Inhalt
1. Einleitung 2
2. Finanzielle Auswirkungen. 5
3. Auswirkungen auf die Sozialisationsfunktion der Familie 8
3.1 Auswirkungen auf die Beziehung der Lebenspartner 9
3.2 Auswirkungen auf die Kinder und Jugendlichen 13
3.3 Auswirkungen auf die sozialen Beziehungen der Familie 16
4. Auswirkungen auf die regenerative Funktion der Familie. 19
4.1 Auswirkungen auf das Freizeitverhalten. 19
4.2 Auswirkungen auf das Gesundheitsverhalten und die Gesundheit 20
5. Bewältigungsstrategien 23
6. Forschungsfragen und ein Ausblick. 23
Abbildungsverzeichnis
Literaturverzeichnis
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1. Einleitung
Die wissenschaftliche Forschung über die Auswirkungen der Erwerbslosigkeit auf Familien begann in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts zur Zeit der Weltwirtschaftskrise, und war hauptsächlich in den USA und in Großbritannien zentriert. Die meisten Studien aus diesem Zeitraum konzentrierten sich auf die finanziellen Einbußen und die daraus entstehenden psychosozialen Folgeprobleme für die Betroffenen und ihre Familien. Dabei ging es oft um die Autoritätsproblematik des erwerbslos gewordenen Vaters, für welche hauptsächlich das stark verminderte Einkommen (die so genannte “ökonomische Deprivation“) verantwortlich gemacht wurde. So widmete sich beispielsweise die bekannte Untersuchung von Komarovsky (1940) primär der Frage, ob und in welcher Weise die elterliche und vor allem die väterliche Autorität durch den Verlust der Ernährerrolle in den Familien zusammenbricht. Diese Folgeerscheinung des Verlustes wirtschaftlicher Macht fand er jedoch nur bei wenigen Familien bestätigt.
Schon damals wurde allerdings versucht, Bedingungsvariablen herauszuarbeiten, welche die heterogenen Resultate erklären sollten. Komarovsky (1940) begründete ihr Prozeßprardigma, welches besagt, dass die eheliche Qualität vor dem Eintritt der Erwerbslosigkeit bestimmt, welche Auswirkungen letztere auf die Partnerschaft hat. Gleichwohl fand er auch alarmierende, weitgehend homogene Auswirkungen familiärer Erwerbslosigkeit, wie z.B. die Tendenz zur sozialen Isolation der betroffenen Familien (1940).
Ein zweiter wichtiger Forschungsstrang dieser Epoche stellte sich die Frage nach den Auswirkungen auf die gesellschaftlich-politische Orientierung der Betroffenen (z.B. Bakke 1940). Obwohl eine Radikalisierung der politischen Einstellungen erwartet wurde, stellte sich auch diese aufgrund der Befunde als weitgehend unbegründet heraus. Zur methodischen Herangehensweise ist festzustellen, dass es sich fast immer um Fallstudien handelte, in welchen versucht wurde, Verlaufsformen der Anpassung an die Situation der Erwerbslosigkeit zu erkennen, oder unterschiedliche Adaptations- und Bewältigungstypen empirisch zu unterscheiden. Ein Beispiel für letzteres ist die fast legendäre Marienthalstudie von Jahoda et al. (1933). Hier wurde eine ganze Gemeinde untersucht, welche durch eine Fabrikschließung von einer flächendeckenden Erwerbslosigkeit betroffen wurde. Die Forschungsgruppe betrieb eine Aktionsforschung, welche eine sehr aufwendige Beobachtung der betroffenen Bevölkerung aber auch die aktive Begleitung bei der Bewältigung der Probleme durch Selbsthilfeprojekte beinhaltete. In qualitativer, quantitativer und auch ethischer Hinsicht ist diese Studie bis heute wegweisend.
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Erst in den siebziger Jahren rückte der familiäre Aspekt in der Arbeitslosenforschung mehr in den Mittelpunkt. Neue inhaltliche und methodische Schwerpunkte bieten das Konzept des
In methodischer Hinsicht leitet Elder (1974) durch ihre Arbeit die Ära der Längsschnittstudien ein, was sich positiv auf die Qualität der Erkenntnisse auswirkt.
