Inhalt
1. EINLEITUNG 1
2. FRAGESTELLUNG 2
3. SOZIALKAPITALUNDFREIWILLIGEVEREINIGUNGEN 2
3.1. IndividuelleAnsätzedesSozialkapitals 3
3.1.1. PierreBourdieu:SozialkapitalalsStatuserhalt 3
3.1.2. JamesColeman:SozialkapitalalsNebenprodukt 4
3.2. DasgesellschaftlicheSozialkapital 5
3.2.1. RoberD.Putnam:ZivilgesellschaftundDemokratie 5
3.3. DasKonstruktdesSozialkapitals 6
3.4. FreiwilligeVereinigungen 7
4. DIFFERENZIERUNGENDESSOZIALENKAPITALS 7
4.1. DieDifferenzierungnachEsser 8
4.2. DieDifferenzierungnachBraun 9
4.3. DieDifferenzierungnachGabriel 10
4.3.1. IndiviuellesSozialkapital 12
4.3.2. GesellschaftlichesSozialkapital 15
5. DIFFERENZIERUNGSEBENENVONFREIWILLIGENVEREINIGUNGEN 18
5.1. DifferenzierungsebenenfreiwilligerVereinigungennachPutnam 18
5.2. DifferenzierungsebenenfreiwilligerVereinigungennachZmerli 19
5.3. FazitfreiwilligeVereinigungenundSozialkapital 19
6. BEFUNDE 20
7. SCHLUSSBEMERKUNGEN 22
8. LITERATURVERZEICHNIS 24
9. ABBILDUNGSVERZEICHNIS 25
10. ANHANG 25
1. Einleitung
Das Sozialkapital unserer Gesellschaft verschwindet! Die Demokratie zerfällt! So oder ähnlich lauten Schlagzeilen über den in den Sozialwissenschaften häufig diskutierten Sozialkapitalansatz, welchem vor allem seit den frühen 90er Jahren eine All-Heilmittel-Funktion zugeschrieben wird. In zahllos vorhandenen Studien und Schriften wird Sozialkapital als ausschlaggebend für eine funktionierende Demokratie, eine gelungene Integration von Minderheiten und für einen Rückgang der Kriminalität verantwortlich gemacht, um hier nur einige Aspekte zu nennen. Kurz, Sozialkapital gilt als „sozialer Kitt“, der die Gesellschaft zusammenhält.
Der Grundstein dieser Arbeit soll die Frage klären, was Sozialkapital beinhaltet und in welchen Bereichen Sozialkapital eine Wirkung auf die Gesellschaft und das Individuum nach sich zieht.
Im Zentrum steht zudem, welche Funktion freiwillige Vereinigungen in der Sozialkapitaldiskussion übernehmen. Sind hohe Mitgliedschaftszahlen und eine vielfältige Vereinslandschaft in der Gesellschaft wirklich einer der Hauptindikatoren für Sozialkapital, welcher wiederum die Demokratie unterstützt? Oder unterstützt eine Vereinsmitgliedschaft nur die individuelle Integration in einen kleinen Kreis von Gleichgesinnten? Diese Fragen sprechen bereits einen weiteren Schwerpunkt dieser Arbeit und gleichzeitig die Schwierigkeit an. Sozialkapital wird je nach Studie oder theoretischem Ansatz als individuell-oder gesellschaftlich-wirkendes Konzept verstanden, ohne vielfach explizit zu differenzieren. Dabei wird häufig angenommen, dass bei der Messung von individuellem Sozialkapital, wie der Vereinsaktivität einzelner Mitglieder, auf das gesellschaftliche Sozialkapital geschlossen werden kann.
Diese Schwierigkeit zeigt sich bereits bei der Betrachtung von theoretischen Arbeiten. Insbesondere Coleman und Bourdieu gingen von einer individualistischen Sichtweise aus, wogegen sich Putnam, als Politikwissenschaftler, aus gesellschaftlicher Perspektive mit dem Sozialkapital auseinandersetzte.
In einem ersten Schritt wird der Begriff des Sozialkapitals betrachtet und aus Sicht von drei Theoriekonzepten beleuchtet. Ebenso wird der Begriff der freiwilligen Vereinigungen für diese Arbeit definiert.
In einem zweiten Schritt werden die verschiedenen Dimensionen des Sozialkapitals genauer betrachtet. Dabei werden verschiedene Konzepte und Analysen vorgestellt. Dadurch wird ein Überblick über die aktuelle Forschung gegeben.
In einem letzten Schritt wird explizit auf die Wirkung von freiwilligen Vereinigungen eingegangen. Dabei soll eine Verknüpfung zwischen der individuellen und gesellschaftlichen Ebene des Sozialkapitals erreicht werden, welche uns einen differenzierteren Blick auf die Wirkungsweise von Sozialkapital ermöglichen soll.
Andrea Thoma 1 03.06.2009
2. Fragestellung
Die Frage über die gesellschaftliche Integration der Individuen ist in Wissenschaft und Politik ein viel diskutiertes Thema. Dabei hat vor allem auch Beck mit seiner zukunftspessimistischen Sichtweise über moderne Gesellschaften und Putnam mit seiner Italienstudie (siehe Kapitel 3.2.1.) wesentlich dazu beigetragen.
Es wird vor einem gesellschaftlichen Zerfall durch den Individualisierungsschub der postmodernen Gesellschaft gewarnt. Diese Anregungen führten zu einer verstärken Suche nach den Ursachen des Zerfalls und nach Möglichkeiten, wie dieser verhindert werden kann. Dabei wurde den freiwilligen Vereinigungen eine gewichtige Rolle zugesprochen. Die freiwilligen Vereinigungen hätten die Macht, die Bürger stärker zu integrieren und dadurch die Demokratie und den Gemeinsinn zu stärken.
Diese Ansicht wirft verschiedene Fragen auf. Sind freiwillige Vereinigungen wirklich in der Lage, Bürger in die Gesellschaft zu integrieren oder reicht die Integration nur für die gruppenspezifische Gemeinschaft? Durch welche Faktoren, wenn überhaupt, beeinflussen freiwillige Vereinigungen die Demokratie?
Aus diesen ungeklärten Fragen ergibt sich die erste Fragestellung für diese Arbeit. Wirkt sich das individuelle Sozialkapital auch auf das gesellschaftliche Sozialkapital aus? Um diese Frage zu klären, muss vorerst eine Differenzierung des individuellen und gesellschaftlichen Sozialkapitals vorgenommen werden, um danach die Wirkungsweisen zu untersuchen. Dies wird anhand von aktuellen Studien versucht, welche sich mit einzelnen Aspekten des Sozialkapitals auseinander setzen.
Eine zweite Fragestellung ergibt sich, wenn nach der Rolle von freiwilligen Vereinigungen im Sozialkapitalansatz gefragt wird. Da freiwillige Vereinigungen anscheinend die Gesellschaft zusammenhalten, stellt sich die Frage nach der genauen Wirkungsweise. Insbesondere bezüglich der individuellen Integration und der gesellschaftlichen Integration. Inwiefern wirken freiwillige Vereinigungen auf der individuellen und gesellschaftlichen Ebene und wird eine sozialintegrative Leistung bestätigt? Dies soll die zweite Fragestellung dieser Arbeit sein.
Um diese Frage zu beantworten werden die Resultate der ersten Fragestellung betrachtet und durch eine weitere Studie ergänzt.
So soll schlussendlich ersichtlich werden, durch welche Faktoren Sozialkapital auf der individuellen sowie der gesellschaftlichen Ebene wirkt, und inwiefern ein Zusammenhang mit den freiwilligen Vereinigungen besteht.
3. SozialkapitalundfreiwilligeVereinigungen
Das Konzept des Sozialkapitals geht im Wesentlichen auf drei zentrale Klassiker zurück, welche sich mit diesem Begriff auseinandersetzten. Bevor wir Sozialkapital definieren können, sollen zuerst die drei Klassiker mit ihren Ansichten über das Sozialkapital vorgestellt werden.
Andrea Thoma 2 03.06.2009
3.1. IndividuelleAnsätzedesSozialkapitals
Im Folgenden werden zwei theoretische Ansätze von Bourdieu und Coleman beschrieben, welche auf der Mikroebene 1 angesiedelt sind. Diese gehen vom Individuum und seinen Beziehungen aus und betonen die Wirkung des Sozialkapitals in einer direkten Verbindung mit dem Individuum.
3.1.1. PierreBourdieu:SozialkapitalalsStatuserhalt
Bourdieus Klassentheorie entstand aus Beobachtungen der oberen französischen Gesellschaftsschicht der 1980er Jahre. Sein Hauptinteresse lag in der Frage, wie eine soziale Ordnung und soziale Hierarchien zustande kommen und erhalten werden können. Dabei unterscheidet er drei verschiedene Kapitalformen, mit welchen jedes Individuum ausgestattet ist. Jedoch sieht er Unterschiede in Menge und Verteilung der Kapitalformen zwischen den Individuen. Diese ungleiche Verteilung und Menge bestimmen den Lebensstil und Habitus der Personen. Der Habitus ist schlussendlich ausschlaggebend für die Zugehörigkeit zu einem sozialen Status und somit ein wichtiger Faktor für die soziale Ordnung einer Gesellschaft. Die drei Kapitalarten beschreibt Bourdieu als ökonomisches Kapital, welches das eigentlich wichtigste und elementarste Kapital darstellt, sowie das kulturelle und das soziale Kapital. Die letzteren sind jedoch nicht minder wichtig und können nicht einfach durch ökonomisches Kapital ersetzt werden.
