Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 1
1.1 weiter leben - Eine Jugend: Die Bedeutung der Gespenster. 5
1.2 Brüche und Tabus 13
2. Die problematische Mutter- Tochter-Beziehung 18
2.1 Wien 20
2.1.1 Zerstörte Familienstruktur 22
2.1.2 Einsamkeit 25
2.1.3 Entfremdung 27
2.2 Gefangenschaft in Konzentrations- und Vernichtungslagern 29
2.2.1 Theresienstadt als Sozialisationsstätte 30
2.2.2 Auschwitz - Tod und Verrat 32
2.2.3 Christianstadt (Groß Rosen) - Flucht und Familienzuwachs 37
2.3 Die Vereinigten Staaten von Amerika 40
2.3.1 Emanzipation von der Mutter 42
2.3.2 Familiengründung 43
2.3.3 Tod der Mutter 46
2.4 Schreiben als Abrechnung und späte Aussöhnung mit der Mutter 48
2.4.1 Die deutsche Muttersprache als Fluchtpunkt vor der Mutter 50
2.4.2 Späte Einsicht und Verständnis für die Mutter 53
3. Die problematische Mutter-Söhne-Beziehung 54
3.1 Erwartungen und Enttäuschungen 55
3.2 Entfremdung………………………………………………………………………59
3.3 Eindringen in die Privatsphäre der Familie……………………………………….67
4. Ruth Klüger als Mutterfigur für die Leser_innen………………………………………….70
4.1 Vom Jüdisch-Sein und Jüdisch-Werden………………………………………….71
4.2 Mütterliche Sprecherin-Position……………………………………………….....75
4.3 Kein Platz für Interpretationen……………………………………………………77
4.4 Identifikationsfigur und Vorbildfunktion…………………………………………82
5. Fazit………………………………………………………………………………………...85
Literaturverzeichnis ………………………………………………………………………….90
Primärtexte …………………………………………………………………………...90
Sekundärtexte ………………………………………………………………………..90
Interviews ……………………………………………………………………………94
Internetquellen………………………………………………………………………..94
1. Einleitung
„Eine Kindheit, die das Vorstellungsvermögen strapaziert.― 1 Mit diesen Worten beschreibt Ruth Klüger die Lebenserinnerungen, die sie in weiter leben und Unterwegs verloren 2 verarbeitet. Die erlebten Demütigungen und die Verfolgung durch die Nationalsozialisten beschreibt sie vor dem Hintergrund ihrer familiären Beziehungen mit besonderem Fokus auf die Beziehung zu ihrer Mutter Alma Hirschel.
Der Holocaust 3 bedeutet nicht nur eine Zäsur in der europäischen Geschichte, sondern auch im Leben der Überlebenden. Für sie gibt es ein Leben vor und nach dem Holocaust - eine Unterteilung, die häufig gebunden ist an Verlusterfahrungen: Sie verloren ihre Freiheit, das Gefühl der Sicherheit, ihre Menschenrechte, den sozialen Rückhalt, den Wohnort, ihre Mündigkeit, die physische und psychische Integrität und den familiären Zusammenhalt. Denn die Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten zielte darauf ab, jüdische Menschen zu erniedrigen, auszugrenzen, zu entmenschlichen und schlussendlich zu ermorden. In vielen Fällen wurden sowohl Menschen ermordet als auch gezielt ihre Spuren verwischt - so als hätten sie nie gelebt. Aus diesem Grund sind schriftliche Aufzeichnungen wie zum Beispiel Memoiren von Holocaust-Überlebenden für das historische und kulturelle Archiv so wichtig, denn sie tragen dazu bei, die Opfer zu individualisieren und die gesamteuropäische Dimension des Holocausts zu verdeutlichen. Zusätzlich dazu können sich in autobiografischen Erinnerungstexten über den Holocaust verschiedene Aspekte wie zum Beispiel „literarische Evokation, individuelle Erinnerung, Historiografie und kollektives Gedächtnis.― (Lezzi: 2001, 100) verbinden, um zu verdeutlichen, dass der Holocaust nicht nur „Auschwitz― war, sondern ein Wechselspiel von Demütigung, Dehumanisierung, Deindividualisierung,
1 Klüger Ruth: „weiter leben - Eine Jugend―. Wallstein Verlag. Göttingen, 1992, S. 249. Alle Zitate
beziehen sich auf diese Ausgabe und werden fortan abgekürzt dargestellt mit (wl).
2 Klüger Ruth: „Unterwegs verloren - Erinnerungen―. Paul Zsolnay Verlag. Wien, 2008. Alle Zitate
beziehen sich auf diese Ausgabe und werden fortan abgekürzt dargestellt mit (Uv).
3 Die Diskussionen um die richtige Benennung der Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden
ist der Verfasserin bekannt, wird aber im Folgenden nicht thematisiert. In Anlehnung an Ruth Klüger,
die die Problematik der Nomenklatur wie folgt thematisiert, wird im weiteren Verlauf der Begriff
Holocaust verwendet werden: „Schon damals hat mich der Gedanke gestreift, der heute leider bei mir
noch tiefer sitzt als die Empörung über das große Verbrechen, nämlich das Bewußtsein der Absurdität
des Ganzen, das Widersinnige daran, die völlige Sinnlosigkeit dieser Morde und Verschleppungen,
die wir Endlösung, Holocaust, die jüdische Katastrophe und neuerdings Shoah nennen, immer neue
Namen, weil uns die Worte dafür sehr schnell im Munde faulen.― (wl 147)
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Zerstörung von Lebensräumen, Eliminierung von Kultur, zerrissenen und zerstörten Familien sowie Ohnmacht.
Angesichts zunehmender antisemitischer Ressentiments in den 1930er Jahren („Man trat auf die Straße und war im Feindesland.― (wl 14)) bot die Familie einen wichtigen Rückhalt für die Verfolgten. Doch mit kumulativer judenfeindlicher Hetze und der gezielten Ermordung der europäischen Juden 4 wurden diese Beziehungen elementar erschüttert, infrage gestellt und aufgehoben: Eltern konnten ihre Kinder nicht länger beschützen, wurden vor den Augen der eigenen Kinder gar Opfer von Peinigungen, Entmündigung und Gewalt. Sie verloren ihre Schutzfunktion, wurden infantilisiert und von ihren Peinigern auf dieselbe Ebene wie ihre Kinder herabgesetzt, wodurch Kinder nicht nur den Schrecken der antisemitischen Verfolgung verarbeiten mussten, sondern auch die Machtlosigkeit und Verwundbarkeit der eigenen Eltern.
