1. Einführung
Japan ist wie einige weitere ostasiatische Länder in der westlichen Presse oft Gegenstand von Kritik, weil das als wirtschaftlich stark und technologisch weit entwickelte Volk aus westlicher Sicht diskriminierend und veraltet wirkt, wenn es um die Rolle der Frau geht. Die Kritik baut auf Fakten auf, beleuchten doch Statistiken und Untersuchungen viele Ungleichheiten im Geschäftsleben von verschiedenen Seiten. Sie dokumentieren eine absolute Minderzahl von Frauen in Führungspositionen 1 und eine Vielzahl von weiblichen Hochschulabsolventen, die trotz erfolgreichen Abschlusses Tätigkeiten mit geringen Verantwortlichkeiten wie der Positioneiner sogenannten „Office Lady“ wahrnehmen 2 . Andere verzichten völlig auf eine berufliche Karriere. Doch reichen bloße Zahlen für ein wirklich treffendes Urteil? Die Gleichberechtigung von Mann und Frau in der Arbeitswelt ist im interkulturellen Dialog ein sensibles Thema und um ihm gerecht zu werden, bedarf es dem Heranziehen von verschiedenen Faktoren. Meine Arbeit soll eben diese Tatsache verdeutlichen, indem etwa die Einflüsse des japanischen Wertesystems und das Verständnis von Rollenverteilung im Alltag klar gemacht werden. Zudem ist jeder Befund schwer zu bewerten, sofern er ohne Vergleich beurteilt wird. Es gilt also außerdem herauszufinden, ob die v ermeintlich benachteiligte Stellung der Frau im Beruf in Japan tatsächlich als absolut konservativ zu sehen ist, bzw. ob etwa westeuropäische Länder diesbezüglich andere Strukturen aufweisen. Auch ist es unerlässlich, über die zahlenbelasteten Theorie der Statistiken hinauszugehen und einen Blick in die Praxis zu werfen. Dies kann besonders bedeutsam sein, um festzustellen, ob es entweder Akzeptanz oder Ablehnung der gegebenen Umstände gibt. Die Gleichstellung von Mann und Frau wird für interkulturelle Vergleiche oft zur Verdeutlichung von Unterschieden gewählt. Um dadurch Verhältnisse mit Begriffen wie „diskriminierend“ bewerten zu können, ist die Art und Weise, wie eine Gesellschaft selbst mit den Gegebenheiten umgeht, von großer Bedeutung. Schließlich geht es nicht nur darum, Bewusstsein, sondern ein Verständnis für kulturelle Unterschiede zu entwickeln, um die Situation in einer anderen Kultur nicht anhand des eigenen Wertesystems zu beurteilen. Diese Arbeit soll einen Ansatz zur Herangehensweise an solche Problematiken darstellen.
1 Miroslav Stimac, Arbeit, Freizeit und Konsum im modernen Japan (Tenea Verlag Ltd., 2004), 84ff
2 René Haak, Arbeitswelten in Japan (IUDICIUM Verlag, 2006) 78. 2
2. Die Rolle der Frau in der japanischen Gesellschaft
2.1 Relevante Aspekte des japanischen Wertesystems
Die Ausprägung kultureller Merkmale, wie etwa die Gleichberechtigung von Mann und Frau im Berufsleben, hat sich in den meisten Fällen über Jahre hinweg entwickelt. Besonders jedoch, wenn Verhaltensweisen und Gesellschaftsstrukturen über einen langen Zeitraum nahezu zu unverändert bleiben, deutet dies meistens darauf hin, dass Wert‐ und Moralvorstellungen der Menschen diese Zustände befürworten. Interessanter Aspekt ist hier die Tatsache, dass Gesetze und Regelungen nicht immer mit dem wirklichen Verhalten der Menschen eines Staates übereinstimmen, denn Veränderungen können nicht einfach durch einen gesetzlichen Mantel übergestülpt werden, wenn die Gesinnung der Menschen und das etablierte System gegen diese Regelungen strebt. Es ist Fakt, dass nahezu alle Industrienationen über ein Bündel von Gleichberechtigungsgesetzen, oft auch speziell für das Berufsleben, verfügen. 3 Fakt ist jedoch auch, dass diese Gleichberechtigung in der Praxis anders ausgeprägt ist. Während in Deutschland Gehaltsunterschiede zwischen männlichen und weiblichen Angestellten eher Standard als Seltenheit sind 4 , entscheiden sich in Japan wie in vielen weiteren Länder auch Frauen mit hohen Qualifikationen gegen eine berufliche Karriere. Dies geschieht zum einen durch den freien Willen der Frauen, zum anderen auch durch die benachteiligenden Bedingungen in den Unternehmen 5 . Die japanische Gesellschaft und Wirtschaft hält demnach in gewisser Weise trotz neuer Gesetze zur Gleichberechtigung an klassischen Strukturen fest. Dies muss also in der Einstellung der Menschen selbst zu finden sein, Gründe dafür müssen demnach im kulturspezifischen Wertesystem gesucht werden.
