1. Vorwort
Diese Hausarbeit soll sich mit etwas beschäftigen, das angeblich schon längst überwunden worden war und von dessen Wiederkehr heute weit und breit die Rede ist. So gesellt sich zu den unzähligen „Posts“ der Soziologie ein weiteres hinzu, das jedoch etwas aus der Reihe tanzt: Das Postsäkulare. Es muss konstatiert werden, dass auch in einer sich immer weiter modernisierenden Welt eine Renaissance des Religiösen festzustellen ist. Ob es sich aber wirklich um eine Wiederkehr oder -geburt handelt, muss sogar angezweifelt werden, da sich nicht sicher sagen lässt, ob das Religiöse denn jemals verschwunden war. „Von einer abnehmenden Bedeutung der Religion kann in globaler Perspektive gar keine Rede sein. Trotz aller weiteren Verbreitung von Industrialisierung, Urbanisierung und Bildung in den letzten Jahrzehnten haben alle Weltreligionen in diesem Zeitraum ihre Vitalität erhalten oder gesteigert. [...] „Postsäkular“ drückt dann nicht eine plötzliche Zunahme an Religiosität nach ihrer epochalen Abnahme aus - sondern eher einen Bewusstseinswandel derer, die sich berechtigt gefühlt hatten, die Religionen als moribund zu betrachten.“ Das bedeutet nichts anderes, als dass etwas „tot gesagt“ wurde, bevor es gestorben war. Sicher gibt es auch hiervon Ausnahmen und Regionen mit Tendenzen zu einem verstärkten Atheismus, jedoch muss - das ganze im Blick behaltend - steigende Säkularisierung konstatiert werden.
Doch gibt der Ausdruck des „Postsäkularen“ vor allem Auskunft darüber, wie in der Soziologie und generell in der Moderne versucht wurde, ein Absterben der Religion herbeizuführen bzw. herbeizureden. So kann Religion offenbar nicht ohne weiteres von Rationalität übernommen oder beerbt werden. Bertolt Brecht fasst die obigen Gedanken prägnant zusammen: „Unter den schärferen Mikroskopen fällt er“ - er meint: Gott. Doch hat dieser Ausspruch seinen modischen Charakter verloren. Er klingt prä-postmodern. Um den Zeitgeist (vor allem der Jugend) zu fassen, eignet sich wohl eher der Satz von Wittgenstein: „Wir fühlen, dass selbst, wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind.“ Ich möchte mich im Folgenden mit der Frage auseinandersetzen, ob und wie Religion wiederkehrt oder ob sie nie verschwunden war. Denn grob gesagt zeigen Religionen immer eine Reaktion auf ihr gesellschaftliches Umfeld. Die zwei Möglichkeiten der Reaktion, die sich hier auftun, sind zum einen durch Reformierung oder zum anderen durch Fundamentalisierung.
Wer heute von einer Rückkehr der Religionen spricht, meint wohl vor allem die medienwirksamen Demonstrationen des islamischen Fundamentalismus, die diesen Eindruck erwecken. Sie waren jedoch ursprünglich lediglich Zeichen für eine Rückbesinnung auf die Wurzeln des Glaubens.
Um nun zu klären, ob man von einer solchen Rückkehr sprechen kann, soll im Vorhinein geklärt werden, was Religion und Fundamentalismus überhaupt meinen, da diese Begriffe doch recht willkürlich verwendet werden. Durch die Definitionen gestützt, soll anhand des Beispiels des christlichen Fundamentalismus in den USA eine Form der religiösen Wiederkehr und deren Bedeutung aufgezeigt werden.
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2. Fundamentalismus
Wider der Erwartung der meisten Soziologen und anderer Geisteswissenschaftler gibt es seit dem Ende der 70er Jahre wieder eine starke Präsenz religiöser Bewegungen in den Geschehnissen auf der Welt. Mit einer solchen Erneuerung der Religionen hatte auch deshalb kaum jemand gerechnet, da der westliche Modernisierungsmythos einen unumkehrbaren Trend zur Säkularisierung und Privatisierung von Religion prophezeite. In dieser Perspektive schienen für die Zukunft der Religion mehrere Möglichkeiten plausibel, aber weder ihre Erneuerung als politische Kraft und Kennzeichen sozialer Identität noch ihre Fähigkeit, Menschen nach ihrem eigenen Ethos zu formen, wurden in dieses Denken mit einbezogen. Westliche Intellektuelle wurden dabei vor allem von der Tatsache überrascht, dass es sich bei diesen religiösen Bewegungen nicht um „progressive” Kräfte handelte, wie etwa die lateinamerikanische Befreiungstheologie mit ihrer Synthese aus Christentum und Marxismus. Ganz im Gegenteil sind nämlich die meisten dieser Bewegungen entweder aggressiv nationalistisch (z.B. die NeoCons in den USA) oder „fundamentalistisch” mit einer starken Betonung der patriarchalischen Autorität sowie der Moral (wie die Taliban), oder repräsentierten eine Synthese von ethnischem Nationalismus und Fundamentalismus (wie die islamischen Staaten mit Rechtsprechung nach der Scharia).
