer werden. Ebenso informativ ist es, die Umsetzung Chruschtschows Raketenplans im Rahmen der Operation Anadyr (Kapitel 3), näher zu betrachten. So wird ersichtlich, dass bereits in der strategischen Konzeption die Gefahr einer nuklearen Konfrontation billigend in Kauf genommen wurde und wie gefangen Chruschtschow von seinem viel versprechenden Plan war. Nachdem die USA die Mittelstreckenraketen entdeckt hatten und die Krise somit auch für die Weltöffentlichkeit sichtbar wurde, verdeutlicht sowohl das amerikanische (Kapitel 5), als auch das sowjetische Krisenmanagement (Kapitel 6), dass es zum Teil ernsthafte Tendenzen für eine militärische Auseinandersetzung mit der immanenten Gefahr einer nuklearen Eskalation gab. Aus der Retrospektive betrachtet, kann zweifelsfrei behauptet werden, dass die Welt niemals so nah vor der Möglichkeit eines 3. Weltkriegs und dem inhärenten Einsatz thermonuklearer Waffen stand, wie in jenen spannungsgeladenen Tagen im Oktober 1962. Mit dem Satz: „Nah’ am Ende der Welt“ 14 rekapitulierte Sergej Chruschtschow einmal die gesamte weltpolitische Brisanz und Explosivität der Kuba-Krise, die anhand mehrerer höchstkritischer Momente und anhand einzelner bedrohlicher Faktoren (Kapitel 7) nachvollzogen werden kann. Das Resümee soll abschließend unter Berücksichtigung der zuvor analysierten Quellen und Fakten eine möglichst objektive Antwort auf die Frage der Wahrscheinlichkeit einer nuklearen Eskalation während der Kuba-Krise geben (Kapitel 9).
14 In: Der Spiegel, 33/2002, S. 116.
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2. „Why not throw a hedgehog at Uncle Sam’s pants?” 15 - Determinanten
für Chruschtschows Raketenplan
Im Mai 1962, während eines Aufenthaltes in Bulgarien, fasste Chruschtschow erstmals den Gedanken, nukleare Mittelstreckenraketen auf der Karibikinsel Kuba zu stationieren, um so vordergründig den neu gewonnenen sozialistischen Verbündteten vor einer befürchteten und de facto auch als wahrscheinlich geltenden, erneuten Invasion zu schützen. „Während meines Besuches in Bulgarien kam mir der Gedanke, auf Kuba Raketen mit nuklearen Sprengköpfen zu installieren und ihre Anwesenheit dort vor den Vereinigten Staaten so lange geheim zu halten, bis es für sie zu spät war, irgendetwas dagegen zu unternehmen.“ 16 Hiermit übereinstimmend berichtet Sergej Chruschtschow, dass sein Vater ihn erstmals im Mai 1962, nach einem Staatsbesuch in Bulgarien, von seiner waghalsigen Entscheidung, Nuklearwaffen auf Kuba zu stationieren, unterrichtet hatte. 17 Doch welche Motive und welche Determinanten hatten Nikita Chruschtschow zu dieser wohl spektakulärsten Entscheidung seiner gesamten Regierungszeit verführt? Rechtfertigten seine Motive alle inhärenten möglichen Konsequenzen und schwer kalkulierbaren Risiken des Beschlusses, erstmals in der Geschichte der Sowjetunion außerhalb der Staatsgrenze Atomraketen zu stationieren? John F. Kennedy lässt sichstellvertretend für die zeitgenössische Perzeption - bezüglich der Motive Chruschtschows mit den Worten zitieren: „Es ist ein gottverdammtes Rätsel für mich.“ 18 Im Folgenden soll Chruschtschows rätselhafter Entschluss für eine Raketenstationierung auf Kuba näher betrachtet und die entscheidenden Determinanten analysiert werden. Vorab ist darauf hinzuweisen, dass sicherlich nur die Summe aller folgenden einzelnen Motive Chruschtschows Motivation bedingte.