Das ökonomische Kapital ist „unmittelbar und direkt in Geld konvertierbar“ (Bourdieu, 1983:185) und damit nicht an die Person gebunden. Das kulturelle Kapital wird wiederum in drei verschiedene Arten 2 unterteilt und kann zusammenfassend als dasjenige Kapital verstanden werden, welches einem Individuum als Statussicherung dient. Als soziales Kapital beschreibt er
„die Gesamtheit der aktuellen und potentiellen Ressourcen, die mit dem Besitz eines dauerhaften Netzes von mehr oder weniger institutionalisierten Beziehungen, gegenseitigen Kennens oder Anerkennens verbunden sind“ (Bourdieu, 1983:190).
Diese Definition liegt sehr nahe an unserem Alltagsverständnis des „Vitamin B“ oder des „Networking“ und geht davon aus, dass soziale Beziehungen uns in einem wichtigen Moment die richtige Türe öffnen, einen neuen Job oder Konzerteintritt vermitteln können. Demnach geht Bourdieu ganz eindeutig davon aus, dass sozial Kapital 3 eine individuelle Ressource darstellt, welche auf der Mikroebene generiert wird und an das Individuum gebunden ist. Bourdieu unterteilt das soziale Kapital in zwei verschiedene Dimensionen, welche beide für
1 DieUnterteilungderGesellschaftindieMikro,MesoundMakroebenekommtausderSystemtheorie. DabeibeschreibtdieMikroebenediePersonenundihreLebensläufe,dieMesoebeneInstitutionenund GemeinschaftenunddieMakroebenedieSozialstrukturundKultur(vgl.Weymann,1998:14).
2 DiedreiArtensind:dasinkorporierteKulturkapital,inFormdeserworbenenBildungsstatus,welcher einewichtigeBedeutungfürdenHabitusderPersonaufweist;dasobjektivierteKulturkapitalwelches durchKunstobjekteoderMusikinstrumenteunddasdamitverbundeneWissendefiniertwirdunddas institutionalisierteKulturkapital,welcheminFormvonzertifiziertenBildungsabschlüssenAusdruck verliehenwird(vgl.Bourdieu,1983).
3 DieBegriffe„Sozialkapital“und„sozialKapital“werdenimFolgendemSynonymzueinanderverwendet
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den Umfang des sozial Kapitals verantwortlich sind. Zum einen nennt er „die Ausdehnung des Netzes von Beziehungen (…) die er tatsächlich mobilisieren kann“ und „den Umfang des Kapitals, das diejenigen besitzen, mit denen er in Beziehung steht“ (Bourdieu, 1983:191). Es kommt also sowohl auf die Grösse des Beziehungsnetzwerkes als auch auf den Habitus 4 der Personen an, mit welchen der Kontakt gepflegt wird. Daraus resultiert, dass soziales Kapital vergänglich ist und aktiv - mit dem Einsatz von finanziellen Mitteln und der Investition von Zeit - aufrechterhalten werden muss.
Durch den steten Einsatz von Mitteln ist sozial Kapital zusammen mit dem kulturellen Kapital für den Statusherhalt und somit für die Reproduktion von sozialen Ungleichheiten verantwortlich.
Obwohl Bourdieu einen wichtigen theoretischen Beitrag zur Sozialkaptialtheorie geleistet hat und er auch in vielen Arbeiten Erwähnung findet (vgl. Westle, 2008; Zmerli, 2008), wird ihm in empirischen Arbeiten wenig Beachtung geschenkt. Westle vermutet, dass Bourdieus spezifischen Sichtweise, die Sozialkapital eng mit der Reproduktion sozialer Ungleichheiten verknüpft, die Ursache ist, da dieser Ansatz nicht zur Sichtweise des Sozialkapitals als All-Heilmittel passt (vgl. Westle, 2008:27).
3.1.2. JamesColeman:SozialkapitalalsNebenprodukt
Coleman definiert Sozialkapital über seine Funktion und nicht über seinen konkreten Nutzen wie Bourdieu. Dies bedeutet jedoch auch, dass es sich in vielfältigen Formen manifestieren kann, jedoch zwei Gemeinsamkeiten aufweist. Zum einen weist Sozialkapital einen sozialstrukturellen Aspekt auf, zum anderen werden Handlungen von Personen, welche sich innerhalb dieser Sozialstruktur befinden, begünstigt.
„Social capital is defined by its function. It is not a single entity, but a variety of different entities having two characteristics in common: They all consist of some aspect of a social structure, and they facilitate certain actions of individuals who are within the structure. Like other forms of capital, social capital is productive, making possible the achievement of certain ends that would not be attainable in its absence“ (Coleman, 1990:302).
Coleman`s Ausgangspunkt sind zwei Theorien, welche er zusammen zu führen versucht. Erstens das allgemeine soziologische Paradigma, welches gesellschaftliches Handeln aus dem sozialen Kontext erklärt. Zweitens das Rational-Choice Paradigma, welche das Individuum als selbstbestimmt und nur seine eigenen Interessen verfolgend sieht (vgl. Westle, 2008:27). Mit der Verbindung dieser Ansätze kann soziales Kapital als spezifische Handlungsressource individueller und kollektiver Akteure verstanden werden. Er sieht dabei gesellschaftliche Strukturen als Einflussfaktoren auf die einzelnen Individuen, welche wiederum die gesellschaftichen Strukturen konstruieren. Die Ressourcen, welche die gesellschaftlichen Strukturen bestimmen, werden jedoch auf der Mikroebene, das heisst durch jedes einzelne Individuum in Interaktionen erstellt. Diese Wechselbeziehung zwischen dem Individuum und den gesellschaftlichen Strukturen nennt Coleman einen Doppelcharakter, welcher für ihn das
4 DerHabitussetztsichausallendreiKapitalformenzusammen.Bourdieugehtdavonaus,dassdie höherensozialenMilieus,wieRechtsanwälteundÄrztevonallendreiKapitalienmehrbesitzenalsein normalerArbeiter(vgl.Bourdieu,1987).
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Sozialkapital beschreibt. Somit geht er von der Mikroebene aus, welche die Ressourcen durch Interaktionen erstellen und welche sich auf die Makroebene auswirken. Coleman unterscheidet zudem drei verschiedene Kapitalformen innerhalb des Sozialkapitals. Die erste Form ist stark von der Rational-Choice Theorie bestimmt. Es wird davon ausgegangen, dass wenn eine Person einer anderen Person etwas gibt, zum Beispiel ihr Geld leiht, diese an sich altruistische Geste nur ausgeführt wird, weil das Vertrauen in die andere Person vorhanden ist, dass diese sich bei einer Gelegenheit revanchieren wird und so ihre „Schulden“ zurückbezahlt. Dementsprechend ist diese Form, welche Coleman „credit slips“ nennt, von dem Ausmass an gegenseitigen Verpflichtungen und an die Vertrauenswürdigkeit des Umfelds gebunden. Die zweite Form betrifft die sozialen Netzwerke, welche als Informationskanäle wirken. Informationen sind normalerweise zeit- und kosteninstensiv, jedoch lassen sich durch soziale Netzwerke kostenfrei Informationen über geknüpfte Beziehungen beziehen.
In der dritten Form sieht er eine Möglichkeit für die Überwindung des Kollektivproblems. Dies ist nach Coleman durch soziale Normen konstituiert, welche bestimmtes Handeln erleichtern oder unerwünschtes Handeln erschweren kann.
Im Gegensatz zu Bourdieu, welcher soziales Kapital im entferntesten Sinne auch als monetären Besitztum betrachtet, welchen es aktiv zu erlangen und erhalten bedarf, sieht Coleman im sozial Kapital ein Nebenprodukt, welches entsteht, während andere Ziele und Aktivitäten verfolgt werden. Und da es ein Nebenprodukt ist, kann es auch als Allgemeingut betrachtet werden, welches schlussendlich für die Gesamtgesellschaft nützlich wird. Für die Aufrechterhaltung nennt er Organisationsnetzwerke, jedoch wird nicht genau beschrieben, inwiefern das sozial Kapital als Gemeingut verstanden werden soll.
3.2. DasgesellschaftlicheSozialkapital
Die Debatte über das gesellschaftliche Sozialkapital und ihre Wirkung auf die Demokratie wurde 1993 von Putnam mit seiner Italienstudie ausgelöst. Dabei stellt er eine enge Beziehung zwischen der Effizienz von Regierungen, dem Funktionieren moderner Demokratien sowie dem in der Gesellschaft vorhandenem Sozialkapital fest. Dadurch erlebte die Sozialkapitaldiskussion einen Aufschwung und wurde für viele gesellschaftliche Probleme als Lösung angesehen. So sah man einen Einfluss des Sozialkapitals auf die Kriminalitätsrate, das politische Engagement, die Wohlfahrt sowie auf die Gesundheit (vgl. Putnam 1993).
3.2.1. RoberD.Putnam:ZivilgesellschaftundDemokratie
Der Schwerpunkt von Putnams Arbeiten ist auf die Makroebene gerichtet und wurden in zwei Untersuchungen von ihm abgefasst. In seiner ersten Arbeit „Making Democracy Work: Civic traditions in modern Italy“, welche 1993 erschien, befasst sich mit der Leistungsfähigkeit öffentlichen Verwaltungen in Italien im Zusammenhang mit Sozialkapital. In seiner zweiten Arbeit „Bowling alone: The Collapse and Revival of American Community“ steht das Sozialkapital und die Wirkungen auf die Demokratie der Vereinigten Staaten im Mittelpunkt. Ähnlich wie Coleman sieht er im Sozialkapital ein Zusammenwirken von Normen, Vertrauen und Netzwerken.
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Er definiert soziales Kapital als
„features of social organization, such as trust, norms, and networks, that can improve the efficiency of society by facilitating coordinated actions“ (Putnam, 1993:167).
