Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 Vorstellung Pierre Bourdieu 4
3 Der Begriff der Kapitalsorten nach Bourdieu. 5
3.1 Ökonomisches Kapital. 7
3.2 Kulturelles Kapital. 9
3.2.1 Inkorporiertes Kulturkapital. 10
3.2.2 Objektiviertes Kulturkapital. 11
3.2.3 Institutionalisiertes Kapital 12
3.3 Soziales Kapital 13
3.4 Symbolisches Kapital 15
3.5 Transformation und Zusammenspiel der Kapitalsorten 16
4 Fazit / Schluss 17
Literaturverzeichnis. 19
2
1 Einleitung
Das Werk des Franzosen Pierre Bourdieu gilt als eines der Klassiker der Soziologie. Die soziologische Arbeit Bourdieus zeichnet sich dabei durch eine außergewöhnliche thematische Vielfalt aus, die aus der wissenschaftliche Strategie resultiert, das praxistheoretische Instrumentarium auf viele unterschiedliche soziale Felder anzuwenden, um den Erklärungsansatz durch die Konfrontation mit variierenden empirischen Bewährungsproben weiter zu entwickeln. Auf diese Art und Weise wurde Schritt für Schritt ein höheres Generalisierungsniveau erreicht. Dem entsprechend sind auch die soziologischen Interessen Bourdieus sehr breit gefächert (vgl. Florian 2006, S. 81). Eines seiner zahlreichen Forschungsfelder war hierbei die Untersuchung der Mechanismen der Reproduktion sozialer Ungleichheit (vgl. Rehbein 2006, S. 125). Die Sozialtheorie von Pierre Bourdieu wird in der Rezeption häufig als Theorie sozialer Ungleichheit betrachtet. Als umfassende Theorie des Sozialen, als welche sie von Bourdieu durchaus gemeint ist, wird sie allerdings weitaus seltener wahrgenommen (vgl. Albrecht 2004, S. 199). Gerade in Hinblick auf die bildungspolitische Debatte der letzten Jahre, die unter anderem dem so genannte PISA-Schock geschuldet war, stellt sich stets aufs Neue die Frage nach dem Zusammenhang von sozialer Herkunft und schulischen und beruflichen Erfolgschancen. Auch die aktuelle politische Debatte um Sozialleistungen und nicht verfassungsgemäße Hartz-4-Sätze für Kinder (vgl. Knapp & Schubert 2010) wirft einmal mehr die Frage auf, wie Chancengleichheit in einer Gesellschaft gewährleistet werden soll. Soziale Ungleichheit beschreibt strukturiert verteilte, vorteilhafte und nachteilige Lebensbedingungen von Menschen, die ihnen aufgrund ihrer Position im gesellschaftlichen Beziehungsgefüge zukommen. Die Benachteiligung und die Begünstigung der Lebenschancen von Individuen oder Gruppen durch eine dauerhafte Einschränkung der Zugangschancen zu allgemein erstrebenswerten Gütern ist die Folge sozialer Ungleichheit (vgl. Burzan 2008, S. 105 f.) Die vorliegende Arbeit soll eine Einsicht in das Werk des französischen Soziologen Pierre Bourdieu geben. Nach einer kurzen Vorstellung von Pierre Bourdieu sollen die vier Kapitalsorten und ihre jeweiligen Zusammenhänge in den Mittelpunkt der Darstellung stehen. Im abschließenden Schlussteil soll folgender These nachgegangen werden: Mit der Theorie der Kapitalsorten nach Bourdieu ist soziale Ungleichheit auch heute noch erklärbar. Hierbei soll herausgestellt werden, welche Lehren und Konsequenzen wir angesichts unserer aktuellen gesellschaftlichen Probleme aus den bourdieuschen Kapitalsorten ziehen können.