Buddhismus und Schintoismus prägten seit Jahrhunderten die Idealvorstellungen des japanischen Volkes. 6 Gemeinsam mit anderen religiösen Einflüssen und der japanischen Geschichte ließen sie im Kulturkreis des ostasiatischen Landes ein großes Zusammengehörigkeitsgefühl entstehen, das mit Kohäsion, dem Bedürfnis nach Gruppenharmonie und einem großen Maß an
3 Sylvia M. Wilz, Margot Hennel‐Schmittmann, Geschlechtliche Gleichberechtigung im 20. Jahrhundert
(Springer, 2007), 87ff
4 Karin Gottschall, Birgit Pfau‐Effinger, Zukunft der Arbeit und Geschlecht: Diskurse, Entwicklungspfade und
Reformoptionen im internationalen Vergleich (VS Verlag, 2002) 76ff
5 Sonja Gabbani‐Hedman, Zeitvorstellungen in Japan Reflexion über den universalen Zeitbegriff: Reflexion über
den universalen Zeitbegriff (Springer, 2004) 154ff
6 Peter Kleinen, Im Tode ein Buddha: buddhistisch‐nationale Identitätsbildung in Japan am Beispiel der Traktate
Gesshôs (LIT Verlag Berlin‐Hamburg‐Münster, 2002) 5.
3
Verantwortungsbewusstsein gegenüber den Mitmenschen verbunden ist. 7 Im Gegensatz zu westlichen Kulturkreisen orientieren sich viele japanische Lebenskonzepte daher nicht an Werten wie Selbstverwirklichung, sondern oft anhand dessen, was für die Allgemeinheit sinnvoll ist. 8 Die Familie als vertrautes und kleinstes Gemeinsames hat daher einen hohen Stellenwert, ihr Wohl und ihre positive Entwicklung stellt den kleinsten Teil zu einer starken Nation dar. 9 Daher muss die Frage nach der beruflichen Benachteiligung der Frauen auch vor diesem Hintergrund der Selbstlosigkeit beurteilt werden. Schließlich stellt die Stärkung der Familie eine große Aufgabe dar und ist sowohl zeit‐ als auch kostenintensiv, vor allem was Bildung und Ausbildung des Kindes angeht. Um dies zu gewährleisten, ist eine organisierte Arbeitsteilung der Eltern notwendig, die im folgenden Kapitel näher erläutert wird und ebenfalls einen bedeutsamen Grund dafür darstellt, weshalb einige Frauen noch immer gänzlich auf Karriere verzichten. 10
Auch der überzeugte Glaube an eine feste, natürliche Ordnung hat die japanische Gesellschaft seit jeher stark beeinflusst. Er geht davon aus, dass die Gemeinschaft den größten Nutzen erfährt, wenn jeder einzelne Teil seinen Beitrag dazu leistet und indem er genau die Funktion erfüllt, in der seine Stärken liegen. 11
Diese Überlegung ist keineswegs eine typisch ostasiatische. Bereits zahlreiche Forscher der Sozialevolution stellten die Theorie auf, dass die jahrtausendealte Rollenverteilung aus der Geschichte der Menschheit, beginnend in der Zeit der Jäger und Sammler, die unterschiedlichen Fähigkeiten von Mann und Frau gefördert haben. Weibliche Stärken liegen demnach in der sozialen Sorge, also Kindererziehung und vergleichbaren Aufgaben. Außerdem liege das optimale Verwerten der vom Mann eingeholten Versorgungsmittel im Sinne der Familie in ihrer Natur. 12 Diese von vielen Verhaltensforschern unterstützte Theorie stellt einen weiteren Grund dafür dar, dass Frauen - und das nicht nur in Japan - häufiger auf ihre eigene Karriere verzichten und sich der internen Versorgung der Familie widmen.
