1. Einleitung
Aggression stellt durch die Menschheitsgeschichte hinweg in Gesellschaften aller Kulturkreise eine verheerende Gefahr für das soziale Zusammen dar 1 . Sie legen den Grundstein für Diskriminierung, Gewaltverbrechen und Kriminalität 2 und sind daher bedeutender Forschungsgegenstand verschiedenster Fachrichtungen. Diese versuchen auf unterschiedliche Weise das Thema Aggression durch das Erschließen von Ursache‐Wirkung‐Zusammenhängen greifbar zu machen. Die Wissenschaft stellt sich damit der Herausforderung, Strategien für einen sinnvollen Umgang mit aggressiven Gefühlen, Gedanken und Handlungen zu entwickeln. Dabei sind die eingenommenen Blickwinkel vielseitig. Aggression ist Thema der Psychologie, der Biologie, der Soziologie, der Kulturwissenschaft und anderer Bereiche. Sie alle betasten das Aufkommen, das Ablaufen und das Abklingen von Aggression in all ihren Facetten und versuchen, Licht ins Dunkel zu bringen.
Es scheint hier weitgehend unklar, in wessen Aufgabenbereich die Erforschung von Aggression konkret fällt, ob sie also vorwiegend psychologisches, biologisches oder soziologisches Phänomen ist. Zu ihrer Entwicklung bieten die einzelnen Fachbereiche bereits seit Jahrzehnten verschiedene Erklärungen an, die auf den meist empirischen Ergebnissen von Experimenten, Interviews und ähnlichem basieren. Während einige dieser Hypothesen und Modelle längst veraltet scheinen oder sogar widerlegt wurden, halten sich einige andere Aggressionstheorien heute als die gängigsten Erklärungen für Aggression aus verschiedenen fachlichen Richtungen nebeneinander. Ihre Koexistenz ermöglicht trotz gegenseitiger Kritik einen umfassenden Blick auf die Thematik in ihrer Vielfalt. Die Beleuchtung des Forschungsgegenstandes kann daher Auskunft über die genaue Gestalt von Aggression und ihrer Entstehung geben.
Aufbauend auf diesen Annahmen stellt die vorliegende Arbeit einen Versuch dar, mit Hilfe der gängigsten Theorien aus den relevanten Fachrichtungen ein möglichst facettenreiches Bild vom Forschungsgegenstand Aggression zu erhalten. Dabei sollen fachübergreifende Schnittstellen der einzelnen Theorien deutlich, aber auch Herausforderungen und Schwierigkeiten in der Aggressionsforschung herausgearbeitet werden. Sie sollen zeigen, welche Ansprüche eine Aggressionstheorie zu erfüllen hat und was in Folge dessen bei ihrer Aufstellung beachtet werden muss. Vor dem Hintergrund dessen gilt es den aktuellen Stand der Wissenschaft in diesem Bereich zu beurteilen.
1 Kiener 1983, S.11
2 Hartmann 2007, S. 24
2. Thematische Einführung
2.1 Definitionsversuch und Begriffsklärung
Am Anfang einer systematischen Auseinandersetzung mit dieser Thematik steht die Definition des Betrachtungsgegenstandes. Allgemein stellt es sich als besonders schwierig heraus, eine einheitliche Definition zum Begriff „Aggression“ in der Literatur zu finden. Je nachdem, welche Fragestellung beantwortet werden soll, aus welcher Perspektive und anhand welcher Untersuchungen ein Thema bearbeitet wird, unterscheiden sich die Merkmale, die in eine Begriffserklärung einfließen sowie deren schwerpunktmäßige Betonung. Einer der wohl gängigsten Definitionen von Aggression ist die von Baron und Richardson aus dem Jahre 1994:
„[Aggression ist] jede Form von Verhalten, das darauf abzielt, einem anderen Lebewesen zu schaden oder es zu verletzen, wobei dieses Lebewesen motiviert ist, eine solche Behandlung zu vermeiden.“ 3
Ergänzend zu dieser Definition lassen sich in der Forschung einige Punkte finden, in denen sich die Begriffserklärungen überschneiden. Demnach ist Aggression ein Verhalten, das mit der Absicht ausgeführt wird, jemand anderem zu Schaden. Es wird also durch die Motivation definiert, mit der es vollzogen wird und nicht durch die Folgen, die es herbeiführt 4 . Damit unterscheidet sich eine Verletzung durch Aggression etwa von einer unabsichtlichen Verletzung 5 : Beide können die gleichen Folgen haben, entstehen aber aus einer unterschiedlichen Intention heraus.
