Einleitung. 1
1 Konzeptionsentwicklung. 4
1.1 Inhalte einer pädagogischen Konzeption 5
1.2 Notwendigkeit einer Konzeption 5
2 Heilpädagogik - Berufsverständnis und Handlungsfelder. 6
2.1 Heilpädagogik in Krankenhäusern. 8
3 Theoretische Grundlagen zur bindungstheoretisch gestützten Arbeit mit Kindern
auf Kinderstationen und in Kinderkliniken. 8
3.1 Entwicklung 9
3.1.1 Einteilung der Entwicklungsstufen 10
3.1.2 Das Kleinkindalter 11
3.1.3 Sozial- emotionale Entwicklung und Regulation im Kleinkindalter 13
3.1.3.1 Auswirkungen früher Trennungserfahrungen auf die Eltern- Kind- Bindung. 15
3.1.3.2 Bindung als Inneres Arbeitsmodell. 18
3.2 Kranke Kinder im Kleinkindalter 20
3.2.1 Krankheitskonzept und Krankheitserleben bei Kleinkindern 20
3.2.2 Psychosoziale Situation kranker Kleinkinder und die Folgen von Krankheit 21
3.2.3 Ängste und Bedürfnisse von Kindern mit Fokus auf die Situation im
Krankenhaus. 22
3.2.3.1 Rolle der Eltern 24
3.2.3.2 Die Rolle der Stationsärzte und Krankenschwestern 24
3.3 Krankenhaussituation. 25
3.3.1 Alltag auf der Kinderstation und in Kinderkliniken 26
3.3.2 Historischer Abriss zur Entwicklung der Kinderstationen und Kinderkliniken 26
3.3.3 Exkurs in den GEK- Report 2008 Schwerpunktthema: Kinder im Krankenhaus.28
4 Konzeptionelle Überlegungen: Heilpädagogik auf der Kinderstation 30
4.1 Zielgruppe und Ziele 30
4.2 Überlegungen zur Strukturqualität. 30
4.2.1 Finanzierung. 31
4.2.2 Räumliche Möglichkeiten 32
4.2.3 Personaleingliederung 32
4.3 Überlegungen zur Orientierungsqualität zum Umgang mit Kinderpatienten 33
4.3.1 Bild vom Kind. 33
I
4.3.2 Rechte der Kinder im Krankenhaus- EACH- Charta. 33
4.4 Überlegungen zur Orientierungsqualität für die heilpädagogische Arbeit 34
4.4.1 Rollenverständnis der Heilpädagogin auf der Kinderstation 34
4.4.2 Methoden und Durchführung von Beobachtung und Dokumentation im
station ären Alltag- Erfassung des heilpädagogischen Interventionsbedarfs 35
4.4.3 Bindungstheoretisch gestützte Intervention in der heilpädagogischen
Stationsarbeit. 36
4.4.3.1 Elternarbeit. 36
4.4.3.2 Heilpädagogische Spieltherapie für Kinder mit Bindungsstörungen. 37
4.4.3.3 Möglichkeiten der Heilpädagogin zur kurzfristigen Rollenübernahme als
(Bindungs-) Bezugsperson für das erkrankte Kind. 39
4.4.4 Bedeutung des freien Spiels für die heilpädagogische Arbeit, als elementarste
Zugangs - und Ausdrucksform des Kindes 40
4.4.5 Einfluss der Interaktionsmöglichkeiten mit Gleichaltrigen und Kontakt zu
Freunden. 41
4.4.6 Arbeitsmaterial. 42
4.4.7 Kooperation mit dem Stationspersonal 42
4.5 Überlegungen zur Prozessqualität. 43
4.5.1 Aufnahme des Kindes auf die Kinderstation 43
4.5.2 Klinikaufenthalt 44
4.5.2.1 Begleitung des Kindes 44
4.5.2.2 Vorbereitung des Kindes auf notwendige Untersuchungen und Eingriffe 46
4.5.2.3 Begleitung von Patienten mit psychischen Problemen 46
4.5.2.4 Begleitungen von Patienten unter erschwerten Bedingungen, wie schweren oder
chronischen Erkrankungen. 47
4.5.3 Tagesablauf 48
4.5.4 Entlassung 48
5 Fazit. 49
Abk ürzungsverzeichnis: 51