Ausgangspunkt seiner Überlegungen bildet „die Frage nach der Beschaffenheit der Zivilgesellschaft, den Aufbau und Fortbestand einer Demokratie sowie die Funktionsfähigkeit demokratischer Institutionen“ (Zmerli, 2008:42). Die Zivilgesellschaft kennzeichnet sich dadurch aus, dass sie „Dilemmata kollektiven Handelns“ überwinden kann. Für diese Überwindung ist das vorhandene Sozialkapital eine massgebliche Grösse. Ein weiterer Punkt, welcher denen Colemans ähnlich ist, ist seine Annahme über das Sozialkapital als öffentliches Gut. Es entsteht als Nebenprodukt von anderen Aktivitäten der Individuuen. Denn Individuuen verfolgen hauptsächlich ihre eigenen Ziele und investieren nur sekundär in kollektive Allgemeingüter (vgl. Putnam, 1993:170). Jedoch ist Putnam stark von den Arbeiten Alexis de Tocquevilles beeinflusst, welcher in seinem 1835 geschriebenem Werk 5 auf den Zusammenhang zwischen freiwilligen Vereinigungen und Demokratie einging. Darin vertritt er die Meinung, dass Bürger ziviles Engagement in freiwilligen Vereinigungen lernen und verinnerlichen und dies wiederum der Kern einer funktionsfähigen Demokratie darstellt (vgl. Westle, 2008:33). Daraus resultiert eine weitere Grundannahme Putnams. Er sieht in den freiwilligen Vereinigungen das strukturelle Element des sozialen Kapitals, welche notwendig sind für die kulturellen Komponenten, nämlich Normen und Vertrauen. In seiner zweiten Schrift über die amerikanische Gesellschaft sieht er einen Verlust der zivilen Tugenden und damit eine Gefährdung der amerikanischen Demokratie. Um die amerikanische Demokratie zu schützen und zu stabilisieren fordert er eine Zunahme des Sozialkapitals, welches durch die vermehrte Teilhabe der Bürger in freiwilligen Vereinigungen entstehen soll. Den Rückgang der Mitgliedschaftsbeteiligungen führt er vor allem auf das veränderte Freizeitverhalten zurück, wobei er den zunehmenden Fernsehkonsum der amerikanischen Bevölkerung kritisiert.
3.3. DasKonstruktdesSozialkapitals
Über den Begriff des Sozialkapitals herrscht in der Literatur, welche sich mit der Erhebung von Sozialkapital auseinandersetzt, Übereinstimmung. Es wird beschrieben als ein Konstrukt, welches drei wesentliche Ebenen umfasst.
„Unter Sozialkapital wird (…) eine Kombination aus Vertrauen, speziellen gemeinschaftsbezogenen Werten und Normen, sowie (…) sozialen Kontakten und Netzwerken verstanden“ (Gabriel, 2002:25).
Eine in den Grundzügen gleiche Definition, jedoch mit einer unterschiedlichen Gewichtung der Teilaspekte definiert Zmerli Sozialkapital wie folgt:
„Den Ausgangspunkt der Entstehung sozialen Kapitals bilden sozialen Netzwerke, die entweder formaler oder informeller Natur sein können.“ Und weiter: „soziale Netzwerke ermöglichen den Informationsaustausch über die Reputation und zukünftige Absichten potentieller
5 DasWerkhiess„DemocracyinAmerica“undwurde1987nachgedruckt
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Kooperationspartner, generieren Gruppennormen sowie Sanktionsinstrumente im Falle ihrer Nichtbeachtung und erzeugen im Idealfall ein vertrauensvolles Umfeld“ (Zmerli, 2008:17).
Beide Definitionen gehen von den drei gleichen Komponenten aus. Zum einen von den sozialen Netzwerken oder Beziehungen der Individuen, zum anderen von den Normen und Werten sowie dem Vertrauen. Während in der Definition von Gabriel alle drei Komponenten das gleiche Gewicht und somit in der Forschung auch die gleiche Aufmerksamkeit verdienen, stellt Zmerli den Aspekt der freiwilligen Vereinigungen in den Mittelpunkt. Dabei geht sie von der Annahme aus, dass Vertrauenswürdigkeit und gemeinschaftlich geteilte Normen als Voraussetzung für potentielle Kooperationspartner innerhalb von freiwilligen Vereinigungen anzusehen sind.
3.4. FreiwilligeVereinigungen
Freiwillige Vereinigungen sind zwischen den Sektoren Staat und Markt sowie der informellen Sphäre (Familie) eingeordnet und befinden sich somit auf der Mesoebene (vgl. Braun, 2003a, 2005).
Einen entscheidenden Beitrag zur Definition von freiwilligen Vereinigungen hat vor allem die international vergleichende „Dritter Sektor-Forschung“ beigetragen. Demnach haben diese Organisationen fünf operationale Merkmale (vgl. Braun, 2003b:90):
1. Sie haben eine formal-rechtliche Organisationsform und sind auf Dauer angelegt 2. Sie sind weder eine öffentliche Einrichtung noch Bestandteil der staatlichen Administration
3. Sie gehören sich selbst und besitzen eine unabhängige Führungsstruktur 4. Sie verfolgen keine eigenwirtschaftliche Ziele oder spezielle kommerzielle Interessen und unterliegen insofern dem nonprofit-constraint 5. Bei ihnen ist freiwilliges Engagement prinzipiell erwünscht
Dieses Sammelsurium von Vereinen, Verbänden, Interessensgruppen, etc, welche diese Merkmale erfüllen, werden in dieser Arbeit zum Begriff der „freiwillige Vereinigungen“ zusammengefasst.
Zudem beachten alle nachfolgend präsentierten Studien diese fünf operationalen Merkmale, so dass davon ausgegangen werden kann, dass sie somit auch vergleichbar werden.
4. DifferenzierungendesSozialenKapitals
In den vergangenen Jahren wurden verschiedene Differenzierungskonzepte zum Sozialkapitalansatz nach Putnam ausgearbeitet. In einem ersten Schritt sollen drei wesentliche Differenzierungsmöglichkeiten von Braun, Esser und Gabriel geschildert werden. Sie verfolgen die Meinung, dass Sozialkapital in zwei verschiedene Wirkungsebenen unterteilt werden muss. Nämlich nach unten, als individuelles Sozialkapital sowie nach oben, als gesellschaftliches Sozialkapital.
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4.1. DieDifferenzierungnachEsser
Esser schlägt vor, dass der Begriff des Sozialkapitals in zwei Ebenen unterteilt werden soll. Zum einen in die Ebene des Beziehungskapitals, zum anderen in die Ebene des Systemkapitals.
Das Beziehungskapital beschreibt Esser als
„die mit Bewertung versehene Menge von Ressourcen, an die dieser Akteur herankommen kann, weil er in unmittelbarer oder mittelbarer Beziehung zu anderen Akteuren steht“ (Esser, 2000:241, Hervorhebungen vom Orginal übernommen).
Dabei geht Esser davon aus, dass Beziehungskapital ein Gut ist, das wie Humankapital 6 durch einen aktiven Einsatz von Mitteln erworben werden muss. Innerhalb des Beziehungskapitals nimmt Esser eine weitere Unterteilung vor: Das Positionskapital, das Vertrauenspotential sowie das Verpflichtungskapital. Dabei geht Esser von der Annahme aus, dass in Beziehungskapital investiert werden muss und sich dadurch die Frage nach der „Optimierung“ des Beziehunskapitals stellt. Dabei schreibt er jedem Kapital eine besondere Wirkungsweise zu. So wirkt das Positionskapital, indem verschiedene Kontakte zu Akteuren mit unterschiedlichen Qualitäten und Interessen den eigenen Nutzen dadurch erhöhen, dass von wenigen Akteuren viele verschiedene Informationen bezogen werden können. Diese Beziehungen können auch als schwache Beziehungen betrachtet werden, da sie nur über den aktuellen Nutzen durch die Person definiert werden. Starke Beziehungen sind hingegen das Vertrauens- und Verpflichtungskapital. Durch sie kann erst eine vertrauensvolle Basis zu den Mitmenschen und Verpflichtungen gegenüber Mitmenschen entstehen. Das Vertrauens- und Verpflichtungskapital stellt demnach die Basis für das Positionskapital, damit überhaupt Informationen weitergegeben werden, oder eine Empfehlung ausgesprochen wird (vgl. Esser, 2000:247ff.).
Das Systemkapital besitzt hingegen die Eigenschaft eines Netzwerkes. Im Gegensatz zum Beziehungskapital entsteht das Systemkapital „nicht unmittelbar durch individuelle intentionale Bemühungen“ (Esser, 2000:256). Und darum profitieren auch nicht nur diejenigen Akteure, welche um die Bildung von Systemkapital bemüht sind, sondern alle Akteure einer Gemeinschaft. Damit wird das Systemkapital zu einem Kollektivgut. Esser unterscheidet wiederum in drei Arten von Systemkapital:
„funktionierende soziale Kontrolle und kollektive Aufmerksamkeit, das Vorhandensein eines übergreifenden Vertrauens in die Kooperationsbereitschaft der Akteure und in das Funktionieren des Systems insgesamt sowie die übergreifende Geltung von Werten, Normen und Moral“ (Esser, 2000:256).
Kurz gesagt in die Systemkontrolle, die eine unmittelbare Folge einer Netzwerkstruktur 7 darstellt; das Systemvertrauen, welches sich auf das Vertrauen in das gesamte System bezieht;
6 AlsHumankapitalbezeichnetmandieRessourceBildungunterwirtschaftlichenAspekten (Kosten/NutzenAnalyse).FranzdefiniertHumankapitalwiefolgt:„BestandanWissenundFertigkeiten einesIndividuums,dessenZunahmedieProduktivitätdesoderderBetreffendenerhöht,wobeiessich umschulischesoderaberberuflichesHumankapitalhandelnkann,jenachdemwoeserworbenwurde“ (Franz,2003:15).
