Verfeinerungen dieser Theorie, auf welche aber schon auf Grund des Umfangs hier nicht eingegangen werden soll.
Die Variationen in der Vorgehensweise unterscheiden sich in Hinblick auf den Forschungszweck und die konkreten Gegebenheiten des Forschungsvorhabens. Somit ergeben sie sich auch aus den unterschiedlichen Einflüssen, mit denen die Grounded Theory in ihrer noch jungen Geschichte konfrontiert war. So gab es Anknüpfungspunkte u. a. zur Ethnomethodologie, zum Feminismus, zur politischen Ökonomie und seit den 80er Jahren auch zu postmodernen Strömungen. Eine Kombination mit anderen Methoden wurde von Glaser und Strauss schon in „Discovery“ als immer möglich postuliert. So sei die Methode auch mit phänomenologisch ausgerichteter Forschung und sogar mit quantitativen Methoden kompatibel.
Folgt man Klaus Leggewies Vorwort zu Strauss und Corbins „Grundlagen Qualitativer Sozialforschung“ so muss festgestellt werden, dass die Grounded Theory in Deutschland und weltweit eine der verbreitetsten Vorgehensweisen der qualitativen Sozialforschung darstellt. Der bedeutendste Anwendungsbereich der Grounded Theory war zu Anfang natürlich die soziologische Forschung. Jedoch kam es auch schnell zu der Veröffentlichung von Studien im Bereich der Psychologie und Pädagogik. Nunmehrist die Grounded Theory auch in diesen Disziplinen etabliert. Als Beispiele ließen sich hier die„Berufliche Sozialisation“, „Bewältigung gefährlicher Schwangerschaften“, „Umgang mit dem Internet“, „Intimität“ so wie diverse andere nennen. Schon vor ihrem Werk „Discovery“ führten Glaser und Strauss eine Studie zu sterbenden Patienten in Krankenhäusern durch (GLASER/STRAUSS: 1968). Die Substantive theory ist schwierig ins Deutsche zu übersetzen; beispielsweise mit „Theorien geringer Reichweite“. Es handelt sich um auf ein engeres Feld beschränkte Theorien (in Abgrenzung zu „formalen“ Theorien, z. B. der Systemtheorie) die das Feld beschreiben, auf dem die Grounded Theory am meisten aktiv und anwendbarsten ist. Es können aus dem Forschungsprozess allerdings auch allgemeine Theorien erwachsen. Theorien geringer Reichweite können geradezu konstitutiv für allgemeinere Theorien sein. „Formale Theorien“ können zwar im Prinzip auch direkt aus empirischen Daten gewonnen werden; es scheint allerdings wesentlich sinnhafter - so Vertreter der Grounded Theory - sie aus (mehreren einzelnen) substantiellen Theorien zu entwickeln. Für ein solches Vorgehen
3
entschieden sich Glaser und Strauss 1970 in ihrem Werk „Statuspassagen“. Letztendlich insistieren Strauss und Corbin, dass eine Theorie ungeachtet ihrer Allgemeinheit nach den Regeln der „Grounded Theory“ entwickelt werden sollte.
Das Ziel der „Grounded Theory“ ist die Theoriegewinnung. Was sie nicht will ist einen Fall der sozialen Wirklichkeit zu erhellen - wie dies Fallstudien in der Regel tun (das ist keineswegs wertend gemeint, sondern soll nur die elementaren Unterschiede im Anspruch hervorheben), sondern sie will theoretische Erkenntnis sein. Wenn man in einer Theorie das plausible Beziehungsgeflecht von Begriffen und Gruppen von Begriffen sieht, ist ohne Begriffe weder eine Theorie noch eine Wissenschaft möglich. Das bedeutet nicht, dass es mit Ausnahme der Theorie keine anderen sinnvollen Forschungsergebnisse gebe. Ist aber eine Theorie das Ziel, dann sollte sie „grounded“ sein.
Doch was bedeutet „grounded“ genau? Strauss/Corbin: „Grundlagen Qualitativer Sozialforschung“ möchten „In Untersuchungen mit der Grounded Theory [...] Phänomene im Licht eines theoretischen Rahmens erklären, der erst im Forschungsverlauf selbst entsteht“ (STRAUSS/CORBIN 1996: 32). Folgt man diesem Anspruch, ist eine Theorie also nur dann „grounded“ wenn sie sich aus dem Forschungsprozess heraus entwickelt. Die „rohen“ empirischen Daten werden schrittweise in eine in den Daten begründete Theorie übergeführt. Zu Beginn der Forschung steht ein Untersuchungsbereich (und keine Hypothese oder Theorie). Was in diesem relevant ist, wird sich (so die doch recht optimistische Hoffnung) im Forschungsprozess herausstellen und wird nicht schon im Vorhinein postuliert bzw. implizit durch Festlegung auf eine Hypothese bestimmt. Die Theorie gewinnt somit erst Gestalt. Sie soll ständig modifiziert werden, und nicht als „starrer Block“ verifiziert oder falsifiziert werden. Somit ist für eine wie von den Kritischen Rationalisten geforderte strikte Vorgängigkeit von Theorie, in der Grounded Theory natürlich kein Platz. Sie widerspricht geradezu dem Konzept der Grounded Theory.