7 Marion Grein, Kommunikative Grammatik im Sprachvergleich: Die Sprechaktsequenz Direktiv und Ablehnung
im Deutschen und japanischen (Walter de Gruyter, 2007) 79.
8 Katja Nafroth, Zur Konstruktion von Nationenbildern in der Auslandsberichterstattung: Das Japanbild der
deutschen Medien im Wandel (LIT Verlag Berlin‐Hamburg‐Münster, 2002) 73ff.
9 Peter Backhaus, Japanstudien‐ Familienangelegenheiten: Jahrbuch des deutschen Instituts für Japanstudien,
Band 19/2007 (IUDICIUM Verlag, 2007) 52.
10 Priska Lautner, Kommunikationsprobleme in Japanisch‐westlichen Partnerschaften aufgrund der
unterschiedlichen Kulturen (GRIN Verlag, 2007) 31.
11 Nafroth 73.
12 Hans Bosse, Vera King, Männlichkeitsentwürfe: Wandlungen und Widerstände im Geschlechterverhältnis
(Campus Verlag, 2000) 82.
4
In Japan ist dies unter anderem verstärkt zu beobachten, weil die exzellente Ausbildung der Kinder eine unglaublich große Rolle einnimmt. 13
Es ist also wichtig, zu verstehen, dass diese Entscheidung nicht unbedingt immer aus rein rationalen Gründen gefällt wird. Es sind dabei vor allem das natürliche Bedürfnis und das natürliche Verantwortungsgefühl über das Sorgen für diesen Teil des Familienlebens. Sozialer Druck, sowohl innerhalb der Familie wie auch von außerhalb, spielen von Fall zu Fall ebenfalls eine gewisse Rolle. 14
2.2 Die japanische Rollenverteilung im Alltag
Zunächst bleibt festzuhalten, dass die Rolle der Frau in Japan im Gegensatz zu dem, was in vielen Quellen zu finden ist 15 , keine pauschal benachteiligte ist. Besonders für Menschen aus westlichen Kulturkreisen ist eine relativ klar definierte Rollenverteilung meist auch mit einer ungleichen Machtverteilung verbunden. Besonders das klassische Model des berufstätigen Mannes und der Frau als Hausfrau und Mutter, welches im Übrigen auch in Ländern wie Deutschland und Großbritannien das am häufigsten auftretende ist 16 , wird oft mit der Unterdrückung der Frauen gleichgesetzt. Für den westlichen Betrachter, für den Selbstverwirklichung und somit das Fortentwickeln und Nutzen der eigenen Fähigkeiten wichtig sind, ist die Entscheidung für das freiwillige und selbstlose Versorgen der Kinder oft nur unter Druck vorstellbar. Vor allem vor dem Hintergrund von Emanzipationsbewegungen bedeutet dies in der Gesellschaft oft Schwäche oder mangelnde Fähigkeiten und Qualifikationen.
Da das Wertesystem in Japan ein anderes ist, findet auch eine andere Beurteilung der Hausfrauenrolle statt. Ähnlich wie auch in westlichen Kulturen betrachten viele Familienväter und Ehemänner die finanzielle Versorgung ihrer Familie als persönliche Aufgabe und somit als bedeutsamen Teil ihres Selbst. 17 In vielen literarischen Quellen wird hier auf das Bild des
13 Andreas Schlieper, Die Nähe fremder Kulturen: Parallelen zwischen Japan und Deutschland (Campus Verlag,
1997) 149.
