5
Inhalt
Einleitung 6
1. Positive Erziehung in lebensbejahenden Gesellschaften 7
2. Die Entstehung negativer Impulse in der Erziehung 9
3. Negative Erziehung im Abendland 15
4. Freikörperkultur, Lebensreform und positive Erziehung 24
5. Gestörte Charakterbildung als Resultat negativer Erziehung 28
6. Negative Erziehung in Zentral-Europa im 19. und 20. Jahrhundert 35
7. Negatives Denken im Schul- und Erziehungswesen der Gegenwart 40
8. Negative und positive Konzepte der Erziehung und Pädagogik 45
9. Die Entstehung Positiven Denkens 50
10. Positives Denken in der Erziehung 55
Nachwort 64
Literaturliste 67
6
Einleitung
Die Motivation und die Impulse für das vorliegende Buch entstanden aus der Jahrzehnte langen praktischen Arbeit des Autors an der Leuphana Universität zu Lüneburg, Deutschland, besonders aber an Volkshochschulen im Raum Norddeutschland. Wie lässt sich das praktische Bedürfnis der Menschen nach Positivem Denken, nach Optimismus und Lebensfreude verbinden mit den akademischen theoretischen Studien im Rahmen der wissenschaftlichen Literaturforschung?
Positives Denken an der Volkshochschule will sehr praxisnah mit vielen Übungen, konkreten Beispielen und Anleitungen erlernt werden. Viele Teilnehmer und Teilnehmerinnen wollen ganz praktische Techniken und Rezepte, wie das negative Befinden und das negative Denken verändert werden können. Der wissenschaftliche, psychologische, historische und philosophische Hintergrund darf nur kurz die Praxisübungen umrahmen. Volkshochschul-Teilnehmer und -Teilnehmerinnen sind meist nicht akademisch gebildet und Vorlesungen nicht gewohnt. Schnell lässt die Aufmerksamkeitsspanne nach. Immer wieder muss die Gruppe durch Kommunikationsübungen, Entspannungsübungen, unkonventionelle Aktivierungsmethoden belebt werden. Es erfordert gruppendynamisches Geschick, die positiven Lernprozesse anzuleiten. Information alleine genügt nicht. Im Rahmen der Universität hingegen wird Positives Denken als unwissenschaftlich, populär und unseriös angesehen. Hier steht das theoretische Wissen des akademisch akzeptierten Lehrkanons im Zentrum der Lehr- und Lernprozesse. Undenkbar, dass die Praxis des Positiven Denkens in einer schriftlichen Examens- oder Diplomarbeit oder in einer mündlichen Prüfung Gegenstand des akademischen Diskurses sein könnte. Obgleich zahlreiche wissenschaftliche Forschungsresultate der Medizin, der Psychologie und der Soziologie und der Erziehungswissenschaft besonders seit dem letzten Drittels des 20. Jahrhunderts vorliegen, die negativer und positiver Erziehung gewidmet sind, wird die weltweite Bewegung des Positiven Denkens an der Universität als unwissenschaftlich ignoriert.
In der vorliegenden Arbeit wird der Versuch unternommen, theoretische, wissenschaftlich allgemein akzeptierte Theorien und Forschungsresultate mit der populären, weltumspannenden Bewegung praktischer Lebenshilfe des Positiven Denkens zu verbinden. Der geneigte Leser mag selbst entscheiden, ob dieses Unterfangen dem Autor gelungen ist.