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und die Systemmoral, die eine übergreifende Moral beschreibt, welcher sich alle Akteure des Systems verpflichtet fühlen.
4.2. DieDifferenzierungnachBraun
Braun geht in seiner Studie nicht direkt vom Sozialkapital aus, sondern fragt nach der Integration der deutschen Gesellschaft.
Er unterscheidet in der Tradition von Lookwood zwei Integrationsdimensionen: Die Systemintegration und die Sozialintegration. Als Systemintegration wird ein funktionalistisch-systemorientierter Ansatz verstanden, der die Integration von verschiedenen Teilsystemen in die Gesellschaft betrachtet. Die Sozialintegration stützt sich hingegen auf einen handlungstheoretischen Ansatz, welcher vom Individuum ausgeht und auf die sozialen Beziehungen und den sozialen Einbezug des Individuums in die Gesamtgesellschaft eingeht. Nach Braun werden in dieser Sozialintegration grundlegende Probleme gesehen. Um diese zu lösen werden nun freiwillige Vereinigungen 8 herbeigezogen in der Meinung, dass sie das ideale Mittel sind, um die Sozialintegration zu fördern. Dabei wird freiwilligen Vereinigungen unterstellt, dass die Vereinsmitgliedschaft die soziale Integration in den Verein fördert und dadurch das Mitglied in die Gesellschaft integriert (vgl. Braun, 2005; Braun, 2003a; Braun, 2003b).
„Erstens wird davon ausgegangen, dass Individuen, die Mitglied in einer freiwilligen Vereinigung sind, immer auch in die jeweilige „Wahl - Gemeinschaft“ sozial integriert sind.“ Und „zweitens wird von der Idee ausgegangen, dass freiwillige Vereinigungen ihre Mitglieder grundsätzlich in die Gesellschaft integrieren“ (Braun, 2005:136f.).
Diese Wirkungszuschreibung auf doppelter Ebene beschreibt Braun als doppelte Argumentationsfigur und differenziert diese in zwei analytisch trennbare Dimensionen. Als aussenintegrative Leistung von freiwilligen Vereinigungen beschreibt er das Potential der Integration in die Gesellschaft. Als binnenintegrative Leistung von freiwilligen Vereinigungen beschreibt er das Potential der sozialen Integration des Mitglieds in den Verein.
Anhand dieser Unterteilung führt Braun eine empirische Analyse zur Unterscheidung der binnen- und aussenintegrativen Leistung von freiwilligen Vereinigungen durch, um diese Wirkungskette, welche den freiwilligen Vereinigungen in bezug auf ihre integrative Leistung unterstellt wird, zu untersuchen 9 .
Die Untersuchung fördert zu Tage, dass freiwillige Vereinigungen eine binnenintegrative Leistung aufweisen, jedoch konnte keine aussenintegrative Leistung bestätigt werden. In einem späteren Bericht fragt Braun dann nach den Integrationsmechanismen, in Bezug auf die Fragestellung nach den sozialintegrativen Potentialen bürgerschaftlichen Engagements für
7 DieNetzwerkstrukturzeichnetsichnachEsserdurcheinehoheDichte,GeschlossenheitundStabilität derBeziehungenaus(vgl.Esser,2000:257).
8 AnstellevonfreiwilligenVereinigungensprichtBraunvom„Assoziationswesen“
9 WeitereInformationenzurOperationalisierungunddenErgebnissensindinBraun2005zufinden.
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Jugendliche. Dabei werden die Integrationsmechanismen in drei Teilbereiche unterteilt, wie der Abbildung 1 zu entnehmen ist.
Abb. 1: Mechanismen der sozialen Integration (Braun, 2007:14)
Hier spricht Braun auch zum ersten Mal von sozialem Kapital. Anhand dieser Unterscheidung misst er der Bedeutung von sozialem Kapital für die Integration in die Gesellschaft eine weit weniger grosse Bedeutung zu als die bisher geschilderten Sozialkapitalansätze. Dies mag sicherlich zum einen an seinem Grundinteresse liegen, dass er die Integrationsmechanismen in die Gesellschaft untersucht und nicht von vornherein das Sozialkapital als grundsätzliches Integrationsinstrument betrachtet.
Dafür berücksichtig er eine weitere Komponente, welche in den bisherigen Arbeiten keinerlei Berücksichtigung gefunden hat. Ganz nach der Tradition von Bourdieu misst er dem kulturellen Kapital sowie dem Erwerb gesellschaftlicher Positionen einen gleich hohen Stellenwert bei wie dem sozialen Kapital.
In seiner Expertise, welche die sozialintegrativen Potentiale bürgerschaftlichen Engagements für Jugendliche in Deutschland untersuchte, kommt er zum Schluss, dass vor allem das kulturelle sowie das soziale Kapital die wichtigsten Integrationsmechanismen für bürgerschaftliches Engagement, demnach für den Zugang in freiwillige Vereinigungen sind. Auch bestätigt er, dass Jugendliche in freiwilligen Vereinigungen die Möglichkeit erhalten, soziales und kulturelles Kapital aufzubauen. Da jedoch die Voraussetzungen für die Zugangschancen durch bereits vorhandenes kulturelles und soziales Kapital bestimmt werden, welches durch die Herkunftsfamilie generiert wird, entsteht ein Ungleichgewicht. Demnach erhalten eher Jugendliche aus bereits privilegierteren Schichten die Möglichkeit ihr individuelles Kultur- und Sozialkapital zu erhöhen.
Mit dieser Argumentation lehnt sich Braun stark an die Klassentheorie von Bourdieu. Ebenso sind seine Ergebnisse nur auf Jugendliche in Deutschland beschränkt, weisen jedoch eine neue und wichtige Komponente für die zukünftige Diskussion des Zusammenhalts der Gesellschaft auf. Denn sieht man die Integrationsfähigkeit einer Gesellschaft als gesellschaftliches Sozialkapital an, berücksichtigt er zudem die herkunftsspezifischen ungleichen Voraussetzungen für den Erwerb von Sozialkapital.
4.3. DieDifferenzierungnachGabriel
Oscar W. Gabriel et al. untersuchten in einer ländervergleichenden Studie den Zusammenhang von Sozialkapital und Demokratien. Darin beschreibt er das Konzept des
Andrea Thoma 10 03.06.2009
doppelten Doppelcharakters des Sozialkapitals. Er übernimmt die Unterteilung des Sozialkapitals von Putnam in die drei Komponenten „trust, norms, and networks“ (Putnam, 1993:67). Zugleich macht er eine weitere Unterteilung. Zum einen die strukturelle Ebene, welche die Netzwerke beschreibt, zum anderen die kulturelle Ebene, welche die Komponenten Vertrauen und Normen enthält. Der Grund für diese Differenzierung lehnt an die Definition von Zmerli an, welche freiwillige Vereinigungen als wichtigste Komponente für die Generierung von sozialem Kapital sieht (vgl. Kapitel 3).
Sozialkapital entsteht durch Beziehungen zwischen Individuuen. Diese Beziehungen existieren neben der Familie, beim Einkaufen oder dem Arbeitsplatz vor allem auch in freiwilligen Vereinigungen oder während freiwilligen Aktivitäten. Die Grundlage für eine dauerhafte Beziehung zwischen zwei Individuen ist das Vertrauen. Während bei einer gemeinsamen Tramfahrt die Bildung von dauerhaften Kontakten eher unwahrscheinlich istda sich die Individuen nach einigen Haltestellen wieder aus den Augen verlieren - werden vor allem freiwillige Vereinigungen als geeigneter Ort betrachtet, in dem sich dauerhafte, auf Vertrauen gestützte Beziehungen bilden können.
„Vereine und Verbände bieten hingegen eine Umgebung, in der mit grosser Wahrscheinlichkeit dauerhafte Kontakte entstehen, und in genau solch einer Umgebung ist eine Senkung der Transaktionskosten mittels des Einsatzes von Sozialkapital zu erreichen“ (Gabriel, 2002:39).
Vereine und Verbände wirken demnach als Strukturelement des Sozialkapitals und können in der empirischen Datenerhebung gut beigezogen werden. Diesem methodischen Aspekt verdienen freiwillige Vereinigungen bestimmt einen grossen Teil ihrer derzeitigen Aufmerksamkeit in der Sozialkapitaldiskussion.
Ebenso übernimmt er die von Esser vorgeschlagene Unterteilung in ein System- und Beziehungskapital. Demnach weisen sowohl die individuelle wie auch die kollektive Ebene strukturelle wie kulturelle Komponenten des Sozialkapitals auf. Diese Differenzierung nennt er den doppelten Doppelcharakter des Sozialkapitals. In Abbildung 2 ist die Gliederung nochmals dargestellt.
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Abbildung 2: Der doppelte Doppelcharakter des Sozialkapitals nach Gabriel (Westle, 2008:22).
Die empirische Arbeit ist als eine Ländervergleichende Studie zwischen 19 Ländern 10 ausgelegt. Die Daten beziehen sich vorwiegend auf den World Values Surveys (WVS) seit Anfang der 80er Jahre.
4.3.1. IndiviuellesSozialkapital
In seiner Studie untersucht er in einem ersten Schritt alle drei Komponenten - Netzwerk in Form von Mitgliedschaftszahlen, Vertrauen und Normen - getrennt voneinander, um deren Wirkungsweise auf der individuellen Ebene zu testen. In einem zweiten Schritt untersucht er die gesellschaftliche Wirkung des Sozialkapitals in Bezug auf die Demokratie. Im Folgenden werden die Ergebnisse seiner Untersuchung zusammenfassend wiedergegeben.
