Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Feyerabend wider den Methodenzwang 4
3. Wider einen rhetorischen Methodenzwang? 7
3.1. Rhetorik als Wissenschaft 7
3.2. Ein rhetorisches „anything goes“? 9
4. Das rhetorische Paradigma S.11
5. Literaturverzeichnis 14
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1. Einleitung
„The sophists introduced […] further methods for reducing the debilitating effect of interesting, coherent, ‘empirically adequate’ etc. etc. tales. The achievements of these thinkers were not appreciated and they certainly are not understood today.” 1 Die Sophisten, die als „philosophische Relativisten“ für ihre Irreführung der antiken Griechen durch Scheinbeweise seit Jahrhunderten als Negativbeispiel missbrauchter Rhetorik herhalten müssen, 2 werden in diesem Zitat durch den österreichischen Philosophen und Wissenschaftstheoretiker Paul Feyerabend verteidigt. Mit ihnen teilt er, neben ihrer Kontroversität, die Ablehnung „universeller“ und „ahistorischer“ Wahrheiten. 3 Bekanntheit erlangte Feyerabend durch die tiefgreifende Übertragung dieser Überzeugung auf die Methodologie und Theorie der Wissenschaft und seinem daraus abgeleiteten „Wissenschaftsanarchismus.“ Seine Feststellung - nicht Forderung - des wissenschaftlichen „anything goes” wirkte bis in den populärwissenschaftlichen Diskurs, wenn auch nur noch als Zerrbild seiner Gedanken. 4 Insbesondere deswegen verdienen es Feyerabends wissenschaftstheoretischen Überlegungen jedoch, in der folgenden Hausarbeit tiefergehend vorgestellt und analysiert zu werden.
Ein Grundproblem der Wissenschaftstheorie ist, wie bereits in dem dieser Arbeit zu Grunde liegenden philosophischen Kompaktkurs 5 festgestellt, die rationale Erklärung des anhaltenden empirischen Erfolgs der Wissenschaften. Besonderer Aufmerksamkeit in der Analyse der Methodologie bedürfen dabei die Bereiche der Verlässlichkeit und Effektivität sowie eines möglichen Erkenntnisfortschritts durch die Wissenschaft. 6 Zunächst soll dazu Feyerabends Kritik am wissenschaftlichen „Methodenzwang“ in Grundzügen dargestellt werden, bevor
1 FEYERABEND, Paul K.: Knowledge, Science and Relativism. Cambridge 1999. S. 188.
2 vgl. RICHARDS, Jennifer: Rhetoric. Abingdon u. New York 2008. S. 22f.
3 vgl. CHALMERS, Alan F.: Wege der Wissenschaft. Einführung in die Wissenschaftstheorie. 6. verbesserte Aufl. Berlin u. Heidelberg 2007. S. 131.
4 vgl. ROSENBERG, Alex: Philosophy of Science. A contemporary introduction. New York u. Abingdon 2000. S. 173.
5 ENGLER, Olaf: Theoretische Philosophie I (Wissenschaftstheorie). Kompaktkurs an der Universität Rostock. Sommersemester 2010.
6 vgl. RADNITZKY, Gerard: Wissenschaftstheorie, Methodologie, in: SEIFFERT, Helmut; RADNITZKY, Gerard (Hrsg.): Handlexikon zur Wissenschaftstheorie. München 1989. S. 469f.
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diese an Hand der konkreten Wissenschaft kritisch überprüft wird. Da dies bereits in ausführlicher Weise aus naturwissenschaftlicher Perspektive geschehen ist, soll stattdessen eine Übertragung auf die Geistes- und Sozialwissenschaften am Beispiel der Rhetorik gewagt werden. Auf wissenschaftstheoretisch neuem Terrain wird daher zunächst zu prüfen sein, inwiefern die Rhetorik sich überhaupt als wissenschaftlicher Untersuchungsgegenstand eignet. Feyerabend zumindest hebt die Bedeutung der rhetorischen Fähigkeiten eines Galileo Galilei in der Überzeugungsarbeit für dessen neugewonnene Erkenntnisse hervor 7 . Wir wollen jedoch im Weiteren bereits deren wissenschaftstheoretischen Wert an sich betrachten und daher sowohl auf Theorie und Praxis der antiken sowie gegenwärtigen Rhetorik eingehen. Wenn Sophisten aber, wie eingangs von Feyerabend behauptet, heutzutage nicht verstanden werden, drängt sich die Frage auf, warum dies so ist und wie dennoch antike und moderne Rhetoriktheorien verglichen werden können. Um diese mögliche Inkommensurabilität ausblickend betrachten zu können, wird zusätzlich Thomas Kuhn hinzugezogen. Aus dieser Betrachtung soll hervorgehen, ob der von diversen rhetorischen Trainern versprochene „Paradigmenwechsel in [der] Art zu kommunizieren“ 8 mehr beinhaltet, als nur einen in diesem Fall zum stilistischen Mittel entfremdeten philosophischen Begriff. Abschließend wird der Rückbezug zum eigenen Text gezogen, der sowohl wissenschaftlich, als auch rhetorisch aufgebaut ist - sich schlussendlich also selbst die Frage stellen muss, inwiefern er insbesondere aus Sicht der Rhetorik ebenfalls einem Methodenzwang unterliegt.