7
1. Positive Erziehung in lebensbejahenden Gesellschaften
In MALINOWSKIs 1929 erschienenem Werk „ Das Geschlechtsleben der Wilden “ finden sich Hinweise auf Zusammenhänge zwischen einer positiven, lebensbejahenden und sexualfreundlichen Erziehung und einer Reduzierung abweichenden Verhaltens, die von REICH folgendermaßen interpretiert werden:
"Die Trobriander-Gesellschaft kannte trotzdem, oder vielmehr gerade deshalb, im dritten Jahrzehnts (des 20.) Jahrhunderts keine sexuellen Perversionen, keine funktionellen Geisteskrankheiten, keine Psychoneurosen, keinen Lustmord...“ (REICH 1972, S. 173)Auch Mord und Sadismus, Destruktivität und Diebstahl kannte die Trobriander-Kultur nicht. Idealtypisch gezeichnet kam die Trobriander-Gesellschaft der Idee des Urkommunismus oder des ursprünglichen Matriarchats sehr nahe. Gemeinschaftliche Produktion und weitgehend gemeinschaftliche Aneignung des gesellschaftlich erzeugten Reichtums, ein weitgehendes Mutterrecht mit relativer Herrschaftsfreiheit, also eine tendenziell klassenlose Gesellschaft, günstige klimatische, nahrungsmäßige und geographische Lebensbedingungen gingen einher mit einer sexualbejahenden Moral, einer verständnisvollen und liebevollen, positiven Erziehung..
Die repressionsarme, positive und lebensbejahende Erziehung der Trobriander war keineswegs regellos, es gab das Inzest-Tabu und einige andere, dem beginnenden Patriarchat entsprechende Tabus. In dieser Gesellschaft der Trobriand-Insulaner trat abweichendes Verhalten nur minimalisiert auf.
Das Beispiel der Tobriander ist nur das bekannteste, daneben gibt es eine ganze Reihe weiterer Kulturen, in denen die Kindheit eine glückliche Zeit ist. Erich FROMM (1974) hat in seinem Werk über „Die Anatomie der menschlichen Destruktivität“ eine Analyse von dreißig schriftlosen Kulturen unter dem Aspekt Aggressivität versus Friedfertigkeit vorgelegt.
Die dreißig untersuchten Kulturen entstammen den Feldforschungen von Ruth BENEDICT, Margaret MEAD, MURDOCK und TURNBULL (Vgl. FROMM 1974, S. 149-158 ). Bei der Analyse der dreißig Kulturen ergaben sich nach FROMM drei deutlich unterscheidbare Systeme, die sich nicht nur in Bezug auf mehr oder weniger Aggression oder mehr oder weniger Friedfertigkeit, sondern auch hinsichtlich der Erziehung in Kindheit und Jugend voneinander unterscheiden.
Eines der drei Systeme wird von FROMM als lebensbejahendes Gesellschaftssystem beschrieben.
FROMM charakterisiert die lebensbejahenden Gesellschaften folgendermaßen: „In diesem System sind Ideale, Sitten und Institutionen vor allem darauf ausgerichtet, dass sie der Erhaltung und dem Wachstum des Lebens in allen seinen Formen dienen. Feindseligkeiten, Gewalttätigkeiten und Grausamkeiten sind in der Bevölkerung nur in
8
minimalem Ausmaß zu finden, es gibt keine harten Strafen, kaum Verbrechen, und der Krieg als Institution fehlt ganz oder spielt nur eine äußerst geringe Rolle. Die Kinder werden freundlich behandelt, schwere körperliche Züchtigungen gibt es nicht. Die Frauen sind den Männern in der Regel gleichgestellt, oder sie werden wenigstens nicht ausgebeutet oder gedemütigt. Die Einstellung zur Sexualität ist ganz allgemein tolerant und bejahend. Man findet wenig Neid, Geiz, Habgier und Ausbeutung. Es gibt auch kaum Rivalität oder Individualismus, aber sehr viel Kooperation. Persönliches Eigentum gibt es nur in bezug auf Gebrauchsgegenstände. In der allgemeinen Haltung kommt Vertrauen und gläubige Zuversicht zum Ausdruck, und nicht nur den anderen gegenüber, sondern auch besonders auch gegenüber der Natur; ganz allgemein herrscht gute Laune, und depressive Stimmungen sind relativ selten “ ( FROMM 1974, S. 50).
FROMM rechnet zu den lebensbejahenden Gesellschaften die Zuni-Pueblo-Indiander, die Berg-Arapeshen,die Batonga, die Aranda, die Semang, die Toda, die Polar-Eskimos und die Mbutu.
