Abstract
Der Körper als Einheit rückt in der logopädischen Therapie immer mehr in den Vorder-grund. Auch in der Stimmtherapie halten viele Konzepte Einzug, die an Tonus und Körperhaltung arbeiten, um so die Funktion und Leistungsfähigkeit der Stimme zu verbessern. In dieser Arbeit werden die Zusammenhänge von Stimme und Körper näher betrachtet und der Therapiebaustein Tonus / Haltung / Bewegung wird in den Mittelpunkt gerückt. Zum Abschluss werden einige Übungen für diesen Bereich als Beispiele und Anregungen für die logopädische Therapie angeführt.
Vorwort
Im Rahmen meines Praktikums, an der HNO-Abteilung des LKH Leoben-Eisenerz, habe ich einige Patienten mit primär hyperfunktionellen Dysphonien in Diagnostik- und Therapieeinheiten kennen gelernt. Eine Patientin habe ich selbst, unter Supervision, logopädisch betreut. Sie klagte über subjektive Heiserkeit und immer wiederkehrende Schmerzen im Halsbereich. In den Diagnostik- und Therapieeinheiten stellte sich heraus, dass die Halsmuskulatur der Patientin sehr verhärtet war, sie beim Sprechen ihren Kiefer nur wenig öffnete und allgemein eher angespannt war. Auch die Muskulatur rund um den Larynx war hart und ließ kaum Bewegungen des Kehlkopfes zu. Die Stimme der Patientin klang gepresst, etwas schrill und die mittlere Sprechstimmlage war erhöht. Auch im Kontakt mit anderen Patientinnen habe ich dieselbe Verhärtung der Halsmuskulatur, insbesondere des Musculus sternocleidomastoideus, beobachtet. Für mich stellte sich nun die Frage, wie es zu derartigen Verspannungen bzw. Verhärtungen der Muskulatur kommen kann und ob Verspannungen in diesem Bereich durch eine „falsche“ Körperhaltung beziehungsweise „falsche“ Tonusverhältnisse der Körpermuskulatur, entstehen können.
In dieser Bakkalaureatsarbeit versuche ich, die Zusammenhänge zwischen Tonus, Körperhaltung und Stimme zu verdeutlichen und klar miteinander in Verbindung zu bringen.
An dieser Stelle möchte ich mich bei all jenen bedanken, die durch ihre fachliche und persönliche Unterstützung zum Gelingen dieser Arbeit beigetragen haben. Ich danke meiner fachlichen Betreuerin, Frau Mag. Elisabeth Thallinger, für ihre Bereitschaft, diese Arbeit zu betreuen. Ihre wertvollen Hinweise und Ratschläge, sowie fachliche Kompetenz trugen wesentlich zur Entstehung dieser Arbeit bei. Auch meinem wissenschaftlichen Betreuer, Herrn Mag. Harald Lothaller, gebührt Dank, für seine kompetente Unterstützung und sein Bemühen beim Verfassen der vorliegen- den Arbeit.
Weiters möchte ich mich bei meiner gesamten Familie, besonders bei meinen Eltern, Christa und Eduard Tanner, bedanken, die mich, über dieses Studium hinaus, immer mit viel Liebe und Kraft unterstützt haben.
Ein großes Dankeschön auch an meinen Freund Stephan Pollin, der mich durch Höhen und Tiefen begleitet hat und mir während des Studiums ein guter Rückhalt war.