Freiwillige Vereinigungen
Wir haben nun gesehen, dass soziales Kapital in freiwilligen Vereinigungen generiert und gemessen werden kann. Gemessen wird dieses in den meisten Studien über die Mitgliedschaftszahlen und in eine Kategorisierung der vielfältigen Vereinslandschaft. Gabriel unterscheidet die Vereine in drei Kategorien: die Sport- und Freizeitvereine, die Gewerkschaften und Berufsorganisationen sowie soziale, kulurelle und religiöse Organisationen. Da häufig der Rückgang von Vereinsmitgliedschaften beklagt wird, sehen
10 Belgien,Dänemark,Deutschland,Finnland,Frankreich,Grossbritannien,Irland,Island,Italien,Japan, Kanada,dieNiederlande,Norwegen,Österreich,Portugal,Schweden,dieSchweiz,SpanienundUSA
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wir uns die Daten im Ländervergleich an. Die Zahlen für die Sport- und Freizeitvereine sowie der sozialen, kulturellen und religiösen Organisationen zeigen zwischen den Ländern grosse Unterschiede. Die Veränderungen innerhalb der Länder über die Zeit bleiben jedoch weitestgehend konstant. Die Mitgliedschaften innerhalb von Gewerkschaften und Berufsorganisationen bleibt sowohl über die Zeit als auch zwischen den Ländern immer um die 20%. Betrachten wir alle Vereine zusammen, ohne deren kategoriale Unterscheidung, zeigt sich ein ähnliches Bild. Es existieren markante Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern, jedoch zeigen sich relativ kleine Veränderungen über die Zeit. So nimmt zum Beispiel in Schweden die soziale Beteiligung einen viel höheren Stellenwert ein als in Spanien oder Italien 11 , Der gesellschaftliche Stellenwert innerhalb der Länder über die untersuchte Zeit verändert sich hingegen kaum.
Diese Befunde unterstützt eine Untersuchung von Jungbauer-Hans. Sie untersuchte die Mitgliedschaftsraten anhand der ALLBUS- Umfrage 12 für West- und Ost- Deutschland zwischen 1988 und 2000. Dabei stellte sie fest, dass sich „keine Evidenz für die Abnahme der Organisationsmitgliedschaft erkennen (lässt)“ (Jungbauer-Gans, 2003:25).
Vertrauen
In der neueren Debatte wird Vertrauen als generelles Vertrauen der Individuen zu ihrer gesellschaftlichen Umwelt betrachtet. Wie bereits mehrfach erwähnt, gehen viele Sozialkapitalansätze davon aus, dass dieses Vertrauen in Beziehungen gefördert und generiert wird.
Jedoch „herrscht in der Literatur weder über die Bedeutung des Konzeptes „soziales Vertrauen“ noch über dessen Funktionen für das Individuum, die Gesellschaft und das politische System Übereinstimmung“ (Gabriel, 2002:52).
Vertrauen wird im WVS hauptsächlich mit der Frage: „Generally speaking would you say that most poeple can be strusted or that you can`t be too careful in dealing with people?“ (vgl. Gabriel, 2002:57) erhoben.
Obwohl Gabriel von grossen Mängel in dem Ländervergleich spricht kommt er doch zu einigen erstaunlichen Ergebnissen. (vgl. Gabriel, 2002:67f.). 1. Ungeachtet von Wohlstand und Sicherheit sowie dem Fehlen von grösseren gesellschaftlichen Konflikten trauen nur in Norwegen und Schweden die Bürger ihren Mitmenschen
2. Wo freiwillige Organisationen verbreitet sind, gedeiht auch das interpersonale Vertrauen; jedoch ist soziales Vertrauen vor allem in denjenigen Gesellschaften hoch entwickelt, wo der Wohlfahrtsstaat besonders verbreitet ist. 3. Einen Rückgang des interpersonalen Vertrauens in der demokratischen Welt ist empirisch nicht festzustellen, anhand diesen Befunden existiert keinen Zerfall der Bürgergesellschaft.
11 Vgl.alleResultateinGabriel2002abSeite46
12 DerALLBUSisteineseit1980durchgeführteBevölkerungsumfrageinDeutschland,welcheinzwei Jahresrhythmendurchgeführtwird(Blohm,2008).
Andrea Thoma 13 03.06.2009
Normen und Werte
Gemeinsame Werte und Normen gelten als moralische Basis von Sozialkapital. Viele Autoren scheinen der Meinung zu sein, dass assoziatives Engagement ein Gegenmittel zu gesellschaftlicher Desintegration darstellt, „dann müssten folglich Werte und Normen der gesellschaftlichen Verbundenheit, der Solidarität mit der Gemeinschaft, in den Vordergrund rücken“ (Gabriel, 2002:69). Die Ursachen für diese gesellschaftliche Desintegration sehen viele Autoren 13 in der zunehmenden Individualisierung der Gesellschaft. Dabei wird Individualisierung als Zerstörer aller Tradition - und damit der gemeinsam geteilten Werten und Normen - und als egozentrische Lebensweise der Individuen verstanden. Dieser zukunftspessimistischen Sichtweise des sozialen Wandels stellt Eickelpatsch Individualisierung als aktive Identitätsarbeit gegenüber.
„Individualisierung bedeutet in fortgeschrittenen Industriegesellschaften weder Ich-Sucht noch schrankenlose Selbstbestimmung. Vielmehr handelt es sich um eine historisch neue, geradezu paradoxe Form der Einbindung des Einzelnen in die Gesellschaft. Individualisierung ist zugleich der Zwang und die Möglichkeit, ein eigenes Leben zu führen - auf eigene Rechnung und unter nicht selbstgewählten Bedingungen“ (Eickelpatsch, 1999:72).
Da Eickelpatsch vom Zwang und der Möglichkeit spricht und zugleich die „nicht selbstgewählten Bedingungen“ mit ins Feld führt, dürfen wir davon ausgehen, dass die Normen und Werte sich nicht einfach in Luft auflösen, sondern sich im Zuge der Individualisierung einem Wandel unterziehen. Geht man von dieser Einschätzung aus - und nicht von den zukunftspessismistischen, die von einer Desintegration sprechen - verwundern die Resultate von Gabriel wenig.
Er konstatiert: sofern individualisierte Werte auf dem Vormarsch sind, diese nicht gemeinschaftliche Werte und Normen gefährden. Denn alle untersuchten Länder 14 verfügen über einen „beeindruckenden Schatz gemeinschaftlicher Werte und Normen“ (Gabriel, 2002:83).
Zusammenfassung
Für die individuelle Ebene von Sozialkapital lässt sich grundsätzlich feststellen, dass alle Länder in der von Gabriel untersuchten Studie sich in ihrer Ausstattung an Sozialkapital sehr ähnlich sind. Dieses Ergebnis überrascht umso mehr, wenn man bedenkt, dass die Partizipation in freiwilligen Vereinigungen sowie auch das Vertrauen zwischen den Ländern erheblich schwankt. Dieses Resultat lässt bereits erkennen, dass soziale Netzwerke, und mit ihnen freiwillige Vereinigungen, nicht die einzige und ausschlaggebenste Komponente für das Sozialkapital darstellt. Ungeachtet ihrer politischen Kultur weisen alle Länder einen vergleichbaren Wert an individuellem Sozialkapital auf.
Doch hat die Anhäufung von Sozialkapital für das Individuum einen konkreten Nutzen? Nach Bourdieu ist das Vorhandensein von Sozialkapital vorwiegend mit der Statuserhaltung des Individuums verbunden. Coleman sieht in den sozialen Beziehungen den Vorteil des Informationsflusses, so dass Individuuen mit vielen Beziehungen schneller an wichtige
13 ZumBeispielInglehart,Klages,vanDeth,Giddens,Beck,AuswahlzitiertnachWestle2008,14f.
14 EinzigeAusnahmestelltdabeiUngarndar(Gabriel,2002:83)
Andrea Thoma 14 03.06.2009
Informationen gelangen können. Braun hat in seiner Studie aufgezeigt, dass Individuen durch freiwillige Vereinigungen integriert werden. Gabriel nennt die integrative Kraft von freiwilligen Vereinigungen als unbestritten, wirft jedoch die Frage nach dem Gewicht auf (Gabriel, 2002:41).
Da nun anhand dieser Resultate in allen Ländern ein vergleichbares Mass an Sozialkapital vorhanden sein muss, und damit die Individuuen auch in gleichem Masse in ihre Gemeinschaft integriert sind, lässt sich die Frage stellen, ob sich das Sozialkapital auf der gesellschaftlichen Ebene zwischen den Ländern unterscheidet.
4.3.2. GesellschaftlichesSozialkapital
Wie im vorhergehenden Kapitel beschrieben, wirken freiwillige Vereinigungen vor allem in der Generierung von Netzwerken. Individuen haben durch freiwillige Vereinigungen eine grössere Möglichkeit, mit vielen anderen Personen in Kontakt zu treten und so ihr Netzwerk zu vergrössern. Womit sich auch das individuelle Sozialkapital vergrössert. Doch wie wirkt sich nun dies auf die gesellschaftliche Ebene aus?