Im Gegensatz zu diesen lebensbejahenden Gesellschaften herrschen in den anderen zwei von FROMM analysierten Gesellschaftssystemen, den nicht-destruktiv aggressiven Gesellschaften und den destruktiven Gesellschaften Aggressivität, Destruktivität und Gewalt, gepaart mit Unterdrückung der Sexualität, hartherziger Erziehung und pessimistischen Gedanken vor. Als ein weiteres Beispiel für Zusammenhänge zwischen positiver Lebensbejahung und Reduzierung abweichenden Verhaltens kann das von Verrier ELWIN ( 1947, 1968 ) beschriebene Gesellschaftssystem der indischen Muria gelten. Berühmt geworden ist das Kinder- und Jugendhaus der Muria, Ghotul genannt, in dem die Kinder und Jugendlichen in einer Art Kinderrepublik unbeaufsichtigt von elterlicher Autorität frei und gesellig lebten. Dorthin zogen die Mädchen und Jungen im Alter von sechs Jahren um. Die verständnisvolle, positive frühkindliche Eltern - Kind - Erziehung wurde dort durch die unterstützende Erziehung nahezu Gleichaltriger und älterer Kinder und Jugendliche, ähnlich der in unseren Gesellschaften entstehenden Jugendlichen-Subkulturen, im Gemeinschaftshaus weitergeführt. Die älteren Kinder brachten den jüngeren die Sitten und Bräuche, Tänze und Lieder bei und leisteten Aufklärung über Empfängnisverhütung und Familienplanung. Sie leiteten die jüngeren Kinder zu sexuellen Handlungen und zum Geschlechtsverkehr an.
Was gemäß unseren gegenwärtigen Moralvorstellungen und Strafgesetzen als sexueller Missbrauch angesehen wird, gehörte zur Sexualkultur der Muria. Geschlechtsbeziehungen zwischen Jungen und Mädchen wurden gefördert und nicht als „Sünde“ oder Straftat angesehen. Die späteren Erwachsenen waren keineswegs asozial und zügellos, sondern sie lebten treu und verantwortlich in einer monogamen Ehe.
„ Aber man wird dort in langen Jahren selbst auf den kleinsten Diebstahl vergeblich warten. Von Messerstechereinen und ähnlichen uns vertrauten `Jugenddelikten ` ist schon gar nicht die Rede. Kommen die sozialen Institutionen mit der menschlichen Triebnatur überein, dann sind die ` Triebe ` gar kein kriminologisches Problem“ ( PLACK 1967, S. 284 ).
9
2. Die Entstehung negativer Impulse in der Erziehung
James DeMEO hat in seinem Werk mit dem Titel „SAHARASIA“ (1998) die weltweiten geographischen Muster repressiver, traumatisierender, gewalttätiger, schmerzerzeugender, charakterlich verhärteter, patristischer Verhaltensweisen und sozialer Institutionen, welche die Bindung zwischen Mutter und Kind sowie zwischen Mann und Frau zerstören, anhand einer systematischen Analyse anthropologischen Datenmaterials von 1170 eingeborenen Subsistenzkulturen ermittelt zueinander in Beziehung gesetzt.
Nach Abschluss der Kartographierung zeigte sich, dass der extrem trockene Wüstengürtel, der sich von Nordafrika über den Nahen Osten bis nach Zentralasien erstreckt, und dem DeMEO den Namen SAHARASIA gegeben hat, die größte Verbreitung der radikalsten patristischen Verhaltensweisen und sozialen Institutionen des Planeten Erde aufweist. In Gebieten mit dem größten Abstand zu SAHARASIA , wie in Ozeanien und in der Neuen Welt, besonders in Amazonien, finden sich die sanftmütigsten, charakterlich lebendigsten , offensten, matristischen Verhaltensformen, welche die Bindung zwischen Mutter und Kind sowie zwischen Mann und Frau fördern und schützen.