2.1 Die Furcht vor einer bevorstehenden Invasion Kubas
„Unser Ziel war es lediglich, Kuba zu verteidigen. Wir alle sahen, wie die amerikanischen Imperialisten die Messer schärften und Kuba mit einem mas-
15 Chruschtschow,zitiert nach Fursenko/Naftali, 1997, S.171. (sinngemäß übersetzt: „Warum
schieben wir Uncle Sam nicht einen Igel unter?“)
16 Chruschtschow erinnert sich, S.493.
17 Vgl. Der Spiegel, 33/2002, S. 115.
18 May/Zelikow, S.663.
5
sierten Angriff bedrohten.“ 19 Obwohl diese Aussage Chruschtschows aus einer Sitzung des Zentralkomitees am 12.12.1962 stammt und daher per se mit aller nötigen kritischen Distanz betrachtet werden sollte, kann sie keineswegs als abwegige Rechtfertigung bewertet werden. Sicherlich beinhaltet sie auch den Versuch, den Raketenplan nachträglich zu legitimieren und ihn als erforderliche Reaktion zu kontextualisieren. Dennoch muss die Furcht vor einer erneuten Invasion und die Verteidigung Kubas als das zentrale Motiv für Chruschtschows Entschluss, nukleare Mittelstreckenraketen nebst umfangreicher konventionell-militärischer Unterstützung nach Kuba zu liefern, angesehen werden. Eine Verteidigung des neu gewonnenen sozialistischen Verbündeten mit rein konventionellen Waffengattungen erschien unter strategischen Aspekten aufgrund der geographischen Lage der Karibikinsel ausgeschlossen. Die Entfernung zwischen den USA und Kuba beträgt knapp 150 km, gegenüber fast 10.000 km zwischen Moskau und Havanna, die schon alleine ein logistisch unüberwindliches Hindernis für Russlands Streitkräfte darstellten. „Die logische Antwort waren Raketen“ 20 , da diese relativ transportabel waren und bereits in geringer Anzahl aufgrund ihres verheerenden Vernichtungspotentials ein adäquates Abschreckungsmittel in den Gedankenspielen des Kremlführers repräsentierten.
Chruschtschows Furcht vor einer erneuten Invasion Kubas war nach der misslungenen, von der CIA schlecht geplanten und koordinierten Landung von circa 1.500 Exilkubanern in der Schweinebucht im April 1961, keineswegs aus der Luft gegriffen oder übertrieben. Viel eher deuteten seit geraumer Zeit alle Signale daraufhin, dass der Karibikinsel ein erneuter Einmarsch bevor-stand - sei es wiederum mit indirekter, oder diesmal unter direkter Beteiligung des US-Militärs: Chruschtschow ging völlig zu Recht davon aus, „(…) dass es töricht sei zu erwarten, die unausweichliche zweite Invasion würde ebenso schlecht geplant sein und ebenso schlecht ausgeführt werden, wie die erste.“ 21 Das Schweinebucht-Debakel resultierte in einem Prestigeverlust und einer Art politischen Schandfleck der ersten Amtstage des neu gewählten Präsidenten Kennedy, den er unbedingt zu beseitigen versuchte. Die ersten Anzeichen
