Mythos und Rhetorik
- Hitlers Rede zum ersten Mai 1933
Inhaltsverzeichnis
Seite
Einleitung
1
I. Mythologie der Rede und Rhetorik der Mythen:
grunds ätzliche Wirkungsweise und Wirkungsabsicht
1-4
II. Die wichtigsten verschiedenen Mythen
Der Barbarossa-Mythos 4
Die Wirkungsabsicht des Mythos 4-5
Mythos des deutschen Arbeiters und der deutschen Arbeit 6-7
Die Wirkungsabsicht des Mythos 7-8
Mythos Autobahn 8
Mythos Volksgemeinschaft 9
Die Wirkungsabsicht des Mythos 9-10
Mythos Krieger und Heldengestalten 10
Symbol Versailles, der Mythos „Im Felde unbesiegt“
und die „Dolchstoßlegende“ 10-13
Die Wirkungsabsicht des Mythos 13-14
III. Inszenierung eines Mythos
am Beispiel des Stichwortes „Versailles“
14-17
IV. Der mythologisch rhetorische Ethos-Entwurf -
Hitler als vir bonus und bellator herosque mysticus
17-20
Schlussgedanken
20
Bibliographie
21
Mythos und Rhetorik - Hitlers Rede zum ersten Mai 1933
Einleitung
Nicht immer einfach erschließt sich die Wirkung der Reden Hitlers auf die damaligen Zuhörer einem heutigen Leser. Doch die Untersuchung einer beispielhaften Rede, der Rede zum ersten Mai 1933, und ein Blick auf das Umfeld sowie zurück in die Geschichte zeigen, dass Hitler durch eine geschickte Verknüpfung von Mythen, Symbolen und Rhetorik damit rechnen konnte breite Massen anzusprechen.
I. Mythologie der Rede und Rhetorik der Mythen: grundsätzliche Wirkungsweise und Wirkungsabsicht
An unzähligen Stellen seiner Rede greift Hitler auf Vorstellungen aus der Mythologie, auf kreierte Mythen und auf Symbolwirkungen zurück. Diese Mythen stellen so etwas wie einen sensus communis des deutschen Volkes, oder doch zumindest eines großen Teils davon dar. Einen ganzen Bilderbogen quer durch die Geschichte und quer durch das Kulturerbe des Volkes rufen sie vor dem geistigen Auge der Zuhörer wach; noch einmal lassen sie die Geschichte, die Vergangenheit, die Heldentaten, die erlittene Schmach mit Schauern und Zittern nachempfinden.
Eindrucksvoll schildert Jean Neurohr die Assoziationen und die Wirkungsschwere eines Wortes: dem des Reiches, dem Bestandteil der Formel „Das Dritte Reich“: „Um [die] ganze Anziehungskraft ermessen zu können, muß man sich daran erinnern, dass das schöne Wort keltischen Ursprungs „das Reich“ in der deutschen Sprache einen sakralen und religiösen Klang besitzt. Es ist das Wort, das man in der Bibel wieder findet und im täglichen Gebet: Dein Reich komme. Von magischem Zauber ist es umwoben. Es erinnert an den Traum der Civitas Die des heiligen Augustinus, an die Kaiserkrönung am Weihnachtsabend des Jahres 800, an die Ottonen, an Barbarossa und Rudolf von Habsburg. Die wunderbaren Dome längs des Rheins, die Bürgerbauten Rothenburgs, die Meistersinger von Nürnberg, die Zünfte, die Marienburg und der Deutsche Orden, Lübeck und die Macht der Hanse, Luther auf dem Reichstage in Worms tauchen vor dem inneren Auge auf, wenn man es ausspricht, ein Bilderbuch verzauberter Jahrhunderte.“ 1
Die tiefen Risse in der Mauer des sozialen Gefüges versucht Hitler in seiner Rede, durch die aus dem sensus communis der Mythen schöpfende Kraft, mit dem Ideal der kulturellen und geistigen Einheit zu verputzen und dem ganzen nach außen hin einen ansehnlichen Eindruck zu verleihen. Das Ideal ist die Volksgemeinschaft - selbst ein ins Mythische verklärter Begriff. Aus dem Wissen um diese Einheit wiederum soll der einzelne Mensch Stärke schöpfen, um seine Arbeit, seine Aufgabe an dem Platz zu erfüllen, an dem er stehet - oder an den ihn die Regierung stellt - ein williges Rädchen im Maschinenwerk der Regierung soll jeder Einzelne werden.