Bei der Art der Ausübung und der Gestaltung von Aggression wird in der Literatur zum einen zwischen der offenen und der verdeckten Form unterschieden. Bezeichnet erstere die tatsächlich ausgeführte Aggression in verbaler oder körperlicher Weise, bleibt die verdeckte Aggression Phantasie und findet vorwiegend in den Gedanken des Aggressors statt.
Zum anderen kann Aggression als positiv oder negativ eingestuft werden. Diese Kategorisierung bezieht sich auf die kulturelle Akzeptanz des Umfelds. Positive Aggression, etwa im Zuge von Zivilcourage oder im Sport, wird schließlich gebilligt, negative Aggression wie Gewaltverbrechen aus Hass oder Rache missbilligt 6 .
Daran anknüpfend ergibt sich schließlich eine weitere Differenzierung in Hinblick auf den strategischen Wert einer Aggression. So wird aggressives Verhalten, dass als Mittel zum Zweck
3 Baron / Richardson 1994, S.7
4 Jonas 2007, S.267
5 Weber 1994, S.63
6 Schneider / Willems 2001, S. 10
vollzogen wird, als instrumentelle Aggression bezeichnet 7 . Ihr gegenüber steht die feindselige Aggression, die dadurch motiviert ist, Ängste, aber auch Wut, Hass und andere sozial negative Gefühle auszudrücken 8 9 .
Die Art der gängigen Kategorisierungen bestätigen schließlich, dass sich eine Aggression vor allem durch ihre Intention und die Art ihrer Ausführung auszeichnet, nicht aber durch die Folgen des aggressiven Verhaltens 10 . In der Literatur lassen sich weitere Unterscheidungen finden, etwa über Direktheit und Indirektheit einer Aggression 11 . Für diese Arbeit bilden jedoch die genannten erläuterten Einstufungen die relevanten Orientierungsgrößen und sollen damit an dieser Stelle nicht weiter ergänzt werden.
Einer Ergänzung bedarf es hingegen in Hinblick auf eine Abgrenzung gegenüber anderer Begriffe. So können nicht nur eventuelle Missverständnisse vermieden werden, sondern auch ein umfassenderes Bild von der Bedeutung von Aggression erreicht werden. Sie tauchen außerdem in den Ausführungen der verschiedenen Aggressionstheorien auf und sind damit elementar für deren Verständnis.
Der Begriff des Ärgers bezeichnet etwa eine emotionale Reaktion 12 . Sie ist damit der unmittelbare Effekt eines bestimmten Ereignisses, einer Erkenntnis oder ähnlichem, bezeichnet jedoch vor allem ein Gefühl und kein Verhalten. Ebenso wie Ärger kann auch Feindseligkeit die Quelle von Aggression sein. Feindseligkeit bezeichnet äußerst lang anhaltende, negative Gefühle gegenüber Personen, Tieren, Ereignissen und anderem. Auch Frustration, die als „Blockierung einer zielgerichteten Aktivität“ definiert wird, kann aggressives Verhalten fördern. Ein letzter wichtiger Begriff in der Aggressionsforschung ist schließlich der der Gewalt. Während eine Aggression nicht immer Gewalt sein muss, ist Gewalt in jedem Falle eine Form von Aggression 13 und kann sowohl verbal als auch körperlich stattfinden. Im Rahmen der Erschließung der gängigen Aggressionstheorien in dieser Arbeit wird außerdem die Katharsis eine Rolle spielen: Dieser Begriff bezeichnet allgemein das Abklingen oder den gezielten Abbau von aggressiven Gefühlen, etwa durch den Abbau physiologischer Erregung durch Sport 14 .
