Zugriff ausgewählt. Am Ende kommt es zu einem Vergleich zwischen dem historischen und dem gegenwärtigen Lyrikunterricht. Es wird dargestellt, inwiefern die ganzen Zweifel am analytischen Verfahren in Wirklichkeit berechtigt sind und inwiefern schon mögliche Verbesserungen stattgefunden haben.
1.) Die Lyrikanalyse im Lehrplan
Die Bedeutung des Einsatzes von Lyrik soll hier anhand einer Erläuterung und Untersuchung des Hessischen Lehrplans für das Gymnasium mit dem Stand von 2005 herausgestellt werden. Dieser Lehrplan beschränkt sich auf die Klassen fünf bis zwölf. In der fünften Klasse werden die Lernziele noch sehr niedrig gesteckt, denn die Schüler sollen nur die Aussage eines Gedichtes erfassen können. Der analytische Bestandteil beträgt nur einen sehr kleinen Umfang und zwar handelt es sich hier nur um die Gestaltungsmittel Strophe, Vers und die Wortwahl. Im Vordergrund steht das Auswendiglernen ausgewählter Gedichte. In der sechsten Klasse verändert sich der Inhalt der Lernziele kaum. Als Zusatz kommen einige, aber nicht alle Formen der Bildrede hinzu. In der siebten Klasse sollen zum ersten Mal handlungs- und produktionsorientierte Aspekte zum Tragen kommen. Die Schüler sollen den Spannungsaufbau und die Gestaltungsmerkmale eines Gedichtes erkennen lernen. Zum ersten Mal werden sie auch mit den unterschiedlichen Gedichtformen, wie einer Ballade oder dem Sonett konfrontiert. Anhand eigener Schreibversuche sollen die unterschiedlichen Formen und Gestaltungsmittel erarbeitet werden. Nach einem Jahr intensiver Beschäftigung mit Lyrik soll diese in der achten Klasse etwas mehr in den Hintergrund treten. Erst sehr spät und zwar in der neunten Klasse kann man von einem Beginn des analytischen Umgangs mit Lyrik sprechen. Zum ersten Mal werden die Schüler auch in die verschiedenen Epochen der Literaturgeschichte eingeführt, indem man sie mit themen- oder motivgleichen Gedichten arbeiten lässt. Für die Lyrikanalyse unabdingbare Inhalte wie Reim-, Strophen- und Gedichtsformen werden intensiv behandelt. Vorher noch nicht bekannte Klang- und Stilfiguren, sprachliche Bilder und die Metrik lernen die Schüler zu erkennen und zu benennen. Mit Hilfe der Epochenbehandlung können sie nun den historischen und biographischen Hintergrund
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auswerten. Ein ganz wichtiger Aspekt dieser Jahrgansstufe scheint die Fähigkeit zu sein, über die Funktion und den Wert von Lyrik diskutieren zu können. Bemerkenswert ist, dass erst in der neunten Klasse der Grundstein für den analytischen Umgang mit Lyrik gelegt wird. Aufbauend auf den gewonnenen Erkenntnissen der neunten Jahrgangsstufe werden anschließend von der zehnten bis zur zwölften Klasse Gedichte aus den verschiedensten Epochen und auch moderne Gedichte der Gegenwart, die meist sehr unzugänglich für Schüler sind, vollständig analysiert und anschließend auch interpretiert. 3
2.) Die Legitimation und die didaktischen Lernziele des Lyrikunterrichts
Einen schlagkräftigen Legitimierungsgrund des Einsatzes von Lyrik im Deutschunterricht findet sich in seiner guten Eignung zur Erarbeitung der Literaturgeschichte wieder.
„[Es] können gerade Lyrik-Reihen mit einem überschaubaren Textkorpus Anreize
bieten, auf eigenständige, entdeckende Weise ein Verständnis für den historischen
Wandel sprachlich-literarischer und historisch-kultureller Prozesse zu entwickeln.