1 Neurohr, Jean F., Der Mythos vom Dritten Reich - Zur Geistesgeschichte des Nationalsozialismus, Stuttgart 1957 (künftig abgekürzt als Neurohr, Mythos vom Dritten Reich), S. 22.
1
Die angestrebte geistige Einheit, das ins Märchenhafte Verklärende der memorierten Mythen lösen in den Zuhörern starke Gefühle aus - schließlich versteht es Hitler ohnehin meisterhaft, sich durch vielfachen Gebrauch von pathos in Szene zu setzen und die Gefühle der Zuhörer aufzuwühlen. Eben diese Emotionen der Zuhörer bilden das Rückgrat der Redeabsicht Hitlers: des movere. Indem Hitler die Mythen in einen rhetorisch geschickten Vortrag einflicht, dass nicht nur die Rhetorik die Mythen zur Geltung bringt, sondern dass die Mythen selbst zur Rhetorik werden, dass es die Mythen sind, die - zusammen mit dem pathos - „argumentieren“, indem Hitler gekonnt Pathos und Mythos verbindet und daraus eine besondere Legierung an Härte und Elastizität, das heißt an Wirksamkeit, erhält, folgt er der Idee der antiken Rhetorik, der Idee des movere: „Das Übergewaltige nämlich führt die Hörer nicht zur Überzeugung, sondern zur Ekstase; überall wirkt, was uns erstaunt und erschüttert, jederzeit stärker als das Überredende und Gefällige, denn ob wir uns überzeugen lassen, hängt meist von uns selber ab, jenes aber übt eine unwiderstehliche Macht und Gewalt auf jeden Zuhörer aus und beherrscht ihn vollkommen.“ 2
Es geht Hitler also nicht um die rationale, auf logischen Argumenten beruhende Überzeugung, sondern er gedenkt bei seinen Zuhörern zur emotionalen Überzeugung zu gelangen, indem er sie in einen hypnotischen Zustand, einen Rausch, in Extase versetzt, und dazu den Inhalt und das Wesen, der Mythen, welches ein schwebendes und schwer fassbares ist, in die wohlgestaltete Form der Rhetorik und ihrer Kunstgriffe gießt.
Eine nicht unwesentliche Rolle dabei spielt die Praxis des dissimulatio artis, des Verbergens der Kunst. Auch diese Auffassung rhetorischer Strategie geht bereits auf die Antike zurück und von der Annahme aus, dass eine rhetorische Figur dann am besten wirkt, wenn sie nicht als solche erkannt wird - sonst entstehe nämlich der Eindruck des Konstruierten und Künstlichen und die natürliche Glaubwürdigkeit und damit die Überzeugung gehe verloren. 3
Das beste Mittel, diese Figuren zu verbergen stellt nach Pseudo-Longinius nun das Erhabene und die leidenschaftlichen Bewegungen, mit anderen Worten das pathos und das movere dar. „Denn wie das trübe Licht vor den Strahlen der Sonne schwindet, so werden die rhetorischen Kunstgriffe überschattet, wenn ringsum das Große ausgegossen ist.“ 4
Hitler spart in seiner Mairede nicht an den „Strahlen der Sonne“ und legt reichlich Emotionen in die Rede.
Solch emotionale Gemeinschaftserlebnisse erfreuen sich auch besonderer Förderung durch kultartige Veranstaltungen über das Jahr hinweg. Alte Mythen und damit verbundene Riten werden aufgefrischt, in Beschlag genommen, oder ganz neue geschaffen. Erreicht werden soll die emotionale Verankerung der nationalsozialistischen Weltanschauung im deutschen Volk, das Aufgehen des Individuums im emotionalen Gemeinschaftserlebnis. Zustimmung soll gewonnen, Kritik verhindert werden. Für diese
2 Pseudo-Longinos, Vom Erhabenen. Griech. u. dt. Übers. u. hg. v. Reinhard Brandt, Darmstadt 1983 (künftig abgekürzt als Pseudo-Longinos, Vom Erhabenen), 1,4.
