Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Ins Tagebuch schreibt man immer, wenn man nicht verstanden wird.
1. Die Suche nach der eigenen Identität 2
1.1 Die Editionsgeschichte 3
1.2 Schreiben als Therapie und Selbstfindung 5
1.3 Entfremdungsgefühle 7
1.4 Gedächtnis und Erinnerung 10
Ich möchte keinesfalls ein Abhängigkeitsverhältnis zu ihm haben.
2. Fortschrittlichkeit und Emanzipation 11
2.1 Subjektstatus ohne Opferrolle 12
2.2 Genderaspekte 13
2.3 Jüdischsein und Jüdischwerden 14
Ich lechze nach Liebe, nach Burschen.
3. Liebe, Sex Zärtlichkeit 17
3.1 Sex ohne Liebe 17
3.2 „Übrigens, das mit homosexuell, das ist schon lange vorbei.“ 18
3.3 GunvorHofmo - bedeutsam für Ruth Maier vor und nach dem Tod 18
Schlussfolgerungen S. 20
Schlussfolgerungen 20
Schlussfolgerungen 20
Schlussfolgerungen 20
Schlussfolgerungen 20
Schlussfolgerungen 20
Ich möcht` berühmt werden. Ich möcht` nicht tot abfallen, wie eine Schraube von einer Maschine. Ich kann mir nicht vorstellen, sozusagen im Schatten des Unberühmtseins zu leben. Leute verschwinden. Ich möchte leben! Und etwas hinterlassen, ein Dokument, dass ich da war. Ein großes schönes Werk. (Vold : 2008, 20)
Die Tagebücher der in Auschwitz vergasten Ruth Maier sind für mich persönlich neben Ruth Klügers Autobiografie weiter leben - Eine Jugend, das eindrucksvollste Zeitzeuginnendokument über die menschenverachtende Terrorherrschaft der Nazis in Europa. Anschaulich und beklemmend präzise analysieren beide Frauen die Zeit ihrer Jugend; es „verstärkt sich der Eindruck der Lebensnähe.“ (Seifert: 2008, 51) Ihre Erinnerungen tragen dazu bei, die Opfer zu individualisieren und die europäische Dimension der Shoah 1 zu verdeutlichen. Die Shoah ist nicht nur Auschwitz. Die Shoah ist Demütigung, Dehumanisierung, De-Individualisierung, Zerstörung von Lebensräumen, Auslöschung von Kultur, zerrissene Familien und Ohnmacht. Sie bedeutet gezieltes- und nicht etwa wie häufig euphemistisch beschrieben, industrielles - Töten von Menschen. Die Shoah hat auf viele Menschen unterschiedlich gewirkt. „Hinter dem Stacheldrahtvorhang sind nicht alle gleich, KZ nicht gleich KZ. In Wirklichkeit war auch diese Wirklichkeit für jeden anders.“ (Klüger: 1992, 83) Individuelle Erinnerungen wie die von Ruth Maier oder Ruth Klüger scheinen eine „besondere Aufrichtigkeit, Wahrhaftigkeit und Lebensnähe“ (Seifert: 2008, 39) zu haben und bieten den Leser_innen somit Identifikations- und Projektionsfläche. Sie helfen die unfassbare Zahl von sechs Millionen getöteter Juden in ihrer Abstraktion aufzulösen und die Opfer aus ihrer Anonymität zu befreien. Zusätzlich hat es den Anschein, als hätten „literarische Werke eine nicht unerhebliche Bedeutung für die Erinnerungspolitik und das kulturelle Archiv übernommen.“ (Bogdal: 2007, 7)
Im Folgenden wird es um die Auseinandersetzung mit dem Geflecht aus Identität, Emanzipation und Sexualität in Ruth Maiers Tagebüchern gehen. Wie bewertet Ruth Maier ihr eigenes Jüdisch-Sein? Verortet sie ihre jüdische Identität innerhalb oder außerhalb einer kollektiven Identität? Wie geht sie mit Antisemitismus um? Welche Einstellungen hat sie bezüglich Geschlecht und Geschlechterbeziehungen? Welche Rolle spielen Gedächtnis und Erinnerung? Ist sie Teil einer jüdischen Geschichtsschreibung? Auch wird die literarische Form des Tagebuchs eine Rolle spielen, denn sie ist die Schnittstelle aus individuellen Erinnerungen und historischen Quellen und nicht unproblematisch. „Dem Genre Tagebuch ist
1 Im weiteren Verlauf möchte ich den Begriff „Shoah“ und nicht „Holocaust“ verwenden. Aus Gründen des Respekts vor den Opfern, weil ich „Holocaust“ - was soviel wie Brandopfer heißt - problematisch finde und weil „Shoah“ der Begriff ist, denn die Juden der Katastrophe gegeben haben.
