Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2. Erika Kohut - eine Tochter wird besessen. 3
2.1 Kindheit und Jugend. 3
2.2 Das Erwachsensein - wer oder was bin ich? 6
2.3 Beziehungsunfähigkeit und Gefühlskälte. 9
3. Die Mutter 11
3.1 Die Rolle ihres Lebens 12
3.2 Mutter Kohut als Ehefrau. 14
3.3 Identität: Mutterschaft 16
4. Zwei Damen gegen den Rest der Welt. 16
4.1 Reziproke Evokation - Eins bedingt das Andere. 16
4.2 Der Mutterleib als letzte Zuflucht 17
4.3 Bis das der Tod sie scheidet 19
5. Fazit. 20
6. Bibliografie. 21
1
1. Einleitung
„Das Kind ist der Abgott seiner Mutter, welche dem Kind dafür nur geringe Gebühr abverlangt: sein Leben.“ 1
Im Folgenden soll es um die Mutter-Tochter-Beziehung in Elfriede Jelineks autobiografisch gefärbtem Roman oder - wie sie es nannte - eingeschränkter Biografie Die Klavierspielerin gehen. Die Vater-Mutter-Kind-Szene ist defekt und wird ersetzt durch eine pathologisierte Mutter-Tochter-Beziehung. Thematisiert wird zudem die schwierige Verbindung zwischen der Klavierlehrerin Erika Kohut und ihrem Schüler Walter Klemmer - diese soll in hier allerdings nur am Rande von Interesse sein und nur im Hinblick auf Disfunktionalitäten, die sich aus der Beziehung zur Mutter Kohut ergeben, herangezogen werden.
Mutterschaft ist ein als kulturelles Konstrukt, das mit vielen Idealen und Mythen behaftet ist. Die Liebe zwischen Mutter und Kind gilt - dem Klischee folgend - als rein und bedingungslos. Die Mutter sorgt und umhegt ihr Kind uneigennützig, mit dem Ziel, ein kompetentes erwachsenes Kind in die Welt zu entlassen. Jedoch wie so häufig haben Idealvorstellung und gelebte Realität selten etwas gemein. „Der Text legt seine innere Dialektik offen: Ein feststehendes kulturelles Ideal steht gegen die hartnäckige Materialität
des Lebens.“ 2 Es gibt kein Schema F für Mutterschaft, denn Frauen an sich sind keine homogene Gruppe. Jede von ihnen hat eigene Erfahrungen gemacht und ist einen eigenen Individuationsprozess durchlaufen. Auch sind die Gründe für Schwangerschaft und Mutterschaft mannigfaltig verschieden. Nicht jede Frau sieht in der Geburt ihres Kindes die vollkommene Erfüllung ihrer selbst und nicht jede Frau sieht ihr Kind als einzigen Lebensinhalt. Im Falle von Erika Kohut und ihrer Mutter scheint es oberflächlich betrachtet so, als wäre die Mutter-Tochter-Beziehung eng. Da die Leserschaft jedoch von der Autorin gleich am Anfang des Romans vor Augen geführt wird, dass das Ideal der Mutterschaft nur zur Institutionalisierung mütterlicher Macht und der Erhaltung des Dependenzverhältnisses der Tochter zur Mutter herangezogen, ist es evident, dass Mutter und Tochter aneinander kleben und sich nicht lösen können und/oder wollen.
Ich möchte zeigen, dass Erika durch die Erziehung ihrer Mutter zu einem sozial inkompetenten Wesen herangezogen wird und ferner die Beziehung zwischen Mutter und
1 Jelinek, Elfriede. „Die Klavierspielerin“. Hamburg: Rowohlt Verlag GmbH. 26. Auflage November 2002 - Alle Zitate sind aus dieser Ausgabe.
2 Wright, Elisabeth. „Eine Ästhetik des Ekels. Elfriede Jelineks Roman Die Klavierspielerin“ in „Text & Kritik - Zeitschrift für Literatur“ Heft 117, München: edition text + kritik GmbH, Januar 1993.
2
Tochter generell als krankhaft dargestellt wird. „Die Mutter hat Erika schließlich zu dem gemacht, was sie jetzt ist.“ (K17)
2. Erika Kohut - eine Tochter wird besessen
„Die Klavierspielerin thematisiert die Konfliktsetzung zwischen dem heftig animalischen Begehren nach Anerkennung, Liebe und Sexualität einer erwachsenen Tochter und der rigiden ökonomischen Orientierung einer alten Mutter, die von ihrer Tochter jeweils künstlerische und auch finanzielle Höchstleistungen erwartet.“ 3
Die Klavierlehrerin Erika Kohut ist der Besitz ihrer Mutter. Als Kind zu musikalischen Höchstleistungen gedrillt und von anderen Menschen weitestgehend isoliert, mangelt es der erwachsenen Erika Kohut an emotionaler Intelligenz. Sie ist Mitte 30 und teilt Tisch und Bett mit ihrer Mutter. Einen Freundeskreis hat sie nicht - bis auf wenige Nachmittage, die sie mal mit einer Institutskollegin verbringt. Diese zarten Freundschaftsbande werden sofort von der Mutter unterminiert, indem sie ihrer erwachsenen Tochter wie einem Kleinkind hinterher telefoniert. Auch pflegt Erika keine anderen verwandtschaftlichen Beziehungen außer zu der Mutter Kohut. Diese ist sehr beschäftigt damit, den Kontakt von anderen Menschen zu Erika zu untersuchen, zu bewerten und allzu oft zu unterbinden. Diese Vereinnahmung der Tochter bleibt nicht ohne Folgen.