Eine verbreitete Ansicht in der Politikwissenschaft ist die gesellschaftliche und politische Funktion von freiwilligen Vereinigungen. Demnach fördert Vereinsaktivität ebenso demokratierelevante Fähigkeiten sowie Normen und Werte, die gelernt und verinnerlicht werden. Damit kann deviantes oder unerwünschtes Verhalten unterdrückt werden, was sich wiederum positiv auf das gesellschaftliche Zusammenleben auswirkt. Ebenso wird davon ausgegangen, dass Sozialkapital die politische Partizipation und Involvierung auf verschiedene Weise fördert. In vielen Arbeiten wird auch auf die Verringerung der Transaktionskosten eingegegagen, wonach das gesellschaftliche Sozialkapital diese senkt und damit die politische Beteiligung unterstützt.
Da die Spannweite enorm gross ist und durch verschiedene sekundäre Konzepte erweitert und beeinflusst wurde, soll in dieser Arbeit nur auf ein wesentliches Merkmal eingegangen werden. Dieses bezieht sich in der Tradition von Putnam auf den Einfluss des Sozialkapitals auf die Qualität der Demokratisierung. Die Qulität der Demokratisierung ist durch „Gewaltfreiheit, Pragmatismus und Kompromissbereitschaft sowie selbstbewusste, politisch interessierte und partizipationsbereite Bürger, die eine responsive Politik einfordern“ (Westle, 2008:117) gekennzeichnet. Dabei werden soziale Netzwerke als „Schule der Demokratisierung“ thematisiert, wobei das soziale Vertrauen und gemeinschaftlich geteilte Normen als „Grundlage der politischen Kooperationsbereitschaft“ (Westle, 2008:117) dienen. Baur und Braun sprechen von der Krise der Demokratie im Zusammenhang mit freiwilligen Vereinigungen. Dabei kommen sozialen Netzwerken eine entscheidende Rolle zu, um diese Krise abzuwenden und die Demokratie zu stabilisieren. Konkret sollen freiwillige Vereinigungen die Verbindung zwischen der „Mitgliedschafts- und Staatsbürgerrolle ermöglichen“ wobei „ein wechselseitiger Verstärkungszusammenhang zwischen einer derartigen bürgerschaftlichen Kompetenz einerseits und der Mitgliedschaft, Mitarbeit und Partizipation in frewilligen Vereinigungen andererseits vermutet“ (Braun, 2003:73) wird. Demnach wird den Mitgliedern in freiwilligen Vereinigungen ein höheres politisches Interesse und Engagement unterstellt.
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Gesellschaftliches Sozialkapital nach Gabriel
Soziale Netzwerke stellen die wichtigste Komponente für die Qualität einer Demokratie dar. Wohingegen in der Theorie von formalen wie auch informellen sozialen Netzwerken gesprochen wird, avancieren in der empirischen Forschung die formellen in den Mittelpunkt, was bestimmt auch mit der Messbarkeit derselben zusammenhängt. Im Folgenden werden auf die Ergebnisse von Gabriel eingegangen, welcher das politische Interesse und Engagement untersucht hat.
Gabriel stellt dazu vier Hypothesen auf, welche es zu testen gilt. Die Ergebnisse werden im Folgenden zusammenfassend dargestellt (vgl. Gabriel, 2002:159):
1. Sozialkapital fördert politisches Engagement
2. Soziale Partizipation, interpersonales Vertrauen und gemeinschaftsbezogene Werte und Normen leisten einen eigenständigen, positiven Beitrag zum politischen Engagement der Bürger
3. Für Bürger, welche über relativ wenig Sozialkapital verfügen, ist Politik weniger relevant
4. Sport- und Freizeitaktivitäten sind für politisches Engagement weniger relevant als Interessensgruppen oder karitative Organisationen
Die erste Hypothese konnte nicht vollumfänglich bestätigt werden. Zwar zeigen sich Zusammenhänge zwischen Sozialkapital und politischem Engagement in den untersuchten Ländern, jedoch nur schwach oder trivial. Deswegen kann davon ausgegangen werden, dass das „Niveau des Sozialkapitals offensichtlich nur einen (geringen) Teil des politischen Engagements erklärt“ (Gabriel, 2002:171, Hervorhebungen vom Orginal übernommen). In der zweiten Hypothese wird davon ausgegangen, dass soziale Partizipation, Vertrauen und gemeinschaftsbezogene Werte einen eigenständigen Beitrag leisten. Dabei zeigt sich, dass soziale Normen für die politische Partizipation nicht relevant sind und der Einfluss des sozialen Vertrauens nur sehr schwach ist. Bei der sozialen Partizipation gibt es zwei Befunde, welche auch die vierte Hypothese bestätigen. Die Beteiligung in Sport und Freizeitaktivitäten sind für politisches Engagement nicht relevant. Hingegen hängt die Beteiligung in Gewerkschaften, beruflichen Organisationen sowie in sozialen und kulturellen Organisationen eindeutig und positiv mit politischem Engagement zusammen. Ein ebenso klares Resultat liefert die dritte Hypothese. Länderübergreifend zeigte sich, dass sich „ohne Ausnahme Bürger mit viel Sozialkapital 15 stärker für Politik interessieren (…) als Bürger, welche nicht über Sozialkapital verfügen“ (Gabriel, 2002:171, Hervorhebungen vom Orginal übernommen).
15 VielSozialkapitalwirdinderStudiedefiniertalsPersonen,welchemindestensMitgliedineiner Organisationsind,vielVertrauenunddeutlicheUnterstützungvonNormenundWertenaufweisen. PersonenmitwenigSozialkapitalsindgekennzeichnetdurchkeineMitgliedschaft,wenigVertrauenund keineUnterstützungvonWertenundNormen(vgl.Gabriel,2002:171).
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Weitere Befunde
In der Analyse des individuellen Sozialkapitals hat Gabriel versucht, die drei Komponenten des Sozialkapitals auseinander zu nehmen und jedes einzeln zu bestimmen. Dieses Vorgehen hat er jedoch nicht für das gesellschaftliche Sozialkapital verwendet. Damit zeigt sich die Komplexität in der Messung von gesellschaftlichem Kapital. Um die Ergebnisse von Gabriel zu ergänzen, wird auf weitere Studien und deren Resultate in Bezug auf das gesellschaftliche Sozialkapital eingegangen.
Die einfachste Variante, den Einfluss von freiwilligen Vereinigungen auf die Demokratie zu messen, wäre die Wahl- und Stimmbeteiligung in Abhängigkeit der Mitgliedschaften zu messen. Denn, so könnte man annehmen, dass bei hohen politischen Interessen auch eine hohe Stimm- und Wahlbeteiligung vorliegen müsste. Diese Ansicht wiederspricht jedoch der Normalisierungshypothese. Diese geht davon aus, dass bei einer zurückgehenden Wahlbeteiligung von einer hohen Zufriedenheit der Bevölkerung mit dem politischen System auszugehen ist, ein starker Anstieg der Wahlbeteiligung hingegen als ein Krisensymptom bewertet werden kann. (vgl. Simonson, 2003:136). Zmerli bestätigt die Normalisierungshypothese in ihrer Untersuchung für Ost und Westdeutschland.
„Hierbei zeigt sich, dass nicht Vertrauen, sondern Misstrauen in politische Akteure und Institutionen überwiegend als Motor politischer Teilhabe fungiert“ (Zmerli, 2008: 301, Hervorhebungen vom Orginal übernommen).
In eine ähnliche Richtung weist die Studie von Maya Pesic, welche die Demokratiekonsolidierung in Abhängigkeit des Sozialkapitals untersuchte. Dabei wurde das Vertrauen als wichtigster Faktor des Sozialkapitals berücksichtigt. Ihre Studie brachte ernüchternde Resultate. Von den gewählten unabhängigen Variablen bestand nur bei der politischen Partizipation ein positiver Zusammenhang. Bezüglich dem Vertrauen sind ihre Befunde ebenso überraschend. Demnach besitzen nicht die Bürger in konsolidierenden Demokratien viel Vertrauen in ihre Mitmenschen und Organisationen, sondern Staaten mit tiefen Demokratiewerten. Sie relativiert jedoch diese Befunde mit der Anlehnung an Pickel, welcher diese hohen Zustimmungsraten zur Demokratie nicht der tief verwurzelten demokratischen Grundeinstellung gleichsetzt, sondern mit realitätsfernen Idealvorstellungen der Bürger in die Demokratie (vgl. Pesic 2007, 101f.).
Zusammenfassung
Die Resultate der hier geschilderten Arbeiten sind sehr uneinheitlich. Dem Vertrauen wurden Einflüsse attestiert, jedoch entweder nur schwach oder sogar widersprüchlich. Weist bei Gabriel die Variable Vertrauen noch schwache positive Effekte auf, wird dies mit der Theorie der Normalisierungshypothese wiederum in Frage gestellt. Auch in der Studie von Pesic wird Vertrauen als nicht ganz greifbar dargestellt. Auf der einen Seite konnte ein Effekt belegt werden, in der Interpretation bleibt hingegen ein grosser Spielraum. Bezüglich den gemeinschaftsbezogenen Werten und Normen konnte nach Gabriel ebenso kein positiver Effekt auf das politische Engagement der Bürger festgestellt werden. Die Rolle von freiwilligen Vereinigungen auf politische Teilhabe liess sich auch nur unzulänglich darstellen. Der Effekt von Gewerkschaften und beruflichen Organisationen
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sowie kulturell, religiös und sozial aktive Vereine weisen einen Effekt hinsichtlich dem politischen Engagement auf. Dies ist jedoch nicht weiter erstaunlich, da insbesondere Gewerkschaften und berufliche Organisationen aktiv politisch tätig sind. Anders ausgedrückt: politisches Engagement gilt als Zielsetzung ihrer Vereinigung. Ebenso verhält es sich mit kulturellen und sozialen Organisationen, welche vielfach politische Ziele verfolgen. Trotz der Widersprüchlichkeit der Ergebnisse ergeben sich aus den Resultaten zwei Schlussfolgerungen.