2 Vorstellung Pierre Bourdieu
Pierre Bourdieu wurde 1930 als Sohn eines Landwirts und späteren Postbeamten in einem Dorf namens Denguin im Südwesten Frankreichs geboren. Da er in der Familie intellektuell gefördert wurde und seine schulischen Leistungen außerordentlich waren, schaffte er den Weg aus der Provinz und studierte, nach dem Besuch des Internats, an der prestigeträchtigen Hochschule École normale supérieure in Paris (vgl. Rehbein 2006, S. 19 f.). Nach seinem Studium der Philosophie, welches er mit Auszeichnung beendete, verhinderte die Einberufung zum Militärdienst im Jahre 1955 zunächst einen weiteren akademischen Aufstieg. In seiner Militärzeit wurde er nach Algerien und damit zum damaligen Algerienkrieg geschickt, einer Auseinandersetzung zwischen algerischen Unabhängigkeitsbewegungen und der Kolonialmacht Frankreich (vgl. Fröhlich & Rehbein 2009, S. 2 ff.). Dort war er von den Schrecken des Krieges und der kolonialen Unterdrückung zutiefst entsetzt. Zunehmend wandte er sich von den Franzosen ab und den Algeriern zu. Die Abwendung vom französischen Milieu hin zur empirischen Beschäftigung mit dem Alltag der Menschen in Algerien war dabei vielleicht die entscheidende Wende in Bourdieus intellektueller Laufbahn. Mit der Absicht, die französischen Intellektuellen über das Land aufzuklären, schrieb er ein Werk über die Menschen und die Kultur Algeriens, welches am Ende seiner Militärzeit 1958 erschien (vgl. Rehbein 2006, S. 22 f.). Die Beschäftigung mit der algerischen Gesellschaft und die Ausbreitung des Kapitalismus, welche er in Algerien unmittelbar vor Augen geführt bekam, führte Bourdieu zur Soziologie (vgl. Rehbein 2006, S. 25). Er blieb noch bis 1960 in Algerien, um als Assistent für Philosophie an der Universität in Algier zu arbeiten. Danach wechselte er nach Paris und Lille und wurde 1964 Professor an der École Pratique des Hautes Études en Sciences Sociales. Seine in der empirischen ethnologischen Forschung gemachten Erfahrungen bildeten die Grundlage für sein 1972 erschienenes Werk Entwurf einer Theorie der Praxis. Sein wohl bekanntestes bekanntesten Buch Die feinen Unterschiede erschien 1979. Darin analysiert Bourdieu wie Gewohnheiten, Freizeitbeschäftigungen und Schönheitsideale dazu benutzt werden, ein Klassenbewusstsein auszudrücken und zu reproduzieren. An zahlreichen Beispielen wird aufgezeigt, wie sich Gruppen auf subtile Weise durch die feinen Unterschiede in Konsum und Gestus von der jeweils niedrigeren Klasse abgrenzen (vgl. Fröhlich & Rehbein 2009, S. 5 ff.). Zu Beginn der 1990er Jahre engagierte sich Bourdieu für eine demokratische Kontrolle ökonomischer Prozesse. Eine große Wirkung entfaltete das 1993 von ihm herausgegebene Buch Das Elend der Welt, welches zum größten Teil aus Interviews besteht, die Bourdieu mit der Absicht führte, den Einzelnen zu Wort kommen zu lassen, der durch den Arbeitsmarkt oder durch schulische
Selektion ausgegrenzt wird. Dadurch wollte Bourdieu das gesellschaftliche positionsbedingte Elend sichtbar machen. 1993 rief er zur Gründung einer Internationalen der Intellektuellen auf, deren Ziel darin besteht, Prestige und Kompetenz im Kampf gegen Globalisierung und die Macht der Finanzmärkte zu bündeln. Seine politischen Aktivitäten zielten darauf ab, eine Versammlung der Sozialstände in Europa einzuberufen, die den europäischen Einigungsprozess kontrollieren und begleiten soll (vgl. Liebau 2008, S. 354 ff.). Parallel zu seiner Arbeit in der Wissenschaft hat sich Bourdieu politisch stets auf Seiten der Linken engagiert (vgl. Hartmann 2004, S. 85). Pierre Bourdieu starb am 23. Januar 2002 in Paris.
3 Der Begriff der Kapitalsorten nach Bourdieu
Der Begriff des Kapitals bezog sich von Beginn an auf den Bereich der Wirtschaft. Eine intensive Beschäftigung mit dem Kapitalbegriff begann erst mit der Ausdehnung des englischen Kapitalismus. Der schottische Philosoph und Ökonom David Hume dehnte den Begriff über den Bereich der Wirtschaft aus. Demnach umfasse der Terminus auch die Machtposition und sei daher als Befehlsgewalt über Arbeit und Güter zu definieren. Während Marx das Kapital in einer sozialen Beziehung situierte, erkannten Ökonomen, dass soziale Beziehungen auch die Funktion von Kapital haben können. Jean-Baptiste Say bezeichnete Fähigkeiten und Talente als Kapital, Friedrich List sprach von geistigem Kapital und Léon Walras fasste Menschen unter dem Begriff des Kapitals zusammen (vgl. Fröhlich & Rehbein 2009, S. 134).