Die Verfolgung durch die Nationalsozialisten richtete sich anfangs vorrangig gegen jüdische Männer. Ruth Klüger berichtet, wie ihr Vater, Bruder und Cousin vor den Frauen der Familie verhaftet und interniert wurden oder vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten ins europäische Ausland fliehen mussten. Mütter und Kinder wurden von ihren Ehemännern und Vätern zurückgelassen, weil viele Menschen damals annahmen, die Verfolgung würde sich nicht gegen wehrlose Frauen und Kinder richten. Somit verloren die Familien, dem traditionellen und Anfang des 20. Jahrhunderts dominanten Rollenverständnis folgend, das Oberhaupt und wurden in ihren Grundfesten erschüttert: „ […] the collapse of the father figure was a particularly traumatic experience.― (Shik: 2008, 111). Durch die gezielte Verfolgung und Internierung der männlichen Juden wurde als Nebeneffekt die soziale Verantwortung an die jüdischen Mütter delegiert. Später, als sich die Verfolgung nicht mehr nur gegen männliche Juden richtete und auch Frauen und Kinder in Konzentrationslager deportiert wurden, waren es vor allem Mütter mit ihren Kindern, Schwangere oder ältere Frauen der Großmuttergeneration, die umgehend nach der Ankunft in die Gaskammern geschickt wurden. Eltern-Kind-Beziehungen und damit verbunden das Konzept Familie liefen Gefahr, korrumpiert
4 Es gab neben den europäischen Juden auch andere missliebige Gruppen im Rassenverständnis der
Nationalsozialisten: Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Sinti und Roma, „Asoziale―, Gewerkschaftler,
oppositionelle Christen, parteipolitische Gegner, Polen, Sowjetbürger und Kriegsgefangene. Sie
wurden ebenso wie Juden verfolgt, interniert und ermordet.
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zu werden: „Eltern mussten um des eigenen Überlebens willen unter Umständen bereit sein, ihre Kinder zu töten oder sie an die Nationalsozialisten auszuliefern.― (Lezzi: 2001, 85). Mütter wurden (nach den Vätern) ihrer Souveränität beraubt und somit gezwungen, sich für ihre Kinder und den Tod oder gegen ihre Kinder und das vermeintliche (Über-)Leben zu entscheiden. Diese Situationen hat auch Ruth Klüger während ihrer Internierung in verschiedenen Konzentrationslagern erlebt und folgendermaßen zusammengefasst: „Für eine Frau mit Kind gab es keinen Ausweg mehr.― (Uv 197). Mutterschaft potenzierte demnach das Ausgeliefertsein jüdischer Frauen - sie wurden nicht nur aufgrund ihrer Rassenzugehörigkeit, sondern auch aufgrund ihrer Reproduktionsfähigkeit verfolgt und vernichtet 5 . Mutterschaft im Holocaust lässt sich anhand von drei Dimensionen untersuchen: der institutionellen Dimension, der kulturell-symbolischen Dimension und der individuellen Dimension. Die institutionelle Dimension von Mutterschaft im Holocaust bedeutete, dass die Familie nicht länger privat war, sondern öffentlich gemacht wurde - ein Entprivatisierungsprozess, der sowohl die „arische― als auch die jüdische Familie betraf. Allerdings wurde die jüdische Familie als Kernelement des europäischen Judentums von den Nationalsozialisten negiert und aufgelöst, während die „arische― Familie beinahe sakralen Charakter erhielt. Das Konzept Familie war dabei eng an die Inszenierung von Mutterschaft gebunden. 1938 wurde auf Initiative Adolf Hitlers das Mutterkreuz gestiftet; Mutterschaft wurde somit als Verdienst am deutschen Volk, am deutschen Volkskörper, gewertet und fest in die Rassenpolitik integriert. Offiziell wurden „arische― Mütter als Friedensgaranten inszeniert, inoffiziell wurden sie aus dem öffentlichen Leben verdrängt und auf die Rolle als Mutter reduziert. Es erfolgte demnach eine Aufwertung von Weiblichkeit im Kleinraum der „arischen― Familie bei gleichzeitigem Verlust der Individualität durch Reduktion auf die Reproduktionsfähigkeit. Die kulturell-symbolische Dimension von Mutterschaft funktionierte im Dritten Reich über die Idealisierung der „arischen― Familie, während parallel dazu die jüdische Familie dämonisiert wurde: „Jewish parenthood represented the reproduction of race that allegedly endangered Germany.― (Dublon-Knebel: 2008, 93). Mutterschaft wurde also politisch instrumentalisiert.
5 Im Zuge der Nationalsozialistischen „Rassenhygiene― wurden hunderttausende Menschen
zwangssterilisiert. Ziel dieser Eingriffe war die Verhinderung von Leben, das von den
Nationalsozialisten als „erbkrank― oder nicht-arisch definiert wurde.
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Im Folgenden soll die individuelle Dimension von Mutterschaft in den Autobiografien von Ruth Klüger untersucht werden. Diese beschreibt diverse Modelle weiblicher Identität und kann folglich auch verschiedene Varianten von Mutterschaft enthalten. Ferner ist sie durch ein hohes Maß an Subjektivität gekennzeichnet. Besonderer Fokus wird in vorliegender Arbeit auf der Verbindung von Mutterschaft und Holocaust sowie der Inszenierung von Mutterschaft liegen. Ruth Klüger schreibt sowohl aus der Perspektive der kindlichen und erwachsenen Tochter als auch als Mutter und steht somit vor der Aufgabe, eine geeignete Perspektive für die Darstellungen der Erfahrungen des ehemaligen Kindes zu finden. Sie tut dies, indem sie in der Rolle des erinnerten Ichs versucht, ihre damaligen Erfahrungen und Emotionen nachzuempfinden, während sie als erinnerndes Ich diese Erlebnisse mit dem Wissen der späteren Erwachsenen interpretiert. „Kindheit ist nicht nur der Erlebniszusammenhang, sondern auch das Medium der narrativen Darstellung, in der sich Grundformen kindlicher Wahrnehmung in existenziellen Grenzsituationen spiegeln.― (Braun: 2007, 102). Mutterschaft und Mutter-Kind-Beziehungen sind das zentrale Thema der Autobiografien weiter leben und Unterwegs verloren. Die Niederschrift der eigenen Lebensgeschichte aus der Retrospektive dient der Verinnerlichung, Bilanzierung und Selbstbesichtigung der Autorin. Sie reflektiert die verschiedenen Facetten ihrer Identität und verschiedene Phasen ihres Lebens vor dem Hintergrund des Holocausts und der Familie. So tritt Ruth Klüger als Tochter, Nichte, Stiefschwester, Mutter, Dozentin, (mütterliche) Freundin, Schwiegermutter und als Autorin mit feministischem Anspruch auf. Zusätzlich dazu ist sie die „Mutter― (im Sinne einer Beschützerin) ihrer eigenen Lebensgeschichte, die sie vor Verleumdungen, Trivialisierungen und eventuellen Negierungen bewahren möchte. Sowohl die Beziehung zu ihrer Mutter Alma Hirschel als auch die zu ihren Söhnen Percy und Dan wird als problematisch bis kompliziert beschrieben. Es gilt zu untersuchen, in welcher Verbindung Mutterschaft und Holocaust in den autobiografischen Texten von Ruth Klüger stehen und inwiefern Mutterschaft durch den Holocaust beeinflusst wurde. Ist die „blühende Mutter-Tochter-Neurose― (wl 57) durch die zunehmenden antisemitischen Ressentiments und die folgenden Internierungen in verschiedenen Konzentrationslagern entstanden oder ist sie lediglich verschärft worden? Wie blickt Ruth Klüger auf ihre eigene Mutter Alma Hirschel - sowohl aus der kindlichen
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Perspektive als erinnertes Ich als auch aus der Erwachsenenperspektive als erinnerndes Ich? Wie verhält sie sich als Mutter gegenüber ihren Söhnen? Inwieweit können oder müssen die eigenen Kinder über die Holocaustvergangenheit der Eltern informiert sein und wie beeinflusst das die familiären Beziehungen? Wie viele Details aus der eigenen Kindheit, die geprägt war von Demütigungen, Entmenschlichung, Todesangst und Gewalt, können und sollten kommuniziert werden? Obwohl der Fokus der vorliegenden Arbeit auf der Analyse der Darstellung von Mutterschaft und Mutter-Kind-Beziehungen liegt, kann auch die Beziehung zum ermordeten Vater Viktor Klüger und dem ermordeten Halbbruder Schorschi nicht ausgelassen werden, denn sie spielen als Ruth Klügers „Gespenster― eine wichtige Rolle für die Veröffentlichung der Autobiografien und sind oftmals Konfliktquellen in der Beziehung zu ihrer Mutter Alma.