Zur Erleichterung der Lesbarkeit der vorliegenden Arbeit habe ich mich entschlossen, das generische Maskulinum zu verwenden. In dieser Schreibweise sind allerdings sowohl männliche als auch weibliche Personen eingeschlossen. Inhaltsbezogene Überle- gungen spielen dabei keine Rolle, alleine die Praktikabilität ist dafür ausschlaggebend.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG 1
2 DIE STIMME BEEINFLUSSENDE FAKTOREN. 3
2.1 Definition: Dysphonie 4
2.1.1 Definition: Funktionelle Dysphonien 5
2.1.1.1 Dysphonien: Hyper- und hypofunktionell? 5
3 TONUS, EUTONUS UND KÖRPERHALTUNG. 7
3.1 Definitionen. 7
3.1.1 Tonus. 7
3.1.1.1 Eutonus 8
3.1.2 Haltung 8
3.1.2.1 Zwei Dimensionen des Phänomens Haltung. 8
3.2 Stimme und Körper 9
3.2.1 Tonus und Körperhaltung. 9
3.2.2 Die aufgerichtete Körperhaltung 10
3.2.3 Häufige Abweichungen von der aufgerichteten Körperhaltung 11
3.2.3.1 Die schlaffe Haltung 11
3.2.3.2 Die hohlrunde Haltung 12
3.2.3.3 Die Hohlkreuz-Haltung. 12
3.2.3.4 Die straffe Haltung 12
3.2.4 Die Atmung als Bindeglied zwischen Tonus / Körperhaltung und Stimme 13
3.2.4.1 Haltung macht Atmung 13
3.2.4.2 Atmung macht Haltung 14
3.2.4.3 Atmung macht Stimme 16
3.2.5 Wechselbeziehungen zwischen den Körpersegmenten: Auswirkungen auf Atmung und
Stimme 17
3.2.5.1 Körperabschnitt Beine 18
3.2.5.2 Körperabschnitt Rumpf. 19
3.2.5.3 Körperabschnitt Hals und Kopf 21
3.2.6 Exemplarische Darstellung möglicher Zusammenhänge von Tonus / Haltung und Stimme 22
3.2.7 Überblick der Abhängigkeit von Körper- u Stimmfunktion (nach E Rabine) 29
4 ÜBUNGEN ZU TONUS, KÖRPERHALTUNG, ATMUNG UND STIMME. 30
4.1 Änderung der Tonqualität in Abhängigkeit von der Körperposition 30
4.2 Die Beckenuhr 31
4.3 Lockerung des Schultergürtels 33
4.4 Die Sternmethode 35
4.5 Armschwung. 37
4.6 Die ausbalancierte Stimmgebung 38
5 CONCLUSIO. 40
6 LITERATURVERZEICHNIS 42
1 Einleitung
„Der Mensch hat keinen Körper, er ist sein Körper. Er lebt nur dank eines höchst komplexen und wunderbaren Gebildes, das mit 100 Billionen Zellen etwa 1000-mal mehr Einheiten zählt, als unsere Milchstraße Sterne hat. Unser Körper ist der Produzent aller unserer emotionalen und kognitiven Fähigkeiten, er drückt unser Wesen, unsere Gestimmtheit und die Klangfarbe unseres Lebensgefühls aus. Mit unserem Körper stellen wir uns der Welt dar: Haltung, Gestik, Mimik, Bewegung - alles das sind körperliche Eigenschaften, die uns für die Mitwelt wahrnehmbar machen.“ 2
Physiologisch gesehen ist unsere Stimme ein Körperorgan: mit ihrer Hilfe verleihen wir unseren Emotionen und Stimmungen Ausdruck. Um einen einzigen Laut von uns zu geben, setzen wir mehr als 100 Muskeln koordiniert in Bewegung. 3 Die Muskulatur wird teils bewusst, teils unbewusst gesteuert. Das Ergebnis des Zusammenwirkens von Körperhaltungs-, Atmungs-, Kehlkopf- und Vokaltraktmuskulatur ist die menschliche Stimme. 4
Eine Störung der gesunden Stimmfunktion klingt zwar oft harmlos, näher betrachtet wirkt sie sich jedoch erheblich auf das Leben der Betroffenen aus: Manager sehen mit Unsicherheit einer geschäftlichen Auseinandersetzung entgegen, Lehrer gehen mit Furcht in die Klassen, Politiker verlieren ihre Selbstsicherheit, Mütter gehen Erziehungsaufgaben aus dem Weg.
Dabei ist die Stimme so unmittelbar mit der Person verbunden, dass ihr Vorhandensein und ihr Wert oft erst bemerkt werden, wenn sie in ihrer Funktion beeinträchtigt ist. 5 In der vorliegenden Arbeit werden zunächst in Kapitel zwei die vielen Faktoren, welche das wichtige Ausdrucksorgan „Stimme“ beeinflussen, dargestellt. Im weiteren Verlauf
2 Spiecker-Henke, M., Körperzentrierte Maßnahmen, 2008, S. 91.
3 Vgl.: Spiecker-Henke, M., Körperzentrierte Maßnahmen, 2008, S. 91.
4 Vgl.: Rabine, E., funktionales Stimmtraining, 1991, S. 57.
5 Vgl.: Gundermann, H., Heiserkeit,1983, S. 29f.
1
wird näher auf den Bereich Tonus, Haltung und Bewegung eingegangen. Dabei muss erwähnt werden, dass die anderen Bereiche in der Therapie ebenso zu berücksichtigen sind.
