1.Einleitung
Das Thema der folgenden Arbeit ist „Der persönliche und sozialgeschichtliche Hintergrund des Propheten Jesaja“. Zur Erörterung seines komplexen Persönlichkeitsprofils werde ich mir zunächst seine Lebensdaten anschauen und danach anhand der in der Bibel vorhanden Texte, die von ihm handeln, detaillierter über seine Persönlichkeit, seine Abstammung, sowie sein soziales Umfeld schreiben. Ziel ist es herauszufinden, was für ein Typ Mensch der Prophet Jesaja war: Ein eher schüchterner, zurückhaltender Typ oder eher ein selbstbewusster, aufdringlicher Prophet? Zudem will ich schauen, wie sich der historische Hintergrund in seiner Prophetie widerspiegelt.
Vergleichend dazu werde ich auch andere Propheten und deren Lebenssituationen heranziehen und schauen, ob sich Aufgrund der unterschiedlichen persönlichen und/oder historischen Hintergründe Unterschiede oder Gemeinsamkeiten ergeben. Ausdrücklich möchte ich erwähnen, dass ich mich in meiner Arbeit nur auf den ursprünglichen Propheten Jesaja beziehe. Diesem werden die Kapitel 1-39 im Buch Jesaja zu geschrieben. Diesem so genannten Protojesaja folgen im Buch Jesaja die Propheten Deutero- und Tritojesaja. Diese beiden sind mit dem ursprünglichen Jesaja nicht verwandt. Möglicherweise waren es seine Schüler oder Personen, die im seinem Namen handelten und schrieben, vielleicht sind sie sich aber auch nie begegnet. Die Namen Protojesaja, Deuterojesaja und Tritojesaja sind reine erfundene Kunstnamen, die lediglich der besseren Unterscheidung dienen. In dieser Arbeit ist es nicht sinnvoll, Deutero- und Tritojesaja ebenfalls auf ihre persönlichen und sozialen Hintergründe zu untersuchen, weil auch die dahinter stehenden Personen sich nicht nur in ihrer Prophetie, sondern auch in ihren Lebensläufen deutlich unterscheiden.
2
Das prophetische Wirken des Propheten Jesaja ist belegbar von 740 v.Chr. dem Todesjahr des Königs Usija, in dem er zum Propheten berufen wurde (Jes.6,1), bis in das Jahr 701 v.Chr 1 .
In diesen vier Jahrzehnten seines Wirkens ereigneten sich für die Geschichte Israels und Judas viele wichtige Ereignisse, alle im Zusammenhang mit dem Aufkommen der neuen assyrischen Großmacht. Sein König Tiglatpileser III (745-727v.Chr) führte eine noch aggressivere Außenpolitik als seine Vorgänger. Sein Ziel war eine stufenweise Eroberung der Nachbarstaaten. 733/732 v.Chr eroberte er Damaskus und Israel und dehnte das assyrische Reich weiter aus. Im Norden drängte er das Reich von Urartu zurück, besiegte unterschiedliche, aufrührerische Völkerschaften im Nordiran und machte Babylonien zur assyrischen Provinz.
Vor allem die Eroberung Israels war für den in Jerusalem im Königreich Juda lebenden Jesaja bedeutsam. Denn in der Vorgeschichte der assyrischen Eroberung spielt Juda eine wichtige Rolle. Die Königreiche Israel und Damaskus planten die Gründung einer antiassyrischen Koalition, um den assyrischen Machtzuwachs zu verhindern. In dieses Bündnis hätten sie gerne auch Juda mit einbezogen, dessen König Ahas lehnte aber das Angebot ab 2 . Dennoch gaben die Könige von Israel und Damaskus, Pekach und Rezin, ihren Plan nicht auf, sondern entwickelten ihn weiter. Sie hatten zunächst vor, in einem schnellen Krieg, Jerusalem zu erobern und einen von Pekachs Söhnen auf den Thron von Juda zu setzen. So kam es 734 v.Chr zum syrisch-ephraimischen Krieg, d.h. Damaskus und Israel gegen Juda. In dieser für König Ahas kritischen Situation war Jesaja an seiner Seite und prophezeite Ahas sicheres Weiterleben und den Untergang von Damaskus und Israel durch Assyrien (Jes.7,1-17 und 8,1-15). Tatsächlich traten seine Prophezeiungen ein. König Ahas war Realpolitiker und sah seine beste Überlebenschance in einem Bündnis mit den Assyrern (getreu dem Grundsatz: „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“). Er ging ein Bündnis mit den Assyrern ein, diese eilten ihm auch sofort zur Hilfe und unterwarfen Israel und Damaskus. Der Haken an der Sache war, dass Juda nun von Assyrien abhängig war, da sein Überleben nur
