eine andere Weise mit ihm konfrontiert und habe sich im vorigen Leben nicht mit diesem auseinandergesetzt, so treffe er einen völlig unvorbereitet. Wenn der Tod einen auf diese Weise überfalle, so würde man unter ihm zerbrechen, weil man noch keine Vorstellung oder Erfahrung habe, in welcher Form dieser auftrete beziehungsweise, wie man mit ihm umgehen könne. „Dagegen muss man rechtzeitig etwas tun. Die Beruhigung durch die viehische Gleichgültigkeit ist zu teuer erkauft“ 3 . Da jeder irgendwann einmal dem Tod entgegenzutreten habe, hält der Autor es für unsinnig, vor ihm wegzulaufen. Es lohne sich einfach nicht, ein sorgenfreies Leben zu führen, um dieses in Konfrontation mit dem Tod gegen eines einzutauschen, in dem man nicht mehr seines Glückes Herr werden könne. „Er holt den Fliehenden ein
und schont auch die nicht, die zum Kriegsdienst noch zu jung sind oder die der
Gefahr den Rücken kehren“³. Montaigne schlägt vor, sich den Tod so oft wie möglich ins Bewusstsein zu rufen und ihn sich dabei genau vorzustellen, in welcher Form er dabei auch immer auftreten möge. Nur auf diese Weise könne man sich an ihn gewöhnen und dem Todesgedanken seine beängstigende Form nehmen. Wenn man sich unentwegt mit diesem Gedanken auseinandersetze, so der Verfasser, würde man ihm seine „furchtbare Fremdartigekeit“³ nehmen. Insbesondere in Momenten des Genusses, der Fröhlich- und Heiterkeit solle man dieser Maxime Folge leisten. Denn diese oberflächlich unzerstörbar wirkenden Glücksmomente seien gleichermaßen vom Tod bedroht, obwohl sie möglicherweise - wie ich vermute - am wenigsten den Anschein dazu erwecken. Nur auf diese Weise könne man sich darüber bewusst werden, wie schnell dieses Glück vom Tod ins Gegenteil umgewandelt werden könne. So sei es auch erst durch die Vergegenwärtigung des Todes möglich, sich seines Lebensglückes wirklich bewusst zu werden. Denn Glück kann man erst in dem Moment wirklich schätzen, in dem man sich darüber bewusst ist, dass dieses nicht selbstverständlich ist und immer vom Tod beziehungsweise vom Pech - insoweit man dieses als Gegenpol zum Glück ansehen kannüberschattet wird. „Denke, dass jeder Tag der letzte sein kann, der dir leuchtet; die
Stunden, mit denen du nicht fest gerechnet hast, werden dir dann besonders lieb
sein“ 4 . An dieser Stelle führt Montaigne noch ein Beispiel von den alten Ägyptern an, die, wenn eine Feierlichkeit ihren Höhepunkt erreicht hatte, ein menschliches Skelett in den Saal trugen, um die Gäste an die Existenz des Todes zu mahnen. Die wahre Bedeutung von persönlichem Glück lässt sich erst durch das Kontrastbild des Todes
3 Montaigne, M. d. (2008). Essais. Ditzingen: Reclam, S. 54
4 Montaigne, M. d. (2008). Essais. Ditzingen: Reclam, S. 55
erahnen. Ein weiterer Aspekt, den Montaigne erwähnt, ist der, dass man durch das Philosophieren über den Tod auch ein gelasseneres Leben führen könne. Durch die Auseinandersetzung mit dem Tod ändere sich auch die Sicht des Subjekts auf das Leben. „wer zu sterben gelernt hat, den drückt kein Dienst mehr: nichts mehr ist
schlimm im Leben für denjenigen, dem die Erkenntnis aufgegangen ist, daß es kein
Unglück ist, nicht mehr zu leben“ 4 . Die Dinge, die einen im Leben belasten und bedrücken, werden an Bedeutung verlieren, wenn man sie in Anbetracht der Relation von Leben und Tod sieht. Man würde die Angst vorm Tod verlieren und könne so ein sorgenfreieres Leben führen.