1.1 weiter leben - Eine Jugend: Die Bedeutung der „Gespenster―
„Ruth Klügers Memoiren […] stellen die Beschwörung und das Erscheinen ihrer persönlichen Gespenster dar - die, die sie liebte oder verachtete, ermordet von den Nazis.― (Adelson: 1994, 93). Die Kindheitsautobiografie weiter leben funktioniert auf verschiedenen Ebenen: Sie ist eine schriftliche kritische Aufarbeitung der Beziehung zur eigenen Mutter sowie eine Gespensterbeschwörung, ein Akt des Gedenkens für den ermordeten Vater und Bruder. Das zentrale Thema sind Familienbeziehungen im Holocaust: der Verlust der Nächsten, der Verrat aneinander, der Zusammenhalt, das Weiterleben und das Gefühl der Schuldigkeit (denn die „Scham ist die andere Seite des Überlebens― (Reemtsma: 1998, 253)). Über die Kindheitserinnerungen wird verhandelt, wie Familie gebunden ist an die Verbrechen der Nationalsozialisten, die die Familienstruktur aufbrechen und moralische Werte negieren. Die Annäherung an ihre persönliche Vergangenheit ist durch die Erinnerung und durch die Nacherzählung doppelt gefiltert (vgl. Machtans: 2009, 205): Ruth Klügers Autorinnensubjekt ist sowohl erinnertes als auch erinnerndes Ich. Jedoch kann sie sich den toten männlichen Bezugspersonen aus ihrer Familie nur durch die Evokation der frühen Kindheitserinnerungen nähern: „Die persönliche Vergangenheit ist nur über den Akt autobiografischen Erinnerns einzuholen.― (Machtans: 2009, 4). So ist weiter leben dann auch sehr stark beeinflusst durch die
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Allgegenwärtigkeit der „Gespenster―. Die Niederschrift der Kindheitserinnerungen und die Thematisierung des fragmentarischen Charakters dieser Erinnerungen dienen als Bewältigung des Verlustes - über die Benennung der Gespenster können diese auch ein Stück weit gebannt werden. „Als Dokumente des Überlebens und der Schilderung des Entsetzens und des Entsetzlichen bleiben sie paradoxe Zeugnisse des Fortlebens einer Zivilisation, die in den Lagern zerstört wurde.― (Reemtsma: 1998, 250). Die Gespenster der ermordeten Verwandten und die Erinnerung an sie müssen von Ruth Klüger eingeholt werden, um sie bewältigen und mit ihnen abschließen zu können, denn: „Worüber man nicht spricht und schreibt, das bleibt unerledigt.― (wl 230). Ruth Klüger nimmt sich den ihr bekannten bruchstückhaften Lebens- und Sterbensgeschichten ihrer nächsten männlichen Verwandten an und betont damit die Bedeutung von familiärer Erinnerung. Den toten Mitgliedern wird somit Tribut gezollt und das individuelle Gedenken wird an das kollektive familiäre Gedenken gebunden. Mithilfe dieser Erinnerungsprozesse wird die eigene Identität konstruiert - Ruth Klüger ist auch und vielmehr die Tochter des Wiener Frauenarztes Viktor Klüger und die Halbschwester von Schorschi und nicht nur das kindliche, jüdische Opfer der Verfolgungen durch die Nationalsozialisten. Das Gespenstermotiv verdeutlicht das Nachwirken des gesamtgesellschaftlichen Vernichtungswillens, dem das Kind Ruth über Jahre hinweg ausgeliefert war. Die Autorin hat „die (versuchte) Zerstörung ihrer gesamten Identität, des Körpers, der Familie, des soziokulturellen Kontextes erlitten.― (Lezzi: 2001, 128). Teile ihrer Identität wurden durch die Ermordung von Vater und Bruder negiert und eliminiert. Die Erinnerung an die beiden ist nicht nur ein Akt des Gedenkens, sondern auch ein Akt der Selbstvergewisserung. Ruth Klüger identifiziert ihre Liebe zu Vater und Bruder als „Eigenliebe, Liebe zu den eigenen Wurzeln― (wl 27). Erst durch die Liebe zu den beiden toten Familienmitgliedern ist sie mit ihrer Vergangenheit in der Gegenwart verbunden.
