Inhalt
Einleitung 3
1. Die allgemeine Theatersituation in England im 16./17. Jahrhundert 4
2. Geschlechtlichkeit in der elisabethanischen Gesellschaft 5
2.1 Kleidung, Mode, Kostüm
2.2 Gleichheit und Verschiedenheit 6
2.3 Geschlechterbeziehungen 7
3. Abweichungen von der göttlichen Ordnung 9
3.1 Homosexualität
3.2 Hermaphroditismus
3.3 Eunuchen 10
3.4 Cross-dressing 11
4. Die Frau im Theater 13
4.1 Das weibliche Publikum
4.2 Frauen auf der englischen Bühne 14
5. Cross-dressing auf der elisabethanischen Bühne 15
5.1 Boy Actors
5.2 Dramen 16
Schlu ßwort 19
Quellen 21
2
Einleitung
Boy actors bilden einen charakteristischen Aspekt des Theaters der englischen Renaissance, sie übernahmen im Erwachsenentheater die weiblichen Bühnenrollen. Dabei stellt sich unweigerlich die Frage, warum es auf der elisabethanischen Bühne keine Schauspielerinnen gab, zumal dies im europäischen Vergleich eine Anomalie darstellt. Die Engländer kannten weibliche Darsteller nur durch Gastspiele ausländischer Truppen, doch gibt es Dokumente, die bezeugen, daß in der Zeit vor Elizabeths Regierungsantritt sehr wohl auch Frauen Theater spielten.
Dieser Sachverhalt wurde in dem ansonsten sehr umfangreichen Angebot an Literatur zum Elisabethanischen Zeitalter bisher relativ wenig erforscht; die meisten Autoren konzentrieren sich im Hinblick auf das Theater hauptsächlich auf Shakespeare. So bleibt offen, ob die Frage: „Warum Boy Actors?“ überhaupt zufriedenstellend beantwortet werden kann. Die Untersuchung des Themas führt von kulturbezogenen Ansichten gegenüber Frauen und Sexualität im 16. Jahrhundert über die Einstellung zu Abweichungen von der divine order denn als solche betrachtete man Transvestismus, Homosexualität oder Hermaphroditismusbis hin zu cross-dressing als Gegenstand verschiedener Dramen. Darüber hinaus wird das englische Renaissancetheater oft als misogyn bezeichnet. Doch wie wirkten diese Stücke auf die weiblichen Zuschauer, welche einen nicht unwesentlichen Teil des Publikums ausmachten? Theatergegner sahen im Theater ohnehin eine Gefahr für die Ehrbarkeit der Frauen, besonders die Puritaner betrachteten diese Institution als überaus sündhaft und verwerflich. Dieselbe Besorgnis um weibliche Sittlichkeit kannten aber auch die Italiener, Franzosen und Spanier; trotzdem verbannten sie ihre Schauspielerinnen nicht von den öffentlichen Bühnen. Warum also stellt das englische Theater eine solche Ausnahme dar, und in welchem Zusammenhang steht diese Situation mit den Vorstellungen von Geschlechtlichkeit, Sexualität und der Stellung der Frau in der Gesellschaft? Dies soll im Folgenden näher untersucht werden.
3
1. Die allgemeine Theatersituation in England im 16./17. Jahrhundert
Zum Zeitpunkt der Regierungsübernahme Elisabeths I. im Jahre 1558 existierte in England noch kein feststehender Theaterbau. Beobachter aus jener Zeit äußerten sich jedoch übereinstimmend, daß es in London im Vergleich zu anderen europäischen Städten außergewöhnlich viel Theater zu sehen gab, womit zweifellos die vielen Festlichkeiten gemeint waren, die mit großem Aufwand betrieben wurden und sich über Tage ausdehnen konnten. Dazu gehörten höfische und städtische Zeremonien wie Krönungen, Staatsbegräbnisse, Umzüge und Huldigungen, bei denen verkleidete Darsteller symbolische Handlungen vollzogen.
Es gab Schultheateraufführungen auf Latein in den grammar schools und Universitätstheater in Oxford und Cambridge, sowie Maskenspiele und Privatvorführungen durch Berufsschauspieler oder Laien bei Hofe und auf den Herrensitzen der Adligen. Umherreisende Truppen professioneller Schauspieler gaben Gastspiele auf Marktplätzen oder in Innenhöfen von Gasthäusern; letzteres wurde 1573 von den Puritanern verboten. Durch ein 1572 von Elisabeth erlassenes Gesetz mit dem Titel „Acte of the Punishment of Vacabondes“ sollten alle „,fencers, bearwards, common players in interludes and minstrels, not belonging to any baron of this realm or toward any other honourable personage of greater degree [...] be taken adjudged and deemed rogues, vagabonds [...]‘“ 2 Die companies waren dadurch gezwungen, einen Adligen zu finden, der sie unter seine Schutzherrschaft nahm. Das erste öffentliche Theater - The Theatre, 1576 von James Burbage im Norden Londons außerhalb der Stadtgrenzen errichtet - war ein sofortiger Erfolg, so daß bald weitere folgten. Die wichtigste Gruppe von Theatern, zu denen das Globe gehörte, lag im Süden, im Londoner Vergnügungsviertel, wo sich außerdem Tierkampfarenen, Kneipen und Bordelle befanden. Neben den öffentlichen, outdoor-Theatern gab es die im Innenraum befindlichen Privattheater, welche - besonders aufgrund der höheren Eintrittspreise - ein erleseneres Publikum anzogen. Das bekannteste ist das 1576 eröffnete Blackfriars, ein ehemaliges Mönchskloster. Bis 1610 traten in Privattheatern vor allem Kindertruppen auf; später wurden die Räumlichkeiten von den Erwachsenentruppen im Winter als Spielstätte genutzt, wenn es
1 Suerbaum, Ulrich: Das elisabethanische Zeitalter. Stuttgart. Reclam. 2003, S. 399
2 Styan, J. L.: The English Stage: A History of Drama and Performance. Cambridge. University Press. 1996
4
für open-air-Aufführungen zu kalt war. 1642 ordneten die Puritaner die Schließung aller Theater an.