Auch die aktive Teilnahme von Angehörigen niederer sozialer Schichten und auch vermehrt von Frauen an diesen Bewegungen löste schockartige Reaktionen aus. So wandten sich die unteren Schichten wider der wissenschaftlichen Erwartungen nicht der Revolution sondern der Religion zu, und Frauen kämpften nicht gegenpatriarchalische Strukturen an, sondern unterwarfen sich ihnen oder wirkten sogar an ihrer Restauration aktiv mit.
In Anbetracht dieser Vorgänge mussten Sozialwissenschaftler zunächst ihre eigene kognitive Dissonanz überwinden. Dafür sind drei Strategien als besonders typisch zu nennen. So hielten einige Autoren einfach daran fest, dass ihre Erwartung andauernder Modernisierung und Säkularisierung im Wesentlichen zutrifft. Sie schafften hier eine Brückenbildung zwischen ihren (veralteten) Thesen und der sozialen Wirklichkeit, indem sie sich auf die religiöse Erneuerung in „Entwicklungsländern” konzentrierten, und sich dann darauf beriefen, dass die Rückkehr der Religionen immer noch Teil eines anhaltenden Modernisierungsprozesses sei. Es verwundert nicht, dass sie sich darauf konzentrierten, in diesen Bewegungen einen„puritanischen Geist” oder eine „innerweltliche Askese” offenzulegen.
Ich möchte nicht behaupten, dass diese Ansichten als grundlegend falsch zu verwerfen sind, jedoch sorgen sie für einen unangemessenen Tunnelblick in unserer Wahrnehmung auf solche Aspekte, die den bekannten Modernisierungserwartungen entsprechen und blenden andere Trends aus, die das Bild komplizieren. Darüber hinaus übersieht diese Perspektive offenkundig die Erneuerung der Religion als öffentliche Kraft im Westen.
Andere Autoren leugnen schlicht jeglichen Trend zur Säkularisierung selbst innerhalb des Westens. Hier sind die Vertreter des „neuen Paradigmas” zu benennen, eine Gruppe von „rational choice” Theoretikern und ihren zum Großteilfunktionalistischen
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Kollegen, die ein recht enges Verständnis und eine simplistische Erklärung von Säkularisierungsprozessen vorlegen. Max Weber folgend ist die Säkularisierung als ein komplexer Prozess der Entzauberung wie auch sozialer und ethischer Differenzierung zu verstehen. Das Herauskristallisieren relativautonomer wirtschaftlicher, politischer und rechtlicher Institutionen im Westenmacht es dem zu Folge sozialen Akteuren schwer, voll an der „Welt” teilzunehmen, ohne eine undurchlässige, auf religiöser Ethik beruhende Lebensführung zu verwerfen oder diese zumindest in die Privatsphäre zu verfrachten. Die Anhänger des „neuen Paradigma” ignorieren das komplexe Verständnis der Säkularisierung und reduzieren diese stattdessen auf quantifizierbare Faktoren, wie die Mitgliederzahlreligiöser Vereinigungen, Kirchenbesuche und die Verwendung religiöser Rhetorik. Säkularisierung wird in dieser Erklärung eine monopolistische religiöse Marktkonstellation, die ein speziell europäisches Phänomen darstellt. Die dritte Reaktion auf das Phänomen des Wiederauflebens religiöser Bewegungen ist in den Gedanken von Samuel Huntington und seiner Radikalisierung des von Talcott Parsons entwickelten Religionsverständnisses zu sehen. Der Bedeutungsverlust religiöser Formen schließt hier mitnichten ein, dass moderne Gesellschaften sich säkularisiert hätten; im Gegenteil: Sie seien sowohl von religiösen Werten wie auch von Normen und Attitüden durchdrungen. In dieser Denke stehen die Vereinigten Staaten von Amerika für die christlichste Gesellschaft, die es je gegeben habe (Vgl. Riesebrodt2001: 15).
Huntington nimmt hier eine Verallgemeinerung dieser Sichtweise vor und stellt die Behauptung auf, dass die neu entstehende Weltordnung auf Zivilisationen basieren werde. Diese gründeten ihrerseits auf den letzten Wertenreligiöser Traditionen. Huntington schließt sich hier nicht nur der Parsonschen Theorietradition an, sondern unterstützt eine verdinglichte Sichtweise von religiösen Traditionen, Kulturen und Zivilisationen, wie man sie sonst nur in der Rhetorik fundamentalistischer Gruppen finden kann (Vgl. Riesebrodt 2001: 15-22).