2. Feyerabend wider den Methodenzwang
„Einstimmigkeit in der Meinung mag zu einer Kirche passen, angemessen für die eingeschüchterten und geblendeten Opfer eines (alten oder neuen) Mythos oder für die schwachen und willfährigen Anhänger irgendeines Tyrannen. Meinungsvielfalt ist ein Kennzeichen, wie es für objektive Erkenntnis notwendig ist.“ 9 Meinungsvielfalt exemplifiziert für Paul Feyerabend das höchste Gut der empirischen Wissenschaften. Der Popper-Schüler und langjährige Philosophieprofessor an der Universität von Kalifornien in Berkeley wendet sich in seiner Wissenschaftstheorie in dieser Hinsicht
7 FEYERABEND, Paul K.: Wider den Methodenzwang. 3. überarbeitete Aufl. Frankfurt a. M. 1991[1983]. S. 184f.
8 vgl. http://www.soft-skills.com/kommunikativekompetenz/rhetorischekompetenz/rhetorik/dreieck.php [Letzter Zugriff: 25.08.2010]
9 FEYERABEND, Paul K.: Probleme des Empirismus I. Stuttgart 2002 [1965]. S 75.
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deutlich vom Falsifikationismus Poppers ab, da er die Konzeption einer einheitlichen Methode, die unter allen Umständen wissenschaftlichen Fortschritt ermöglicht, ablehnt. 10 In seinem 1975 erschienenen Buch „Wider den Methodenzwang“ 11 versucht Feyerabend an Hand zahlreicher Beispiele zu belegen, dass eine solche einheitliche Methode nicht zwangsläufig zu „wissenschaftlichem Fortschritt“ führt und zahlreiche wissenschaftliche Fortschritte gerade nur durch das Abweichen von bekannten Arbeits- und Denkweisen erzielt werden konnten. 12
Erfolgreiches Forschen gehorche demnach nicht allgemeinen Regeln: „es verlässt sich bald auf den einen, bald auf den anderen Maßstab, und die Schachzüge, die es fördern, werden dem Forscher oft erst nach Vollendung der Forschung klar.“ 13
Eine „universelle“ und „ahistorische“, also damit zeitlose Methode, müsse ihrem eigenen Anspruch nach die aristotelische Physik in gleichem Maße beurteilen können wie die einsteinsche Relativitätstheorie. 14 Feyerabend verneint jedoch gerade diese Möglichkeit, da eine Wissenschaftstheorie, die Maßstäbe für alle wissenschaftlichen Tätigkeiten aufstelle und sie durch Hinweis auf eine Rationalitätstheorie autorisiere, viel zu grob und einseitig sei, als dass sie den Wissenschaftlern bei ihrem Geschäft helfen könne. 15 Mit einer selbst oktroyierten Verengung der Wissenschaft auf eine einzige Methode forschen zu wollen - diese Kritik zielt insbesondere auf den Popperschen Falsifikationismus ab - sei ebenso unpassend „wie es unmöglich ist, den Mount Everest mit den Schritten des klassischen Balletts zu erklettern.“ 16 Als konstituierend für dieses Wissenschaftsverständnis muss Feyerabends Wahrheitsbegriff verstanden werden. Er konstatiert, dass in der Praxis „Wissenschaftliche Theorien […] nicht nach Wahrheit und Falschheit, sondern nach ihrer praktischen Brauchbarkeit beurteilt [werden.]“ 17 Erscheine eine Theorie nach einem solchen pragmatischen Wahrheitsverständnis
10 vgl. BIRD, Alexander: The historical turn in the philosophy of science, in: PSILLOS, Stathis; CURD, Martin (Hrsg.): The Routledge Companion to Philosophy of Science. Abingdon u. New York 2008. S. 74f.
11 im Original: „Against Method“. Die deutsche Übersetzung wurde von Feyerabend nach ihrer Erstveröffentlichung zum Teil umgeschrieben und 1983 erneut veröffentlicht. Auf diese revidierte Fassung von „Wider den Methodenzwang“ , die Feyerabends Gedanken vermutlich am klarsten darstellt, wird im Folgenden Bezug genommen.
12 vgl. FEYERABEND 1991. S. 21.
13 vgl. ebd. 1991. S. 376.
14 vgl. CHALMERS 2007. S. 131.
15 vgl. FEYERABEND 1991. S. 376.
16 vgl. ebd. S. 377.
17 ebd. S. 216f.
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Peer Klüßendorf, 2010, Wider den rhetorischen Methodenzwang, München, GRIN Verlag GmbH
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