In den Kapiteln zwei und drei werden wesentliche Begriffe, zur Verständlichkeit der Arbeit, erläutert. Im weiteren Verlauf von Kapitel drei, werden schließlich die beiden Elemente „Stimme“ und „Körper“ in Verbindung gesetzt, wobei zuerst näher auf die körperlichen Voraussetzungen zur Stimmgebung eingegangen wird und dann die Zusammenhänge dargestellt werden.
Kapitel vier soll Möglichkeiten zur logopädischen Therapie darstellen. Einige Übungen aus verschiedensten logopädischen, aber auch nichtlogopädischen Konzepten werden exemplarisch herausgegriffen und sollen so zum Ausprobieren neuer Konzepte anregen.
2
2 Die Stimme beeinflussende Faktoren
Eine Vielzahl von Faktoren führt dazu, dass eine Stimme so klingt, wie sie klingt. Entsprechend groß sind die Variationsmöglichkeiten und der Facettenreichtum des menschlichen Stimmorgans.
Hammer 6 beschreibt den Stimmklang als „die Summe des Ausdrucks von Körperlichkeit, Persönlichkeit und Sprechsituation“. In der Abbildung 1 werden Faktoren dargestellt, die auf diese Bereiche und auf die Stimme Einfluss nehmen.
Hier ein Beispiel für die Verständlichkeit des Reaktionskreises: Stress oder Erschöpfung (Situation) können den Muskeltonus des Menschen verändern, was sich in Körperhaltung und Stimmklang bemerkbar macht. Das daraus resultierende Verhalten führt zu Reaktionen bei den Zuhörern. So kann sich eine erhöhte Spannung auf die Zuhörer übertragen, sowie durch ein „Zuwenig“ an Spannung die Aufmerksamkeit des Gesprächspartners verloren gehen kann. Der Entzug von Aufmerksamkeit zeigt wiederum
6 Hammer, S., Stimmtherapie, 2009, S. 47.
7 Hammer, S., Stimmtherapie, 2009, S. 47.
3
Auswirkungen auf den Sprecher, der möglicherweise mit Verärgerung oder Verunsicherung reagiert.
Die Stimme selbst kann ihrerseits für den Sprechenden Stress erzeugen, wenn sie durch Überlastung oder Erkrankung nicht situationsangemessen „funktioniert“. Erlebnisse, die mit intensivem oder dauerhaftem Unwohlsein oder auch mit Zuständen des Wohlbefindens belastet sind, prägen wiederum das Persönlichkeitsbild einer Person. Eine Veränderung des körperlichen und stimmlichen Ausdrucks, kann wiederum zu einer Änderung der Einstellung und „inneren Haltung“ eines Menschen führen und so Einfluss auf die Persönlichkeit nehmen. 8
2.1 Definition: Dysphonie
„Die Bezeichnung „Dysphonie“ bezieht sich nicht auf eine spezifische Diagnose, sondern ist als Rahmenbegriff aufzufassen, der alle Abweichungen von physiologischen Funktionsabläufen [der Stimme] und von normalen akustischen Parametern umfasst.“ 9
Die Dysphonie, Stimmerkrankung oder Stimmstörung, äußert sich im Wesentlichen durch eine eingeschränkte Leistungsfähigkeit der Stimme, verbunden mit Veränderungen des Stimmklanges, die sich als „Heiserkeit“, also eine Beimischung von Geräuschanteilen, bemerkbar machen. 10 Häufig treten Dysphonien auch in Verbindung mit Missempfindungen im Hals-Kehlkopf-Rachen-Bereich auf. 11
Eine Stimmerkrankung basiert entweder auf organischen Veränderungen des Kehlkopfes, wie Entzündungen oder Tumoren, oder auf einer Störung der Kehlkopffunktion. Dementsprechend unterscheidet man zwischen organischen und funktionellen Dysphonien. 12
8 Vgl.: Hammer, S., Stimmtherapie, 2009, S. 47.
9 Spiecker-Henke, M., Leitlinien, 1997, S. 60.
10 Vgl.: Hammer, S., Stimmtherapie, 2009, S. 51.
11 Vgl.: Spiecker-Henke, M., Leitlinien, 1997, S. 60.
12 Vgl.: Hammer, S., Stimmtherapie, 2009, S. 51.
4
Arbeit zitieren:
Beatrice Tanner, 2010, Aufrichtung - Basis des Körperinstruments?, München, GRIN Verlag GmbH
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