Das Gespenstermotiv dient auch als Kompensation für die Sinnlosigkeit der eigenen Familiengeschichte (vgl. wl 29), in der ein Vater seine Frau und Tochter verlässt, um zu überleben und schlussendlich den Tod findet, während seine kleine zurückgelassene Familie überlebt. Parallel dazu ist das Gespenstermotiv determiniert durch die ambivalenten Gefühle für den eigenen Vater, der einerseits ob seiner Gelassenheit und seines Humors („Kein Mensch war so witzig wie mein Vater.―
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(wl 22)) idealisiert, andererseits als gewalttätig beschrieben wird. („Aber ich habe ihn auch gefürchtet, meinen Vater.― (wl 26)). Mit zunehmender antisemitischer Hetze und Verfolgung von außen wurde der Vater nach innen, im familiären Rahmen angespannt und „dünnhäutiger als sonst― (wl 26), sodass mit ihm nicht nur positive Gefühle verbunden sind, sondern auch „Schrecken, Gewalt, ein Gefühl von erlittenem Unrecht und Erniedrigung.― (wl 30). Die Tochter möchte ihrem Vater nah sein, er kann sich in dieser Situation jedoch nur mit Gewalt behelfen und schlägt seine Tochter vor den Augen der versammelten Familie und einer Freundin Ruths. So ist die letzte Erinnerung an den lebenden Vater mit seiner körperlichen Überlegenheit bei gleichzeitiger moralischer und emotionaler Unterlegenheit verbunden. Weil die beiden im Schlechten und ohne sich voneinander zu verabschieden auseinandergegangen sind und weil die Möglichkeit zur Versöhnung nicht gegeben war, „spukt― der Vater nach seinem gewaltsamen Tod somit als unerlöstes Gespenst im Leben der Tochter. Der gewalttätige Übergriff innerhalb des Schutzraumes der Familie ist auch dem erinnernden Ich noch präsent und die Flucht des Vaters vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten wird so auch als Flucht vor dem eigenen Kind interpretiert: „Ich konnte mir nicht vorstellen, dass er mich wirklich ungern verließ […]― (wl 31). Alma Hirschel hat ihren Ehemann alleine zum Bahnhof gebracht: „Vielleicht hatte meine Mutter Angst, er und ich würden im letzten Moment zusammen in den Zug steigen.― (wl 31). Auch hier steht Ruth Klüger der Situation mit zwiespältigen Gefühlen gegenüber. Einerseits vermutet sie, dass der Vater sie verlassen wollte, während sie gleichzeitig ihrer Mutter unterstellt, Vater und Tochter systematisch voneinander getrennt zu haben, um nicht alleine zurückbleiben zu müssen. In jedem dieser Szenarien inszeniert sich Ruth Klüger als Leidtragende des Handels der erwachsenen Familienmitglieder. Die Beziehung zum Vater bleibt ungelöst, da Ruth Klüger auch später keine Möglichkeit hat, von ihm Abschied zu nehmen und mit ihm Frieden zu schließen - es gibt kein Grab, das sie besuchen könnte, und „wo kein Grab ist, hört die Trauerarbeit nicht auf.― (wl 94). Wie eingangs bereits erwähnt, dient das Gespenstermotiv als ein Akt des Gedenkens: „Nicht los werde ich den Impuls, ihn zu feiern, eine Zeremonie, eine Totenfeier für ihn zu finden oder zu erfinden.― (wl 23). Ruth Klüger bindet diesen Wunsch sowohl an das stark fragmentarische und verzerrte Bild vom Vater als auch an die geschlechtsspezifische Rollenverteilung in der jüdischen Tradition. Sie
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argumentiert, dass in der jüdischen Religion „[…] nur Männer den Kaddisch, das Totengebet […]― (wl 23) sagen dürfen. Anzumerken ist, dass diese Aussage für orthodoxe Juden zutrifft, während in liberalen oder Reformgemeinden Frauen den Kaddisch durchaus sagen dürfen. Ruth Klüger inszeniert sich in ihrer Autobiografie zwar als Feministin, nimmt aber in Religionsfragen somit offensichtlich ein eher konservatives Geschlechterverständnis an und das, obwohl oder gerade weil sie und ihre Mutter die einzig lebenden Verwandten der beiden Männer sind. So wird das Erinnern an Vater und Bruder von Ruth Klüger als Pflicht empfunden: „Die Toten stellen uns Aufgaben, oder? Wollen gefeiert und bewältigt sein.― (wl 23). Den eigenen Vater zu feiern stellt Ruth Klüger vor ein Problem, sie fragt sich: „Wie soll ich ihn feiern? Beim Namen kann ich ihn nennen, das ist schon alles.― (wl 24). Die ambivalenten Gefühle, die Ruth Klüger für ihren Vater hat, spiegeln sich also auch im Zwiespalt zwischen der Pflicht und dem Wunsch der Erinnerung an den Vater wider.
Ein wiederkehrendes Motiv in weiter leben ist der Verrat. Ruth Klüger fühlt sich von ihrer Mutter verraten, sie fühlt sich von ihrem Vater verraten und hat später das Gefühl, auch ihn und sein Andenken verraten zu haben: „Mein ältester Sohn hätte heißen sollen wie mein Vater, nach jüdischem Brauch
heißen die Kinder nach den Toten. Aber im neunten Schwangerschaftsmonat, und
ich war noch sehr jung, da war es mir unheimlich, ein Kind nach einem elend
Ermordeten zu nennen, und der Name selbst war wie ein Spott: der ein Sieger? Und
so gaben wir dem Neugeborenen einen für uns unbedeutenden englischen Namen.
Manchmal kommt mir das wie Verrat vor. Und vielleicht wollte ich ihm tatsächlich
den an mir vergangenen Verrat heimzahlen, nämlich, dass er wegfuhr und mich
nicht mitnahm und nicht zurückgekommen ist, indem ich ihm ein Weiterleben in
den Enkeln verweigerte.― (wl 24).