19 Chruschtschow, zitiert nach Divine, S.104.
20 Chruschtschow erinnert sich, S.493.
21 Chruschtschow erinnert sich, S.494.
6
offensichtlicher, gegen Fidel Castro gerichteter US-Aktivitäten verdichteten sich bereits ab Oktober 1961 im Rahmen der Operation Mongoose, die das ultimative Ziel eines Regierungsumsturzes in Kuba verfolgte und hierzu verschiedene subversive Operationen von Spionage über Sabotageakte bis hin zu dubiosen Mordplänen unter Beteiligung der Mafia entwickelte und durchführte. Im Januar 1961 bezeichnete Kennedy in einem Gespräch mit Aleksej Adschubej, der Stiefsohn des Kremlführers, Kuba als Bestandteil der amerikanischen Einflusssphäre und setzte eine mögliche Intervention in Analogie zum (tolerierten) Einmarsch russischer Streitkräfte in Ungarn im Jahr 1956. „Kuba mit Ungarn zu vergleichen war der wohl provokativste Weg, den Kennedy wählen konnte, um seine Entschlossenheit zu unterstreichen, eine unliebsame Regierung innerhalb seiner Einflusssphäre zu entfernen.“ 22 Auf Chruschtschow hinterließ der Report Adschubejs den Eindruck einer bevorstehenden Invasion Kubas unter direkter Beteiligung amerikanischer Truppenkontingente. 23 Einen Monat später wurde dieser Eindruck weiter verstärkt durch einen Report des KGB-Chefs Semichastni, der davor warnte, dass „Militärspezialisten der USA einen Operationsplan gegen Kuba revidiert haben, der unterstützt wird von Präsident Kennedy.“ 24 In der Tat hatte Kennedy führende Militärs im Februar angewiesen, die schon bestehenden Angriffspläne Oplan 314 und 316 für den Fall zu revidieren, dass auf Kuba eine Gegenrevolution ausbreche oder aber Castro den USA einen geeigneten Vor-wand für eine militärische Intervention biete, die sodann ohne lange Vorlaufzeiten erfolgen könne. Chruschtschow und das Präsidium wurden durch den KGB ziemlich detailliert von diesen Invasionsplänen in Kenntnis gesetzt, deren politische Relevanz in der direkten Unterstützung des amerikanischen Präsidenten lag. Die intersubjektiv nachvollziehbare Annahme einer bevorstehenden Invasion Kubas wurde durch zahlreiche Manöver und Übungen der amerikanischen Streitkräfte in der Karibik weiter forciert. Zuletzt wurde Anfang April 1962 im Rahmen der groß angelegten Übung Lantphibex-62 eine maritime und amphibische Operation von circa 40.000 Soldaten durchgeführt, die ganz offensichtlich die Invasion einer Insel simulierten.
22 Fursenko/Naftali, 2007, S.420.
23 Vgl. Freedman, S.162 und Fursenko/Naftali, 1997, S.152-154.
24 Semichastni, zitiert nach Fursenko/Naftali, 1997, S.150.
7
All diese Anzeichen und Hinweise kulminierten auf russischer Seite zu der zwangsläufigen, durchaus nachvollziehbaren Annahme, dass eine amerikanische Intervention auf Kuba in nächster Zeit erfolgen werde. Chruschtschows Furcht vor einer bevorstehenden zweiten Invasion Kubas ist somit größtenteils als Folge der aggressiven Kubapolitik der USA seit 1961 zu bewerten. Der damalige Verteidigungsminister Robert McNamara konstatierte 1989 rückblickend in aller Deutlichkeit: „Wenn ich damals ein kubanischer Führer gewesen wäre, so hätte ich auch eine U.S. Invasion erwartet.“ 25
2.2 Die Verbesserung der strategischen Position der UdSSR
1961 war die UdSSR im atomaren Rüstungswettlauf von den Vereinigten Staaten zweifelsfrei überrundet worden und musste einem nur schwer aufholbaren Vorsprung hinterherlaufen. Wenige Jahre zuvor herrschte in US-Regierungskreisen noch der fatale Trugschluss vor, man befinde sich rüstungstechnisch auf Augenhöhe mit der Sowjetunion oder sei sogar ins nukleare Hintertreffen geraten. 1961 entschloss sich die mittlerweile durch unumstößliche Fakten eines Besseren belehrte Administration Kennedys, ihre zuvor häufig zitierte Theorie des Missile Gap endgültig und öffentlich als Trugschluss zu deklarieren. 26 In einem lancierten Statement des stellvertretenden Verteidigungsministers Roswell Gilpatric ließ die USA die gesamte Welt über ihren uneinholbaren Vorsprung im atomaren Rüstungswettlauf und ihr konkurrenzloses Nuklearpotential informieren: „Unsere Nation verfügt über derart todbringende Mittel für einen Vergeltungsschlag, dass ein Angriff des Feindes einem Selbstmord gleichkäme.“ 27 Raymond Garthoff beziffert unter Berücksichtigung der Unzuverlässigkeit russischer Raketensysteme die nuklearstrategische Überlegenheit der Vereinigten Staaten gar auf 17 zu 1. 28 Und tatsächlich würde die USA selbst nach einem atomaren Erstschlag über ein dennoch größeres verbliebenes Zweitschlagpotential verfügen und besäße generell klare Vorteile bei dem Verhältnis strategischer Nuklearwaffen, wie auch die folgende Tabelle des russischen Obersts und Militärhistorikers Michail Ljoschin verdeutlicht:
