Stefan Scheiben
Die Mühlen des Gesetzes. Gericht und Hierarchien bei Franz Kafka
Inhalt :
1. Einleitung
2. Die Mühlen des Gesetzes
2.1 Die Alltäglichkeit des Religiösen
2.2 Die Bezüge zum Chassidismus
2.3 Die Zugänglichkeit des Gesetzes
2.4 Der biblische Kontext und die mythische Überlieferung
3. Die himmlischen Gerichte
3.1 Die Gegenwärtigkeit des Gerichts
3.2 Kollektive Leugnung der Schuld
4. Gerichtliche Abläufe
4.1 Ansammlung von Schuld
4.2 Möglichkeiten der Beeinflussung
4.3 Die andere Seite
5. Nachwort
6. Quellen- und Literaturverzeichnis
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1. Einleitung
Der Otinjer zadik is amol geforn(…). Nisch wajt fun der schtot Kossuw farn grjssn bag-arop, set der balgole, wi der rebe kricht arop fun wogn. Fregt er: „Farwoss gejt ir zufuss?“ „Bajm wogn felt der tormas…“„Rebe!“, sogt der furman. „Wos schrekt ir sich? Ir sent doch a hejliker mentsch, a Schmelke mitn bojre-ojlem alejn!“ „Her mich ojss, majn frajnd!“, entfert der zadik, „Wen doss fert kert iber dem wog nun ich wern derharget, woss wolt demolt geschen? Kumendik ojf jener welt wolt ich gekont rufn dos fert zu a din tojre un gewinnen den pssak-din. Izt farschtej, farwoss ich bin aropgekrochn…
Ich will nicht hobn kejn din-tojre mit a fert!“ 1
Bereits in Frühzeiten der Kafka-Forschung schrieb Walter Benjamin an Gershon Scholem: „Dem würde der Schlüssel zu Kafka in die Hände fallen, der der jüdischen Theologie ihre komischen Seiten abgewönne.“ Gemeint ist letztlich wohl folgendes: Es ist nicht zu übersehen, wie kaballistische, aber auch chassidische Gedankengänge Kafkas literarische Produktion beeinflussten. Am deutlichsten wird dieser Einfluss, der natürlich nur eine der Kraftquellen der Kafkaschen Produktion ist, in jenem Roman, der explizit ein der himmlischen Gerichtsbarkeit nachempfundenes Verfahren darstellt: der Prozess. Die Parallelen zwischen jüdischer Mystik und dem Roman sind zum Teil sehr viel tiefgehender und deutlicher, als es im Rahmen dieser Arbeit darstellbar sein wird. Doch nicht an jenen reinen Lehren der religiösen Bücher orientierte sich Kafka hier, vielmehr schöpfte er reich aus einer Vielzahl von Sagen und Legenden sowie Überlieferungen, die mittlerweile Teil der Volksbildung waren - das ist jedenfalls die in dieser Arbeit nicht ohne Grund vertretene These. Allerdings übernimmt er diese Themen nicht einfach. Er schafft durch seine scheiternden Helden und gebrochene Sichtweisen einen parallelen Entwurf, der gerade die Halt- und Ziellosigkeit des assimilierten Juden ausdrückt, der über eben dieses Material nicht mehr verfügt und den Forderungen des Gesetzes deshalb nicht genügen kann, da er seine Schuld schon aus Unkenntnis leugnet. Damit soll keineswegs gesagt werden, das Kafka ausschließlich kaballistisch oder chassidisch schrieb (was eine reichlich unsinnige Folgerung wäre). Gerade bei Abwägung von Gerichtsthemen bei Kafka kommt man jedoch m.E. nicht an jenen religiösen Deutungsmustern vorbei.