Die Flucht des Vaters war eine spontane Entscheidung und nicht etwa von langer Hand geplant. Wie Ruth Klüger in weiter leben berichtet, hat ihr Vater in seiner Funktion als Frauenarzt Abtreibungen vorgenommen, auch nachdem die Nationalsozialisten bereits ein Berufsverbot für Juden verhängt hatten. Viktor Klüger ist denunziert worden und musste das Land innerhalb kürzester Zeit verlassen. In späteren Interviews hat Ruth Klüger dann auch nicht mehr vom Verrat des Vaters an seiner Familie gesprochen, sondern die Ausweglosigkeit seiner Situation betont. Der Akt der Namensgebung ist neben dem Moment des Verrats aber auch an einen Emanzipationsdiskurs gekoppelt: Ruth Klüger widersetzt sich den (orthodox) jüdischen Vorschriften und Traditionen, indem sie ihrem Sohn einen englischen Namen gibt. In gewissem Sinne emanzipiert sie sich so auch vom Gespenst ihres
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Vaters, denn sie schreibt ihn nicht in das Leben ihres ältesten Sohnes ein, sondern erlaubt Percy, ein unbeschwertes Leben zu führen, ohne fortwährend an das kurze Leben seines Großvaters erinnert zu werden. Ruth Klüger ist sich in späteren Jahren bewusst, dass der tote Vater nicht in seinem Enkel hätte weiterleben können: „People aren`t reborn. They live, or they don`t live, their one inalienable life.― 6 . Sie setzt ihrem Vater stattdessen stellvertretend in ihren Autobiografien ein Denkmal, ohne ihn jedoch auf ein Podest zu stellen. Denn ihre Verehrung für den Vater ist an Einschränkungen gebunden: „Meine Mutter behauptet zwar, er sei von Anfang an vernarrt in mich gewesen, aber ein solches Bild gehört auch zur Konvention.― (wl 25). Im Schreiben Ruth Klügers gehört das kritische Hinterfragen, vor allem der Erinnerungen und Ausführungen ihrer Mutter Alma, zur Konvention. Erinnerungen sind gemäß Ruth Klüger mit einem Schatz vergleichbar; wenn jemand versucht, diese Erinnerungen abzuerkennen, zu sabotieren oder herabzusetzen, gleicht das einem Raub und macht die erinnernde Person ärmer (vgl. Klüger: 1996, 32). Spärliche oder fragmentarische Erinnerungen an ermordete nächste Verwandte werden wie ein Schatz gehütet, denn sie sind das Einzige, was neben ein paar Fotos geblieben ist (vgl. wl 19). Dem Aneignungs- und Verfremdungsdrang von außen muss Ruth Klüger widerstehen, um nicht erneut fremdbestimmt und herabgewürdigt zu werden. Dies gilt vor allem für den toten Vater und Bruder. Sie sind bereits ihres Lebens beraubt worden und können nur in den Erinnerungen ihrer Tochter und Schwester weiter bestehen - wenn auch nur als Gespenster, als Totengeister. Vater und Bruder sind durch die an ihnen verübten Verbrechen im Holocaust zu unerlösten Seelen geworden: „Der ungelöste Knoten, den so ein verletztes Tabu wie Massenmord, Kindermord hinterlässt, verwandelt sich zum unerlösten Gespenst, dem wir eine Art Heimat gewähren, wo es spuken darf.― (wl 70). Ruth Klügers Beziehung zu beiden wurde in ihrer frühesten Kindheit von außen gestört und zerstört, konnte weder fortbestehen noch abgeschlossen werden und so hat sie jahrzehntelang mit der hintergründigen Anwesenheit der Gespenster gelebt. Sie fühlt sich mit ihnen auf familiärer Ebene verbunden, während die beiden gleichzeitig unerreichbar bleiben: „Unübersteigbarer Stacheldraht zwischen uns und
6 Kluger Ruth: „Still Alive - A Holocaust Girlhood Remembered―. The Helen Rose Scheuer Jewish
Women Series. The Feminist Press at the University of New York. New York 2001. S. 83. Alle
folgenden Zitate aus diesem Buch beziehen sich auf diese Ausgabe und werden fortan abgekürzt
dargestellt mit (SA).
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den Toten.― (wl 97). Alle vier Familienmitglieder sind Opfer des Holocausts, jedoch sind nur Ruth Klüger und ihre Mutter Alma mit dem Leben davongekommen. Sie haben verschiedene Konzentrationslager überlebt und waren permanent mit der Allgegenwärtigkeit von Tod und Verrohung konfrontiert; gestorben sind aber andere Menschen. „Das Geschehen von Auschwitz sprengt die konventionelle Vorstellung der Zeugenschaft, weil es einerseits niemals über die Toten eine Aussage machen wird können, da der Überlebende diesen letzten Weg nicht mitgegangen ist.― (Schubert: 2002, 109). Das Thema Überlebensschuld wird von Ruth Klüger weitestgehend vernachlässigt. Sie macht sich und ihrer Mutter keine Vorwürfe, weil sie überlebt haben und andere Menschen nicht - weiß sie doch zu genau, dass das Überleben des Holocausts kein persönlicher Verdienst ist, sondern vielmehr eine Frage des Zufalls.
Ein weiterer Aspekt der Gespenstersymbolik ist die Ungewissheit. Ruth Klüger wusste viele Jahre lang nur, dass ihr Vater und ihr Bruder von den Nationalsozialisten ermordet worden sind, ohne die genaueren Umstände zu kennen. Aufgrund von Fehlinformationen nahm sie später an, dass der Vater im Vernichtungslager Auschwitz vergast worden sei. Die kurze Zeit, die Ruth Klüger mit ihrem Vater verbracht hat und das bruchstückhafte ambivalente Bild, das von ihm in ihr überdauert hat, lassen sich nicht mit dem Wissen um den vermeintlichen Tod in der Gaskammer vereinen. Die Ermordung des Vaters lässt sich nicht bewältigen, sodass Ruth Klüger es zunächst jahrelang vorzog, sich den Suizid des Vaters einzubilden: „Ein halbes Leben habe ich gebraucht, bis mir klar wurde, daß diese Fabel nur auf dem Mist meiner Wunschvorstellungen gewachsen war.― (wl 33). Das Gefühl der Unwissenheit und die quälenden fiktiven Bilder der Vergasung ihres Vaters finden durch die Veröffentlichung von weiter leben im europäischen Ausland nur bedingt ein Ende. „Als mein Buch auf Französisch herauskam, hat sich jemand gemeldet und mir von einem Transport ins Baltikum berichtet. Das waren 900 Männer. Es gibt eine Liste und der Name meines Vaters war dabei.― (Doerry: 2008, 109). Viktor Klüger ist demnach nicht in den Gaskammern von Auschwitz ums Leben gekommen, sondern im Baltikum erschossen worden. Obwohl Ruth Klüger nun weiß, dass ihr Vater nicht den grausamen Tod in den Gaskammern von Auschwitz erlitten hat, kann sie nicht beruhigt sein, denn alles, was sie in den vorangegangenen Jahren geglaubt hat, erweist sich als falsch:
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„I should be relieved that he didn`t die that ultimate nightmare of a death in a
crowded gas chamber, that it was a different, and perhaps a slightly lesser,
nightmare. But now my mental furniture has to be rearranged, and it feels as if I am
running through my house in the dark, bumping into things. How did he die then? I
know so little who he was, and now I don`t even know this final, inalterable fact.―
(SA 40)
Die Ungewissheit in Bezug auf das Leben und Sterben Viktor Klügers bleibt fortbestehen und die Erinnerung an ihn verzerrt. Ruth Klüger kann sich kein kongruentes Bild von ihrem Vater machen, da sie lediglich auf widersprüchliche Informationen zurückgreifen kann. So erfindet sie sich „einen Tochter-Vater- Mythos,wo der Vater den Tod nie erleidet.― (wl 35). Die Erinnerung an den Vater soll nicht nur gebunden sein an seine vermeintliche Opferrolle, denn das würde ihrem feministischen Ansatz widersprechen. Der Vater würde so in das tradierte antisemitische Vorurteil vom verweiblichten und pathologisierten Juden gepresst und nicht länger als Individuum mit eigener Vorgeschichte wahrgenommen werden. Sie möchte sich an ihn nicht nur als Opfer der Nationalsozialisten, sondern auch als Vater erinnern, wenn auch mit ambivalenten Gefühlen. Ruth Klüger hat neben ihrem Vater eine weitere wichtige Bezugsperson früh verloren, ihren Halbbruder Schorschi, das erste Kind ihrer Mutter Alma. „Er war mein erstes Vorbild und wohl das einzige uneingeschränkte.― (wl 20). Schorschi ist der einzige Verwandte, der ausnahmslos positiv porträtiert wird. Er ist ihr Held, sein Tod trifft sie tief und sie scheint ihn lange Zeit nicht verwunden zu haben. „Es war mein erster großer Verlust. Ich war fassungslos. Ich verlor nicht nur einen geliebten Verwandten, sondern auch eine Rolle: kleine Schwester.― (wl 21). Ein Identitätsfragment geht verloren und Ruth Klüger hat nur eine Ahnung davon, was es heißt, jemandes kleine Schwester zu sein. Der ermordete Stiefbruder ist immer wieder Konfliktquelle in der Beziehung zur Mutter:
„Meine Mutter, später: ‚Wenn du nicht gewesen wärst, hätt‗ ich ihn ja gerettet. Ich
konnte dich doch nicht allein in Wien lassen und ihn holen.‗ Aber was war denn ihr
Plan? Worauf hat sie denn gewartet? Will sie seinen Tod auf mich abwälzen, meint
sie die Scheidung sei ein Fehler gewesen und hat deswegen ein schlechtes
Gewissen? Und doch, vielleicht stimmt es.― (wl 21).