25 McNamara, zitiert nach Biermann, S.165.
26 Vgl. White, S.74-75.
27 Gilpatric, zitiert nach Beschloss, S.326.
28 Vgl. Garthoff, S. 27-34.
8
Die offen zur Schau gestellte nuklearstrategische Überlegenheit der USA führte jedoch keineswegs - wie allzu oft angenommen wird - dazu, dass ein dadurch beeindruckter Chruschtschow einen moderateren, konzilianteren politischen Kurs einschlagen hätte. Viel eher führte die aussichtlose Unterlegenheit und deren Propagierung dazu, dass der Kremlführer einen radikalen Ausweg suchte: „Er entschloss sich, die amerikanische nukleare Überlegenheit durch ein waghalsiges sowjetisches Nuklearpoker zu übertrumpfen, indem der Einsatz von nuklearen Raketen das letzte Argument in internationalen Krisen darstellte.“ 30
„Für die Sowjets waren die Implikationen der Nachricht entsetzlich. Es war jedoch nicht so sehr die Tatsache, dass die Amerikaner militärisch überlegen waren - das war keine Neuigkeit für die Sowjets.“ 31 Doch bezeugten Kennedys Signale der strategischen Überlegenheit, dass sich die USA ihrer nunmehr auch selbst bewusst war. Er setzte die sowjetische Führung somit unter immensen Druck, da die beidseitige Kenntnis des unterlegenen russischen Nuklearpotentials dieses als ein von Chruschtschow allzu gerne und häufig instrumentalisierte Druckmittel ineffizient erscheinen ließ. Von einer Stationierung nuklearer Raketen auf Kuba - unmittelbar vor dem Gebiet der Vereinigten Staaten - erhoffte sich die Kremlführung eine schlagartige Verbesserung der strategischen Position und eine Verschiebung des Verhältnisses nuklearer 29 Tabelle aus: Ljoschin, S.37.
30 Zubok, S.124.
31 Hilsman, S.115.
9
Waffen, die potentiell das Gebiet des Kontrahenten erreichen konnten. Auf die Frage nach der sowjetischen Motivation, Mittelstreckenraketen 150 km vor der amerikanischen Küste zu stationieren, mutmaßte der US-Generalstabschef Taylor in der ersten ExComm Sitzung „(…) deren eher fehlerhaftes ICBM [Interkontinentalraketen] System.“ 32 und der aus diesem Bewusstsein resultierenden Unzufriedenheit. Von einem technischen, aber auch zweifelsfrei einem finanziellen Gesichtspunkt aus betrachtet, stellten sowjetische Mittelstreckenraketen in Kuba eine preiswerte Alternative zu sowjetischen Interkontinentalraketen dar. In seinen Memoiren konstatierte Chruschtschow bezüglich seiner Motive für den Raketenplan: „Abgesehen davon, dass sie Kuba geschützt hätten, würden unsere Raketen das hergestellt haben, was der Westen gern das ’Gleichgewicht der Kräfte’ nennt.“ 33 Führt man die Verbesserung der militärstrategischen Position als Erklärungsansatz für Chruschtschows Entschluss zur Errichtung von Raketenbasen auf der Karibikinsel an, so ist die sich daraus ergebende allgemeine Stärkung der sowjetischen politischen Verhandlungsposition unbedingt auch zu nennen. Denn in Zeiten des Kalten Krieges und der inhärenten typischen Denkmuster bedeutete ein umfassendes Nukleararsenal ein effektives Abschreckungsmittel und somit letztlich auch politisch-diplomatische Macht sowie größere Verhandlungsspielräume.
