1. EINLEITUNG. 2
2. ZUSAMMENFASSUNG: VON DER GALANTERIE ZUR FREUNDSCHAFT MIT BLICK AUF DIE AUSDIFFERENZIERUNGSPROZESSE. 3
2.1 Ausdifferenzierung. Ein ausführlicher Blick. 4
2.2 Galanterie als Verbindungsbegriff. 5
3. AUSDIFFERENZIERUNG IM CODE FÜR INTIMITÄT: FREUNDSCHAFT. 8
3.1 Definition und Funktion des Freundschafts-Begriffs. 9
3.2 Gesellschaftsdifferenzierung und Veränderung. 10 3.3 Soziale Reflexivität 11
3.4 Gründe für das Scheitern von Freundschaft im Code für Intimität. 13
4. ZUSAMMENFASSUNG. 14
EXKURS ZUR BEDEUTUNG VON FREUNDSCHAFT FÜR DIE STABILITÄT DER GESELLSCHAFTSSTRUKTUR NACH GEORG SIMMEL. 15
LITERATUR: 19
1
1. Einleitung.
Im Kapitel Von der Galanterie zur Freundschaft führt Luhmann eine exemplarische Analysen durch, um historisch die Bedingungen aufzuzeigen, die die Entwicklung des Kommunikationsmediums für den Intimbereich ermöglichten. In diesem Kapitel beschreibt Luhmann das 17. Jahrhundert mit seiner stratifikatorischen Gesellschaftsdifferenzierung, die gekennzeichnet ist durch klare Hierarchien. Hierbei werden Ausdifferenzierung und Problemlösungsansätze im Code für Intimität anhand der Begriff Liebe und Freundschaft beschrieben. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt auf den Ausdifferenzierungsprozessen innerhalb des Codes. 1
Die Ausdifferenzierung des Mediums Liebe und die Entwicklung einer haltbaren, tradierten und gepflegten Semantik verläuft nicht linear oder reibungslos, im Gegenteil: die Ausdifferenzierung ist problematisch. Im Rahmen der Luhmannschen 'Theorie der Ideenevolution' wird gezeigt, wie innerhalb des 'Ideenguts' Variationen, Selektionen und Stabilisierungen stattfinden. Eine Variation mit 'zeitbedingter Plausibilität' ist der Versuch, die Basis für den Code auf Freundschaft und nicht auf Liebe umzustellen (106).
Die Individualisierung der Person und der gesteigerte Nahweltbedarf 2 werden zum Problem. Um diesem Problem begegnen zu können, wurde ein gemeinsames Kommunikationsmedium entwickelt „unter Benutzung des semantischen Feldes von
1 Zur Bestimmung, wie die Form eines Codes gedacht werden müsse, siehe: Niklas Luhmann: Die Paradoxie der Form, S.243-262. in: Ders.: Aufsätze und Reden. Stuttgart 2001. "Das Setzen einer Unterscheidung ist eine Operation, die auch dann möglich ist und möglich bleibt, wenn die Unterscheidung in ihrer Form als Paradoxie beobachtet wird. Man kann es tun, wenn und solange die 'Autopoiesis' des Beobachtens funktioniert. So auch die Autopoiesis des Lebens. (…) Deshalb muss man Operieren und Beobachten unterscheiden, auch wenn auch dieses Unterscheiden wiederum eine beobachtende Operation ist. Die Theorie ist an dieser Stelle zum autologischen Schluss, zum Rückschluss auf sich selbst gezwungen. Damit ist zugleich alles, was beobachtet wird, auf eine Paradoxie gegründet und zugleich angegeben, welche Unterscheidung aus dieser Paradoxie herausführt, nämlich die Unterscheidung von Operation und Beobachtung"(244). Ob der Code zuerst verstanden oder akzeptiert werden muss, wird hiernach von Luhmann in Form einer Paradox beantwortet. Zugleich bietet Luhmann eine Antwort, wie die Paradoxie überwunden wird: indem beim Code oszillierend zwischen der Operation und der Beobachtung unterschieden wird.
2 Bestimmte Terminologie Luhmanns, wie: Nah-Fernwelt, Selbstsein, Weltentwurf u.ä. lässt sich auf die starke Rezeption der Phänomenologie Husserls zurückführen. Siehe hierzu: Sven-Eric Knudsen: Luhmann und Husserl : Systemtheorie im Verhältnis zur Phänomenologie. Würzburg, 2006.