In diese Aussage lässt Ruth Klüger vielfältige Diskurse einfließen: das Thema Überlebensschuld, das Problem der Bevorzugung und Prioritätensetzung von Müttern gegenüber mehreren Kindern, die Hilflosigkeit und der Schock angesichts der brutalen Ermordung eines geliebten Menschen und die Frage nach der Kompensation dieser Gefühle. Die Mutter ist sich ihrer eigenen Machtlosigkeit
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bewusst; sie konnte den eigenen Sohn nicht beschützen oder gar vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten retten. Sie will die Schuld nicht bei sich selbst suchen, sondern schiebt sie - möglicherweise in einem Moment der Schwäche - ihrer jüngeren Tochter Ruth zu. Mutter und Tochter stehen in Konkurrenz zueinander, wenn es um die Erinnerung an Vater und Bruder geht. Dieser Konkurrenzkampf ist ein ungleicher, kann doch das Kind Ruth nicht auf einen so reichen Erfahrungs- und Erinnerungsschatz wie die Mutter Alma zurückgreifen. Die Kommunikation zwischen Mutter und Tochter ist gestört und behandelt selten die toten Familienmitglieder: „Nie fragt sie, ob ich an ihn denke, ob er mir etwas war. […] Vielleicht bin ich einfach eifersüchtig auf ihr größeres Recht, ihn zu betrauern.― (wl 94). Der ermordete Bruder liefert perpetuellen Konfliktstoff und in der englischen Übersetzung Still Alive, die fast ein Jahrzehnt nach weiter leben veröffentlicht wurde, erweitert Ruth Klüger die Problematik um eine Szene, in der es um die Rivalität zwischen Schwester und totem Bruder um die Liebe der Mutter geht. Auch dies ist ein ungleicher Kampf, der zwangsläufig zulasten Ruth Klügers ausgehen muss: „Once I asked her the foolish question ‗Whom do you like better, him or me?‘ And
she actually said, ‗Schorschi, because I have known him longer.‘ I thought that was
fair enough reason and comforted myself that there was surely enough love left for
me. Sixty years later, however, I still hear her say it.‖ (SA 29) Ruth Klüger mag intellektuell in der Lage sein, zu verstehen, dass eine Mutter ein Leben lang an ihrem ermordeten Kind hängt und es bedingungslos weiterliebt, emotional verletzt es sie dennoch, hinter ihrem Bruder zurückstecken zu müssen. Obwohl Ruth Klüger selbst Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung gewesen ist und vor allem im Vernichtungslager Auschwitz permanent Todesangst gelitten hat, ist der Holocaust als Verbrechen und in seinen Ausmaßen zu groß und abstrakt, als dass sie ihn in ihrer Jugend vollständig begreifen könnte. Der ermordete Vater und der ermordete Bruder wurden aus dem Familienkollektiv ausgegliedert, jedoch fällt es der kindlichen Ruth schwer, die beiden in das Opferkollektiv einzugliedern: „Mir dämmerte es langsam, daß der Bruder und der Vater unter den sechs Millionen ermordeter Juden waren.― (wl 201). Ruth Klüger gelingt es nach der Flucht nicht, die unfassbar große Zahl von sechs Millionen ermordeten Menschen in ihrer Abstraktion aufzulösen, ohne sich gleichzeitig von Vater und Bruder zu distanzieren. Auch spielt der Faktor Zeit eine entscheidende Rolle. Erst mit zunehmendem Alter verändert sich Ruth Klügers Blick auf das Erlebte, auf die Menschen und die
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Gespenster in ihrem Leben: „Mit dem Älterwerden weichen auch die Gespenster zurück.― (Uv 11). Die Veröffentlichung ihrer ersten Autobiografie weiter leben - EineJugend mehr als 45 Jahre nach dem Holocaust wertet Ruth Klüger als Vorbedingung für das Ablegen ihrer Auschwitznummer, denn nun hat sie „Zeugnis abgelegt, das berühmte Zeugnis.― (Uv 13). Dem ermordeten Vater und Bruder wurde literarisch und öffentlich ein Denkmal gesetzt. Durch den Faktor Zeit wurde das Distanznehmen leichter. „Writing the book breaks the silence; her voice, no longer mundtot, allows for those other voices to stay alive, to be connected with hers with a bridge.― (Taylor: 1997, 3).
Über die Gespenstermotivik inszeniert Ruth Klüger ihre individuellen Erinnerungsprozesse und verdeutlicht gleichzeitig die Komplexität der Integration von Holocausterfahrungen in ihre Lebensgeschichte und das Problem der individuellen Verarbeitung und Aufarbeitung. Die Kindheitserinnerungen und Verlusterfahrungen sind im Leben der inzwischen Erwachsenen nach wie vor dominant. Die Unsicherheit und Unwissenheit der Todesumstände der Nächsten belastet die Hinterbliebene nachhaltig und löst das Gefühl der Unabgeschlossenheit aus. Der eigene Vater und der Bruder können auch nach der Niederschrift der mit ihnen verbundenen Erinnerungen nicht fassbar gemacht und in das Leben integriert werden. Der Holocaust kann nicht hinter sich gelassen werden, denn er wirkt bis in die Gegenwart nach: „Dreht sich mein Leben im Kreis? Lebe ich trotz aller Umzüge immer noch im 7. Bezirk?― (wl 27).