Seither wird immer stärker erkannt, dass Familien keine starren Systeme darstellen, sondern dass sie sich in einem dynamischen Fließgleichgewicht befinden und sich im Verlauf der Zeit und unter den jeweils wirkenden Bedingungsvariablen in sehr unterschiedlicher Weise entwickeln.
Insgesamt besteht jedoch bis heute ein deutliches Ungleichgewicht zwischen individuenorientierter und familienzentrierter Forschung zu Gunsten der Ersteren. Im Rahmen dieser Hausarbeit werden die wichtigsten Forschungsergebnisse über die Auswirkungen von Eltern-erwerbslosigkeit auf die Familie als Literaturstudie aufgezeigt. Mit Hilfe eines dafür entwickelten Modells von Silbereisen/Walper (1989) sollen die Ergebnisse dargestellt werden.
Das Modell besteht im Wesentlichen aus sechs Elementen:
- Ökonomische Deprivation
Die ökonomische Deprivation der Familie ist eine wahrscheinliche, wenn auch nicht notwendige Folge von Erwerbslosigkeit. Die Einschränkung der finanziellen Mittel beeinflusst die Bewältigung der Erwerbslosigkeit stark (u.a. Jahoda et.al. 1933).
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- Ressourcen
Unterschiede in den Ausgangsbedingungen für die Bewältigung von Erwerbslosigkeit sind im Hinblick auf die Ressourcen und Optionen der Familien zu berücksichtigen, womit die psychosozialen und materiellen Verhältnisse innerhalb bzw. im Umfeld der Familie gemeint sind.
- Situationsdefinition
Zentral ist die subjektive Bewertung der Verhältnisse von Ansprüchen und Möglichkeiten ihrer Realisierung.
Die Situationsdefinition durch die Familien ist ausschlaggebend dafür, ob tatsächlich eingetretene oder auch antizipierte Erwerbslosigkeit zu Umstellungen im Familienleben beitragen, welche Strategien hierbei ergriffen werden, und letztlich ob Beeinträchtigungen im familiären und individuellen Entwicklungsverlauf resultieren.
- Bewältigungsversuche
Als Bewältigungsversuche werden alle Maßnahmen verstanden, die von den Familien ergriffen werden, um die Bedrohung ihrer Funktionsfähigkeit abzuwehren.
- Auswirkungen auf die Familienfunktionen
Die Auswirkungen auf die Familienfunktionen benennen Aspekte des Familienlebens, die durch ökonomische Deprivation betroffen werden können. Es werden in dem Modell fünf Familienfunktionen unterschieden:
• die Haushaltsfunktion (Abdeckung der wichtigsten Grundbedürfnisse)
• die Sozialisations-/Erziehungsfunktion (Übermittlung der gesellschaftlichen Normen und Werte an die nachfolgende Generation; Eingehen auf die persönlichen Neigungen und Fähigkeiten eines Kindes)
• die Platzierungsfunktion (Vermittlung sozialer Positionen in Familie, Schule, Beruf, Freizeit und Politik)
• die Erholungsfunktion (Schaffung einer Rückzugs-möglichkeit)
• die generative Funktion (Vermittlung zwischen den Generationen)
- Folgen für die Entwicklungsperspektiven der Familienmitglieder Diese Folgen umfassen nicht nur das von Erwerbslosigkeit betroffene Elternteil, dessen berufliche Entwicklung beispielsweise gefährdet ist. Über die Auswirkungen auf die verschiedenen Familienfunktionen können ebenso der/die Partner/in und die Kinder in Ihrer Entwicklung beeinflusst werden.
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Das Modell ist nicht statisch, sondern dynamisch. Die einzelnen Elemente verändern sich über die Zeit. Insbesondere ist das Zusammenspiel abhängig von den Wechselwirkungen zwischen persönlicher und familiärer Verarbeitung der Krise, sowie vom gesellschaftlichen Kontext.