Eine systematische Sichtung archäologischer Funde und historischer Dokumente deutet auf eine anfängliche Entwicklung des Patriarchats um 4.000 v. Chr. In SAHARASIA hin, auf einen tiefgreifenden ökologischen Wandel von einem relativ feuchten Klima mit Savannenlandschaften und Wäldern zu trockenen Wüstenbedingungen. Siedlungsmuster und Wanderungsbewegungen patristischer Völker wurden von ihren ursprünglichen Heimatgebieten in SAHARASIA nachgezeichnet, um das spätere Auftreten des Patrismus in Regionen außerhalb SAHARASIAS zu erklären.
Beweise für die Existenz matristischer Verhältnisse vor dem Einsetzen trockener Klimabedingungen in SAHARASIA finden sich allerorten, während es generell keinerlei Anzeichen für die damalige Existenz von Patrismus gibt. DeMEO vertritt die Ansicht, dass der Matrismus die früheste, oiginäre und angeborene Form menschlichen Verhaltens und gesellschaftlicher Organisation darstellt, indes der Patrismus, aufrechterhalten durch traumatisierende soziale Institutionen, beim Homo sapiens erstmals in SAHARASIA unter dem Einfluss schwerster Dürren, Hungersnöten und dadurch erzwungener Migration in Erscheinung trat.
Die psychologischen Erkenntnisse Wilhelm REICHs ( 1935, 1942, 1945, 1949, 1953, 1967, 1983) ermöglichen das Verständnis der Mechanismen, durch welche sich patristische, gewalttätige und charakterlich gepanzerte Verhaltensweisen etablieren und fortbestehen, lange nachdem das auslösende Trauma vergangen ist. Die Forschungen DeMEOs konzentriere sich auf einen großen Komplex traumatischer und repressiver Einstellungen, Verhaltensweisen, gesellschaftlicher Gepflogenheiten und Institutionen, die mit Gewalt und Krieg in Zusammenhang stehen.
Die Studie befasst sich mit den klinischen und kulturvergleichenden Beobachtungen biologischer Bedürfnisse von Säuglingen, Kindern und Jugendlichen, den unterdrückenden
10
und zerstörerischen Folgen, die bestimmte soziale Institutionen und harte Lebensbedingungen für diese Bedürfnisse haben, sowie den Konsequenzen, die sich daraus für das Verhalten der Betroffenen ergeben. DeMEO verdeutlicht die kausale Beziehung zwischen traumatischen und repressiven sozialen Einrichtungen einerseits und destruktiver Aggression und Krieg andererseits.
DeMEOs Forschungen bestätigen die These von der Existenz einer einstigen historischen Epoche relativ friedlicher Gesellschaften rund um die Welt, in welchem Krieg, Männerherrschaft und destruktive Aggression entweder völlig fehlten oder nur in sehr geringem Ausmaß vorhanden waren. Weiterhin konnten die genauen Zeiträume als auch die Regionen der Erde bestimmt werden, in denen sich ehemals friedliche, demokratische und gleichberechtigt strukturierte menschliche Gemeinschaften erstmalig in gewalthaltige, kriegerische und despotische Kulturen verwandelten. Voraussetzungen für die Forschungsresultate DeMEOs waren
1.) neuere paläoklimatische und archäologische Funde, die früher übersehene Sozial- und Umweltbedingungen offenbarten und
2.) die Entwicklung einer riesigen globalen Datenbank mit den völkerkundlichen und anthropologischen Forschungsresultaten mit mehr als Tausend verschiedener Kulturen. Die Erfindung des Personal Computers ermöglichte den einfachen Zugang zu diesen Daten und die Anfertigung von „Weltverhaltenskarten“ binnen weniger Jahre, was sonst eine Lebensaufgabe gewesen wäre.
DeMEOs Forschungsarbeit war auf eine Überprüfung der sexualökonomischen Theorie Wilhelm REICHs ausgerichtet.
Es wurde eine globale geographische Analyse sozialer Faktoren vorgenommen, die mit sexueller Unterdrückung und Kindheitstraumata in Verbindung stehen. REICHs Theorie beschreibt destruktive Aggression und sadistische Gewalt des Homo sapiens als einen völlig unnatürlichen Zustand, welcher aus einer traumatisch bedingten chronischen Hemmung der Atmung, des emotionalen Ausdrucks und jeglicher lustorientierter Impulse resultiert.