Verifizierung (bzw. Falsifizierung) geschieht während des gesamten Forschungsprozesses -und nicht erst am Ende. Datengewinnung und Theorieentwicklung erfolgen im ständigen Wechsel, wobei die Einzelfälle der Empirie nicht einfach dafür benutzt werden sollen, Hypothesen zu bestätigen. Sie werden vielmehr als Bereicherung der Theorie angesehen. Genau das meint das Wort „Fluidität“ in diesem Zusammenhang: die Theorie ist und bleibt im Fluss, sie unterliegt ständigen Veränderungen im Forschungsprozeß. So soll die Theorie bzw. der Theorieansatz „ausgefeilt“ (elaborated) werden.
4
Der Ansatz Strauss/Corbins hierzu ist das „Zusammenspiel“ von theoretischer Analyse und Datenbasis: die gewonnenen Theorieansätze sollen ständig mit den vorhandenen empirischen Daten verglichen werden. Starker Zusammenhang besteht hier zu der Methode des theoretisch orientierten Fragens (theoretically oriented questions): Ist diese Situation, dieses Phänomen hier mit den bisher gewonnenen Erklärungen zu fassen oder nicht? Wenn ja, wie und wenn nicht, inwiefern nicht? Da bei der Grounded Theory der Vergleich von Ergebnissen eine so große Rolle spielt, bezeichnet man sie auch als „constant comparative method“. Aus den Vergleichen - sowohl der Ergebnisse untereinander als auch mit der erfassten Situation, dem Prozess o. ä. - sollen so Schritt für Schritt immer allgemeinere Kategorien und Zusammenhänge entstehen. Das konkrete Phänomen fungiert jedoch weiterhin als Korrektiv. Im Gegensatz hierzu analysiert eine Fallstudie auf wissenschaftliche Weise Informationen über eine Person, „auf hermeneutische Weise den Einzelfall mit vorhandenen allgemeinen Wissensbeständen in Beziehung [...], um zu prüfen, was am Fall aus diesen Wissenbeständen heraus erklärbar ist und was an den Wissensbeständen aus diesem Fall heraus zu differenzieren und gegebenenfalls zu korrigieren ist. Die Fallstudie zielt somit auf (Prüfung oder Erweiterung bestehender oder Gewinnung neuer wissenschaftlicher) Erkenntnis.“ (FATKE 1997: 59). Ein Ziel dieses offensichtlich umständlichen Verfahrens soll sein, dass die Theorie in allen Teilen auf die empirischen Daten zurückführbar bleibt. Denn nur dann könne eine Theorie Anspruch auf Genauigkeit (im Sinne einer sinnvollen Repräsentation der empirischen Wirklichkeit) erheben. Allerdings wird auch die Möglichkeit offen gehalten, dass man eine schon vorhandene Theorie, die dem Untersuchungsgegenstand bzw. -feld angemessen erscheint, selbst jedoch nicht nach den Methoden der Grounded Theory entwickelt wurde, mit (neuen) empirischen Daten konfrontiert und wenn nötig, der Datenbasis anpasst.
Anders als beim schlichten „Abprüfen“ wissenschaftlicher Sätze, bei dem eben in genau der Perspektive dieser Sätze geforscht wird, kommt bei dieser induktiven Vorgehensweise auch notwendiger Weise häufig „ganz Neues“ in den Blick. Das Vermeiden starrer (Beobachtungs, etc.)Regeln erzeugt somit ebenso eine Offenheit wie auch die Tatsache, dass mehrere Forscher am Forschungsprozess beteiligt sind und sich in der Forschungsgemeinschaft verständigen müssen - was letztendlich das Infragestellen von (versteckten) Vorannahmen und Vorurteilen erleichtert. Es findet also ein ständiger Austausch statt und Strauss/Corbin sehen somit ein automatisches Korrektiv in der wissenschaftlichen Welt implementiert. Es ist nicht zwingend erforderlich, qualitative Daten zu interpretieren. Die Aufgabe des Forschers wäre in diesem Fall schlicht, „die Daten zu sammeln und in einer Art und Weise
5
Arbeit zitieren:
Sven Mally, 2009, Was ist grounded theory?, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Soziologie - Methodologie und Methoden: Was ist grounded theory? ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Soziologie - Methodologie und Methoden: neuer Titel erschienen: Was ist grounded theory?
Sven Mally hat einen neuen Text hochgeladen
Strategien qualitativer Forsch...
Barney G. Glaser, Anselm L. Strauss, Axel T. Paul, Stefan Kaufmann
Mit dem Körper sehen: Was bedeutet es, ein Kunstwerk zu betrachten?
Siri Hustvedt, Maria Isabel Pena Aguado
See this Sound. Audiovisuology. Essays, Histories and Theories of Audi...
Audiovisuology Essays: Histori...
Dieter Daniels, Sandra Naumann
0 Kommentare