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Freundschaft und Liebe“(18). So wird der 'Doppelaspekt von Selbstsein und Weltentwurf' zur Bedingung der Ausdifferenzierung einer gemeinsamen Privatwelt. Die Ausdifferenzierung des Mediums und die Haltbarkeit seiner Semantik ist ein historischer Prozess, der von Luhmann durch die Theorie der Ideenevolution gefasst werden soll.
In einem ersten Schritt werde ich das Kapitel im Hinblick auf Ausdifferenzierungsprozesse zusammenfassen und Galanterie als Verbindungsbegriff diskutieren. Anschließend konzentriere ich mich auf die Ausdifferenzierungsprozesse innerhalb des Codes im Hinblick auf den Freundschaftsbegriff und seine Funktion. Hierbei kommen Aspekte der gesellschaftlichen Differenzierung und Veränderung in den Blick, sowie der Aspekt der sozialen Reflexivität, um daraus, die Gründe für das Scheitern, warum Liebe und nicht Freundschaft den Code für Intimität bestimmt. Nach einer kurzen Zusammenfassung beende ich diese Arbeit mit einem Exkurs auf Georg Simmels Ausführungen zu Freundschaft.
2. Zusammenfassung: Von der Galanterie zur Freundschaft mit Blick auf die Ausdifferenzierungsprozesse.
Der Weg von der Idealisierung zur Paradoxie, als Form für den Code, verläuft nicht linear. Der Übergang ist mit der Ausdifferenzierung von einer stratifikatorischen zu einer funktionalen Gesellschaft eng verknüpft. Die Evolution des Gesellschaftssystems verläuft nicht ohne einen erhöhten Aufwand an Kommunikation, um die Wahrscheinlichkeit der Annahme vorgeschlagener Variationen - wie der Paradoxie - zu steigern. Das Kommunikationsmedium - mit dem semantischen Feld von Freundschaft und Leibenimmt „in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts deutlichere Konturen“(18) an, verläuft jedoch noch schichtgebunden. Luhmanns Untersuchungen zeigen, dass vor und nach 1700 eine "Rückbewegung in die Moral"(101) stattfand, die verschiedenste Formen annahm; eine davon ist das Freundschaftsideal. Diese Rückbewegung ist im Zuge der gesellschaftlichen Ausdifferenzierung nicht nur wörtlich eine Rückbewegung, sondern auch eine Rückbesinnung auf vergangene Formen gesellschaftlicher Integration.
3
Luhmanns historische Analysen zeigen, dass die Veränderungen in der Semantik, die auf der Ebene der gesellschaftlichen Ausdifferenzierung als semantische Innovationen erscheinen - hier ist es die paradoxe Form der Liebe - und zu einer verstärkt „individuellen Liebensbeziehung außerhalb strikter sozialer Kontrolle“(105) führten, nicht gestoppt werden konnten; nicht durch eine 'Rückbewegung in die Moral' und nicht durch Galanterie als Reintegrationsform oder durch ein neues Freundschaftsideal. In der Ausdifferenzierung sind Brüche sind vorhanden; Ausdifferenzierung folgt keiner Linearität, sondern ist ein Prozess von Variation, Selektion und Stabilisierung. 3
Galanterie- und Freundschaftsmodelle sollen die Funktion der Reintegration von Liebe in Gesellschaft übernehmen, die das Modell der Idealisierung - das bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts den Code zusammenhielt -, nicht mehr hinreichend tragen kann. Im Verlauf der Entwicklung kommt es dazu, dass das Ideal der Freundschaft Galanterie als Reintegrationsform ablöst (102).
Im Zuge dieser (semantischen) Veränderungen stellt sich die Frage, ob Liebe oder Freundschaft bestimmend sein kann für den Code für Intimität. Luhmann nennt drei Argumente, weshalb letztlich Liebe zur Grundlage des Codes wird und nicht Freundschaft: i) die Form der Freundschaft erweist sich als nicht ausdifferenzierbar; ii) soziale Reflexivität wird zur Interaktionsmaxime schlechthin; iii) der symbiotische Mechanismus der Sexualität steht Freundschaft nicht zur Verfügung (105). In den Anpassungs- und Veränderungsprozessen in der Codierung für Intimität um das Medium Liebe zusammenzuhalten, die sich in der Konkurrenz zwischen den Begriffen Liebe und Freundschaft zeigt, erscheinen erste Ansätzen sozialer Reflexivität, als ein "Tieferlegen des Verständnisses für Sozialität"(104). Soziale Reflexivität bzw. soziale Selbstreferenz, wird für Veränderungen der Form des Codes, wie für den Übergang von stratifikatorischer zu funktionaler Gesellschaftsdifferenzierung leitend.