gewissermaßen eine Authentisierungsstrategie inhärent, es stellt den Eindruck von Authentizität her, unabhängig davon, wie vermeintlich `authentisch´ das Beschriebene ist oder sein kann.“ (Seifert: 2008, 50)Da die Tagebücher von Ruth Maier erst 2007 in Norwegen und 2008 in Deutschland erschienen sind, gibt es kaum bis keine Forschungsliteratur; mit Hilfe einiger prominenter Expertenstimmen wie z.B. Ruth Klüger, Imre Kertész und Viktor Klemperer möchte ich mich den ausgewählten Themenbereichen nähern.
Ins Tagebuch schreibt man immer, wenn man nicht verstanden wird. (Vold S. 122)
1. Die Frage nach der Identität
Ruth Maier beginnt im Alter von 13 Jahren Tagebuch zu schreiben. Sie schreibt sehr reflektiert und beobachtet ihre Umwelt mit scharfem Blick und wachem Verstand. Ihre Familie, ihre (Schul-)Freund_innen, Politik und Sexualität spielen eine Rolle. Da sie in einem
- für viele junge Menschen - kritischem Alter begonnen hat, Tagebuch zu schreiben, sind Fragen über die eigene Identität ein häufig wiederkehrendes Motiv.
„Ich muss mir über vieles klar werden.
1.) Was will ich erreichen? 2.) Wozu lebe ich? 3.) Was ist überhaupt?“ (Vold 2008, 82)
So vielschichtig Ruth Maiers Persönlichkeit ist, so sind auch ihre Tagebücher ein Kaleidoskop; es finden sich darin fiktive Dialoge, selbstverfasste und zitierte Prosatexte, Zeichnungen, Traumdeutungen und Landkarten. Die Leser_innen lernen eine vielseitig interessierte, gebildete, empfindsame junge Frau kennen. Der bestialische Tod, den Ruth Maier in den Gaskammern von Auschwitz erleiden musste, erscheint umso grausamer angesichts ihrer letzten überlieferten Worte: „Ich glaube, dass es gut so ist, wie es gekommen ist. Warum sollen wir nicht leiden, wenn so viel Leid ist? Sorg dich nicht um mich. Ich möchte vielleicht nicht mit dir tauschen.“ (Vold: 2008, 526) Nach all den Jahren der Verfolgung, der Marginalisierung, der Demütigungen und des Lebens im Exil, fernab der Familie, scheint Ruth Maier ihr Schicksal anzunehmen. Wie aus den Augenzeuginnen-
berichten von der Verhaftung hervorgeht, war sie sich sicher, dass sie nie wieder zurückkehren würde. Die Shoah-Überlebende Ruth Klüger schrieb einmal: „Wer schreibt, lebt.“ (Klüger: 1992, 140) Im Falle von Ruth Maier bedeutet Schreiben das Weiterleben nach dem Tod und Spuren zu hinterlassen. Espen Søybe hat über sein Bestreben, die Geschichte von Kathe Lasnik - eines norwegischen Mädchens, das ebenfalls nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde - Folgendes gesagt:
"Mein Ausgangspunkt war es, einem unbekannten Holocaust-Opfer, ein Gesicht zu geben. Wenn es möglich ist, einem den allermeisten Menschen unbekannten jungen Mädchen aus Oslo Kontur zu verleihen, war es gleichzeitig eine Form des Widerstandes. Auch mein eigener Widerstand. Denn auf diese Art und Weise kann an die betroffenen Juden gedacht werden. Und zwar nicht nur als Opfer einer unfassbaren, kriminellen Tat, sondern einfach als Menschen. Das war mein Anliegen." (3Sat, 2008)
Vermutlich hatte Jan Erik Vold ähnliche Motive, als er seinen Namen benutzt hat, um die Tagebücher der Ruth Maier zu veröffentlichen. Durch ihre persönlichen Notizen wird sie aus der Rolle des wehrlosen Opfers herausgelöst und kann wahrgenommen werden als die vielschichtige junge Frau, die sie war. Denn „unabhängig davon, wie weit sich eine Beschreibung im Tagebuch von der erlebten Wirklichkeit entfernt, unabhängig auch von den Eingriffen der Herausgeber, wirkt ein Tagebuch stets lebensnah und wahr.“ (Seifert: 2008, 40)