2. Finanzielle Auswirkungen
Mit der Erwerbslosigkeit sind häufig finanzielle Einschränkungen verbunden. Bei der Analyse jener sind allerdings zwei Differenzierungen zu berücksichtigen:
• Die Einschränkungen variieren nach institutionellem Umfeld, womit die unterschiedliche Höhe und Dauer der gewährten Einkommensersatzleistungen während der Erwerbslosigkeit in den verschiedenen Ländern gemeint ist.
• Die Auswirkungen unterscheiden sich je nach Einkommensquelle, die wegfällt (Landua 1990). Besonders gravierend wirken sich die Verluste von Hauptverdiener/innen oder mehreren Verdiener/innen im Haushalt aus. Aber: „Gerade in einkommensschwachen Haushalten ist der Einkommensbeitrag, den erwerbstätige Ehefrauen leisten, häufig ebenso hoch wie der des Haushaltsvorstandes“ (Landua 1990, S.207). Viele Arbeiten betonen zwar die Relevanz der materiellen Konsequenzen der Erwerbslosigkeit für die Familie, aber es wird kaum präziser nachgewiesen, welche Einschränkungen konkret vorgenommen werden.
In der Studie von Hess et al. (1991) werden die materiellen Einschränkungen sehr detailliert erfasst. Befragt wurden 206 Haushalte in Dortmund und Umgebung. Die Auswahl wurde auf Haushalte mit erwerbslosen Vätern eingeschränkt. Allein erziehende Väter oder Mütter wurden nicht in die Untersuchung einbezogen. Der Erwerbsstatus der Partnerin spielte keine Rolle. Interviews wurden mit beiden Partnern, nicht jedoch mit den Kindern geführt. Die materiellen Einschränkungen sind gemäß Hess et al. „…unübersehbar und betreffen sämtliche befragten Haushalte“ (1991, S.181).
Strategien zur Bewältigung der finanziellen Restriktionen sind der Rückgriff auf Erspartes, der Verzicht auf Anschaffungen oder Aktivitäten, die Reduzierung der Ausgaben im Konsumbereich, die Verschuldung bei Verwandten, Freunden und/oder Kreditinstituten und die Erschließung neuer Einkünfte innerhalb der Familie. Bei länger andauernder Erwerbslosigkeit werden die Einschränkungen umfangreicher. Fast ein Drittel der befragten Haushalte bei Hess et al. (1991) gaben an, nach 1,5 Jahren Erwerbslosigkeit mit Zahlungsverpflichtungen in Verzug zu geraten.
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Die Arbeit von Hess et al. (1991) ergab, dass die Anpassungsleistungen im Bereich der Haushaltsführung durchaus funktional sind, wenn auch manche von ihnen mit langfristig zweifelhaftem Erfolg, wie beispielsweise bei der Verschuldung des Haushalts oder aber der Kündigung von Versicherungen. So geben rund 25 Prozent der Familien an, dass sie ihre Versicherungsbeiträge nicht mehr bezahlen können. Dieser Punkt ist umso bedeutsamer, als jeder Unfall, jedes Missgeschick für diese Familie zur Katastrophe werden kann. Kann man bei anderen Grundbedürfnissen wie Essen und Kleidung auf die aktuelle Einkommenssituation noch flexibel mit Einschränkungen reagieren, so ist das im Bereich des Wohnens in der Regel kaum möglich. Die Folge sind Mietrückstände oder Umzüge in kleinere oder schlechtere Wohnungen, was sich zwangsläufig besonders auf die Kinder auswirkt, für die die Wohnung ein Stück ihrer Lebenssicherheit bedeutet.
Die Angaben über die Einschränkungen der Väter und Mütter, welche unabhängig voneinander befragt wurden, waren weitgehend übereinstimmend.
