1 Einleitung
Feministische Machttheorien haben ihren Ursprung in der Frauenforschung, die sich seit dem Ende der sechziger Jahren mit Fragen beschäftigt wie:
- welche empirischen Befunde weisen Geschlechterdifferenzen in sozialem Verhalten, Dispositionen oder Einstellungen nach?
- wenn es sie denn gibt, worauf sind sie zurückzuführen?
- haben Faktoren, wie geschlechtsspezifische Erziehung, Verinnerlichung von gesellschaftlichen Weiblichkeits- oder Männlichkeitsklischees oder sexuierte Praxen darauf einen Einfluß?
Verschiedene Ansätze feministischer Machttheorien griffen diese Fragen auf und untersuchten z.B., ob die Behauptung der Sozialforschung, dass sich männliche Verhaltensweisen von denen der Frauen unterscheiden einer empirischen Untersuchung standhalten würde, oder z.B. inwieweit alltagsweltliche Vorurteile in soziologische Hypothesen unüberprüft einfließen.
Auch wenn die Gewichtung der feministischen Theorien sehr unterschiedlich ist, gibt es doch einen Konsens, nämlich die Ablehnung der Naturalisierung von Geschlechterdifferenzen, d.h. nicht das Geschlecht mit dem wir geboren werden bestimmt unser Schicksal, sondern es sind die Erziehung und die kulturelle Einflußnahme durch die Frauen ihre Positionierung in der Gesellschaft erfahren. In fast allen Gesellschaften ist das Geschlechterverhältnis von der Dominanz der Männer geprägt. Diese Dominanz führte dazu, dass Frauen von gesellschaftlicher Macht und öffentlicher Entscheidungsbefugnis ausgeschlossen wurden. Immer wieder gab es Forscher wie Talcott Parson, der in den USA die Rollentheorie entwickelte, die besagt, dass der Mensch als soziales Wesen Normen und Regeln verinnerlicht, die an spezifische gesellschaftliche Funktionen geknüpft sind und somit eine Zweckmäßigkeit erfüllen. Für die Feministinnen stellte sich hier die Frage, ob eine solche Zwangsverpflichtung mit den Bedürfnissen von Menschen übereinstimmen kann, insbesondere da Frauen immer eingeschränkte und einseitige Rollen zugeschrieben und somit die Geschlechterhierarchie aufrecht erhalten wurde.
Auch Begriffe, wie der „erwerbszentrierte Arbeitsbegriff“, wurden kritisiert und die Frage wurde gestellt, warum Reproduktion und Hausfrauenarbeit keine
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Gleichstellung erfuhren. Das Verhältnis von Macht und Geschlecht wurde zum weitverzweigten Gegenstand feministischer Forschung, mit dem Ziel der Beteiligung von Frauen in bestehenden, männlich dominierten Institutionen und das Ende jeder geschlechtlichen Vorherrschaft und Unterdrückung. Den Feministinnen war es wichtig, in ihren Ideologien alle Themen zu berücksichtigen, von denen Frauen betroffen sind, und sich nicht nur auf den biologisch weiblichen Gegenstandsbereich wie Schwangerschaft, Mutterschaft, Frauenbildung und Weiblichkeitsideologien zu reduzieren. Vorstellungen von „Geschlecht“ und „Geschlechtlichkeit“ gab es schon vor der feministischen Diskussion, diese waren jedoch männlich geprägt und zielten auf eine Vorrangstellung von Männern ab.