REICH zufolge werden diese Hemmungen und Blockaden der Persönlichkeit mittels bestimmter schmerzvoller und lustfeindlicher Rituale und sozialer Institutionen verankert, die bewusst oder unbewusst der Bindung zwischen Mutter und Kind sowie zwischen Mann und Frau entgegenwirken.
Diese sexualunterdrückenden und repressiven Rituale und sozialen Institutionen existieren sowohl in sogenannten „primitiven“ Subsistenzkulturen als auch bei technologisch entwickelten „zivilisierten“ Gesellschaften.
Einige Beispiele für unbewusstes bzw., rationalisiertes Zufügen von Schmerz bei Neugeborenen und Kindern sind: - Trennung und Isolierung des Babys von der Mutter;
11
- Gleichgültigkeit gegenüber Weinen und Schreien des verzweifelten Kindes; - Immobilisierung durch ständiges Festeinwickeln des ganzen Körpers; - Verweigern der Brust bzw. verfrühtes Entwöhnen;
- Beschneiden oder Ausschneiden von kindlichen Körperteilen, meist der Genitalien - Erzwungene Reinlichkeitserziehung, bevor das Kleinkind seine Ausscheidungsfunktionen effektiv kontrollieren kann;
- Durch Drohungen oder körperliche Züchtigungen durchgesetzte Forderung, ruhig, gehorsam und nicht neugierig zu sein.
Andere kulturelle Gebräuche, die darauf abzielen, die kindliche und jugendliche Sexualität zu kontrollieren oder zu zerstören, sind das weibliche Jungfräulichkeitsgebot sowie die mittels Strafen und Erzeugung von Schuldgefühlen erzwungenen arrangierten Ehen. Die Erwartung, Schmerzen auszuhalten, Gefühle zu unterdrücken und älteren Autoritätsfiguren unkritischen Gehorsam in allen Lebensfragen entgegenzubringen, zählt zu den zentralen Aspekten derartig repressiver sozialer Strukturen.
REICH zufolge verankert sich durch peinigende und lustfeindliche Rituale und repressive Moralanforderungen in den Heranwachsenden ein chronischer muskulärer Panzer. Es kommt zu Blockaden der vollen Atmung, emotionaler Ausdrucksfähigkeit und vollständiger sexueller Entspannung während des Orgasmus. Der aufgestaute innere Druck treibt den Organismus zu verzerrtem, selbstzerstörerischem und sadistischem Verhalten. MALINOWSKI ( 1927, 1932) berichtete über die sexualfreundliche Kultur der Trobriand-Insulaner. Weitere Beschreibungen liebevoller Naturvölker finden sich bei anderen Ethnologen, z.B. bei ELWIN (1947, 1968) über die Indischen Muria, bei HALLET &RELLE (1973), bei TURNBULL (1961) und bei LIEDLOFF (1980) über Amazonas-Indios und die positive Kindererziehung auf Bali, Indonesien.
PRESCOTT (1975) hat eine großangelegte kulturvergleichende Studie über sanftmütige und positive Kulturen einerseits und grausame Kulturen andererseits vorgelegt, um seine These der Somatosensory Affectional Deprivation (SAD-These) zu belegen. Ethnographische Kulturvergleiche haben ergeben, dass Gesellschaften, in denen Säuglinge, Kinder und Jugendliche eine Menge Schmerz und Traumata erleiden und deren emotionelle Ausdrucksfähigkeit sowie das sexuelle Verlangen der Heranwachsenden zerstört werden, ausnahmslos neurotische, (selbst-) zerstörerische und gewalttätige Verhaltensweisen zeigen. Weiterhin haben weltweite historische Studien kriegerischer, autoritärer und despotischer Staaten die Zusammenhänge zwischen Kindheitstrauma, Sexualunterdrückung, Männerherrschaft und Gewaltbereitschaft bestätigt.