In Abbildung 2 sind die Ergebnisse der Befragung über die materiellen Einschränkungen während der Erwerbslosigkeit aus der Untersuchung von Hess et al. (1991) dargestellt. Die Frage lautete: „Wenn Sie jetzt einmal an die Zeit denken, seid Ihr Ehemann/Partner arbeitslos ist, können Sie mir sagen, was alles von dieser Liste für Sie und Ihre Familie zutrifft?“ Abb.2: Bereiche der materiellen Einschränkungen während der Erwerbslosigkeit
unterschieden: Entlassene, von Entlassung bedrohte und eine Kontrollgruppe von Arbeiter/innen, die von keiner Entlassung bedroht waren. Die Indikatoren >kleinere finanzielle Schwierigkeiten< (z.B. nichtdringende medizinische Versorgung; Zahnarzt), >Schwierigkeiten beim Bestreiten des Lebensnotwendigen< (beispielsweise Kleiderausgaben) und
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>Schwierigkeiten beim Bezahlen von Rechnungen< unterscheiden sich bei den drei Gruppen signifikant.
Verschiedentlich wird darauf hingewiesen, dass sich die materiellen Auswirkungen nicht bei allen Familien vergleichbar zeigen. Vaskovics (1991, S.10) betont, dass bei den zur Unterschicht zählenden Familien das Ausmaß der Auswirkungen in ökonomischer Hinsicht wesentlich gravierender ist, als bei Angehörigen der Mittelschicht. Auch Büchel unterstreicht, dass: „…die materiellen Einschränkungen durch elterliche Erwerbslosigkeit keine Einebnung der schichtspezifischen Unterschiede…“ bedeutet (1989, S. 459).
Es ist anzunehmen, dass finanzielle Einschränkungen auch die Kinder in der Familie betreffen. Mehrfach wird hierzu jedoch betont, dass die Eltern versuchen, die materiellen Auswirkungen möglichst wenig auf die Kinder zu übertragen (vgl. Baarda et al.1990; Welzer et al. 1988; Zenke/Ludwig 1985). Allerdings lässt sich diese Strategie längerfristig aufgrund der faktischen Verhältnisse nicht durchhalten. Die Arbeit von Hess et al. (1991) zeigte beispielsweise, dass sich Familien nach 1,5 Jahren Erwerbslosigkeit des Familienvaters in folgenden für die Kinder wichtigen Ausgabenkategorien einschränken müssen: keine Ferienreise (ca. 70% der Befragten), kein/weniger Taschengeld (ca. 20%) und kein Geld für Klassenausflüge (ca. 13%). Dabei handelt es sich um Selbsteinschätzungen der Eltern.
In einer landesweiten niederländischen Studie von Baarda et al. (1990) wurden in je 85 Familien mit erwerbslosen Vätern und 85 Kontrollfamilien sowohl die Eltern wie auch deren Kinder zu verschiedenen Aspekten des familiären Erlebens befragt. Es zeigte sich, dass trotz der vergleichsweise guten sozialen Versorgung in den Niederlanden die erwerbslosen Familien auf vielen Gebieten drastisch sparten, vor allem bei den Ausgaben für die Erwachsenen. So sparten die befragten Eltern z.B. nicht an Kleidung, Hobbies oder sportlichen Aktivitäten der Kinder, wohl aber bei eigener Kleidung sowie eigenen Sport- und Freizeitaktivitäten (Baarda et al. 1990, S.148).
Dies ist auch bezüglich der sozialen „Vermittlerrolle“, welche Kinder für Familien spielen, wichtig. Die Kinder wirken in mancher Hinsicht als Bindeglied zur Gesellschaft und als Spiegel der Familie nach außen (vgl. Hess et al. 1990), indem sie durch eigene Freundschaften oft auch neue Kontakte zu anderen Familien knüpfen. Zudem sind die Kinder erwerbsloser Familien meist die einzigen, welche noch eine öffentliche Rolle spielen, indem sie als SchülerInnen in das gesellschaftliche Leben eingebunden sind. Wenn Eltern ihre Kinder möglichst lange vor finanziellen Einbussen schützen, tun sie dies u.a. auch, weil sie dadurch ihr soziales Prestige aufrechterhalten können. Wenn die nähere Umgebung (Nachbarschaft,
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Arbeit zitieren:
Harald Schälike-Ollig, 2006, Auswirkungen von Erwerbslosigkeit auf Familien , München, GRIN Verlag GmbH
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