2.3 Das sozialistisch-sowjetische Ansehen aketen auf Kuba zu positionieren, Chruschtschows Entscheidung, atomare R
ist sicherlich nicht auf reinen Altruismus oder bloß bilaterale Interessenfelder zurückzuführen, sondern kann nur in dem weiteren Rahmen der gesamten sowjetischen Politikkonzeption und ihrer Verflechtungen und Bedingungsfak-toren zutreffend verstanden und analysiert werden. Die Vormachtstellung und der sowjetische Führungsanspruch innerhalb des sozialistischen Lagers wurden bereits seit 1958 verstärkt von Mao Tse-tung und der kommunistischen Partei Chinas angefochten. Neben persönlichen und ideologischen Differenzen kritisierte China in erster Linie Chruschtschows Konzeption der friedvollen Koexistenz mit imperialistisch-kapitalistischen Staaten und forcierte stattdessen einen gewaltsamen Umsturz imperialistischer Regierungen. Weitrei- 32 Taylor,zitiert nach May/Zelikow, S.70.
33 Chruschtschow erinnert sich, S.494.
10
chende Bedeutung beinhaltete der mehrmals geäußerte Vorwurf, dass Moskau aufgrund seiner relativ restriktiven und defensiven Politik das ultimative Ziel einer kommunistischen Weltrevolution bremse oder gar verhindere. „Chruschtschows Entscheidung, Raketen auf Kuba zu installieren, wurzelte sicherlich auch in seinem Verlangen, die zunehmend heftiger werdende Kritik an seiner Führerschaft der kommunistischen Welt vonseiten Chinas zu widerlegen.“
34
In diesem Kontext war die Verteidigung der kubanischen Revolution vor einer imperialistischen Invasion von besonderer Signifikanz und bot für Chruschtschow eine gute Möglichkeit, den sowjetischen Führungsanspruch zu festigen und die chinesische Kritik als unberechtigt verstummen zu lassen. Chruschtschow war sich darüber hinaus der Tatsache bewusst, dass der sinosowjetische Konflikt auch erhebliche Auswirkungen auf die kubanischsowjetischen Beziehungen haben konnte: Nachdem sich Fidel Castro im Dezember 1961 öffentlich zu der Lehre des Kommunismus bekannt hatte, blieb dennoch die Frage unbeantwortet, welcher kommunistischen Doktrin er sich verpflichtet fühlen würde. Chruschtschows friedvoller Koexistenz oder Maos radikalerem Revolutionskonzept? Anibal Escalante, der ehemalige, von Fidel Castro im März 1962 demontierte Führer der kommunistischen Partei Kubas und Protagonist der
friedvollen Koexistenz,
berichtete in Moskau, dass der chinesische Einfluss und Maos politische Linie in der revolutionären Elite Kubas zunehmend an Sympathie gewonnen hätte.
35
Dieser Bericht schürte sowjetische Ängste, die kubanische Regierung könne unter dem Einfluss des radikal-revolutionären Guevara der chinesischen Definition von Kommunismus folgen oder aber Castro könne gar eine unabhängige Position gegenüber Moskau einnehmen wie etwa Jugoslawien.
36
Um dieser besorgniserregenden Tendenz entgegenzuwirken, entschloss sich Chruschtschow, auf die kubanischen Hilfegesuche und bereits öfter vorgetragenen Ängste einer erneuten Invasion zu reagieren. Im April leistete die Kremlführung endlich der kubanischen Bitte nach militärischer Unterstützung Folge und lieferte Flugabwehrraketen, Mittelstreckenbomber, Marschflugkörper und russische Militärberater zur Verteidigung der kubanischen Revolution. Doch erschienen Chruscht-
34 White,S.78.
35 Vgl. Fursenko/Naftali, 1997, S.169-170.
36 Vgl. Fursenko/Naftali, 2007, S.426-428.
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Philipp Wansel, 2008, Die Kuba-Krise 1962 - "Nah' am Ende der Welt?", München, GRIN Verlag GmbH
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