14 Sonja Gabbani‐Hedman, Zeitvorstellungen in Japan: Reflexion über den universalen Zeitbegriff (Springer,
2004) 154.
15 Iris Petzold, Nadja Ringel, Alexander Thomas, Beruflich in Japan (Vandenhoeck & Ruprecht, 2005) 113.
16 Annemarie Weinhoff, Michael Groeber, Europäische Lebenswelten im Wandel (Springer, 1999) 67.
17 Miroslav Stimac, Arbeit, Freizeit und Konsum im modernen Japan (Tenea Verlag Ltd., 2004) 287.
5
„Fimenkriegers“ 18 hingewiesen, dem nicht nur die eigene finanzielle Versorgung wichtig ist, sondern auch das Voranbringen des Konzerns und der japanischen Wirtschaft.
Diese Aufgabe der finanziellen Familienversorgung ist in Japan mit einer großen Verantwortung verbunden, müssen doch neben Ehefrau und Kindern oft auch die eigenen Eltern oder Schwiegereltern unterhalten werden 19 . Reguläre Betreuungs‐ und Bildungseinrichtungen für japanische Kinder, vom Kindergarten bis zur Hochschule, sind äußerst kostspielig. Nachhilfestunden und Unterricht zur Prüfungsvorbereitung erfordern zusätzlich hohe Summen. 20 Kann der Mann diese Kosten allein tragen, konzentriert sich die Frau meist auf die soziale Versorgung der Familie. Intensive Erziehung und frühkindlicher Bildung durch die Mutter noch vor dem eigentlichen Besuch von Bildungseinrichtungen sind in Japan die Norm. 21 Dem großen finanziellen Aufwand steht also ein großer zeitlicher Gegenüber, beides können Eltern oft nur optimal bewältigen, wenn sie sich auf einen Aufgabenbereich spezialisieren, lässt sich doch weder die finanzielle noch die soziale Versorgung von Kindern und Angehörigen „nebenbei“ erledigen. Dies schließt eine weitaus stärke Machtausübung der Frau ein, als dies für westliches Verständnis üblich sein mag. Das strenge Haushalten mit dem Gehalt des Mannes liegt meist allein in der Hand der Ehefrau, da der japanische Familienvater durch einen nicht selten zwölfstündigen Arbeitstag relativ wenig Einblick in das häusliche Geschehen hat.
Betrachtet man also den hohen Stellenwert der Familie, der mit dem im Westen nicht gleichzusetzen ist, bedeutet die Organisation von Versorgung und Entwicklung der Angehörigen einen großen und umfangreichen Verantwortungsbereich, der mit Sorgfalt und Strenge verwaltet werden muss. 22 Vergleichbar mit einigen arabischen Ländern ist die Rollenverteilung also mit einer haushaltsinternen Machposition der Frau und einer haushaltsexternen Machtposition des Mannes verbunden, wobei diese Begriffe hier weniger auf den Ort, als viel mehr auf den Aufgabenbereich bezogen sind. Beide Ehepartner verlassen sich dabei darauf, dass der andere seine Aufgaben erfüllt, ein regelmäßiger kommunikativer Austausch über die Tätigkeiten des anderen findet in der Regel nicht statt, oft stehen die Kinder im Mittelpunkt des Geschehens. 23 Sowohl die Rolle der Frau als auch die des Mannes sind also mit großer Verantwortung und Disziplin verbunden.
18 Joachim Kersten, Gut und(ge)schlecht: Männlichkeit, Kultur und Kriminalität (Walter de Gruyter, 1997) 158.
19 Bernhard Nauck, Ute Schönpflug, Familien in verschiedenen Kulturen (Lucius & Lucius DE, 1997) 58.
20 Ulrike Schlack, Singles in Japan‐ demografischer Wandel und Konsumverhalten Ende der 1990er Jahre (GRIN
Verlag, 2009) 96.
21 Stimac 84
22 Kersten 77
23 Lautner 33.
6
Arbeit zitieren:
Katharina Grimm, 2009, Asiens Geschlechterrollen im Wandel, München, GRIN Verlag GmbH
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