Der Einfluss der kulturellen Komponente - Vertrauen und Normen - auf das gesellschaftliche Sozialkapital konnte nicht bestätigt werden. Demnach wirft dies die Frage auf, ob sie einen Einfluss auf das Sozialkapital haben oder ob die Messung dieser Komponente auf eine andere Art und Weise ausgelegt werden müsste.
Der Einfluss der strukturellen Komponente konnte teilweise bestätigt werden. Jedoch zeigt sich, dass nicht eine vielfältige Vereinslandschaft das gesellschaftliche Sozialkapital a priori vergrössert, sondern dass anhand der Zielsetzung von freiwilligen Vereinigungen der Effekt untersucht werden muss.
5. DifferenzierungsebenenvonfreiwilligenVereinigungen
Aus den Resultaten von Kapitel 4 geht hervor, dass nicht a priori jede Vereinigung eine positive Wirkung aufweisen muss. Im folgenden Kapitel sollen nun Konzepte für eine Unterscheidung von freiwilligen Vereinigungen vorgestellt werden.
5.1. DifferenzierungsebenenfreiwilligerVereinigungennachPutnam
Putnam sieht in der Generierung für Sozialkapital die sozialen Netzwerke als wichtigste Voraussetzung. Denn nur durch diese können Vertrauen und gemeinsame Wert- und Normvorstellung erst entstehen. Jedoch gelingt dies nur, wenn Netzwerke horizontal organisiert sind. Die Begründung liegt darin, dass ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Personen nur dann möglich ist, wenn sie in einem gleichberechtigten Verhältnis zueinander stehen. Horizontale Beziehungen bezeichnet Putnam als „civic community“, welche sich durch eine heterogene Zusammensetzung der Vereinsmitglieder auszeichnet. Diese heterogene Zusammensetzung fördert soziales Vertrauen sowie Normen der generalisierten Reziprozität und somit brückenbildendes Sozialkapital. Und nur dieses brückenbildende Sozialkapital ist im Stande das gesellschaftliche Sozialkapital zu erhöhen, in dem es zum Beispiel Minderheiten integriert (vgl. Putnam, 1993).
Gegenüber der „civic community“ generiert die „uncivic communitiy“ kein gesellschaftliches, sondern nur persönliches Sozialkapital. Die „uncivic communitiy“ zeichnet sich durch eine homogene Zusammensetzung ihrer Mitglieder aus und fördert das interpersonale Vertrauen sowie Normen der spezifischen Reziprozität. Diese homogene Zusammensetzung generiert bindendes Sozialkapital und überwindet keine gesellschaftliche Trennlinien oder „leisten keinen eigenen Beitrag zum Abbau von Vorurteilen“ (Zmerli, 2008:303).
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5.2. DifferenzierungsebenenfreiwilligerVereinigungennachZmerli
Zmerli widerspricht dieser Annahme Putnams und schlägt die Differenzierung in ein inklusivwirkendes und ein exklusiv-wirkendes Sozialkapital vor (Zmerli, 2008:23 (u.a)). Sie argumentiert, dass nicht die heterogene bzw. homogene Zusammensetzung sozialer Netzwerke das Sozialkapital beeinflusst, „sondern die Zielsetzung der Vereinigungen und die mit ihnen einhergehenden sozialen Normen“ (Zmerli, 2008:22). Und eben diese unterschiedlichen Zielsetzungen beschreibt Zmerli als exklusives und inklusives Sozialkapital. Als exklusives Sozialkapital beschreibt sie die „Entwicklung exklusiver Gruppenidentitäten, interpersonalen Vertrauens sowie Normen der spezifischen Reziprozität“ (Zmerli, 2008:23) und mit inklusivem Sozialkapital wird die „Entwicklung sozialen Vertrauens und Normen generalisierter Reziprozität“ (Zmerli, 2008:23) beschrieben. Diesen Ansatz nennt Zmerli den Differenzierungsansatz.
Die Beschreibung von Zmerli lehnt stark an Putnams Differenzierung des brückenbildenden und bindenden Sozialkapitals an. Jedoch geht sie von einer anderen Wirkungsweise aus. Putnam unterscheidet die Mitgliederzusammensetzung während bei Zmerli die Zielsetzung von freiwilligen Vereinigungen im Mittelpunkt steht.
Die Übersicht über die von Zmerli vorgenommene Einteilung in freiwillige Vereinigungen welche inklusives Sozialkapital, und Vereinigungen welche exklusives Sozialkapital generieren, ist dem Anhang A zu entnehmen.
Als Resultat über ihre Studie kommt sie zum Ergebnis, dass sich die Unterscheidung von freiwilligen Vereinigungen anhand ihrer Zielsetzung und nicht ihrer Zusammensetzung als aussagekräftig erweist. Denn freiwillige Vereinigungen welche den inklusiven Gruppierungen zugeteilt werden, weisen einen postivien Effekt auf das soziale Vertrauen und dadurch das Sozialkapital auf. Hingegen konnten bei exklusiven Gruppierungen keine oder teilweise negative Effekte festgestellt werden. Diese negativen Effekte wirken sich wiederum negativ auf das Sozialkapital aus (Zmerli, 2008:249).
Als Schlussfazit hält sie denn auch fest, dass anhand dieser Ereignisse eine „vielfältige Vereinslandschaft keinen verlässlichen Indikator einer Kultur sozialen Vertrauens zu interpretieren“ (Zmerli, 2008:305) sei.
5.3. FazitfreiwilligeVereinigungenundSozialkapital
Die Unterscheidung von freiwilligen Vereinigungen erscheint sinnvoll. Zum einen legen dies die Resultate aus Kapitel 4 nahe, wonach Gabriel die unterschiedliche Wirkung von freiwilligen Vereinigungen auf das politische Engagement aufgezeigt hat. Zum anderen zeigt sich die Differenzierung nach Zmerli als vielversprechend, da auch sie Unterschiede in der Zielsetzung von freiwilligen Vereinigungen in Bezug auf das Sozialkapital feststellen konnte. Anhand der Ergebnisse von Gabriel müssten sich Sport- und Freizeitvereinigungen in der Studie von Zmerli bei den exklusiven Gruppierungen wiederfinden. Dies trifft jedoch nicht zu, zählt Zmerli Sportvereine und die Mehrheit der Freizeitvereinigungen zu den inklusiven Gruppierungen.
Dies könnte zwei Gründe haben. Zum einen misst Zmerli das Sozialkapital eigentlich nur indirekt. Ihre Fragestellung bezieht sich auf die Auswirkungen von exklusiven, respektive
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inklusiven Gruppierungen auf das soziale Vertrauen. Sie geht jedoch davon aus, dass das Sozialkapital steigt, sobald auch das soziale Vertrauen grösser wird, wonach inklusive Gruppierungen automatisch eine positive Wirkung auf das Sozialkapital haben sollten. Diese Determinante muss jedoch nicht unbedingt zutreffen, sofern man von der Gültigkeit der Resultate von Gabriel ausgeht. Bei ihm hatte das soziale Vertrauen keine bzw. sehr schwache Effekte auf das gesellschaftliche Sozialkapital. Zum anderen könnte es sinnvoll sein, wenn die relativ umfassende Gruppe von Sport- und Freizeitvereinen, welche Gabriel als eine Gruppe betrachtete, weiter differenziert werden würde.
6. Befunde
„Nur durch die gegenseitige Wirkung der Menschen aufeinander erneuern sich die Gefühle und die Gedanken, weitet sich das Herz und entfaltet sich der Geist des Menschen. Wie ich gezeigt habe, besteht diese Wechselwirkung in demokraischen Ländern so gut wie gar nicht. Man muss sie dort künstlich hervorrufen. Und das können allein die Vereinigungen tun“ (Tocqueville (1849) 1962: 125f., zit. nach Gabriel, 2002: 146).
Diese Aussage machte Tocqueville 1849 und wurde so zum Urvater der Sozialkapitaldebatte. Obwohl 160 Jahre zwischen dieser Aussage und der Gegenwart stehen, schimmert diese Aussage noch immer auf die Debatte über das Sozialkapital durch. In dieser Arbeit wurde untersucht, ob von dem individuellen Sozialkapital auf das gesellschaftliche Sozialkapital geschlossen werden kann. Dies war die erste zu beantwortende Fragestellung.
Bei der Untersuchung zum individuellen Sozialkapital hat sich der Einfluss des Vertrauens, von Werten und Normen sowie von freiwilligen Vereinigungen bestätigt. Bei der Frage nach den relevanten Einflussfaktoren für das politische Engagement hat sich hingegen nur der Einfluss der Mitgliedschaft in gewerkschaftlichen, berufsbezogenen, kulturellen, religiösen sowie sozialen Organisationen bestätigt.
Dies zeigt, dass nicht anhand des individuellen Sozialkapitals auf das gesellschaftliche Sozialkapital geschlossen werden kann. Die Ergebnisse zeigen jedoch auch, dass nicht die Mitgliedschaft per se zu einer Unterstützung der Demokratie führen, sondern dass dort ebenso eine Differenzierung angebracht ist.
Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass sich die Mitgliedschaft in allen freiwilligen Vereinigungen positiv auf das individuelle Sozialkapital auswirkt. Dass jedoch nur gewisse freiwillige Vereinigungen nützlich für das politische Engagement und ausschlaggebend für das gesellschaftliche Sozialkapital sind.
Diese Feststellung knüpft bereits an unsere zweite Fragestellung, welche lautete: Inwiefern wirken freiwillige Vereinigungen auf der individuellen und gesellschaftlichen Ebene und wird ihre Sozialintegrative Leistung bestätigt?