1.1 Die Editionsgeschichte
Die Veröffentlichung des Buches wäre ohne GunvorHofmo und ihren Biografen Jan Erik Vold nicht denkbar gewesen. Kurz bevor Ruth Maier mit dem Schiff „Donau“ deportiert wurde, konnte ein Brief an GunvorHofmo von Bord geschmuggelt werden. Darin nahm Ruth Maier Abschied von ihrer engsten Freundin und vermachte dieser ihre persönlichen Notizen, literarischen Texte, Zeichnungen und Briefe. Nach dem Zweiten Weltkrieg sollte GunvorHofmo zu einer der bedeutendsten und wichtigsten Schriftstellerinnen Norwegens werden. Bereits in den 1950ern hat sie erfolglos versucht, Teile von Ruth Maiers Tagebüchern zu veröffentlichen, gelungen ist dies allerdings erst Jan Erik Vold - 60 Jahre später. Während er an einer Biografie über GunvorHofmo arbeitete, fand er Ruth Maiers literarischen Nachlass. Durch die Mithilfe von Ruth Maiers jüngerer Schwester Judith Suschitzky, die in England überlebt hat, konnten die Tagebücher ergänzt und Lücken durch den Briefverkehr zwischen dem Exil in England und in Norwegen aufgefüllt werden. Diese Briefe sind umso wichtiger, als das sie Ruth Maier von einer anderen Seite zeigen, als in ihren Tagebüchern.
Dass Jan Erik Vold sie unter seinem Namen veröffentlicht hat und nicht unter Ruth Maiers, kann sowohl positiv als auch negativ bewertet werden. Zum einen wollte er mit seinem bekannten Namen vermutlich die Aufmerksamkeit des Publikums auf dieses wichtige Zeitzeuginnen-Dokument lenken, zum anderen könnte ihm auch unterstellt werden, dass er sich die Tagebücher zu Eigen gemacht hat. Was immer seine Motive gewesen sein mögen, es hat der Lebensgeschichte von Ruth Maier nicht geschadet, sondern vielmehr ihren Wunsch danach Spuren zu hinterlassen, wahr werden lassen. Es gibt keinen individuellen Totenschein für Ruth Maier. Ihre Leiche wurde zusammen mit denen vieler Anderer verbrannt. Demzufolge hat sie auch kein eigenes Grab; sie wird auf dem Grabstein der Eltern erwähnt, In Memoriam to Ruth Maier. Durch das Tagebuchschreiben hat sie sich selbst ein Denkmal gesetzt. In den Medien wird Ruth Maier häufig als die „Anne Frank Norwegens “betituliertdiese Bezeichnung teilt sie sich mit Kathe Lasnik aus Espen Søybes Kathe. Deportiert aus Norwegen. Der Vergleich ist bis zu einem gewissen Grad zulässig. Beide Mädchen beginnen im Alter von 13 Jahren Tagebuch zu schreiben und beschreiben ihre Familie und Freunde, ihren Schulalltag. Neben den Bemerkungen über ihr privates Leben äußern sie sich - mehr oder weniger nebenbei - auch zu den gesellschaftlichen Veränderungen. Sie schreiben etwa über den Judenstern, den Juden in der Öffentlichkeit tragen mussten, und andere Beschränkungen, denen sie während der deutschen Besetzung unterworfen waren. Allerdings befanden sich beide Frauen in unterschiedlichen Situationen. Die Eine musste sich versteckt halten, während die Andere in ein anderes Land floh und dort eine zeitlang in Freiheit leben konnte. Zusätzlich zu den verschiedenen Handlungsspielräumen, konnte Ruth Maier ein paar Jahre älter werden und sich zu einer jungen Frau und einen größeren Erfahrungshorizont entwickeln; während Anne Frank leider bereits im Teenager-Alter verstarb. Interessant ist der wechselnde Ton in den Tagebüchern. Hat Ruth Maier wirklich nur für sich Tagebuch geführt oder hatte sie nicht vielleicht doch eine Veröffentlichung im Sinn? „(Es gibt zwei Arten von Leuten die Tagebücher schreiben. Die einen schreiben wirklich aus einer inneren Stimmung heraus. Die anderen in der heimlichen Hoffnung, dass ihr Tagebuch einmal von einem unbekannten Mäzen entdeckt wird und als ein Muster von was weiß ich für jungfräuliche und schamhafte Empfindungen Sensation machen wird. Manchmal gehöre ich zu den einen, dann zu den anderen.)“(Vold: 2008, 29)
