Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Ausgangspunkte der Habermasschen Theorieentwicklung 2
2.1. Theorienverknüpfung 2
2.2. Grundannahmen 4
3. Kommunikatives Handeln und Ich-Identität 6
3.1. Handlungstypen 6
3.2. Kommunikative Kompetenz / Ich-Identität 8
4. Sozialisation nach Habermas 9
4.1. Stufenweise Identitätsentwicklung 9
4.2. Lebenskrisen und ihre Bedeutung für die Persönlichkeit 12
5. Resümee und Ausblick 14
6. Literaturverzeichnis 16
1. Einleitung
Der deutsche Soziologe und Philosoph Jürgen Habermas zählt zu den bedeutendsten Gesellschaftstheoretikern des 20. Jahrhunderts. Er war hauptsächlich in Frankfurt am Main tätig und arbeitete Ende der 1950er Jahre als Assistent von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno am Institut für Sozialforschung. Die verstärkte Systemkritik junger Menschen in den 1960er Jahren - wie zum Beispiel die Hippie-Bewegung und die weltweiten Protesten gegen den Vietnamkrieg -, regte ihn dann zur intensiven Auseinandersetzung mit Sozialisationstheorien an. 1981 veröffentlichte er daraufhin sein zweibändiges Hauptwerk ‚Theorie des kommunikativen Handelns’ 1 , das bis heute viel diskutiert und rezitiert wird. Darin versucht er unterschiedliche klassische soziologische Theorien zur Analyse und Beschreibung moderner Gesellschaften zusammenzuführen und somit dem Sozialisationsprozess auf den Grund zu gehen. Interessant erscheint es nun herauszuarbeiten, wie Habermas die unterschiedlichen Ansätze klassischer soziologischer Theoretiker in seinem Werk vereint und wie sich der Sozialisationsprozess somit nach Habermas vollzieht. Ziel dieser Hausarbeit ist es, Habermas Theorie des kommunikativen Handelns vorzustellen und seine Sicht auf den Sozialisationsprozess zu rekonstruieren. Dabei gilt es vor allem die zentralen Begriffe ‚Kommunikatives Handeln’, ‚Kommunikative Kompetenz’ und ‚Ich-Identität’ zu definieren. Somit wird im dritten Kapitel den Fragen nachgegangen: Was unterscheidet kommunikatives Handeln von anderen Handlungsformen? Was zeichnet eine Persönlichkeit mit Ich-Identität und kommunikativer Kompetenz aus?
Zunächst soll im zweiten Kapitel aber Habermas’ Theorieentwicklung rekonstruiert werden. Inwiefern macht Habermas unter anderem den Kognitivismus und die Psychoanalyse also für seine Theorie fruchtbar? Die Rolle der Sprache und seine Grundannahmen zur Entwicklung des Individuums werden knapp vorgestellt. Dabei stütze ich mich überwiegend auf die Arbeiten von Franzjörg Baumgart (2008), Klaus-Jürgen Tillmann (2008), Andreas Hetzel (2001) und Lothar Krappmann (1972).
Baumgart und Tillmann geben jeweils einen zusammenfassenden Überblick über die sehr komplexe Theorie Habermas’. Andreas Hetzel geht an das umfangreiche Werk der Theorie des kommunikativen Handelns durch einige Interpretationsansätze heran,
1 Jürgen Habermas (1985): Theorie des kommunikativen Handelns. 2 Bde. 3., durchges. Aufl. Frankfurt am Main (Suhrkamp). Alle Zitate dieser Quelle werden im Fließtext unter Angabe des Bandes in römischer Ziffer und der jeweiligen Seitenzahl aufgeführt.
1
wohingegen sich Krappmann auf die allgemein-soziologische Dimension der Identitätsbildung konzentriert.
Im vierten Kapitel wird schließlich geklärt, wie sich nach Habermas der Sozialisationsprozess vollzieht. Hierbei stütze ich mich exemplarisch auf Lawrence Kohlbergs Modell zur Bildung der moralischen Urteilsfähigkeit, das die Identitätsentwicklung in einem stufenweisen Prozess beschreibt und das Habermas unverändert in seinem Theoriekonstrukt verarbeitet hat. Darüber hinaus soll in diesem letzten Kapitel geklärt werden, unter welchen Bedingungen es einem Individuum gelingt, das Ideal der Ich-Identität zu entwickeln und wann ihm dieses Ziel verwehrt bleibt. Ein zentraler Begriff ist hierbei die ‚Adoleszenzkrise’, den Habermas’ Mitarbeiter Rainer Döbert und Gertrud Nunner-Winkler näher definiert und empirisch untersucht haben, auf welche Weise sich Lebenskrisen auf die Persönlichkeitsentwicklung auswirken. Sie unterstützen mit ihren
Forschungsergebnissen, was Habermas vermutet: Eine Integration in die Gesellschaft wird durch eine Abwehrhaltung gegen gesellschaftliche Verhältnisse im Jugendalter nicht verhindert, vielmehr verhelfen Lebenskrisen dem Individuum dazu sich kommunikativ mit der Umwelt auseinanderzusetzen und somit seine Persönlichkeit ideal auszuprägen.