Aus ähnlichen historischen Studien hat TAYLOR (1953) eine schematische Gegenüber-
12
stellung von matriarchalischen und patriarchalischen Kulturen entwickelt. DeMEO ergänzt TAYLORs Schema um sexualökonomische Aspekte und wählt die Bezeichnungen „matristische“ und „patristische“ Kulturen.
Eine idealtypisch überspitzte Gegenüberstellung von Verhaltensweisen, Einstellungen und sozialen Institutionen zeigt signifikante Unterschiede.
In patristischen Kulturen erfahren Säuglinge, Kinder und Jugendliche während ihrer Sozialisation von ihren Eltern und Sozialisationsagenten wenig Behutsamkeit und Nachsicht sowie wenig körperliche Zuwendung. Es finden sich regelmäßig traumatisierte Säuglinge und Kleinkinder, schmerzhafte Initiationsriten und die Kinder und Jugendlichen werden von der Familie dominiert. Immer findet sich eine öffentliche und private Geschlechtertrennung. Im Gegensatz dazu erfahren Säuglinge, Kinder und Jugendlichen in matristischen Kulturen viel Behutsamkeit und Nachsicht, viel körperliche Zuwendung und es gibt keine Traumatisierung von Säuglingen und Kleinkindern. Schmerzhafte Initiationsriten sind unbekannt. Die Kinder und Jugendlichen werden keineswegs von der Familie dominiert, sondern es finden sich Kinder- und Jugend-Demokratien. Weder privat noch öffentlich werden die Geschlechter getrennt.
Was die Sexualität in patristischen Kulturen anbelangt, so finden sich viele Einschränkungen und ganz allgemein ist Sexualität mit Angst besetzt. Typischerweise gehören genitale Beschneidungen oder genitale Verstümmelungen, z.B. Vorhaut-Beschneidung bei Knaben, Klitoris- und Schamlippen-Entfernung oder Infibulation bei Mädchen, zur Regel. Es existiert ein extremes Jungfräulichkeits-Tabu. Liebesbeziehungen zwischen Jugendlichen sind streng verboten, vorehelicher oder außerehelicher Geschlechtsverkehr ist tabu und auch innerhalb der Ehe unterliegt der Geschlechtsverkehr strengen Reglementierungen durch Tabus. In den matristischen Kulturen hingegen wird Sexualität begrüßt und mit Lust empfunden. Genitale Verstümmelungen sind unbekannt. Ein Tabu der Jungfräulichkeit gibt es nicht. Liebesbeziehungen zwischen Jugendlichen werden gutgeheißen und der Geschlechtsverkehr wird bejaht.
In patristischen Kulturen besteht oft eine starke Neigung zum Inzest sowie ein entsprechendes strenges Inzest-Tabu. Prostitution und Konkubinat sind weit verbreitet. Im Gegensatz fanden die Anthropologen in matristischen Kulturen keine Inzestneigungen und das Fehlen eines entsprechenden ausdrücklichen Tabus. Konkubinat und Prostitution als soziale Institutionen gibt es nicht.
Im Patrismus wird die Freiheit der Frau eingeschränkt, ihr Status kann zu Recht durch Minderwertigkeit charakterisiert werden. Frauen haben keine freie Wahl des Ehepartners, keine Scheidungsmöglichkeit und die Fruchtbarkeit wird von Männern kontrolliert. Die Fortpflanzungsfunktion wird gering geachtet und es existieren vaginale Blut-Tabus, das heißt Tabus auf hymenale, menstruelle und geburtliche Blutungen.
Freiheit, Gleichberechtigung und Verehrung der Fortpflanzungsfunktion kennzeichnen den Status der Frau in matristischen Gesellschaften. Freie Wahl des Ehepartners, Scheidung auf Wunsch der Frau und Kontrolle der Frauen über die Fruchtbarkeit sind Merkmale der
13
matristischen Kulturen.
Was die Sozialstruktur anbelangt, so sind patristische Gesellschaften typischerweise autoritär, hierarchisch und despotisch. Die Abstammungslinien sind patrilinear, der eheliche Wohnsitz ist patrilokal. Es herrscht lebenslange Zwangsmonogamie oder Polygamie. Es herrscht politischer und ökonomischer Zentralismus. Militarismus wird betont. Entsprechende Institutionen sind gewalttätig und sadistisch.