Montaigne vertritt die Meinung, dass man immer „marschbereit“ sein solle. Damit meint er, dass man immer bereit sein solle - für den Fall, dass sich der Tod ankündigt -, alle Bindungen sozialer Art zu lösen, um allein zu sein, wenn man Abschied vom Leben nehmen müsse. Er meint, dass zwischenmenschliche Beziehungen den ohnehin schwierigen letzten Schritt im Leben eines jeden Menschen unnötig erschweren würden. Der Abschied vom eigenen Leben sei für ihn schon am schwersten. Je besser man sich auf den Zeitpunkt des Todes vorbereitet habedurch die Lösung von allem, was einen einst am Leben gehalten hat -, desto einfacher werde einem dieser Schritt fallen. „Der Tod ist am selbstverständlichsten, wenn man schon vorher möglichst Tod ist“ 5 . Damit meint er jedoch nicht, dass man völlig tatenlos das Ende abwarten solle. Der Mensch sei dazu geboren, tüchtig zu sein und solle dies auch weiterhin anstreben. Jedoch habe die Natur bereits gewisse Vorkehrungen getroffen, die uns den Abschied leichter machen würden. Dadurch, dass man langsam altern würde, ohne es wirklich zu bemerken, sehe man meist gar nicht, was mit dem Alter verloren gehe. „Was bleibt einem Greis von der Kraft seiner Jugend, seines Lebens?“ 6 . Der Wechsel von der Jugend zum Alter vollziehe sich im Gegensatz zum „Sprung vom Elend ins Nichtsein“ allmählich und nicht plötzlich. Man werde nicht von ihm überrascht. Dieses fortwährende Absterben der Jugend mit zunehmendem Alter in einem sei viel schlimmer als der endgültige Tod selbst. So schlussfolgert Montaigne, dass es eine „Torheit“ sei, sich vor dem Augenblick im Leben zu fürchten, der einen von all dem Elend befreie, welches das Leben im Alter mit sich bringe. Es sei unnötig, sich vor dem Tod oder davor zu fürchten, dass man irgendwann nicht mehr ist oder irgendwann noch nicht war. Wenn das Leben ende,
5 Montaigne, M. d. (2008). Essais. Ditzingen: Reclam, S. 57
6 Montaigne, M. d. (2008). Essais. Ditzingen: Reclam, S. 59
ende auch alles für einen selbst. Genauso wie es für einen nichts gegeben habe, als man noch nicht existierte. „Der Übergang vom Tode zum Leben, der dir kein Leiden
und keine Schrecken gebracht hat, den brauchst du nur zu wiederholen, als
Übergang vom Leben zum Tod“ 7 . Umgekehrt wäre ein nie endendes Leben viel unerträglicher als eines, bei dem man die Gewissheit habe, dass es nicht ewig andauere. Montaigne fügt hinzu, dass es umso leichter sei, vom Leben loszulassen, wenn man es sinnvoll genutzt habe. „Man kann den Wert eines Lebens nicht nach der Länge messen; er ist vom Inhalt abhängig“ 8 .
2. Tugendhat: Über den Tod 2.1. Einleitung
Montaigne gibt uns in seinem Essay „Philosophieren heißt sterben lernen“ Anweisungen beziehungsweise begründete Vorschläge dafür, wie wir mit der Todesthematik umgehen sollten. Um ein glückliches und sorgenfreies Leben zu führen, müssen wir uns bewusst mit unserem bevorstehenden Tod auseinandersetzen, dieses Thema nicht aus unserem Leben verbannen, unser Leben nicht dem Tod unterordnen. Was trägt Tugendhat mit seinem Aufsatz „Über den Tod“ zu diesem Thema bei? Anstatt uns Vorschläge zu geben, wie wir mit dem Tod beziehungsweise der Todesangst umgehen sollten, konzentriert er sich vielmehr darauf, warum wir uns überhaupt vor diesem fürchten. Bei der Klärung dieser Fragestellung strebt er dabei einen Weg an, bei dem man alle möglichen Meinungen
- er bezeichnet sie auch als „vortheoretische Konzepte“ -, ob sie sich nun im Nachhinein als richtig oder falsch erweisen, berücksichtigen sollte, um möglichst viele Einseitigkeiten auszuschließen. Jedoch habe diese Methode zwangsläufig einen Subjektiven Ausgangspunkt, da bereits die Auswahl der zu berücksichtigenden Ansichten ein subjektives Vorgehen sei. Darüber hinaus geht Tugendhat in seiner Schrift mit Grund nicht auf religiöse Ansichten ein. „Ich meine, daß es gute Gründe
gibt, einen solchen Glauben nicht zu haben, und daher interessieren mich diese
Meinungen zu wenig“ 9 . Dieses Vorgehen bezeichnet er als „explizite Willkür“. 2.2 Seine Darstellungen der Todesangst
7 Montaigne, M. d. (2008). Essais. Ditzingen: Reclam, S. 60
8 Montaigne, M. d. (2008). Essais. Ditzingen: Reclam, S. 61
9 Tugendhat, E. (2001). Aufsätze: 1992-2001. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 68
Arbeit zitieren:
Mischa Gillessen, 2010, Überprüfung von Michel de Montaignes Argumentation aus seinem Essay "Philosophieren heißt sterben lernen" an der gegenwärtigen gesellschaftlichen Realität bzw. Medienrealität, München, GRIN Verlag GmbH
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