1 Salcia. Landmann: Jüdische Anekdoten und Sprichwörter. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1965, S. 121 f. Die Übersetzung: Der Wunderrabbi ist einmal gefahren. Nicht weit von der Stadt Kosòv, wo es anfängt, steil abwärts zu gehen, sieht der Kutscher, wie der Rabbi vom Wagen herunterkrabbelt. Fragt er „Warum geht ihr zu Fuß?“ „Beim Wagen fehlt die Bremse…“ „Rabbi!“, sagt der Fuhrmann, „Was habt ihr Angst? Ihr seid doch ein heiliger Mann, sozusagen auf Du und Du mit dem Schöpfer der Welt selber!“ „Hört mir zu, mein Freund!“ antwortet der Wunderrabbi. „Wenn das Pferd den Wagen umwürfe und ich erschlagen würde - was geschehe dann? Auf jener Welt angekommen, könnte ich das Pferd vor Gericht fordern und den Prozess gewinnen. Und nun verstehst du vielleicht, warum ich heruntergekrabbelt bin … Ich will mit einem Pferd keinen Prozess führen!“
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2. Die Mühlen des Gesetzes
2.1 Die Alltäglichkeit des Religiösen
„Nicht nur, dass das Milieu, in dem er sich bewegte, in vielerlei realistischer Kleinmalerei in seinen Erzählungen und Romanfragmenten wiederauftaucht: Die Advokaturen, die Amtszimmer und -stuben, die Versammlungsräume, die Wirts- und Mietshäuser mit Wohnungen, Zimmern, Dachböden und Treppenhäusern. Auch die Menschen tauchen auf: Deiner, Pförtner, Vorgesetzte, Untergebene, Vater, Mutter, Schwestern. 2
Jacobs vermutet hier nahe liegender Weise einen direkten Zusammenhang zwischen Kafkas literarischem Werk uns seinen unmittelbaren Arbeits- und Lebenszusammenhängen. Diese Feststellung scheint zunächst banal. Denn woher sonst sollte ein Autor seine primäre Inspiration beziehen?
Der selbst durchaus wohlsituierte Franz Kafka war wahrscheinlich mit jenen kleinbürgerlichen, teils schon proletarischen Wohn-, Lebens- und Arbeitsverhältnissen, denen man in seinen Romanen und Erzählungen häufig begegnet, in erster Linie durch seine Tätigkeit in der Arbeiter-Unfall-Versicherung vertraut. Es waren eben jene Personen, die er, stets im Kontext des Unfalls und eventueller Versorgungsansprüche, durch seine Tätigkeit immer wieder zu Gesicht bekam. Kleine Mietskasernen, Dachgeschosse, Wäscheleinen und spielende Kinder auf den Treppen, wie sie die besondere Atmosphäre von Romanen wie dem
Prozess
prägen, dürften hier eher der Lebenswirklichkeit seiner Klienten entsprochen haben, deren Zaungast Kafka wurde.
Ständig greift er diesen leicht naiven Blick von außen auf und schildert beiläufig Nebensächlichkeiten in Szenen, die an den künstlerischen Realismus eines H. Zille mit seinen Hinterhofzeichnungen erinnern.
2 Wilhelm Jacobs: Moderne deutsche Literatur. Portraits, Profile, Strukturen. Signum Taschenbuch Verlag, Gütersloh (Das Erscheinungsjahr ist leider eigenartigerweise nicht angegeben, muss den Quellenangaben nach aber nach 1963 liegen), S. 64
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Abb.2: Alltagsszene in einer
zweifelhaften Idylle will Kafkas Angeklagter, er sucht vielmehr den Ort einer gerichtlichen Untersuchung, den nicht nur der Leser, sondern offenbar auch der Protagonist eher in einem repräsentativen Gerichtsgebäude erwartet hätte. Stattdessen vollzieht sich die Anhörung inmitten einer einfachen Wohnsphäre. Es ist nicht davon auszugehen, dass es sich dabei um einen Zufall handelt. Der Autor weist über die geschilderte Verwunderung seiner Hauptfigur geradezu darauf hin, dass dieses Faktum eine größere Rolle spielen muss als eine rein örtliche Koinzidenz. Ein Jurist wie Franz Kafka hätte zweifellos die Möglichkeit gehabt, realistische Gerichtskanzleien zu entwerfen oder darzustellen. Der bewusste Verzicht darauf zeigt bereits an, dass ein Verständnis des Gerichtes im Prozess als banal-realistische weltliche Institution der Rechtspflege den Gegebenheiten des Romans nicht gerecht werden kann. Das Gericht ist hier omnipräsent und offenbar nicht an formale Regeln gebunden, jedenfalls nicht an solche, die für den Protagonisten wahrnehmbar sein könnten. Trotz seiner Alltäglichkeit übt es eine Macht aus, der sich Joseph K. nicht widersetzen kann. Nicht nur dadurch
3 Die gängige Bezeichnung als Roman scheint hier nicht ganz unproblematisch zu sein. Vgl. auch Roland Reuß: Lesen, was gestrichen wurde. Für eine historisch-kritische Kafka-Ausgabe (online
unter www.kafka.org/essays/einleit.pdf ) : „Dem Geist der Zeit entsprechend, hieß einen Autor durchzusetzen: Ihn als Romancier zu etablieren, und man wird es Brod nicht verübeln können, wenn er noch in den dreißiger Jahren publizistisch alles dafür tat, dass die Entwürfe zum ‚Verschollenen’ (als ‚Amerika’-Roman), zum ‚Process’ und zum ‚Schloss’ von der literarischen Öffentlichkeit als Romane (mit allen Merkmalen, die dieser Gattung eigen sind) angenommen wurden. Idealtypisch wurde aus einem handschriftlichen Nachlass, der (…) insgesamt unvollendet war, von Brod ein Textkorpus konstituiert“. Das Dokument ist online verfügbar.