Literaturverzeichnis : 52
Anhang: Die Rechte der EACH- Charta. 57
II
Einleitung
Während meines Semesterpraktikums als Heilpädagogin im Sozialpädiatrischen Zentrum der Charité, bekam ich die Gelegenheit einen Einblick in die Stationsarbeit der Kinderklinik zu bekommen und dort als Sonderwache zu arbeiten. Im Rahmen dieser Arbeit nahm ich die Betreuung eines 2,6 Jahre alten Jungen auf, der unter einer beginnenden Störung des Ess- und Bindungsverhaltens, sowie unter einer starken Entwicklungsverzögerung, litt. Sein Klinikaufenthalt, deren Grund eine Phenylketonurie 1 war, war von ständigen Fieberattacken und zunehmend selbstverletzendem Verhalten begleitet. Die beginnende Ess- und Bindungsstörung, sowie seine verhaltens- und psychosomatischen Auffälligkeiten waren laut klinischem Befund, das Ergebnis eines zweimonatigen Klinikaufenthalts, ohne den beständigen Kontakt zu einer festen Bindungs- oder Bezugsperson 2 . Ich hatte keinen expliziten Auftrag, der die Arbeit mit dem Jungen betraf. Von Seiten der Klinik ging es vorwiegend darum die Schwestern, durch die pädagogische Betreuung des Jungen, zu entlasten, denn er erschwerte durch seine zunehmend auffällige Art, die Stationsabläufe. Ich betreute ihn 1½ Monate und wir hatten fast täglich zwischen 3 und 6 Stunden intensiven Kontakt zueinander. In dieser Zeit gingen seine Verhaltensauffälligkeiten und psychosomatischen Symptome stark zurück. Die Arbeit, die ich leistete, war eine Art „mütterliche“ Rollenübernahme- eine Form heilpädagogischer Arbeit, gestützt auf bindungstheoretischem Wissen. Ich versorgte den Jungen, brachte ihn zu Bett, spielte sehr viel mit ihm, war bei Untersuchungen anwesend und tröstete ihn bei Kummer. Ich kam während dieser Zeit zusätzlich viel mit den Eltern anderer erkrankter Kinder ins Gespräch, die mir oft ihre Sorgen um ihre Kinder und ihre Konflikte mit den Ärzten anvertrauten. Ich bemerkte ihre Hilflosigkeit und ihren starken Redebedarf. Eine Mutter erzählte mir von ihrem Kind, das seit zwei Wochen in der Klinik war und nun wieder Einnässte und nachts weinte, weil seine Mutter nicht da sein konnte, da sie zu den Geschwistern musste. Ich wurde sehr oft Zeuge von dramatischen Trennungssituationen, wenn Eltern sich verabschiedeten um zu arbeiten, oder die Besuchszeit vorbei war. Nur sehr wenige Eltern blieben über Nacht bei ihren Kindern und wenn, dann waren die Kinder noch sehr jung und sehr krank. Ich begann mich intensiv mit
1 Eine der häufigsten angeborenen Stoffwechselerkrankungen. Vgl. Pschyrembel, 2004, S. 1411.
2 Der Begriff Bindungsperson wird von mir in dieser Arbeit für Eltern, oder Personen die die Rolle der Eltern
übernehmen, genutzt und bezieht sich auf intensive Beziehungen, die bis ins Kleinkindalter geknüpft werden,
und vorrangig der Existenzsicherung dienen.
Der Begriff Bezugsperson beschreibt enge Kontaktpersonen, die nicht so nahestehend wie die Bindungsper-sonen sind und nicht vorrangig der Existenzsicherung dienen und bezieht sich vor allem auf enge außerelter-
liche Beziehungen ab dem Kleinkindalter.