Matristische Kulturen sind demokratisch und egalitär strukturiert. Abstammungslinien sind matrilinear, also mutterrechtlich strukturiert. Der eheliche Wohnsitz ist matrilokal. Zwangsmonogamie ist unbekannt, es gibt nur selten Polygamie. Arbeitsdemokratische Strukturen und das Fehlen eines hauptberuflichen Militärs sind Kennzeichen der gewaltlosen matristischen Kulturen, in denen Sadismus fehlt
Matristische Kulturen wandelten sich zum Patrismus durch wiederholte schwere Trockenheit mit Wüstenbildung, die für die Subsistenzgesellschaften, (d.h. die Naturvölker) Hungersnöte, Unterernährung, soziale Zerrüttung und Massenwanderungen zur Folge hatten. Augenzeugenberichte über die sozialen und kulturellen Folgen während einer Hungersnot zeigen einen Zusammenbruch der familiären und sozialen Bindungen. TURNBULL (1972) z.B. hat eine erschütternde Dokumentation über die Folgen einer Hungerkatastrophe aus jüngster Zeit bei dem Volk der Ik in Ostafrika vorgelegt. Unter extremen Hungerbedingungen verlassen die Männer auf der Suche nach Nahrung ihre Familien, ihre Dörfer, ihre Frauen und Kinder und kehren nicht mehr zurück. Verhungernde ältere Familienmitglieder oder Kinder werden sich selbst überlassen, um allein ums Überleben zu kämpfen oder zu sterben.
Kinder und Jugendliche schließen sich zu umherziehenden Banden zusammen, um Nahrung zu stehlen. Die bisherigen Sozialstrukturen brechen vollständig zusammen. Das Band zwischen Mutter und Kleinkind hält am längsten. Doch schließlich verlassen auch die verhungernden Mütter ihre Babys.
Klinische Untersuchungen der Folgen von hochgradigem Hunger und Eiweißmangel bei Säuglingen und Kleinkindern zeigen eine Traumatisierung höchsten Grades. Ein an Marasmus oder Kwashiorkor leidendes Kind zeigt Symptome der Kontaktlosigkeit, Stillstand des Körperwachstums und Stillstand des Wachstums des Gehirns. Eine systematische globale Analyse anhand von 1.170 Naturvölkern bestätigte die Wüsten Patrismus-Beziehung.
Hungernde Völker flohen aus den Dürre-Regionen in benachbarte und später in entferntere Gegenden und errichteten dort despotische patristische Systeme.
14
MURDOCKs „Ethnographischer Atlas“ (1967) beruht auf Daten von 1.170 Naturvölkern, über die in den Jahren zwischen 1750 und 1960 aus zuverlässigen Quellen berichtet wurde. Das Werk MURDOCKs findet zur Überprüfung kulturvergleichender Hypothesen allgemein Anerkennung.
DeMEO beurteilte mittels Computer jede der 1.170 Eingeborenenkulturen mittels 15 spezifischer Variablen, die sich an das Matrismus-Patrismus-Schema anlehnen. Ethnien mit einem hohen Prozentsatz an patristischen Merkmalen erhielten eine hohe Punktzahl, und umgekehrt.
DeMEO ermittelte die geographischen Koordinaten einer jeden Kultur und trug sie mit ihrem Patrismus-Wert in eine Weltkarte ein.
Die lebensfeindlichsten Wüsten-Verhältnisse weisen Übereinstimungen mit dem Verbreitungsraum der extremsten patristischen Kulturen auf.
DeMEO hat diesem Wüstengürtel der Erde den Namen SAHARASIA gegeben. Die Kulturen Nord-Afrikas, Vorderasiens und Zentralasiens waren eindeutig patristischer als die Völker Ozeaniens, Amerikas und der nördlichen Regionen der Erde, jener Gebiete, die am entferntesten von SAHARASIA liegen.