Moderne feministische Theorien entwickelten sich in den achtziger und neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Die Frauenforschung wandelte sich zur Geschlechterforschung und „Geschlecht“ wurde als „Strukturkategorie“ definiert. Den Geschlechtern wurde eine Verhaltenskomponente zugeordnet, die mit der geschlechtlichen Arbeitsteilung korrespondierte. Ursula Beer, die den Begriff prägte, betont, daß das Geschlecht dadurch strukturierend wirkt, daß die soziale Unterscheidung der Geschlechter immer von der gesellschaftlichen Ungleichheit ausgeht, so daß ein sozio-ökonomisches und politisches Gefälle zwischen Frauen und Männern entsteht. Es wird deutlich, daß die traditionelle
Geschlechterhierarchie ebenso wie die Gliederung nach Klassen zur sozialen Struktur unserer Gesellschaft gehört, dass die gesellschaftliche Reproduktion geschlechtliche Arbeitsteilung voraussetzt und somit wesentliche Machtfaktoren in Politik, Kultur und Ökonomie von Männern dominiert werden. Die feministische Diskussion der neunziger Jahre beschränkt sich nunmehr nicht mehr auf die historische Betrachtung von Geschlechterordnung, vielmehr bezieht sie die neuere technologisch-wissenschaftliche Entwicklung mit ein, so daß überkommene Grenzen zwischen Natürlichem und Kulturellem aufgebrochen werden. Die Sex-Gender-Debatte wird zur zentralen Problemstellung feministischer Theorien.
Diese Arbeit wird auf moderne und postmoderne Theorien eingehen und die unterschiedlichen Sichtweisen und Ansatzpunkte der ethnomethodologischsozialkonstruktivistischen Theorie, sowie der Theorien nach Judith Butler und
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Donna Haraway herausarbeiten. Abschließend werde ich noch kurz die Theoriediskussion darstellen, die sich unter dem Stichwort >>Differenzen<< formiert hat.
2 Ein Ausgangspunkt, verschiedene Theorien
Die Basis moderner feministischer Ideologie
Die Frauenforschung ging von natürlichen Geschlechtsunterschieden aus und untersuchte, welche Normen Männlichkeit und Weiblichkeit bestimmten, welche Strukturen sich auf dieser Grundlage entwickelten und von welchen historischen Konstellationen von Kultur und Gesellschaft diese abhängen. Die amerikanische Historikerin Gerda Lerner formuliert diese Auffassung folgendermaßen: „ Das sexuelle Geschlecht ist eine biologische Gegebenheit für Männer und Frauen. Die geschlechtsspezifischen Rollenerwartungen an Frauen und Männer stellen eine kulturabhängige Definition von Verhalten dar, das als den Geschlechtern in einer bestimmten Gesellschaft zu einer bestimmten Zeit angemessen gilt. Diese kulturspezifische Bestimmung der Geschlechterrollen ist also ein historisch bedingtes Produkt.“ (Becker-Schmidt/Knapp, 2000, S. 66) Die Diskussion der feministischen Theorien der neunziger Jahre spitzt die Bedeutung diese Historisierung dahingehend zu, daß sie über den Wandel von Semantiken der Geschlechterdifferenz hinaus, ihre erkenntnistheoretischen und politischen Konsequenzen in die Überlegungen mit einbezieht. Einige Ansätze gehen sogar so weit, daß nunmehr selbst die körperliche Zweigeschlechtlichkeit nicht mehr als von Natur gegeben, sondern als Produkt von einer kulturell spezifischen Form der Klassifikation betrachtet wird. Diese Sichtweise wurde von der kulturanthropologischen Forschung gestützt, die sich bereits seit langem mit den unterschiedlichen Konzeptualisierungen der Verhältnisse von Natur und Kultur, sowie mit der soziokulturellen Bedeutung von Geschlecht als Ordnungs- und Klassifikationsprinzip beschäftigte. Anthropologen fanden heraus, daß die binäre Struktur unserer Gesellschaft sich keineswegs in allen anderen Kulturen widerspiegelt. In anderen Kulturen gibt es Geschlechterklassifikationen, die weit weniger auf äußere Geschlechtsmerkmale fixiert sind oder solche in denen sogar ein Geschlechtswechsel möglich ist, indem
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z.B. unfruchtbare Frauen in der gesellschaftlichen Wahrnehmung eine Re-Klassifikation zu „Männern“ erfahren und ihnen in ihrer neuen Rolle auch zugestanden wird, „Frauen“ zu ehelichen.
