Fragenreiches Vorwort:
Selbst bei einer thematischen Einschränkung wie der hier gegebenen Begrenzung auf die Komposition des Bildes ist es schwer, einen Anfang zu finden um ein Bild zu analysieren, das schon mehrfach als das Bild der Bilder beschrieben wurde. Somit findet sich im Ausdruck der Sprache ein Phänomen, das zuvor von den Augen gemacht wurde: Betrachtet man „Las Meninas“ von Velázquez, erscheint es einem immer wieder wie das erste Mal, so vielschichtig, so facettenreich und so reich an Eindrücken ist es. Wie bei einem Puzzle hat man den Eindruck, stets Neues zu entdecken.
Wohin möchte der Maler unsere Aufmerksamkeit lenken? Auf die Infantin, scheinbar im Mittelpunkt hervorragend? Auf den Hofmarschall im Lichtpunkt der geöffneten Türe im Hintergrund? Oder auf sich, den malenden Nebendarsteller im Dunkeln?
Erst nach diesen Überlegungen wirkt der Bezug von Titel zu Darstellung seltsam„Las Meninas“, die Hofdamen. Für den damit nicht vertrauten Betrachter stellt sich sogleich die Frage, bei welchen der abgebildeten Personen es sich um die benannten Hofdamen handelt.
Letztendlich hält eines jeden Blickes dem Spiegel nicht lange Stand - ist es überhaupt ein Spiegel? Oder nur ein Bild, wie die anderen an der Wand hängenden? Aber wenn es ebenso nur ein weiteres Gemälde wäre, warum verschwindet es nicht im Dunkel, wie die anderen, sondern scheint das Licht der Fenster zu reflektieren? Falls es ein Spiegel ist, was spiegelt sich darin? Die Leinwand, an der Velàzquez gerade malt oder die Personen, die für Velazquez Modell stehen? Zeigt es damit nicht eigentlich uns, die Betrachter, die wir demnach auf der Position der Modelle stehen müssten 1 ?
Diese Anhäufung von Fragen, in der eine die nächste ergibt, zeigt wohl deutlich die Vielfalt des Bildes - nicht nur von analytischer Perspektive sondern auch rein von
1 Vgl. Searle S. 171
1
den Eindrücken, die es dem Betrachter unwillkürlich vermittelt. Daher ist es eigentlich unmöglich, strikt nur auf eine Facette, in diesem Falle die Komposition, einzugehen.
Kurze und allgemeine Beschreibung des Bildes
Das fast quadratische Bild misst 318 x 276 cm und entstand 1656. „Seit 1819 befindet es sich im Prado in Madrid“ 2 , jedoch erst seit 1843 unter dem nun bekannten Titel („bis dahin war die Bezeichnung „La Familia“ oder „La Familia di Felipe IV“ 3 ).
Die einzigen weiteren sicheren Daten sind die Namen der dargestellten Personen die auf die Quelle Palominos zurückgehen. So wissen wir heute, dass es sich bei dem dargestellten Raum um ein Zimmer im alten Alcázar 4 handelt, das von Velázquez als Werkstatt benutzt wurde.
Oft wurde das Bild mit Fotografien gleichgesetzt, da es „den Eindruck einer Momentaufnahme (vermittelt); aber dieser Eindruck ist die Wirkung eines kunstvollen Arrangements“ 5 .
Der Künstler stellt sich selbst, malend vor einer im Bild abgeschnittenen Leinwand, auf der linken Seite dar. Mittig posiert die kleine Infantin Margarita, direkt umgeben von ihren Hofdamen Doña Maria Sarmiento (links) und Isabela de Velasco (rechts). Im hinteren Bereich des Bildes blickt der Hofmarschall Don José Nieto von der Treppe in den Raum. Zwischen ihm und der Gruppe mit der Infantin stehen in Nonnentracht Doña Marcela de Ulloa und ein Hofbeamter, der Guardadamas. Der rechte, angeschnittene Bildvordergrund zeigt Maria Bárbola (oft
2 Auer, S. 5
3 Auer S. 5
4 Vgl. Warnke S. 154
5 Brandt S. 121
2
auch nur als „die Zwergin“ bezeichnet) und Nicolasito Pertusato, der, ebenso wie der namenlose Hund, der der Unterhaltung diente. 6
Außerdem im Bild enthalten sind die angeschnittene Leinwand, zwei etwa gleichgroße, querformatige Bilder an der hinteren Wand sowie darunter zwei unterschiedlich große, hochformatige Bilder und eher mittig gehalten der hochformatige Spiegel direkt neben der geöffneten Türe mit Vorhang.
Dem Spiegel kommt nach mehreren analytischen Faktoren eine besondere Bedeutung zu. Wie bereits vermutet, ist dieser Spiegel vielleicht das einzige Indiz dafür, was als Intention dem ganzen Bild zugrunde liegt.
„In der holländischen Malerei war es Tradition, dass die Spiegel eine reduplizierende Rolle spielten. Sie wiederholten, was im Bild bereits gegeben war, aber in einem irrealen, modifizierten, verkürzten und gekrümmten Raum. […] Hier wiederholt der Spiegel nichts von dem, was bereits gesagt worden ist. […] Was in ihm reflektiert wird, ist das, was alle Personen auf der Leinwand gerade fixieren.“ 7
Velázquez hielt sich bezüglich der Farbigkeit eher zurück, erzeugt aber dennoch eine fast fotorealistische Momentaufnahme und weiß das Spiel zwischen Hell und Dunkel gezielt einzusetzen. So springt der Blick des Betrachters zunächst zwischen den vier hellsten Partien im Bild: von der Infantin mit blond glänzendem Haar und hellem Kleid weiter nach hinten zum Hofmarschall im lichtdurchfluteten Treppengang dann etwas nach links zum glänzenden Spiegel neben der Türe und schließlich an den rechten Bildrand und das nur durch ein „Fenster, das kaum angedeutet ist, (und) ein volles und gemischtes Tageslicht frei(setzt)“ 8 und damit die Hauptlichtquelle der Szenerie.
6 Auer S. 6 ff
7 Foucault S. 25 ff
8 Foucault S.20
3
Arbeit zitieren:
Manuela C. Müller, 2008, Velázquez "Las Meninas" , München, GRIN Verlag GmbH
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