Bourdieu verallgemeinert den ökonomischen Kapitalbegriff und löst ihn aus seinem rein wirtschaftswissenschaftlichen Kontext. Damit kritisiert und erweitert er ihn zugleich. Der Begriff reicht für ihn nicht aus, um sämtliche Erscheinungsformen von Arbeit zu erfassen, die im gesellschaftlichen Leben getauscht, akkumuliert und reproduziert werden, sowie Profit abwerfen können und somit relevante Größen für die Mechanismen und die Struktur der sozialen Welt darstellen, die bisher verschleiert geblieben sind (vgl. Bourdieu 2000, S. 217 f.). Nach Bourdieu ist es nur möglich, der Struktur und dem Funktionieren der gesellschaftlichen Welt gerecht zu werden, wenn man den Kapitalbegriff in allen seinen Erscheinungsformen betrachtet und nicht nur in der aus der Wirtschaftstheorie bekannten Form. Demnach reduziert der wirtschaftswissenschaftliche Begriff des Kapitals die Gesamtheit der gesellschaftlichen Austauschverhältnisse auf den bloßen profitmaximierenden Warenaustausch (vgl. Bourdieu 1992, S. 50). Bourdieu vertritt damit eine allgemeine Theorie ökonomischer Handlungen. Sämtliche Handlungen können demnach auf die Ebene des
Ökonomischen gestellt werden. Nach diesem Verständnis ist der ökonomische Tausch nur eine besondere Form des Tausches unter vielen verschiedenen Handlungen. Damit lassen sich alle Beziehungen als Tauschbeziehungen darstellen. Diese Art und Weise der Betrachtung erlaubt es Bourdieu, auch soziale Ungleichheiten und Herrschaft von konstituierenden und reproduzierenden Mechanismen zu ermitteln, die außerhalb des ökonomischen Bereichs liegen (vgl. Schroeter 2003, S. 121). Dadurch kann die Wirtschaftstheorie implizit alle Formen sozialen Austausches zu nichtökonomischen und uneigennützigen Beziehungen erklären. Denn wer den Begriff des Eigennutzes im engen wirtschaftswissenschaftlichen Sinne gebraucht, ist auch zur Verwendung des Komplementärbegriffs der Uneigennützigkeit gezwungen. Es ist nämlich nicht möglich, die Welt des Bourgeois mit seiner doppelten Buchführung zu erfinden und zu beschreiben, ohne demgegenüber die Vorstellung vom reinen, selbstlosen und vollkommenen Universum des Künstlers und Intellektuellen darzustellen (vgl. Bourdieu 1992, S. 51). Der erweiterte Kapitalbegriff von Bourdieu bezieht sich auf alle Entitäten, die Handlungsmöglichkeiten eröffnen und eine Bewahrung oder Verbesserung der sozialen Position ermöglichen. Gelegentlich unterscheidet er auch objektives von einverleibtem Kapital, wobei dieses auch mit dem Begriff des Habitus gefasst werden kann (vgl. Fröhlich & Rehbein 2009, S 134 f.). Laut Bourdieu ist Kapital die Energie der sozialen Physik. Es ist als gespeicherte und angesammelte Arbeit in materieller und immaterieller Form gegeben. Die Aneignung von Kapital durch einzelne Menschen oder Gruppen ist nach dem Verständnis von Bourdieu eine Aneignung von sozialer Energie. Demnach hat der einzelne Mensch wie auch verschiedene Gruppen durch akkumuliertes, vererbbares oder auf andere Weise übertragbares Kapital viele unterschiedliche Möglichkeiten des Handelns (vgl. Fuchs-Heinritz & König 2005, S. 157). Jede Form von Tätigkeit kann dem Zuwachs von Kapital dienen und jede für soziales Handeln erforderliche Ressource kann als Kapital fungieren. Selbst das Erlernen der Muttersprache deutet Bourdieu als Akkumulation von Kapital. Daher wird Kapital für Bourdieu die Grundlage sozialen Handelns oder auch die notwendige Ressource für jede Art von Handeln (vgl. Fröhlich & Rehbein 2009, S. 134). Mit dem Kapitalbegriff soll auf diese Weise die Gesamtheit der gesellschaftlichen Austauschprozesse beschrieben werden, die dem ökonomischen Prinzip folgen, welches nach Bourdieu in der Suche nach Optimierung besteht. Dieses sehr weite Verständnis von Ökonomie und Kapital ermöglicht es Bourdieu, von einer Ökonomie der Praxis und der einzelnen Felder zu sprechen. In allen Feldern bilden sich am Nutzenkalkül orientierte Praktiken heraus, die nicht auf ökonomische Vorteile abzielen, wie das ökonomische Verständnis gesellschaftlicher Austauschprozesse unterstellt. Vielmehr ist die
Arbeit zitieren:
Markus Westerhoff, 2010, Die Kapitalsorten nach Pierre Bourdieu, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
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