4 Franz Kafka: Der Prozess. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1996, S. 34f. (im Folgenden mit „P“ abgekürzt).
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verschwimmen Grenzen zwischen Macht und Recht, sondern die ständig unklaren Rollen der rechtstragenden Institutionen, Wächter, Anwälte und Richter, nicht zu vergessen die des scheinbaren Publikums, konstituieren vielmehr erst in Kombination ein System manifestierter Macht 5 . Nicht nur möglich, sondern m. E. auch durchaus legitim wäre es, in eben jener Verlagerung der Gerichtssphäre in die alltäglichen Wohnzusammenhänge religiöse Bilder zu erkennen. Mit den religiösen Zusammenhängen von Recht und Gesetz wird sich diese Arbeit im Folgenden noch beschäftigen. An dieser Stelle soll zunächst der Hinweis genügen, dass Kafka gerade in jenen Werken, die sich mit Schlüsselbegriffen wie Recht und Schuld befassen, häufig auch aus einer Vielzahl von religiösen Quellen zu schöpfen scheint. Vor diesem Hintergrund wirkt es schon relevanter, dass Kafka mit der mystischen Strömung des Chassidismus zumindest vertraut war, wie sie von Rabbi Israel Ben Elieser (auch Baal-Schem-Tow oder kurz Bescht genannt) begründet worden war: Gerade auch im Alltag war Gottes Herrschaft, die immer auch die Herrschaft des Gerichtes war, angesiedelt,
„wie von Henoch erzählt wird, er sei ein Flickschuster gewesen und habe mit jedem Stich seiner Ahle, der das Oberleder an die Sohle nähte, den Heiligen Gott mit der Einwohnenden Herrlichkeit verbunden“. 6
Natürlich wirkt dieser Bezug zunächst konstruiert, gewinnt aber an Substanz, wenn man sich sowohl Kafkas Handbibliothek 7 wie auch seinen Freundeskreis
5 Diese Kollisionen habe ich in einer früheren Arbeit bereits ausführlicher untersucht. Sie ist unter dem Titel „Die Hinrichtung des Rechts. Kollisionen von Macht und Recht in Kafkas ‚In der Strafkolonie’“ online publiziert bei http://www.wissen24.de (Publikationsnummer:11497).
6 Rabbi Israel Ben Elieser, nach: Martin Buber: Des Baal-Schem-Tow Unterweisung im Umgang mit Gott. Verlag Jakob Heyner, Köln 1970, S.23
7 Vgl. Jürgen Born: Kafkas Bibliothek. Ein beschreibendes Verzeichnis. Mit einem Index aller in Kafkas Schriften erwähnten Bücher, Zeitschriften und Zeitschriftenbeiträge. Zusammengestellt unter Mitarbeit von Michael Antreter, Waltraud John und Jon Shepherd. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1990.
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Arbeit zitieren:
Stefan Scheiben, 2003, Die Mühlen des Gesetzes, München, GRIN Verlag GmbH
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