1
diesen Beobachtungen und Gesprächen auseinander zu setzen und mir fiel das Fehlen einer professionellen Versorgung von Kindern und Eltern auf psychosozialer Ebene auf, obgleich medizinisch der höchste Standard herrschte. Durch diese persönlichen Erfahrungen, habe ich sehr viel über meine Handlungsmöglichkeiten als Heilpädagogin im stationären Bereich nachgedacht. Dabei habe ich die Frage entwickelt, wie heilpädagogische Arbeit auf der Kinderstation, unter bindungstheoretischen Aspekten, konzeptionell aussehen könnte? Dieser Frage habe ich die vorliegende Arbeit gewidmet: Heilpädagogik auf der Kinderstation: konzeptionelle Überlegungen zur bindungstheoretisch gestützten Arbeit mit Langzeitpatienten. Der Erarbeitung dieser konzeptionellen Überlegungen geht die Ausei-nandersetzung mit den qualitativen und formalen Standards einer Konzeption im ersten Teil der Arbeit voraus. Dazu zählt auch die sich anschließende intensive Beschäftigung mit meiner Profession als Heilpädagogin. Ich denke, für die Heilpädagogik ist es wichtig, sich immer wieder neue Handlungsfelder zu erschließen und sich präsent zu zeigen. Dabei ist es wesentlich herauszuarbeiten, inwiefern in einem Handlungsfeld wie der Stationsarbeit, ein heilpädagogischer Handlungsbedarf besteht und was eine Konzeption in diesem Rahmen leisten soll und kann. Eine Konzeption die bindungstheoretisch gestützte heilpädagogische Arbeit anbietet, muss vorab klären was sie unter dieser Form der heilpädagogischen Arbeit versteht. Wenn sie sich explizit an Kinderstationen und Kinderkliniken wendet, muss deutlich werden was die erkrankten Kinder und ihre Eltern brauchen und ob das Ziel der stationären Einrichtung- die Genesung des Kindes, durch die Konzeption unterstützt werden kann. Um diesen sehr praxisnahen Fragen nachzugehen, bedarf es einer fundierten theoretischen Auseinandersetzung mit bindungstheoretischen und entwicklungspsychologischen Aspekten, um den bindungs- und entwicklungsspezifischen Bedarf der jungen Patienten zu verdeutlichen. Zusätzlich ist ein Einblick in die derzeitige Situation von Kinderstationen und Kinderkliniken mit Hilfe aktueller Forschungsergebnisse notwendig. Diese intensive theoretische Themenaufarbeitung, soll die Basis meiner konzeptionellen Überlegungen bilden. Beide Teile, die theoretische Auseinandersetzung und die Übertragung in die Praxis, anhand der konzeptionellen Überlegungen, stellen den Hauptteil dieser Arbeit dar. Im Fazit soll zusammenfassend deutlich werden, was die von mir entwickelten konzeptionellen Überlegungen beinhalten und theoretisch, durch die Umsetzung in die Praxis, leisten könnten. Da eine detaillierte Entwicklung einer Konzeption in diesem Rahmen, die Möglichkeiten meiner Arbeit überschreitet und aus Qualitätsgründen nur im Team möglich ist, sind viele Themen nicht ausführlich dargestellt, aber mit weiterführenden Literaturempfeh-
2