1.2 Brüche und Tabus
Der Holocaust war auch gezieltes und nicht nur, wie häufig beschrieben, industrielles Töten von Menschen und hat auf viele Menschen unterschiedlich gewirkt: „Hinter dem Stacheldrahtvorhang sind nicht alle gleich, KZ nicht gleich KZ. In Wirklichkeit war auch diese Wirklichkeit für jeden anders.― (wl 83). Ruth Klüger macht in ihren Autobiografien deutlich, dass in der Diskussion und Beschäftigung mit dem Holocaust die Gefahr der Deindividualisierung und Generalisierung von Erfahrung besteht, wodurch die Opfer einmal mehr zu einer homogenen Masse gemacht werden. Sie versucht, diesen Enteignungsprozessen und Nivellierungen mit der kritischen Aufarbeitung ihrer Vergangenheit entgegenzuwirken. Individuelle
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Erinnerungen wie die von Ruth Klüger haben „eine besondere Aufrichtigkeit, Wahrhaftigkeit und Lebensnähe― (Seifert: 2008, 39) und bieten den Leser_innen somit Identifikations- und Projektionsflächen. Sie helfen, die unfassbare Zahl von nahezu sechs Millionen getöteter Juden und Jüdinnen in ihrer Abstraktion aufzulösen und die Opfer aus ihrer Anonymität zu befreien. Zusätzlich haben „literarische Werke eine nicht unerhebliche Bedeutung für die Erinnerungspolitik und das kulturelle Archiv übernommen.― (Bogdal: 2007, 7). So bedient sich Ruth Klüger einerseits tradierten Methoden der Holocaustverarbeitung und der
Holocaustbeschreibung, während sie sich gleichzeitig kritisch mit dem Medium Autobiografie und den verschiedenen Holocaustdiskursen auseinandersetzt. Wenn es um den Holocaust geht, spielen Gedächtnis und Erinnerung eine zentrale Rolle. Es geht darum, eines der größten Verbrechen (an) der Menschheit nicht in Vergessenheit geraten zu lassen und somit sicherzustellen, dass es sich nicht wiederholt. Jedoch hat sich aus diesem Bestreben auch ein eigener Wirtschaftszweig entwickelt. Der ehemalige israelische Außenminister Abba Eban hat zutreffend formuliert: „There`s no business like Shoah business.― In den vergangenen Jahrzehnten haben sich Menschen auf vielfältigste Weise mit dem Thema Holocaust auseinandergesetzt oder sich des Themas bedient. Es besteht die Gefahr, durch den Überfluss an schlechten, weil verklärten Darstellungen, ein Zerrbild oder ein Gefühl des Überdrusses beim Publikum zu evozieren. Der Holocaust-Überlebende und Nobelpreisträger für Literatur Imre Kertész argumentiert in seinem Essay Wem gehört Auschwitz?:
„Ein Holocaust-Konformismus entwickelt sich, ein Holocaust-Sentimentalismus, ein
Holocaust-Kanon, ein Holocaust-Tabusystem und die dazu gehörige zeremonielle
Sprachwelt; Holocaust-Produkte für den Holocaust-Konsumenten wurden
entwickelt.― (Kertész: 1998, 2).
Die Erinnerung an den Holocaust droht zum Unterhaltungsprodukt zu verkommen, an dem sich das Publikum nicht satt sehen oder lesen kann. Es besteht die Gefahr der Trivialisierung des Holocausts und somit der Opfer, die gleichzeitig dem Voyeurismus des Publikums preisgegeben werden, denn der „ Holocaust eignet sich für Kitsch und Pornografie.― (Klüger: 1996, 41). Wie eingangs bereits erwähnt, wird Zeitzeug_innen und ihren Aufzeichnungen „die unerschütterbare Beweiskraft der eigenen Vita, die Aura des Authentischen― (Doerry: 2008, 6) zugesprochen. Dessen ungeachtet sollte ein Unterschied gemacht werden zwischen „Gegebenem und
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Gemachtem― sowie „Inszenierung und Authentizität― (Hof: 2008, 8). Die Leser_innnen müssen sich immer bewusst sein, dass Dinge aus einem bestimmten Grund geschrieben oder ausgelassen werden. Ruth Klüger trifft eine Vorauswahl der zu verhandelnden Themen - dies muss häufig nicht bewusst passieren. Die Autorin sieht als Literaturwissenschaftlerin die Gefahr, dass Zeitzeug_innen -vor allem solche, die sich in den Dienst der oral history 7 stellen - dann „[…] nur noch Dokumente, lebende Dokumente [sind], die andere lesen und deuten müssen […]― (Klüger: 2000, 59), während ihnen möglicherweise gleichzeitig vorgeworfen wird, dass „alles gestellt, gezielt, beabsichtigt― (Klüger: 2000, 63) sei. Ruth Klüger wehrt sich gegen die übermäßige Interpretation von außen (Dieses Thema wird in Kapitel 3.2 näher betrachtet.).
Autobiografien von Holocaust-Überlebenden oder andere Dokumente wie beispielsweise Tagebücher von Holocaust-Opfern - als prominente Beispiele sind an dieser Stelle Anne Frank und aktuell Ruth Maier 8 zu nennen - erleichtern Menschen, die nicht zu Zeiten des Holocausts gelebt haben, den Zugang zum Thema. Die Frage nach der Authentizität sollte dabei nicht im Vordergrund stehen, sondern vielmehr die Erinnerung an die Opfer. Autobiografien exemplifizieren somit die Relevanz der Literaturwissenschaft für die Pflege der Erinnerungskultur und das kollektive Gedächtnis - Dinge, die beispielsweise für die Geschichtswissenschaft schwer zu fassen sind.
Die Überlieferung des Holocausts ist maßgeblich geprägt worden durch die literarischen Zeugnisse der Überlebenden. Auch Ruth Klüger prägt mit ihren autobiografischen Texten und den darin enthaltenen individuellen Erfahrungen und Sichtweisen den Erinnerungsdiskurs mit: „Der autobiografische Schreibakt stellt also eine Konstruktion der Vergangenheit aus der Perspektive der Gegenwart dar.―
7 Der Begriff oral history bezeichnet eine Methode der Geschichtswissenschaft, die sich auf die
Befragung von Zeitzeug_innen spezialisiert hat. Ziel dieser Befragungen soll es sein, den
Zuschauer_innen bei geringstmöglicher Einflussnahme durch die interviewende Partei Geschichte
über persönlich erzählte Geschichten näher zu bringen.
8 Ruth Maier war wie Ruth Klüger eine Wiener Jüdin. Sie wurde 1910 geboren und 1942 in
Auschwitz vergast. Die Veröffentlichung ihrer Tagebücher erfolgte 2008 durch den norwegischen
Lyriker und Musiker Jan Erik Vold. Die Tagebücher wurden sowohl in Wien als auch im
norwegischen Exil geführt. Ruth Maier begann ihre Beobachtungen, lyrischen Versuche und
Erfahrungen im Alter von 13 Jahren im Tagebuch literarisch zu verarbeiten. Fragen nach der eigenen
Identität und Sexualität sind die dominanten Themen ihrer Tagebücher, die auch mehr als 70 Jahre
nach ihrer Niederschrift den Leser-innen Identitäts- und Projektionsfläche bieten und somit genauso
wichtig für das kulturelle Archiv wie die Autobiografien von Holocaust-Überlebenden sind.