Aus Kapitel 4 lässt sich ableiten, dass freiwillige Vereinigungen auf der individuellen sowie auf der gesellschaftlichen Ebene wirksam sind. Jedoch muss, wie bereits erwähnt, das Konzept der freiwilligen Vereingungen stärker differenziert betrachtet werden. Ob der
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Differenzierungsansatz von Zmerli oder die Zusammensetzung nach Putnam sich als fruchtbar erweist, wird die zukünftige Forschung erst noch zeigen müssen. Zum einen haben freiwillige Vereinigungen zweifellos eine integrative Wirkung für jedes Individuum. Wie bereits thematisiert wurde, muss diese positive integrative Wirkung nicht ebenso positive Wirkungen auf die Gesellschaft aufweisen. Die Gelegenheit, innerhalb einer grösseren Gruppe von Menschen mit gleichen Interessen zu interagieren, stellt sicherlich nicht nur für die einzelne Person, sondern ebenso für die Gemeinschaft einen Mehrwert dar. Jedoch muss unterschieden werden, ob dieser Mehrwert auch in der Gesamtgesellschaft von Bedeutung ist.
Ein Verein der Graffitikünstler stellt sicherlich auch für die Hiphop-Szene und andere Graffitizeichner einen Mehrwert dar, was jedoch nicht zu bedeuten hat, dass dieser Mehrwert auch von der Mehrheit der Gesamtbevölkerung geteilt wird. Dieser Geltungsbereich, was jetzt einen Mehrwert darstellt oder nicht, ist stark von den Normen und Werten innerhalb einer Gesellschaft bestimmt und einem ständigen Wandel unterzogen. Demnach wird es für die Forschung schwer sein, diese Faktoren punktgenau zu bestimmen. Was heute noch akzeptiert wird, kann morgen bereits abgelehnt werden. Man beachte nur schon die Legitimationssteigerung von homosexuellen Interessensgruppen der letzten Jahre.
Die Berücksichtigung von negativen Konsequenzen werden in der Literatur meistens nur am Rande behandelt. Dazu zählen in den meisten Fällen Vereinigungen, welche wie oben erwähnt, nicht gesellschaftlich anerkannt sind. Dazu gehören als prominteteste Beispiele der Ku-Klux-Klan und die Mafia (vgl. Jungbauer-Gans, 2003:10). Putnam hat in späteren Arbeiten ebenso die negativen Seiten des Sozialkapitals eingeräumt und zählt dazu „Ethnozentrismus, Korruption und Sektierertum“ (Putnam 2000:22, zit. nach Zmerli, 2008:48,). Demnach ist die Wirkung von freiwilligen Vereinigung unbestritten, muss aber in ihrem Facettenreichtum betrachtet werden.
Zudem wurde ein weiterer Aspekt aufgezeigt, welcher in dieser Arbeit bis jetzt noch keine grosse Beachtung erhalten hat. Der Zusammenhang zwischen dem individuellen Sozialkapital und dem politischen Engagement, also dem gesellschaftlichen Sozialkapital. Bei Gabriel heisst es, dass Bürger, welche über viel Sozialkapital verfügen sich stärker für Politik interessieren als Bürger mit wenig Sozialkapital (vgl. Gabriel, 2002:171). Demnach beteiligen sich Bürger, welche selbst ein geringes Sozialkapital aufweisen nicht an der Vermehrung oder Verbreitung des gesellschaftlichen Sozialkapitals. Argumentiert man mit Bourdieu, so weisen vor allem Personen mit hohem sozialen Kapital auch ein hohes kulturelles und ökonomisches Sozialkapital auf, befinden sich demnach in einem höheren sozialen Milieu als Personen mit wenig Sozialkapital. Diese These unterstützt auch eine Expertise von Sebastian Braun zum Carl Bertelsmann Preis 2007. In dieser Expertise geht es um die sozialintegrativen Potentiale des bürgerschaftlichen Engagements für Jugendliche in Deutschland. Demnach ist für die Integration von Jugendlichen vor allem kulturelles sowie soziales Kapital wichtig, welches wiederum aus der Herkunftsfamilie generiert wird. Und die Höhe des vermittelten kulturellen und sozialen Kapitals ist wiederum von der Bildung abhängig. Würde dieser Schluss bedeuten, dass die Höhe des Sozialenkapitals tatsächlich vom Bildungsstand der
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Gesamtbevölkerung abhängig ist? Wahrscheinlich nicht, müsste hingegen in der Diskussion eine grössere Beachtung finden.
Betrachtet man jedoch Mitgliedschaftszahlen aufgegliedert in ein Sozialprofil, so erkennt man, dass Personen mit einer höheren Bildung sowie Personen aus einer höheren Schicht häufiger in freiwilligen Vereinigungen vertreten sind (vgl. Anhang B). Dies wiederum wirft die Frage nach den Zugänglichkeiten von freiwilligen Vereinigungen auf.
7. Schlussbemerkungen
In den 1990er Jahren traf Putnams These des Sozialkapitals in Deutschland auf den gesellschaftlichen-politischen Diskurs der Indivdualisierung. Die Individualisierungsdebatte war stark zukunfts-pessimistisch geprägt und Putnams These wurde dankbar aufgenommen und fand so auch in der Wissenschaft eine rasante Entwicklung. Obwohl die Vereinsforschung bereits von Max Weber am Soziologenkongress von 1914 gefordert wurde, fand sie erst durch die Studie und Schlussfolgerungen von Putnam Aufschwung. Seit den 1990er Jahren wurde zu diesem Thema in Wissenschaft und Politik viel publiziert, was jedoch in den wenigsten Fällen auf empirischen Daten beruhte.
Die Studie von Gabriel belegt, dass alle untersuchten Länder, unabhängig ihrer Staatsform, ein ähnliches Mass an Sozialkapital aufweisen. Jedoch ist die Zusammensetzung der drei Komponente - Netzwerke, Vertrauen, Normen - in jedem Land unterschiedlich. Bezüglich der Mitgliedschaften in freiwilligen Vereinigungen weist zum Beispiel Schweden eine markant höheren Wert an sozialen Beteiligungen auf als Spanien und Italien. Jedoch wurden innerhalb der Länder nur kleine Schwankungen der Mitgliedschaftszahlen über die Zeit gemessen, was sich mit der Untersuchung von Jungbaur-Gans für Deutschland bestätigt. Demzufolge weisen Individuen heute nicht weniger Sozialkapital auf, als noch vor 30 Jahren. Jungbauer Hans vermutet, dass der Eindruck von abnehmendem Sozialkapital infolge des Wandels von der Bürgergesellschaft, welche sich durch traditionell integrierte Milieus auszeichnete, zur Zivilgesellschaft, welche durch Prozesse der sozialen Mobilität, der Angleichung der Lebensformen und des sozialen Aufstiegs gekennzeichnet ist, seine Ursachen haben.
„durch die beschriebenen Prozesse wurde jedoch nicht eine soziale Desintegration, sondern eine Integration in eine über kleinräumliche Milieus hinausreichende Gemeinschaft ausgelöst“ (Jungbauer-Gans, 2003:22).
Demzufolge hätte sich das Sozialkapital nicht verringert, sondern lediglich verlagert, und wahrscheinlich - die Daten legen diesen Schluss nahe - in eine Ebene verlagert, in der die Daten für die empirische Forschung weniger leicht zugänglich sind.
Grundsätzlich lassen sich nochmals zwei Punkte festhalten. Zum einen wurde die Sozialkapitaldebatte in der Wissenschaft als bahnbrechender Durchbruch gefeiert, nach empirischen Ergebnissen zeigt sich jedoch eine grosse Ernüchterung. Die Hoffnungen, die Putnam geweckt hat und welche danach in grossem Stil von verschiedenen Wissenschaften und als Politikum aufgenommen wurden, konnten nicht durch empirische Ergebnisse vollumfänglich bestätigt werden. Das Sozialkapital wirkt nachweislich integrierend für das
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betreffende Individuum, jedoch muss auch die „negative“ Seite betrachtet und in der Forschung berücksichtigt werden. Zudem hat die Forschung über freiwilige Vereinigungen in Bezug auf die Qualität von Demokratien mehr Fragen aufgeworfen als sie geliefert hat. Zum anderen haben die sozioökonomischen Faktoren gezeigt, dass sich vor allem einen hohen sozialen Status und eine hohe Bildung massiv auf die Mitgliedschaft einwirken. Dies legt nahe, dass die Sozialkapitaldebatte in der Tradition nach Bourdieu sicherlich mehr Beachtung in der gegenwärtigen Forschung verdient hätte. Denn die Daten legen eine soziale Ungleichheit betreffend den Zugangsmöglichkeiten zu freiwilligen Vereinigungen nahe, welche in der gegenwärtigen Debatte weitestgehen ausgeblendet wird.
Andrea Thoma 23 03.06.2009
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9. Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: Mechanismen der sozialen Integration S. 10
Abb. 2: Der doppelte Doppelcharakter des Sozialkapitals nach Gabriel S. 12
10. Anhang
Anhang A: Gruppierungen des exklusiven und inklusiven Sozialkapitals Anhang B: Sozialprofil der Mitglieder in Freiwilligenorganisationen
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Anhang A
Konstitutive Güter freiwilliger Vereinigungen, deren Zuordnung zu Gruppierungen des exklusiven und inklusiven Sozialkapitals und Anteil der sozial Engagierten. (vgl. Zmerli 2008, S191, Tabelle 28)
Arbeit zitieren:
Andrea Thoma, 2009, Freiwillige Vereinigungen im Blick der Sozialkapitaldebatte, München, GRIN Verlag GmbH
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