2.1 Ausdifferenzierung. Ein ausführlicher Blick. 4
Entlang an Problemen der Ausdifferenzierung, lassen sich die Bemühungen um Fassung und Formulierung eines Code für das Kommunikationsmedium Liebe beobachten (100).
3 Im Kapitel erscheint am Horizont der Beschreibung von Luhmann der Übergang zur Romantik, als Figur für die Semantik der amour passion mit neuen Momenten, wie „zurück zur Natur“(99).
4 Begründung: Die Zirkularität der Systemtheorie als Konstruktion zeigt sich auch hier. Beginnend mit einem scheinbaren historischen Randthema: Galanterie und Freundschaft - treten wir in die Systemtheorie ein.
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Die Entwicklung des besonderen Kommunikationsmediums für den Intimbereich (19) wird deutlich, durch die historische Analyse der Ausdifferenzierungsprozesse auf der Ebene der Semantik und der Gesellschaftsform. Luhmanns 'Theorie der Ideenevolution' verallgemeinert diese historische Analyse und hebt sie auf eine abstrakte Ebene: "Variationen am Ideengut, die wegen ihrer zeitbedingten Plausibilität Erfolg haben (hier also: in den Salons überzeugen) konnten, gewinnen Stabilität und Tradierbarkeit dadurch, dass sie systematisiert, also in einen Zusammenhang gebracht werden, in dem sie sich wechselseitig bestätigen. Sie lassen dann ihrerseits in der laufenden Reproduktion wieder Variationen zu, die aber unter Einpassungszwang stehen und den semantischen Komplex nur langsam transformieren"(106).
Evolution wird bei Luhmann nicht als lineare Kausalität, sondern als das zirkuläre Verhältnis von Variation, Selektion und Stabilisierung bestimmt (GLU: 52). Lineare Kausalität würde Variationen in der Ausdifferenzierung, wie der Rückbewegung in die Moral, nicht erklären können. Der Galanterie-Begriff, mit der spezifischen Funktion eine höhere Anschlussfähigkeit in der intimen Kommunikation herzustellen, besaß für eine bestimmte Zeit Plausibilität und ermöglichte eine höhere Wahrscheinlichkeit für erfolgreiche Kommunikation. Galanterie konnte jedoch als Variation keine dauerhafte Systematisierung erreichen, da die Anschlussmöglichkeiten zu undeutlich waren. Die Idee der romantischen Liebe hingegen hat es geschafft sich durchzusetzen und das Medium der Liebe für zwei Jahrhunderte zusammenzuhalten. Survivel of the fittest gilt auch für die Variationen am Ideengut: nur angepassten Variationen setzen sich fest. Diese Form des Codes als amour passion musste sich jedoch erst einmal herausbilden und eine innere Geschlossenheit der Semantik produzieren (99). 5 Solange wurde die alte, bestehende Semantik der Idealisierung, die in der Kommunikation deplaciert wirkte, mittels der Galanterie als Überleitungsfunktion, genutzt.
2.2 Galanterie als Verbindungsbegriff.
Die Ausdifferenzierung in einer noch stratifizierenden Gesellschaft, d.h. mit Ober- und Unterschichten - erfordert im 17. Jahrhundert „Verbindungsbegriffe“. Der Code reagiert und entwickelt in Bezug auf die Veränderung in der Gesellschaftsstruktur eine bestimmte
5 Die Neuformierung des Codes durch die Romantik ist erst nach dem Juli 1789, der französischen Revolution, möglich, da hier eine Verstärkung der funktionalen Ausdifferenzierung und eine Neutralisierung der Schichtdifferenzen möglich war.
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Arbeit zitieren:
Fernando Correia da Ponte, 2007, Ausdifferenzierung im Code für Intimität, München, GRIN Verlag GmbH
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