Ruth Maier, Jan Erik Void (Hrsg.): "Das Leben könnte gut sein: Tagebücher 1933 bis 1942.―, DVA
2008.
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(Machtans: 2009, 26). Aber Literatur diente auch der Abbildung von Erinnerungen und der Konstruktion eines kollektiven Gedächtnisses der Juden - die persönliche Geschichtsschreibung beeinflusst die kollektive Geschichtsschreibung. Jüdisches Erinnern ist ein kollektives Erinnern. Für Ruth Klüger bedeutet dieses Erinnern eine Kränkung der Eigenständigkeit des Individuums, denn es hat keine Kontrolle über das Geschehen. Erlebtes ist von außen aufoktroyiert und dann verinnerlicht worden. (vgl. Klüger 1996, 31).
Ruth Klügers Autobiografien weiter leben und Unterwegs verloren sind angefüllt mit Brüchen: es werden Erwartungen, Lesetraditionen und Genrekonventionen herausgefordert und dekonstruiert. Ruth Klüger richtet in ihrer Autobiografie den Fokus nicht auf die erfahrenen antisemitischen Ressentiments, sondern auf den Interaktionsprozess mit ihrer Mutter Alma Hirschel. Das ist für Kindheitsautobiografien durchaus genretypisch. Es stehen wenige nahe Bezugspersonen im Fokus, während das (jüdische) Kollektiv vorerst hinten ansteht. Hier werden die Täter 9 marginalisiert und einige wenige Opfer, nicht das jüdische Kollektiv, in den Fokus gerückt. Denn über die Problematisierung der Mutter-Tochter-Beziehung kann es - auch für deutsche oder nichtjüdische Frauen - zur Identifikation kommen: „Ich habe viel Post bekommen, von Frauen, die sagten: ‚Jetzt habe ich auch endlich Zugang zu dieser Geschichte, weil ich auch ein schwieriges Verhältnis zu meiner Mutter hatte.‗― (Doerry: 2008, 144). Durch die Beschreibung der „blühenden Mutter- Tochter-Neurose― (wl57) ist der Text den Leser_innen zugänglich, denn er zeigt, dass Holocaust-Opfer nicht nur die exotischen Anderen sind, als die sie häufig stilisiert werden, nicht nur gebunden sind an die Verbrechen der Deutschen, sondern ein eigenständiges Leben hatten. Dadurch, dass Ruth Klüger die konfliktbeladene Beziehung zu ihrer Mutter in den Vordergrund hebt und selten ins Detail geht, wenn es um die Beschreibung von erfahrenen Verbrechen oder Drangsalierungen geht, wirkt es fast so, als würde sie den Nationalsozialisten (den Deutschen) nicht den Raum einräumen, den andere Menschen ihrer Meinung nach den Tätern nur zu gerne einräumen. Es sei immer leichter, sich mit den Tätern zu identifizieren als mit den Opfern, und so versucht Ruth Klüger durch ihre Akzentsetzung beim Schreiben, dieser Dichotomie von „faszinierenden Tätern― und „bedeutungslos-langweiligen Opfern― entgegenzuwirken:
9 Nach Ruth Klügers Verständnis sind Krieg und Faschismus von Männern gemacht und dominiert,
weswegen an dieser Stelle auf die geschlechterneutrale Markierung verzichtet wird.
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„Man sieht schon, diese Aufzeichnungen handeln fast gar nicht von den Nazis, über
die ich wenig aussagen kann, sondern von den schwierigen neurotischen Menschen,
auf die sie stießen, Familien, die ebensowenig wie ihre christlichen Nachbarn ein
ideales Leben geführt hatten.― (wl 54).
Der Fokus auf die vermeintliche Opferperspektive liegt demnach begründet in dem beschränkten Erfahrungshorizont Ruth Klügers und dem Anziehungskraftgefälle. Ruth Klüger heroisiert die Opferseite nicht rückblickend, sondern versucht, sie in ihrer Vielschichtigkeit und Zwiespältigkeit abzubilden. Das Überleben des nationalsozialistischen Terrors war kein besonderer persönlicher Verdienst, sondern dem Zufall geschuldet: „Das Buch nannte ich weiter leben, was nichts anderes zu bedeuten hatte, als daß das Weiterleben von alleine kommt und man nichts dazu tun muß, außer dem Umgebrachtwerden zu entgehen.― (Uv 14). Die Beziehung zwischen Mutter und Kind wird gerne als symbiotisch dargestellt und die gesellschaftliche Erwartungshaltung an Mütter zielt auf Liebe bis zur Selbstaufgabe, während Kinder wiederum ihren Eltern Respekt und Dankbarkeit entgegenzubringen haben. Auch Ruth Klüger und Alma Hirschel haben in den Jahren der nationalsozialistischen Verfolgung, gezwungen durch die äußeren Umstände, eine Art symbiotische Beziehung gelebt. Der Vater und Bruder waren verschollen und die beiden Frauen auf die schwierige Mutter-Tochter-Beziehung zurück-geworfen und reduziert. Beiden Frauen war die jeweils Andere der letzte Halt. Der Tod der eigenen Mutter wird dann später, allen Meinungsverschiedenheiten und Vorwürfen zum Trotz, von Ruth Klüger als weiterer Bruch erfahren und beschrieben. Ein Bruch, der Ruth Klüger in die Lage versetzt hat, ihr deutsche Autobiografie ins Amerikanische zu übertragen und so ihren eigenen Kindern zugänglich zu machen: „Und erst als sie tot war, konnte ich das fertig übersetzen und noch ein paar Seiten hinzufügen. Das war ein Bruch.― (Doerry: 2008, 107). Ruth Klüger befindet sich mit ihren Autobiografien nicht nur im Spannungsfeld zwischen Dichtung und Wahrheit, sondern auch zwischen Konvention und Tabu. Das Sprichwort „Die Liebe einer Mutter ist immer im Frühling― trifft nicht auf die Realität der Ruth Klüger zu - weder als Tochter noch als Mutter. Die Kritik an den Eltern beziehungsweise die kritische Aufarbeitung der Beziehung zu den Eltern ist nicht ungewöhnlich, hingegen ist die literarische Kritik an den eigenen Kindern eher selten zu finden. Ruth Klüger ist sich dieser Grenzüberschreitung bewusst („Ich habe ein Tabu gebrochen.― (März: 2008, 3)) setzt sich damit jedoch wenig kritisch
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Arbeit zitieren:
Claudia Dewitz, 2010, Holocaust und Mutterschaft in den Autobiografien Ruth Klügers, München, GRIN Verlag GmbH
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