2. Ausgangspunkte der Habermasschen Theorieentwicklung
Habermas’ gesamtes Werk ist stark vom Ziel einer ‚kritischen Theorie’ der bürgerlichen Gesellschaft geprägt, das Horkheimer und Adorno als Vertreter der Frankfurter Schule angestrebt haben. Doch in seiner Sozialisationstheorie grenzt sich Habermas von der Aufdeckung von negativ konnotierten Herrschafts- und Unterdrückungsmechanismen der Gesellschaft insofern ab, als er den komplexen von Macht und Geld geprägten Spätkapitalismus - also die gegenwärtige moderne Gesellschaftsform - und sein innewohnendes Legitimationsproblem als idealen Ort zur Entwicklung der Identität definiert. Um diesen Schluss nachvollziehen zu können, ist es nötig, Habermas’ Herangehensweise und Grundannahmen zu rekonstruieren.
2.1. Theorienverknüpfung
Grundlegend an Habermas’ Theorie des kommunikativen Handelns ist die Verknüpfung unterschiedlicher klassischer Theorien zu einem umfassenden
2
Konstrukt. 2 Er entwickelt auf diese Weise eine neue Gesellschaftstheorie, die sowohl historisch fundiert ist, als auch die einbezogenen Theorien auf die Probe stellt. Insgesamt bettet Habermas seine Deutung der modernen Gesellschaft somit „in eine umfassende Rationalitäts- und Handlungstheorie ein, deren Fokus eine Theorie sprachlicher Verständigung bildet“ (Hetzel 2001, S. 249). So leitet Habermas einen seiner Kernbegriffe ‚Kommunikative Kompetenz’ beispielsweise aus dem symbolischen Interaktionismus von George Herbert Mead und den linguistischen Konzepten Austins ab. Mead erklärt das Bewusstsein des Menschen als Produkt der Auseinandersetzung des Individuums mit seiner Umwelt, worin die Kommunikation eine essentielle Rolle einnimmt. Darüber hinaus definiert John L. Austin in seiner Sprechakttheorie das Sprechen nicht nur als Akt der Äußerung von Sachverhalten, Argumenten und Behauptungen, sondern auch als eine Handlung, mit der das Individuum die Realität aktiv verändern kann. Habermas geht im Zusammenhang von Mead und Austin also davon aus, dass „[i]ndem Subjekte in Kommunikation mit anderen treten, […] sie ihre Identität und ihre kommunikative Handlungsfähigkeit [entwickeln]“ (Tillmann 2000, S. 222). In der Psychoanalyse und dem Kognitivismus wird dagegen die Persönlichkeitsentwicklung als ein Prozess verstanden, der in Etappen vonstatten geht. Die Psychoanalyse nach Sigmund Freud und Erik H. Erikson geht von einer Ich-Entwicklung im Zuge unterschiedlicher Reifungskrisen (ödipale Krise -Adoleszenzkrise) aus, wobei nach jeder Lebenskrise ein neuer höherer Entwicklungsabschnitt erreicht wird. Krisen treiben demzufolge den Entwicklungsprozess und die Identitätsbildung voran. Nach Jean Piagets kognitivistischem Erklärungsansatz vollzieht sich die Persönlichkeitsentwicklung in unterschiedlichen Stufen des Denkens. Dieser Prozess beginnt im frühen Kindesalter mit der unsystematischen Ordnung der Welt (präoperationales Denken) und geht über das konkrete Operieren (konkretoperationales Denken) bis hin zum formalen Operieren (formaloperationales Denken). Da Piaget aber davon ausgegangen ist, dass die Identitätsentwicklung mit circa 13 Jahren abgeschlossen ist, hat Lawrence Kohlberg darauf aufbauend ein neues entwicklungslogisches Stufenmodell geschaffen. Laut Kohlberg ist die Persönlichkeitsentwicklung mit 13 Jahren bei weitem noch nicht abgeschlossen ist.
2
Aus Platzgründen erhebe ich nicht den Anspruch in diesem Kapitel auf alle klassischen Theorien, die Habermas in seiner ‚Theorie des kommunikativen Handelns’ bespricht, eingehen zu können. Die hier ausgewählten näher thematisierten Theorien von Mead, Austin, Freud, Erikson, Piaget und Kohlberg sind lediglich Beispiele.
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Arbeit zitieren:
B.A. Julia Krüger, 2010, Jürgen Habermas: Kommunikatives Handeln und Ich-Identität - ein Überblick, München, GRIN Verlag GmbH
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