Das Nordkoreanische Nuklearprogramm aus der Sicht des Neorealismus
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 3
2. Die Theorie des Neorealismus 4
2.1 Akteure und Strukturen 4
2.2 Prozesse 7
3. Der Neorealismus und das Ende des Kalten Krieges 9
4. Die Entwicklung des nordkoreanischen Nuklearprogramms 11
5. Motive für das Nuklearprogramm 15
6. Zusammenfassung 18
Abk ürzungsverzeichnis 21
Literaturverzeichnis 22
Das Nordkoreanische Nuklearprogramm aus der Sicht des Neorealismus
1. Einleitung
Am 6. Oktober 2006 schockierte die Demokratische Volksrepublik Korea (DVRK) nicht nur seine unmittelbaren Nachbarn, sondern auch die gesamte Welt. Gegen 12 Uhr Ortszeit verkündete das nordkoreanische Staatsradio, dass erfolgreich eine Atombombe gezündet werden konnte (vgl. Fritz 2010: 10). Die Bemühungen Nordkoreas ein eigenes Nuklearprogramm zu initiieren und durchzuführen waren seit Jahrzehnten bekannt und galten als mögliche Abschreckungsmaßnahme des ostasiatischen Staates gegenüber dem unmittelbaren Nachbarn Südkorea und dessen Verbündete Japan und den Vereinigten Staaten von Amerika (USA). Dass die DVRK allerdings tatsächlich Nuklearwaffen produzieren und zünden konnte, überraschte einen Großteil der westlichen Welt. Nordkorea schaffte es durch diesen erfolgreichen Nukleartest, sich im exklusiven „Klub“ der Atommächte neben den USA, Russland, China, Indien, Pakistan, Frankreich und Großbritannien zu etablieren. Doch warum strebte und strebt die DVRK überhaupt nach atomaren Waffensystemen? In dieser Arbeit soll mithilfe der Theorie des Neorealismus versucht werden, diese Fragestellung zu beantworten. Dabei wird als theoretische Grundlage die Konzeption des amerikanischen Politologen Kenneth N. Waltz (1979, 2000) verwendet. Das Kapitel zwei, welches den Neorealismus behandelt, untergliedert sich in zwei weitere Unterpunkte. Diese sollen die für die Theorie des Neorealismus entscheidenden Ebenen - Akteure, Strukturen und Prozessenäher untersuchen. Im Anschluss an die Darlegung der neorealistischen Theorie nach Waltz (1979), sollen im Kapitel drei die strukturellen Veränderungen nach dem Ende des Kalten Krieges betrachtet werden.
Der empirische Abschnitt befasst sich in den anschließenden Kapiteln vier und fünf mit der historischen Entwicklung des nordkoreanischen Nuklearprogramms sowie mit möglichen Motiven der nordkoreanischen Führung, ein solches Programm durchzuführen. Hierbei werden mögliche Alternativerklärungen aufgeführt. Es sei jedoch darauf hingewiesen, dass über die Motive Nordkoreas nur Spekulationen und Vermutungen existieren, da die offiziellen Angaben der nordkoreanischen Führung nicht als vertrauenswürdig angesehen werden können. Abschließend werden im Kapitel sechs die Ergebnisse dieser Arbeit zusammengefasst. Darüber hinaus soll in eben diesem Kapitel ein Fazit gezogen werden.