1 Vgl. Marti, Karl S.20
2 Vgl. Donner, Herbert S.
3
dem raschen assyrischen Eingreifen verdankte. Juda wurde zum assyrischen Vasall. Jesaja meinte in seiner Prophezeiung, Ahas sollte auf Gott vertrauen, da dieser alles richten wird, und nicht das er die Assyrer um Hilfe bitten sollte.
Allerdings hatte Jesaja auch den Untergang Judas prophezeit in den Jahren nach Ahas (Jes.8,8). Ahas Nachfolger auf dem judäischen Thron wollten seine unterwürfige Politik nicht in dem Maße fortsetzten.
König Hiskia, der Sohn von König Ahas, wollte in seiner Regierungszeit (725- 697 v.Chr) das Vasallenverhältnis zwischen Juda und Assyrien auflösen, als sich eine vermeintliche Chance dazu bot. Während der Regierungszeit König Sargon II (722 -705 v.Chr) flammten im assyrischen Reich Konflikte auf, die nur mit militärischer Gewalt beruhigt werden konnten. Als Sargon II im Jahre 705 v.Chr verstarb, löste dies eine Reichskrise aus. Babylonien sagte sich vom assyrischen Reich los und König Hiskia sah seine Chance gekommen. Er schien eine antiassyrische Koalition auf die Beine gestellt zu haben, denn er und zwei Philisterstaaten am Mittelmeer stoppten die jährlichen Tributzahlungen an die Assyrer 3 . Zudem bemühte er sich, Ägypten als Alliierten zu gewinnen. In dieser für König Hiskia entscheidenden Situation, in der er sich wahrscheinlich Unterstützung von jedem Judäer erhoffte, trat Jesaja erneut entscheidend in Erscheinung. Er unterstützte die Politik des Königs nicht, sondern kritisierte sie. Er warnte vor einem Bündnis mit Ägypten, da in einem solchen Fall Ägypten und Juda nicht gleichberechtigte Partner wären und zudem die Ägypter nicht stark genug waren um, gegen Assyrien zu bestehen 4 .
Inhaltlich hatte Jesaja völlig Recht. Ägypten war nicht in der Lage, die Stärke vergangener Jahrhunderte zu zeigen, vielmehr verfiel das Land innerlich durch eine rasche Abfolge mehrerer Könige und Dynastien. Söldnerführer kamen an die Macht und Unterägypten zerfiel in Teilfürstentümer.
Des Weiteren betonte Jesaja die neutrale Position Jahwes (Jes.18,4), was bedeutete, er werde nicht auf Seiten Judas in den kommenden Konflikt eintreten. Zudem meinte er, dass ein Bündnis mit Ägypten einen Vertrauensbruch gegenüber Jahwe bedeutete (Jes.31,1).
Das Erfolg versprechende antiassyrische Bündnis wurde erst im Jahre 701v.Chr auf die Probe gestellt und scheiterte. Nachdem der neue assyrische König Sanherib die Probleme mit Babylonien militärisch geklärt hatte, machte er sich in den Westen auf, in
3 Vgl. Donner, Herbert S 323.
4 Vgl. Donner, Herbert S.324
4
Arbeit zitieren:
Bachelor Thorsten Kozik, 2006, Der persönliche und sozialgeschichtliche Hintergrund des Propheten Jesaja, München, GRIN Verlag GmbH
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