3 Pseudo-Longinos, Vom Erhabenen, 17,1.
4 Pseudo-Longinos, Vom Erhabenen 17,2.
2
manipulative Emotionalisierung bedienen sich die Nationalsozialisten Ekstasetechniken und
raffinierter Beleuchtungseffekte 5 , ebenso wie der Fackelzüge. So entsteht nach und nach ein ganzer Jahreskreislauffeierkalender mit nationalsozialistischen Festen, samt und sonders von rituellen Handlungen umgeben. Sonnwendfeuer und Erntedankfeste werden als angeblich alte germanische Feste in Beschlag genommen, Maifeiern, Feiern wichtiger Daten der nationalsozialistischen Vergangenheit, wie dem 9. November, Heldenehrungen - sie alle bilden den Grundstock zu einem Loslösen von der eigentlichen Religion, dem Christentum, und dem Versuch, in zunehmendem Maße eine Konkurrenzreligion zu etablieren. Einen dieser Festtage begründet Hitler mit seiner Rede zum ersten Mai 1933. Maifeiern sollten künftig einen wichtige Stellenwert im politischen Ritus der Nationalsozialisten einnehmen 6 .
Eine explizite Ansprache der Mythen und deren Ausführung aber vermeidet Hitler. So behalten sie ihre schwebende und dadurch bezaubernde Form; das Wort Versailles z.B. fällt überhaupt nicht einmal - dennoch schwingt dessen dunkler Unterton in der ganzen Rede mit. Die grobe Linie ist klar, die großen der angesprochenen Mythen ebenfalls, und die Masse der damaligen Zeit versteht den Bedeutungsgehalt der Mythen, die darin enthaltene Kritik an Versailles, das Lob der eigenen Nation und das proklamierte Erwachen des Volkes. Die Mobilisierungsmöglichkeiten, die solchen Mythen innewohnen, besonders wenn sich die einzelnen Mythen zu einer ganzen Welt, praktisch einer zweiten Realität vereinen, beschreibt eindrücklich Jean Neurohr: „Soziale Gruppen oder ganze Völker erschaffen sich in Zeiten schwerer Krisen eine Phantasiewelt, gebildet aus der Verneinung der Gegenwart, aus ihren Sehnsüchten und Träumen, aus den Möglichkeiten, die sie in sich verspüren, aus ihren dynamischen Kräften. Dieser revolutionäre Mythos ist nicht etwa eine Darstellung der Dinge wie sie sind, noch wie sie sein werden, wenn die Revolution einmal vollzogen sein wird, sondern er ist der Ausdruck eines Gesamtwillens. […] der Mythos ist vielmehr ein Bild, das zu Taten führt, eine Leit-Idee, welche zur Überzeugung von sozialen Gruppen oder Massen wird.“ 7
Um diese Kraft ist es Hitler zu tun; sie will er im Volke erwecken und ständig nähren, um sie vollkommen in seinen Dienst und den seiner „Bewegung“ zu stellen. Daher will auch er es sein, der die Mythen kontrolliert, aus denen die „Traumwelt“ des Volkes besteht, er will die Mythen vorgeben, die Herkunft, den Hintergrund des Volkes, dessen Kraftquelle, er will es sein, der die Kräfte kanalisiert und er will die Richtung dieser Kraft festlegen, die Leit-Idee aufstellen. Er, Hitler, will es sein, der dem deutschen Volk durch Mythen das zurückgibt, was Eduard Gugenberger die „politische Zauberformel“, ING, Identität, Gemeinschaft und Naturverbundenheit nennt 8 , die Zauberformel,
welche die Bedürfnisse der Gesellschaft abdeckt; und indem Hitler der Gesellschaft, dem deutschen
5 Gugenberger, Eduard, Die Fäden der Nornen - Zur Macht der Mythen in politischen Bewegungen, Wien 1993 (künftig abgekürzt als Gugenberger, Die Fäden der Nornen), S. 162 u. S. 163.