Material dazu liefert insbesondere die Lyrikgeschichte aus Phasen des Umbruchs,
der Schwellenzeiten und Zeitenwenden.“ 4
Des weiteren findet man eine Legitimation in der lyrischen Sprache selbst, denn diese ist prägnant, überschreitet Sprachnormen und spielt mit der Sprache. Die Literatursorte Lyrik beweist sich durch ihre gesteigerte Zeichenhaftigkeit und ihrer Möglichkeit der Mehrdeutigkeit. Natürlich spielt der Aspekt der Kürze eines Gedichts gegenüber zum Beispiel eines Dramas auch eine große Rolle. Als Lehrer kann man dadurch auch einmal eine leere Stunde sinnvoll füllen, vorausgesetzt die Klasse beherrscht die Anforderungen einer Lyrikanalyse beziehungsweise einer Interpretation. Aber allein die methodische Vielfalt, die sich in jedem einzelnen Gedicht anbietet, scheint schon Legitimation genug zu sein. 5
3 Gesamter Unterpunkt basiert auf dem Lehrplan der Internetseite
http://lernarchiv.bildung.hessen.de/reposit2/13455/deutsch_g8.pdf?user_id=mwendling&is_viewable=1&
digest=a300625d1d487b6fa1b4d953be3a2b52 (12.06.2007)
4 Korte. S. 208.
5 Absatz basiert auf Internetseite http://www.ruhr-uni-
bochum.de/lidi/Downloads/examensreader_neu_130105.pdf (12.06.2007)
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Um die Legitimation des Einsatzes von Lyrik im Deutschunterricht zu unterstreichen, soll im Nachfolgenden kurz auf die Lernziele des Lyrikunterrichts eingegangen werden und mit einem kleinen historischen Rückblick begonnen werden. Schon im 19. Jahrhundert und auch noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eignete sich die Lyrik, welche auch meist in Form eines Liedes vorgetragen wurde, gut zur Identitätsfindung. Damals war es, nicht wie heute, ein angesehenes Freizeitvergnügen, eigenständig Gedichte zu verfassen. Völlig außer Acht gelassen wurde zu diesen Zeiten der analytische und interpretatorische Teil, der höchstens in den Literaturunterricht der Gymnasien Einzug fand. 6 Heute ist der Gebrauch von Lyrik als ein Teilaspekt der Freizeit in den Hintergrund getreten. Doch die Zielsetzung scheint immer noch die gleiche zu sein und zwar vor allem der Identitätsfindung Jugendlicher beizutragen. Als die wichtigsten didaktischen Lernziele gelten unter anderem die „Entfaltung von Sprachreflexion und Sprachbewusstsein“, die „Resistenz gegenüber Ideologien und vorgefertigten Wirklichkeitsmodellen“, das Erlernen des „Aufbau[s] eines dialogischen Verhältnisses zur Welt aus der Bereitschaft, sich dem offenen Reflexionsangebot des Gedichts zu stellen“, „die sprachliche Sensibilität“ zu fördern, dass eigene Ich zu stärken und die eigene Identität zu finden. 7 Zusätzlich eignen sich die Schüler einen großen Schatz an neuem Vokabular an, den sie benötigen, um bestimmte lyrische Phänomene, besonders solche der vergangenen Epochen zu beschreiben.
3.) Analytischer Umgang mit Lyrik
Das oberste Gebot der Lyrikanalyse ist immer die Betrachtung des Gedichts als Ganzes. Der Schüler sollte immer mit einer rein objektiven Analyse des Gedichts beginnen, denn aus der Analyse sollten sich im Folgenden die Interpretationsansätze und Hypothesen erschließen können. 8
Im Folgenden wird das hermeneutische Verfahren, also der kognitiv-analytische Unterricht, als einer von drei möglichen fachdidaktischen Zugriffen auf lyrische Texte
6 Vgl. Korte. S. 209-210.
7 Korte S. 213; Vgl. Korte. S. 213.
8 Vgl. Petruschke, Adelheid: Lyrik von der Klassik bis zur Moderne. Sekundarstufe II, Leipzig 2004.
[Stundenblätter Deutsch]. S. 17.
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Arbeit zitieren:
Christin Köhne, 2006, Didaktik des Lyrikunterrichts, München, GRIN Verlag GmbH
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