Im elisabethanischen England galt Theater lediglich als Randphänomen und bot dennoch ständigen Gesprächsstoff. Es wurde von vielen Seiten kritisiert und bekämpft, konnte sich aber über mangelnde Klientel keineswegs beklagen. Das Theater hatte „keinen anerkannten Platz als Kultur- und Bildungsinstitut oder überhaupt als Träger wichtiger oder wünschenswerter gesellschaftlicher Funktionen.“ 3 Sein einziger Zweck lag in der Unterhaltung. Diesen Auftrag zu erfüllen, stellte für die Dramatiker eine Herausforderung dar, denn sie mußten den Ansprüchen eines sehr gemischten Publikums gerecht werden. Das Drama selbst war noch nicht einmal als eigenständige Literaturgattung oder gar als Kunst anerkannt.
Der Anspruch des Theaters, die Welt im kleinen abzubilden, korrespondiert mit der Weltanschauung eines Theatrum Mundi: jeder Mensch hat die ihm von Gott auferlegte Rolle zu spielen. Diese auch bei Shakespeare tief verankerte Vorstellung spiegelt sich in seinen Dramen wider, wie zum Beispiel in Jaques Monolog in ,As You Like It‘:
All the world´s a stage,
And all the men and women merely players; They have their exits and their entrances, And one man in his time plays many parts. (II, 7)
2. Geschlechtlichkeit in der elisabethanischen Gesellschaft
2.1 Kleidung, Mode, Kostüm
Dem Weltbild der Renaissance folgend, nach welchem alle Lebensbereiche einer hierarchischen Ordnung unterworfen waren, erließ Elisabeth, ebenso wie alle anderen Tudormonarchen vor ihr, Kleidergesetze, durch welche genau festgelegt war, welcher gesellschaftliche Stand bestimmte Stoffe, Farben und Accessoires tragen durfte.
3 Suerbaum, S. 401
4 ebd., S. 510
5
Im Hinblick auf weibliche Schönheitsideale und Mode, zumindest was die Aristokratie betrifft, kann man sich vor allem an zeitgenössischen Gemälden orientieren. Königin Elisabeth hatte mit ihrer Thronübernahme die spanische Mode eingeführt, welche einer strengen Schnittvorgabe folgte und von geometrischen Formen bestimmt war. Charakteristisch sind dabei der Reifrock und das mit Eisen- und Fischbeinstäben versehene Korsett, mit dessen Hilfe es möglich war, den Oberkörper der Frau zu einem spitzen Kegel zu stilisieren. Das zum Teil mit Bleiplatten gepanzerte Mieder ließ die Wölbung der Brust völlig verschwinden. In England wurden die spanischen Formen sogar noch übertrieben, andererseits waren die Kleider aber weniger steif und die Farben heller und freundlicher als in Spanien.
Das weibliche Schönheitsideal im elisabethanischen England negierte weibliche Formen und ließe sich stattdessen eher mit Knabenhaftigkeit beschreiben: „slim-hipped and flatchested“ 5 . Umgekehrt hängt es davon ab, wie die Gesellschaft Weiblichkeit definiert, um entscheiden zu können, ob ein Knabe als weiblich aussehend betrachtet wird oder nicht. Das Theater stellte im Grunde einen Verstoß gegen die Kleidergesetze dar, jedoch nur in Bezug auf die standesgemäßen Vorschriften. Auf der Bühne präsentierten sich middle-class- Schauspielerin den Kleidern der Aristokraten, doch in Anbetracht der Tatsache, daß die Kostüme zum größten Teil abgelegte Gewänder echter Adliger waren und das Theater von Adligen gefördert wurde, stellte dies kein Problem dar.
Frauen wurden schon aufgrund ihrer Anatomie als dem Mann unterlegen eingestuft, was sich gut in das vorgefertigte Konzept der Hierarchien einfügte. Ärzte vertraten die These, die Genitalien von Frau und Mann entsprächen einander spiegelbildlich, mit dem einzigen aber entscheidenden Unterschied, daß beim Mann die Geschlechtsorgane nach außen gekehrt sind, während sie sich bei der Frau innerhalb des Körpers befinden. Diese weibliche Unvollkommenheit wurde einerseits durch natürliche Vorsehung begründet, andererseits
5 Orgel, Stephen: Impersonations. The Performance of Gender in Shakespeare´s England. Cambridge. University
Press. 1996, S. 70
6 Laqueur, Thomas: Making Sex - Body and Gender from the Greeks to Freud. Cambridge. Harvard University
Press. 1990, S. 142
6
Arbeit zitieren:
Lisette Vieweger, 2007, Die Darstellung von Geschlechtlichkeit im elisabethanischen England, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Theaterwissenschaft, Tanz: Die Darstellung von Geschlechtlichkeit im elisabethanischen England ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Theaterwissenschaft, Tanz: neuer Titel erschienen: Die Darstellung von Geschlechtlichkeit im elisabethanischen England
Lisette Vieweger hat einen neuen Text hochgeladen
Nationales Strafrecht in rechtsvergleichender Darstellung
Allgemeiner Teil. Band 2: Gese...
Ulrich Sieber, Karin Cornils
Nationales Strafrecht in rechtsvergleichender Darstellung.
Allgemeiner Teil. Band 3: Obje...
Ulrich Sieber, Karin Cornils
0 Kommentare