2.1 Kindheit und Jugend
Nach mehr als 20 jähriger Ehe wird Mutter Kohut schwanger. „Sofort gab der Vater den Stab an seine Tochter weiter und trat ab. Erika trat auf, der Vater trat ab.“ (K7) Wie so vieles in dem Roman, ist auch diese Szene sehr ambivalent. Zum einen scheint der Vater nur allzu gerne abzutreten, es wirkt gerade so, als würde er der Tochter völlig erschöpft und in Hoffnung auf baldige Erholung der Tochter den Stab übergeben. Andererseits wird später im Roman auch klar, dass der Vater durch das Kind ersetzt wurde. Nachdem er seiner biologischen Verpflichtung zum Fortbestand der österreichischen Rasse nachgekommen ist, kann/muss er sich verabschieden.
Die Beziehung einer Mutter zu ihrem Kind beginnt schon während der Schwangerschaft. Die Mutter hofft auf ein gesundes Kind und das alles gut verläuft. Viele Frauen fragen sich wie ihr Kind wohl sein wird - natürlich muss es das schönste, klügste, tollste Kind der Welt werden. Auch Mutter Kohut imaginiert sich vorgeburtlich ihr kleines Wesen zu Recht - ihr „schwebte
3 Niethammer, Ortrun/Hülsenbeck, Annette „Literarische Kleidungsbeschreibungen in Elfriede Jelineks Klavierspielerin mit einem Blick auf Goethes Wahlverwandschaften“ in „Elfriede Jelinek - Sprache, Geschlecht und Herrschaft“ Fracois Rétif & Johann Sonnleitner (Hrsg.). Königshausen & Neumann. 2008
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vorgeburtlich etwas Scheues und Zartes dabei vor Augen.“ (K27) Ein unschuldiges Wesen, das Schutz und Pflege bedarf. Jedoch wird dieses Wesen, sobald es den Mutterleib verlassen hat zu einem Klumpen Ton, an dem sich die Mutter abarbeitet. Es gilt das Kind den Anforderungen und Vorstellungen der Mutter anzupassen - und sei es mit Gewalt. „Das Kind wird mit der Geburt in den Kreislauf ökonomischer Zusammenhänge gebracht. Es darf sich nicht mit irdischem Groben auseinandersetzten, Schmutz und Kot werden ihm verboten und
durch Tanz, Gesang und Musik ersetzt.“ 4
Das Milieu, das Elfriede Jelinek sich gewählt hat, ist das des Kleinbürgertums. Klassen und Klassenschranken spielen im Österreich der 1980er Jahre nach wie vor eine Rolle. Sich aus dem spießigen Kleinbürgertum zu emanzipieren, ist gerade für Frauen wie Mutter Kohut kein leichtes Unterfangen. Da Wien die Stadt der Musik ist, wird für Erika entschieden, dass sie ein musikalisches Wunderkind oder mindestens eine umjubelte Konzertpianistin werden muss. Der mögliche Ruhm würde auf die Mutter abfärben und ihr gestatten sich über den ordinären österreichischen Kleinbürger hinwegzusetzen.
Im ersten Teil des Romans wird mit Hilfe von Rückblenden die Kindheit von Erika in Fragmenten wiedergegeben. Als markante Szene sticht dabei die Urlaubsepisode hervor. Erika ist mit ihre Mutter und Großmutter im Sommer aufs Land gefahren - Ferien auf dem Bauernhof. Was idyllisch klingt, ist Folter auf der ganzen Linie. Erika ist dort nicht hingefahren worden, um sich zu erholen oder Spaß zu haben. Ihr Leben, als kleiner „Einpersonen-Privatzoo“ (K272) der Mutter, aus Verpflichtungen, Zwang und Eingesperrtsein, wurde nur vom urbanen in den ländlichen Raum verlegt. Der Familienurlaub zeichnet sich dadurch aus, dass „Die mütterliche Macht wird (…) sogar
verdoppelt, denn Großmutter und Mutter treten häufig als Gespann auf.“ 5 Erika verbringt die meiste Zeit im Inneren des Hauses, wo sie Klavier übt. Ihre Hände erfüllen die Vorgaben der Mutter, aber ihre Sinne sind ganz auf das geschärft, was vor dem Haus passiert - aufs Leben. „Die Pubertärin lebt in dem Reservat der Dauerschonzeit.“ (K37) Wie ein seltenes Tier wird Erika gehütet und beschützt - vor allem vor möglichem Kontakt zu Männern oder Jungs. „Der Habicht Mutter und der Bussard Omutter verbieten dem ihnen anvertrauten Kind das Verlassen des Horstes. In dicken Scheiben schneiden sie IHR das Leben ab.“ (K38) Mutter und Großmutter treten als Gefängniswärterinnen Erikas auf, denn die beiden „Giftmütter (…) schonen ihre Kleider mehr als die Gefühle ihrer Gefangenen.“ (K40) Da Mutter und Großmutter in trauter Einigkeit handeln, liegt der Verdacht nahe, dass Mutter Kohut Erziehungsmethoden reproduziert, die sie selbst erfahren hat - oder aber sie ist eine derart dominante Frau, dass sich auch ihre eigene Mutter nicht gegen sie zu Wehr setzen kann.