lungen belegt. Die konzeptionellen Überlegungen richten sich an erkrankte Kleinkinder, insbesondere Langzeitpatienten 3 , die stationär untergebracht sind. Bei ihnen liegt aus meiner Sicht der größte, noch nicht abgedeckte Handlungsbedarf in Krankenhäusern. Säuglinge werden bereits durch entwickelte Konzeptionen, wie dem Voll- Rooming- in 4 , gut ver-sorgt. Die Arbeit mit ihnen und ihren Familien stellt heilpädagogisches Handeln, aufgrund der symbiotischen Mutter- Kind- Bindung, vor Aufgaben, die sich auf anderer, noch speziellerer Ebene befinden, als sie hier aufgeführt werden können. Daher soll sie in diesem Rahmen nicht näher betrachtet werden. Die heilpädagogische Betreuung unter bindungs-theoretischen Aspekten von Kindern ab dem Schulalter, ist bei bestehender Notwendigkeit übertragbar. Ihr heilpädagogischer Bedarf bezieht sich eher auf psychosoziale Begleitung, die ebenfalls aufgegriffen werden soll und bereits durch das Konzept der Klinikbeschulung Umsetzung findet. Während meiner Recherchen wurde deutlich, dass es kaum aktuelle und nur sehr wenig Literatur zur psychosozialen Betreuung von Kleinkindern in Krankenhäusern gibt, daher fließen in diese Arbeit zum Teil sehr alte Erkenntnisse ein, die in ihrer Relevanz jedoch nicht an Bedeutung verloren haben. Dieser Aspekt unterstreicht die Frage nach der Notwendigkeit psychosozialer Begleitung in Form heilpädagogischer Arbeit, aus wissenschaftlicher- und Patientenperspektive. In meinen theoretischen Ausführungen beziehe ich mich hauptsächlich auf John Bowlby (1907- 1990), Mary Ainsworth (1913-1999) und die Arbeiten von Jean Piaget (1896- 1980), da mich ihre Theorien während meines ganzen Studiums begleitet und geprägt haben. Bowlby und Ainsworth sind die Protagonisten der Bindungstheorie und haben maßgeblich zum Verständnis der Bedeutung der Muter- Kind- Bindung beigetragen. Piagets Bedeutung liegt für mich in dem Aufweisen des Zusammenhangs von Handeln und individueller Entwicklung, verbunden mit der Erkenntnis, dass sich im Laufe des menschlichen Lebens, mit zunehmenden Erfahrungen, die Wahrnehmung der Wirklichkeit ändert. Auch während eines Stationsaufenthalts ändert sich diese Wahrnehmung der Wirklichkeit und orientiert sich im Kleinkindalter vor allem an der Befriedigung der Grundbedürfnisse. Diese Arbeit soll dazu beitragen ein besseres Verständnis für die Situation kranker Kinder und ihrer Eltern in Krankenhäusern zu entwickeln und durch erste konzeptionelle Überlegungen, einen Weg aufzeigen, ihren Bedürfnissen durch heilpädagogisches Handeln, besser gerecht zu werden.
3 Langzeitpatienten: Kinder die 2007/ 08 länger als Ø 8,8 Tage stationär waren. Vgl. GEK, 2008, S. 19 f..
4 Voll- Rooming- in: Unterbringung von Mutter und Kind im gleichen Raum; hat sich weitgehend in den Entbindungskliniken durchgesetzt. Mutter und Kind sind tags und nachts im gleichen Raum; dies ist die
ursprüngliche und erstrebenswerte Form des Rooming- in. Vgl. Springer/ Kersting/ Nehlsen, 2007, S. 2 f..