Wie eine Randnotiz - in Klammern - diskutiert Ruth Maier nebenbei die Bedeutung von Tagebüchern für die Autor_innen. Sie kokettiert mit ihrer Sehnsucht nach Berühmtsein, indem sie sich scheinbar für keine eindeutige Position entscheiden kann. An einigen Stellen spricht sie jemanden direkt an - nur wen? „Was sagst du dazu?“ (Vold: 2008, 143) Es könnte sich um einen Kunstgriff handeln - was die Frage nach der Authentizität aufkommen ließe - andererseits wollte sie schon sehr früh Schriftstellerin, Schauspielerin, aber auf jeden Fall
berühmt werden. Vielleicht braucht sie gerade den Dialog mit sich selbst, um sich ihrer Gefühle zu bestimmten Themen bewusst zu werden. Folglich ist das Zwiegespräch eine Methode zur Selbstvergewisserung. Aber „Lässt sich anhand eines Tagebuchs überhaupt über seinen Autor oder seine Autorin sprechen?“ (Seifert: 2008, 41) Ruth Maier spricht immer wieder davon Schriftstellerin werden zu wollen und einen Roman zu veröffentlichen. „Ich möchte das ganze Tagebuch aufgeben und aus dem Ganzen ein Buch machen, ein Tagebuch eines Mädchens.“ (Vold: 2008, 48) Ich habe mich immer gefragt, warum das nicht der Titel des Buches von Jan Erik Vold geworden ist. Schließlich wollte Ruth Maier ihre Tagebücher wenn, dann unter diesem Titel veröffentlichen. Verwunderlich ist, dass in ihren späteren Tagebüchern Seiten fehlen. Sie wurden herausgerissen, wie Jan Erik Vold in den jeweiligen Einleitungstexten zu den Kapiteln bemerkt. Fraglich ist, wer diese Seiten herausgerissen hat und warum? Hat Ruth Maier Selbstzensur betrieben? Wollte sie sich selbst schützen? Oder hatte sie schon beschlossen im Falle einer Verhaftung ihre Tagebücher in GunvorHofmos Besitz übergehen zu lassen und die Seiten entfernt, um der Freundin nicht wehzutun? Oder hat vielleicht GunvorHofmo selbst die Seiten entfernt? Was auch immer die Antwort sein mag, es stellt sich zum wiederholten Male die Frage nach der Verlässlichkeit der Autor_in.
1.2 Schreiben als Therapie und Selbstfindung
Tagebücher erfüllen diverse Aufgaben: sie dienen als Sammlung von „Material für eine Autobiografie […], Ventil für emotionale Spannungen […], Mittel der Beruhigung.“ (Seifert: 2008, 46f). Für Ruth Maier war das Tagebuch eine Gewohnheit und eine Art Freund, der sie beruhigen konnte. „Wenn ich ins Tagebuch schreib`, so ist mir so leicht. Und ich seh` dann das Tagebuch so, als wäre es mein Freund.“ (Vold: 2008, 21) Das Medium Tagebuch wirkt oberflächlich betrachtet wie eine reine Privatangelegenheit. Menschen schreiben ihre intimsten Gedanken, Gefühle, Erlebnisse und Wünsche auf. So ist es nicht verwunderlich, dass Ruth Maier eine Grenzkontrolle als krassen Eingriff in ihre Privatsphäre wertet. „Ein ganz gemeiner Hund hat meinen Koffer kontrolliert. Mit weißen, ekligen Händen Seiten aus meinem Tagebuch hat er gelesen.“ (Vold: 2008, 174) Fast macht es den Eindruck, als hätte der Beamte in ihren Gedanken, an ihr Innerstes gerührt. Jedoch stellt sich immer wieder die Frage der Authentizität. Sind die Dinge wirklich so geschehen wie dort beschrieben? Und
Arbeit zitieren:
Claudia Dewitz, 2009, Identität, Emanzipation und Sexualität in den Tagebüchern von Ruth Maier, München, GRIN Verlag GmbH
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