Alle drei Reaktionen auf die globale - zumeist fundamentalistische - Rückkehr der Religionen können somit keine befriedigende Antwort auf die Frage geben, wie eine solche Renaissance denn nun möglich war, warum sie just zu dieser Zeit stattgefunden hat und worin ihre Bedeutung für die Zukunft liegt.
Um eine größere Klarheit über die Rückkehr der Religion(en) im allgemeinen sowie die fundamentalistische Form im Besonderen zu schaffen, bedarf es zunächst dessen, das allgemeine Religionsverständnis kritisch zu überprüfen und daraus eine Religionstheorie zu formulieren, welche sowohl die Gleichzeitigkeit und den Zusammenhang zwischen Säkularisierungsprozessen auf der einen Seite und der Erneuerung der Religionen auf der anderen Seite zu erklären vermag.
Zum anderen soll die Konzeptionalisierung religiöser Erneuerungsbewegungen und speziell fundamentalistischer Bewegungen klar werden, um damit ein besseres Verständnis für die Rolle der Religion in der modernen Welt zu schaffen. Hierzu sollen exemplarisch die Religiöse Rechte in den USA zur Veranschaulichung herangezogen werden.
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3. Was ist Religion?
Ohne zu wissen, was „das Religiöse“ eigentlich meint, ist es schwierig seine Wiederkehr, oder genauer gesagt „sein Nichtverschwinden“ als schon in sich stimmig oder erfreulich zu bezeichnen. In den letzten Jahren ist mit Sicherheit eine in die europäisch-kulturelle Leere einkehrende, selbst nicht mehr kultivierte Religiösität zu beobachten: Die klassischen Formen des Kultus und der Frömmigkeit sind dieser Kultur nicht mehr eigen oder wurden nur eingeschrumpft erhalten. Sowohl als romantisch zu sehende wie auch in erschreckender Unkenntnis zusammen gewürfelte abergläubische Praktiken, esoterisches „geheimes Wissen“ und Naturfrömmigkeit vermischen sich hier. Vieles davon gibt sich selbst den Namen „Spiritualität“ und versteht darunter wenig konkret eine vertrauensvolle Hingabe an fremde und überrationale Mächte, die sich kaum definieren lassen und nimmt in den radikalsten Formen auch keinen Abstand von Satanskulten.
So kommt es dazu, dass den „alteingesessenen“ Religionen eine Art Wächterposition zukommt, um zu klären, was denn nun Religion und was nur Phantastereien sind. Kirchenhistorisch gesehen ist dies sogar eine dringliche Aufgabe der biblischklassischen Religionskritik. Zu welcher bemerkt werden muss, dass „interne“ Götzenkritik im Grund wichtiger und älter ist als die „externe“ der deutschen Religionskritiker des 19. Jahrhunderts, welche in der Religion ein Symptom verfehlten Lebens zu finden glaubte. Das Christentum nimmt damit - sicher überraschend - die Aufgabe einer „Aufklärung über Götzen, und sogar eine Verteidigung der Rationalität, der Wichtigkeit vorurteilsfreien Denkens und selbstkritischer Philosophie ein(Vgl. Körntner 2006: 10).
3.1. Etymologie
Um Religion etymologisch zu erklären, gibt es zwei mögliche Herleitungsweisen, die sich beide auf das Lateinische beziehen: Relegere -gewissenhaft beobachten, lesen 1 Religare/ religari (pass.) - binden oder gebunden sein 2
Darin zeigt sich, dass bereits die Worterklärung äußerst strittig ist. Cicero, leitet das Wort religio von relegere ab, somit wäre der Wortsinn von religio bzw. Religion dann „Gewissensscheu“. Einige hundert Jahre nach Cicero führt der christliche Schriftsteller Lactantius das Wort religio auf religare zurück, was im Passiv dann „gebunden sein“ bedeutet. Dieser Definition wird dann auch vom Kirchenvater Augustinus zugestimmt. Nach Cicero ist Religion also die sorgfältige Beachtung all dessen, was zum Kult der Götter gehört. Cicero meinte hierbei wohl den in Rom üblichen Tempelkult, den es sorgsam zu beachten galt und liefert so eine Wortdefinition, welche vor allem amtskirchlich verwendbar scheint. Lactantius und Augustinus hingegen sprechen von
1 Cicero - De nat. deor. II., 28, 72
2 Lactanius ‐ Inst. divin. IV, 28
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Arbeit zitieren:
Sven Mally, 2009, Wiederkehr der Religion, München, GRIN Verlag GmbH
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