7 Schönpflug / Woolfolk 2008, S. 98
8 Ebd.
9 Näheres bei Weber 1994, S.55
10 Jonas 2007, S.267
11 Heitmeyer / Hagan 2002, S. 688
12 Weber 1994, S.53ff
13 Jonas 2007, S.267
14 Weber 1994, S.67ff
2.2 Aggressionstheorien: Entwicklung und Nutzen
Aggressionen als Ursache von Gewalttaten wie Verbrechen, kämpferischen Auseinandersetzungen und allerlei anderen Übergriffen, die seelischen und körperlichen Schaden verursachen, sind seit Generationen ein bedeutender und scheinbar nicht zu erschöpfender Forschungsgegenstand. Ihre Gestalt, ihre Entstehung und ihre genauen Ausprägungen zu verstehen, kann aggressives Verhalten in verschiedenen Situationen nachvollziehbar machen. Das wiederum hilft dabei, Auslöser und Einflussgrößen zu erkennen. Bei deren voller Erschließung ist die Entwicklung gezielter Strategien zur Abwehr ihrer Wirkung und anderer Präventionsmaßnahmen greifbar 15 .
Aggressionstheorien untersuchen Aggressionen und all ihre Aspekte. Die einzelnen Theorien betrachten aggressives Verhalten dabei aus unterschiedlichen Perspektiven und in unterschiedlichen Hinsichten. Je nach forschendem Fachbereich erklären sie sein Entstehen mit jeweils anderen Ursprüngen und Mechanismen, betrachten verschiedenen Wirkmomente und Ausprägungen. Die einzelnen Theorien vertreten dabei die aus Experimenten, Befragungen oder Beobachtungen gewonnen Ergebnisse und versuchen, das Phänomen der Aggression in seinen Facetten zu erschließen.
Sowohl in der Auswahl der zu untersuchenden Aspekte als auch in der Vorgehensweise ihrer Aufstellung und anderen Hinsichten weichen die einzelnen Theorien dabei voneinander ab. Erklären einige von ihnen die Entstehung von Aggression beispielsweise mit der genetischen Disposition eines Menschen, begründen andere aggressives Verhalten ausschließlich mit kulturellen oder sozialen Faktoren.
Heute lassen sich in den verschiedensten Fachrichtungen Aggressionstheorien finden. Obwohl sie sich nicht nur in der Art der Bearbeitung des Themas, sondern auch in ihren Ergebnissen unterscheiden, scheinen sie einem gemeinsamen übergeordneten Zweck dienen zu wollen. Negative Aggression, vor allem in Form von psychischer und physischer Gewalt, stellt seit Beginn des Menschengeschlechts eines der sozial‐psychologisch größten Gefahren für das Zusammenleben von Familien und anderen Gemeinschaften dar. In Eheverbindungen, an Schulen, im Eltern‐Kind‐Verhältnis und im Rahmen aller anderen Formen des gesellschaftlichen Miteinanders ist Aggression ein entscheidendes Problem, dessen Energie sich zu einer umgreifenden Dynamik entwickeln und damit in Gewalt und Verbrechen eskalieren kann. Den Charakter von Aggressionsentwicklung zu verstehen, ist ein wichtiger Schritt hin zum Aufbau von Maßnahmen, die eine besondere Veranlagung zu aggressivem Verhalten erkennen und einen
15 Jonas 2007, S.270
Arbeit zitieren:
Katharina Grimm, 2010, Unmut in der Wissenschaft, München, GRIN Verlag GmbH
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