Das Nordkoreanische Nuklearprogramm aus der Sicht des Neorealismus
2. Die Theorie des Neorealismus
Die Theorie des Neorealismus wurde 1979 maßgeblich vom amerikanischen Politologen Kenneth N. Waltz geprägt und entwickelt. Im Unterschied zu traditionalistischen Herangehensweisen, wie der Theorie des Realismus nach Hans J. Morgenthau (1948), konzentrierte sich Waltz (1979) weniger auf historische Ereignisse und die anthropologische Begründung der Außenpolitik von Staaten (vgl. Waltz 1979: 63). Der Anspruch des Neorealismus lag vielmehr darin, eine allgemein gültige Theorie der internationalen Politik zu entwerfen. Somit ergibt sich die Möglichkeit, allgemeine Bedingungen und Ursachen für die Wiederholung von beispielsweise Kriegen zu erkennen (vgl. Waltz 1979: 69). Eine rein deskriptive Betrachtung der innerstaatlichen Merkmale würde demnach nicht für eine Generalisierung ausreichen (vgl. Waltz 1979: 65). Für eine solche Verallgemeinerung orientiert sich Waltz (1979) zum einen an theoretischen Konzepten der Naturwissenschaften, zum anderen aber auch an mikro- sowie makroökonomischen Theorien der Wirtschaftswissenschaften (vgl. Waltz 1979: 68ff). Diese Ansätze überträgt er nun auf die internationale Politik und generiert so eine Systemtheorie, welche erklären soll, wie die Organisation eines Gebietes als zwingende und anordnende Kraft in Bezug auf die units, die es beinhaltet, handelt. Demnach gibt eine solche Theorie Auskunft über die Kräfte, von welchen die units abhängig sind und beeinflusst werden (vgl. Waltz 1979: 72). Das internationale System besteht laut Waltz (1979) aus zwei Elementen. Das erste Element wird durch die Akteure beziehungsweise units des Systems dargestellt. Das Zweite bezieht sich auf die Struktur oder auch structure des Systems (vgl. Waltz 1979: 78f). Diese beiden Elemente sollen in den nächsten beiden Unterpunkten getrennt von einander untersucht werden. Im Anschluss daran wird die Wirkung der Strukturen auf die Akteure betrachtet.
2.1 Akteure und Strukturen
Unter Akteuren beziehungsweise units werden laut Neorealismus Staaten verstanden, welche „als einheitliche, bzw. uniforme Akteure“ (Schörnig 2003: 66) angesehen werden. Das „Innenleben“ dieser Staaten spielt für die weitere Formulierung der neorealistischen Theorie allerdings keine weitere Rolle. Demnach kann beispielsweise auch das politische System eines Landes vernachlässigt werden. Somit werden Staaten als nicht zu öffnende „black box“ angesehen, welche in ihrem Kern identisch sind (vgl. Schörnig 2003: 67). Waltz (1979)
Das Nordkoreanische Nuklearprogramm aus der Sicht des Neorealismus spricht in diesem Zusammenhang von unitary actors (vgl. Waltz 1979: 118). Was die Staaten eint, ist das zentrale Bedürfnis, das eigene Überleben zu sichern. Spezifische Interessen von Staaten - wie beispielsweise Umweltschutz - werden demnach vernachlässigt (vgl. Schörnig 2003: 67). Darüber hinaus „orientieren sich [die Akteure] in ihren Entscheidungen an dem Kriterium der Zweck-Mittel-Rationalität“ (Schörnig 2003: 67). Da bezüglich der Aktivitäten anderer Staaten jedoch Unsicherheit herrscht, steht aggressives Verhalten und Expansionsdrang derer „als drohende Möglichkeit im Raum“ (Schörnig 2003: 67f.) und muss in den strategischen Überlegungen zur eigenen Überlebenssicherung bedacht werden. Diese beiden Annahmen gelten aus neorealistischer Betrachtungsweise für alle Staaten. Unterschiede bestehen lediglich in den Machtmitteln, den so genannten capabilities, welche Staaten besitzen. Eine genaue Berechnung oder Ermittlung dieser Machtmittel wird von Waltz (1979) allerdings nicht geliefert. Es reicht jedoch nicht aus, ausschließlich die militärischen Kapazitäten eines Staates zu berücksichtigen. Genauso essenziell sind beispielsweise ökonomische und soziale Faktoren, welche der staatlichen Macht zugeordnet werden können.
Neben Staaten gibt es im Neorealismus weitere Akteure, wie NGOs, Konzerne und internationale Organisationen (vgl. Schörnig 2003: 68). In der theoretischen Betrachtung des Neorealismus können diese Akteure jedoch vernachlässigt werden, „da sie keinen Einfluss auf diejenigen Prozesse ausüben, die in einer neorealistischen Perspektive maßgeblich die internationale Politik bestimmen“ (Schörnig 2003: 68).