6 Gugenberger, Die Fäden der Nornen, S. 163.
7 Neurohr, Mythos vom Dritten Reich, S. 15.
8 Gugenberger, Die Fäden der Nornen, S. 45.
3
Volk, Identität, Gemeinschaft und Naturverbundenheit bietet, verpflichtet er es gleichzeitig - und jeden einzelnen davon - zur getreuen Nachfolge.
Dass Mythos und Symbolik eine gewichtige Rolle in der Mairede spielen würden, wird gleich zu Anfang deutlich, als Hitler den ersten Mai als Symboltag, ursprünglich für den Einzug des Frühlings, dann als aufgebautes Contra-Symbol für den Bruderkampf und die Zerrissenheit des Volkes hinstellt, der sich jetzt aber wieder zum „Symbol der großen Einigung und Erhebung der Nation“ 9 wandle.
II. Die wichtigsten verschiedenen Mythen
Der Barbarossa-Mythos
Schon zu Anfang des zweiten Absatzes, noch in der Überleitung zum Hauptteil seiner Rede proklamiert Hitler: „Unseres Volkes Erwachen ist da.“ 10
Bereits damit greift er auf einen für viele bekannten Mythos zurück: den des schlafenden Kaisers Friedrich I. Barbarossa, der damals, im 3. Kreuzzug die Heere aus den deutschen Landen angeführt und bei Ikonien einen glänzenden Sieg errungen hatte und schließlich 1190 im Saleph ertrunken war. 11 Die Sage berichtet nun, er schlafe seither in einem Berg, im Kyffhäuser, und warte darauf, zu erwachen. „Barbarossa wird aus dem Berg hervorkommen, seinen Schild an einen uralten Birnbaum hängen, und dann wird die letzte Schlacht gegen den Antichristen geschlagen werden.“ 12
Die Wirkungsabsicht des Mythos
Die Zuhörer werden damit auf die viel älteren Wurzeln der großen Vergangenheit der aktuellen Nation eingeschworen. Die Idee vom Aufwachen des Alten Kaisers mobilisiert mit Sicherheit eine gewisse Aufbruchsstimmung, aber auch Zuversicht und Selbstvertrauen für die Zukunft, denn das deutsche Volk steht nun unter der Führung einer mächtigen Gestalt der Geschichte. Hitler nimmt Barbarossa quasi als „Verbündeten und Freund“ mit ins Boot - und profitiert dadurch als Redner von dessen auctoritas, das heißt dem Ansehen der Person Kaiser Friedrich I. Barbarossas - ja mehr noch, Hitler stellt sich quasi als den erwachten Kaiser vor, der „seinen Schild an einen dürren Baum hängen [wird], [wovon] der Baum grünen und eine bessere Zeit werden [wird]“ 13 . Dieses neue Grünen passt wiederum optimal zum Ersten Mai, den Hitler ja schon zuvor als „Symbol des Einzugs des Frühlings“ 14 , als „Tag der erwachenden Natur“ 15 bezeichnet.
9 Domarus, Max, Hitler - Reden und Proklamationen 1932-45, Band I, Würzburg 1962 (künftig abgekürzt als Domarus, Hitler - Reden), S. 259.
10 Domarus, Hitler - Reden, S. 259.
11 Imgrund, Barbara, 1000 Jahre Europäische Geschichte - Das 12. Jahrhundert, hrsg. v. Ulrike Müller-Kaspar, Wien 2001, S. 87.
12 Pehl, Untersberg in: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, hrsg. v. Hanns Bächtold-Stäubli, Band VIII, Berlin 2000, Spalte 1483.
13 Grimm, Sagen des deutschen Volkes, Auswahl für die Jugend von J. Baß, 2. Auflage, Stuttgart.
14 Domarus, Hitler - Reden, S. 259.
15 Domarus, Hitler - Reden, S. 259.
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Andreas Wünsch, 2004, Mythos und Rhetorik, München, GRIN Verlag GmbH
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