Neben den ethnologischen Betrachtungen trugen aber auch soziologische Studien zur Transsexualität und Beobachtungen aus dem Bereich der „Queer Studies“ zu einer Veränderung der Sichtweise bei. Auch eine Reihe von historischen Untersuchungen zeigten, daß die Geschlechterdifferenz, die heute unser Alltagsleben bestimmt, selbst das Resultat einer geschlechtlichen Entwicklung ist, die entscheidend durch die im 18. und 19. Jahrhundert entstehenden modernen Wissenschaften vom Menschen geprägt wurden. Zudem belegten biologische Forschungsergebnisse, daß die Natur selbst keine scharfe Trennung der Geschlechter vornimmt. Als Ergebnis wird „Sex“, im Sinne von weibliches und männliches Geschlecht, nicht mehr als zwei entgegengesetzte sich ausschließende Kategorien verstanden; „Sex“ wird vielmehr als Kontinuum gesehen, das sich aus dem genetischen Geschlecht, dem Keimdrüsengeschlecht und dem Hormongeschlecht zusammensetzt. Dabei müssen die Kriterien, die zur Geschlechtsbestimmung herangezogen werden weder notwendigerweise übereinstimmen, noch muß man sie als unabhängig von der Umwelt sehen.
Die Gesamtheit dieser Forschungsergebnisse bildet die Grundlage für die feministische Diskussion der neunziger Jahre, in dessen Zentrum die anglophone Unterscheidung nach Sex (körperlichem Geschlecht) und Gender (soziales Geschlecht) steht. Der Sex-Gender-Debatte geht es um den historischen, erkenntnistheoretischen und politischen Stellenwert dieser Unterscheidung. Eine der einflußreichsten Theorien, die in die Kritik der Unterscheidung von Sex und Gender einstimmte, war die ethnomethodologisch-sozialkonstruktivistische Richtung der Sozialwissenschaften. Ihr ist der nächste Abschnitt gewidmet.
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3 Die Unterscheidung von Sex und Gender aus ethnomethodologisch
sozialkonstruktivisitischer Sicht
Zentrale Fragestellung der konstuktivistischen Perspektive ist die Konstruktion von Männlichkeit und Weiblichkeit in u nserer Gesellschaft, d.h. wie Frauen und Männer in der Gesellschaft gedacht und wahrgenommen werden, wie sich die Geschlechter nach aussen hin präsentieren, welche Eigenschaften ihnen zugeschrieben oder abgesprochen werden oder wie sich das Geschlecht im Alltagsleben widerspiegelt, in Räumen, in Gegenständen und in Praxisfeldern. Der Ansatz ist stark empirisch geprägt und versucht mittels dieser Methode Genaueres darüber zu erfahren, wie in unserer Gesellschaft das Geschlecht sozial hergestellt wird.
Wie v iele feministische Theorien basiert auch dieser Ansatz auf Überlegungen, die Feministinnen wie z.B. Suzanne Kessler, Wendy McKenna und Judith Lorber in den USA bereits in den Fünfziger- und sechziger Jahren anstellten. Die weiterführenden Gedanken gehen dahin, inwieweit Gesellschaftsmitglieder „... auf soziokulturell institutionalisierte Wissensbestände, auf kulturelle Deutungsmuster von >>Geschlecht<< zurückgreifen, sie situationsspezifisch anwenden und dabei reinterpretieren. Die Leitfrage lautet: Wie kommt es zu der binären, wechselseitig exklusiven Klassifikation von zwei Geschlechtern, und wie funktioniert die alltägliche Aufrechterhaltung dieser Exklusivität“ (Becker-Schmidt/Knapp, 2000, S. 74).
3.1 Die Grundlagen des ethnomethodologisch-sozialkonstruktivistischen Ansatzes
Der ethnomethodologisch-sozialkonstruktivistische Ansatz setzt voraus, daß es eine Zweigeschlechtlichkeit gibt, die sich nach Anatomie, Körpergestalt, Physiologie und hormoneller Ausstattung klar unterscheidet. Das bildet die Grundlage für die Überlegungen in welcher Beziehung das körperliche Geschlecht und die soziale Geschlechtszuordnung stehen. Der Ansatz konzentriert sich auf die Prozessualisierung des Geschlechterbegriffs indem er nicht mehr die Frage nach dem „....>>Wer ist wie<< sondern: >>Wie und in
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Arbeit zitieren:
Stefanie Meyer, 1999, Feministische Machttheorien, München, GRIN Verlag GmbH
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Das Verhältnis von Staat und Geschlecht aus feministischer Perspektive
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