Wie bereits oben erwähnt wurde, wird die Struktur im Neorealismus unabhängig von den Akteuren untersucht. Die Struktur hat hierbei „einen eigenständigen kausalen Einfluss auf die Akteure“ (Schörnig 2003: 68), was zur Folge hat, „dass sich die Akteure in bestimmten Situationen […] ähnlich verhalten“ (ebd.). Grundsätzlich ist die structure definiert durch die Ordnung der beinhalteten Teile. Nur wenn diese Ordnung verändert wird, kann von structural change gesprochen werden. Sowohl die Struktur als auch die Teile der Struktur beziehen sich aufeinander, sind allerdings nicht identisch. Die Struktur als solche ist nicht seh- oder erkennbar, weshalb laut Waltz (1979) eine Abstrahierung eben dieser erfolgen muss. Hierfür nutzt Waltz (1979) drei Elemente: (1) Das Ordnungsprinzip der Bestandteile der Struktur,
(2) Der Charakter beziehungsweise die Eigenschaften der units und deren funktionale Differenzierung sowie
(3) Die Ressourcen- beziehungsweise Machtverteilung zwischen den units (vgl. Waltz 1979: 82).
Das Nordkoreanische Nuklearprogramm aus der Sicht des Neorealismus
(1) Bezüglich des Ordnungsprinzips lässt sich festhalten, dass zwei Möglichkeiten der Ordnung von Einheiten existieren. Die erste Möglichkeit besteht in einer hierarchischen Ordnung der units, welche sich vor allem dadurch auszeichnet, dass übergeordnete Instanzen mit Sanktionsgewalt, die den Schutz der einzelnen Einheiten garantieren, vorhanden sind. Eine solche Ordnungsform ist grundsätzlich in Staaten mit ausgeprägter Bürokratie vorhanden. Hierbei bestehen Verhältnisse der Super- und Subordination (vgl. Waltz 1979: 81). Im Gegensatz dazu zeichnet sich das internationale System durch Dezentralität und Anarchie aus. Anarchie bedeutet in diesem Zusammenhang die Abwesenheit von Über- und Unterordnungsverhältnissen sowie Instanzen mit Sanktionsgewalt (vgl. Waltz 1979: 88). Aufgrund dieser Anarchie existiert keine Sicherheit bezüglich des Überlebens der einzelnen units. Waltz (1979) spricht in diesem Zusammenhang von einem Selbsthilfesystem. Die Einheiten müssen demnach selbst für den Erhalt ihrer Existenz sorgen und können sich nicht auf die Unterstützung anderer Einheiten verlassen. Die Sicherung des eigenen Überlebens wird somit zur wichtigsten Aufgabe der units (vgl. Waltz 1979: 91). Da aufgrund der Anarchie also keine Garantien für die Einhaltung von Verpflichtungen bestehen, gehen Staaten keine kooperativen Bindungen ein. Unter welchen Bedingungen allerdings trotzdem Kooperation möglich sein könnte, soll im anschließenden Unterpunkt, welcher die Prozesse näher untersucht, geklärt werden.
(2) Das zweite Strukturmerkmal berücksichtigt die funktionale Differenzierung beziehungsweise den Charakter der units. Nur wenn eine „Arbeitsteilung“ zwischen Staaten existiert, liegt eine funktionale Differenzierung vor. Arbeitsteilung bedeutet, dass Staaten unterschiedliche Aufgaben und Funktionen übernehmen und ausführen (vgl. Schörnig 2003:69). Ein empirisches Beispiel für eine funktionale Differenzierung wäre die Union der Sozialistischen Sowjet Republiken (UdSSR). In diesem Staat war die Wirtschaft so organisiert, dass zum Beispiel „Usbekistan von Getreide aus Kasachstan […], die russische Textilindustrie von der usbekischen Baumwolle, die Ukraine von importierten Erdöl und Erdgas, und die Industrie in Lettland vom Import aller Rohstoffe“ (Simon 1993: 110) abhängig war. Im internationalen System gibt es eine derartige Arbeitsteilung - aufgrund der bereits erwähnten und dominierenden Anarchie - jedoch nicht. Die Anarchie zwingt Staaten dazu, sich um ihre eigenen Präferenzen - nämlich die Sicherung des Überlebens - zu kümmern (vgl. Schörnig 2003: 69).
(3) Das dritte Element ist die Ressourcen- beziehungsweise Machtverteilung zwischen den units (distribution of capabilities) oder auch einfacher ausgedrückt, „die Machrelation der
Arbeit zitieren:
Mathias Kunz, 2010, Das nordkoreanische Nuklearprogramm aus der Sicht des Neorealismus, München, GRIN Verlag GmbH
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Einbetten
DOI
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