4 Niethammer, Ortrun/Hülsenbeck, Annette
5 Doll, Annette „Mythos, Natur und Geschichte bei Elfriede Jelinek: eine Untersuchung ihrer literarischen Intentionen“. Stuttgart: M und P. Verlag für Wissenschaft und Forschung, 1994
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Elfriede Jelinek ist eine sehr reflektierte und auch feministische Autorin, die sich sowohl der bereits erwähnten Standesschranken, als auch dem Machtverhältnis zwischen Mann und Frau bewusst ist. Leider wird die Dichotomie Mann und Frau auch von Frauen betont und wiederhergestellt. Auch das zeigt sich in der Urlaubsepisode. Während Erika das Haus hüten und den ganzen Tag Klavier üben muss, darf ihr Cousin das Leben in vollen Zügen genießen. Er darf andere Mädchen aufs Kreuz legen und die Giftmütter Kohut mit Späßen bei Laune halten, „denn ein Mann bringt doch immer Leben ins Haus.“ (K42) Ein Mann bringt Leben ins Haus - die Frauen leben im Haus. Es ist auch die einzige Szene im Roman, in dem die Mutter Kohut von „Lachstößen“ (K44) durchzuckt wird. Dieses Bild hat was Pathologisches. Sicherlich ist es nicht ungewöhnlich, dass eine Person von Lachkrämpfen geschüttelt wird. Das Bild ist durchaus positiv konnotiert, allerdings erweckt diese Wortkreation eher den Eindruck ungewollten Vergnügens und Kontrollverlustes. Die Mutter wird gegen ihren Willen von der Lebensfreude des jungen Mannes angesteckt, quasi penetriert. Selbstverständlich kann ein derartiges Verhalten der Mutter nicht von ihrer Tochter ausgelöst werden odernoch schlimmer - der Tochter zugestanden werden, wo kämen wir denn hin, wenn die Tochter den ihr zugewiesenen Platz, gefesselt ans Klavier im Haus, verließe und aktiv am Leben teilnehmen würde? „Erst in der Pubertät wird das Üben an den Instrumenten als
Strategie der Mutter deutlich: verschärfte Einsperrung, keine Zeit für andere Menschen.“ 6 Erika wird nicht nur an das Instrument gezwungen, sie ist auch gleichzeitig Instrument der Mutter, denn diese „achtet auf die gute Stimmung des Instruments, und auch an den Wirbeln der Tochter dreht sie unaufhörlich rum, nicht besorgt um die Stimmung des Kindes, sondern allein um ihren mütterlichen Einfluss auf dieses störrische, leicht verbildbare, lebendige Instrument.“ (K39) Mutter Kohut nimmt permanent Einfluss auf ihre Tochter. Sie ist mit jedem Aspekt des Lebens ihrer Tochter vertraut - so scheint es. Es gibt jedoch eine Sache, die Erika nur für sich hat, die ihr kleines Geheimnis ist. Schon während der Teenagerzeit beginnt Erika sich selbst zu verletzten.
„SIE sitzt alleine in ihrem Zimmer, abgesondert von der Menge, die sie vergessen hat, weil sie so ein leichtes Gewicht ist. Sie drückt auf niemand. Aus einem vielschichtigem Paket wickelt sie sorgfältig eine Rasierklinge aus. Die trägt sie immer bei sich, wohin sie sich auch wendet. Die Klinge lacht wie ein Bräutigam der Braut entgegen. SIE prüft vorsichtig die Schneide, sie ist rasierklingenscharf. Dann drückt sie die Klinge mehrere Male tief in den Handrücken hinein, aber wieder nicht so tief, dass Sehnen verletzt würden. Es tut überhaupt nicht weh. (…) Die Rasierklinge wird wieder abgewischt und verpackt.“ (K47)
Es ist verstörend, mit welcher Präzision und Emotionslosigkeit dieses Mädchen sich selbst verletzt. Die Szene hat etwas Klinisches. Erika verletzt sich nicht, um zu fühlen - denn sie
6 Endres, Ria „Ein musikalisches Opfer“ (Der Spiegel vom 23. Mai 1983) in „Elfriede Jelinek“ Kurt Bartsch und Günther A. Höfler (Hrsg.). Dossier, Die Buchreihe über österreichische Autoren, Band 2. Graz: Literaturverlag Droschl. 1991
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Claudia Dewitz, 2009, "Die Klavierspielerin" von Elfriede Jelinek - Psychogramm einer pathologisierten / pathologisierenden Mutter-Tochter-Beziehung, München, GRIN Verlag GmbH
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