Wie DeMEOs Forschungen anhand der Auswertung von mehr als 10.000 archäologischen und paläoklimatischen Daten aus über 100 wissenschaftlich verlässlichen Quellen ergaben, war dergroße Wüstengürtel des heutigen SAHARASIA vor 4.000 bis 3.000 v. Chr. eine teilweise bewaldeteGrassavanne.
In der heutigen Wüstenregion lebten damals kleine und große Tiere wie Elefanten, Giraffen, Nashörner und Gazellen. Nilpferde, Krokodile, Fische, Schnecken usw. gediehen in den Flüssen und Seen. Es gab dort einst tiefe Seen und durch die Canyons und Wadis flossen beständig Wasserläufe.
Die damals in den fruchtbaren und üppigen Zeiten lebenden Völker waren von friedlichem, ungepanzertem und matristischem Charakter. DeMEO zieht diese Schlussfolgerungen aus der Sichtung archäologischer Funde.
Archäologische Funde aus der Zeit vor 4.000 v.Chr. zeigen unter anderem die sorgfältige Bestattung unabhängig vom Geschlecht der Toten mit relativ gleichwertigen Grabbeigaben, realistische weibliche Statuetten und künstlerische Felsmalereien. Felsmalereien und Töpferkunst stellen Frauen, Kinder, Musik, Tanz, Tiere und Jagd dar. In späteren Jahrhunderten durchliefen einige dieser friedlichen matristischen Kulturen eine Entwicklung zu bedeutenden Agrar- und Handelsstaaten z.B. auf Kreta, im Industal und in Teilen Zentralasiens.
Arbeit zitieren:
Professor Dr. phil. Karl-Heinz Ignatz Kerscher, 2010, Auf dem Weg zur Positiven Erziehung, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Zweite Moderne oder Postmoderne?
Ein Architektur–Diskurs
Kunst - Architektur, Baugeschichte, Denkmalpflege
Fachbuch, 77 Seiten
Karl August Lingner - Leben und Werk eines sächsischen Großindustriell...
Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus
Forschungsarbeit, 125 Seiten
Investigation of Millimetre Wave Generation by Stimulated Brillouin Sc...
Ingenieurwissenschaften - Nachrichtentechnik / Kommunikationstechnik
Doktorarbeit / Dissertation, 195 Seiten
Psychosoziale Betreuung in den 39 Frankfurter Alten- und Pflegeheimen
Eine quantitative Erhebung
Forschungsarbeit, 92 Seiten
Sexual Terrorism in the Easter...
Jura - Europarecht, Völkerrecht, Internationales Privatrecht
Fachbuch, 263 Seiten
IT-Outsourcing: Risiken und Grenzen im asiatischen Wirtschaftsraum
Eine empirische Studie
Informationswissenschaften, Informationsmanagement
Fachbuch, 227 Seiten
Ein polynomialer Alogrithmus zur Erkennung der Isomorphie von Graphen
Informatik - Theoretische Informatik
Doktorarbeit / Dissertation, 66 Seiten
Sündenfall, Zufall, Geburt, Katastrophe und die „alte“ und „neue“ Ordn...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Forschungsarbeit, 28 Seiten
Im Tempel zu den späten Glückseligkeiten
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Klassiker, 23 Seiten
Pädagogik / Erziehungswissenschaften: Auf dem Weg zur Positiven Erziehung ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Pädagogik / Erziehungswissenschaften: neuer Titel erschienen: Auf dem Weg zur Positiven Erziehung
Karl-Heinz Ignatz Kerscher hat einen neuen Text hochgeladen
Positive Erziehung für Eltern von Kindern bis 12 Jahre
Matthew Sanders, Carol Markie-Dadds, Karen Turner, Cox; Lindsay
Positive Images - Positive Effect: Activities for Young People with Po...
Louise Bishop, Paul Lee
Dialogical Self Theory: Positioning and Counter-Positioning in a Globa...
Agnieszka Hermans-Konopka, Hubert J. M. Hermans
Classroom Karma: Positive Teaching, Positive Behaviour, Positive Learn...
David Wright, Wright
0 Kommentare