3
1 Konzeptionsentwicklung
Die Entwicklung einer Konzeption beginnt immer mit der Auseinandersetzung und Klärung dessen, was unter dem Begriff der Konzeption verstanden wird. Es ist wichtig ein Verständnis darüber zu erlangen, was Konzeptionen beinhalten und wozu sie dienen, um bestimmten qualitativen Standards gerecht zu werden. Diese Arbeit orientiert sich dabei hauptsächlich an den Ausführungen zu dem Thema Konzeptionsentwicklung nach Martina Pfohl und ihrem Handbuch zur Konzeptionserstellung aus dem Jahr 2008. Die Begriffe Konzeption und Konzept haben denselben lateinischen Wortstamm 5 und sie werden umgangssprachlich häufig synonym 6 miteinander verwendet, laut Graf & Sprengler 7 bestehen jedoch maßgebliche inhaltliche Begriffsunterschiede. Ein Konzept ist eine vorläufige und skizzenhafte, unverbindliche Beschreibung eines ersten Entwurfs von möglichen Zielen und Schwerpunkten eines Vorhabens. Das Konzept gilt als die Vorstufe einer Konzeption, deren Auseinandersetzung mit einem Thema,- dem sogenannten Planungsobjekt, weitaus umfassender und detaillierter ist. Die Konzeptionsentwicklung ist ein Qualifizierungsweg der der tiefgründigen theoretischen und praktischen Auseinandersetzung mit der Thematik des Planungsobjekts bedarf. Eine Konzeption ist das Ergebnis eines intensiven Arbeitsprozesses und eine umfangreiche Zusammenfassung theoretischer und praktischer Aspekte. In ihr sind die Ziele, die daraus abgeleitete Umsetzungsstrategie, sowie alle Informationen und Begründungszusammenhänge zur Darstellung des geplanten Vorhabens benannt. Sie dient als schriftliche Basis der Arbeit zur Umsetzung des Planungsobjekts. Es ist wichtig, dass die erarbeitete Konzeption regelmäßig auf ihre Aktualität und Relevanz geprüft wird und Anpassungen oder Veränderungen allzeit möglich sind. Das Team, der Träger, die Eltern und andere Interessierte sollen jederzeit die Möglichkeit haben, die Konzeption einzusehen. Sie dient der theoriegeleiteten Handlungsorientierung aller beteiligten und einbezogenen Personen. Jede Konzeption ist individuell, da sie von verschiedenen Personen er-und überarbeitet wird und auf spezifische Gegebenheiten und Schwerpunkte abgestimmt ist 8 . Eine Konzeptionsentwicklung ist ein langwieriger Prozess und findet in der Regel innerhalb eines Teams statt. Sie ist die Herausbildung eines individuellen Profils und führt durch intensive Dialogs- und Reflexionsprozesse des Teams, zur Identitätsentwicklung 9 .
5 Vgl. Duden, 2010. Online im WWW unter URL: http://www.duden.de/suche [03.10.2010].
6 Vgl. Schlummer & Schlummer 2003. In: Pfohl, 2008, S. 11.
7 Vgl. Graf & Sprengler, 2008. In: Pfohl, 2008 S. 11.
8 Vgl. Pfohl, 2008, S. 11 f..
9 Vgl. Hollmann/ Benstetter, 2000, S. 28 ff..
4
Inhalte 10 einer pädagogischen Konzeption 1.1
Eine Konzeption beschreibt die Arbeitsweise zur Umsetzung eines Planungsobjekts und setzt den Maßstab für die Ziele, die durch sie erreicht werden sollen. Eine Konzeption gliedert sich in verschiedene inhaltliche Schwerpunkte. Einen Schwerpunkt bildet die Strukturqualität. Sie beinhaltet grundlegende Information zur Organisation und den situationsabhängigen Rahmenbedingungen- den Strukturen, die meist durch höhere Instanzen, wie den Träger oder Gesetze reguliert werden. Zu diesem Bereich gehören beispielsweise Angaben zur Finanzierung, den Öffnungszeiten, oder einer Beschreibung der Räumlichkeiten. Die weiteren inhaltlichen Schwerpunkte einer Konzeption bilden Beschreibungen zur Orientierungs- und Prozessqualität. In der Orientierungsqualität ist die pädagogische Haltung der Einrichtung, des Trägers und der Mitarbeiter verankert. Hier wird neben pädagogischen Zielen und theoretischen Grundlagen auch das Rollenverständnis der Mitarbeiter, unter den entsprechenden Aspekten ihrer Profession, beschrieben. In den Aussagen zur Orientierungsqualität wird zusätzlich die Kooperation mit den Eltern und anderen Einrichtungen verdeutlicht und die Methodenvielfalt der Einrichtung aufgeführt. Wichtig ist, dass in der Darstellung zur Orientierungsqualität eine Ausgewogenheit zwischen dem theoretischem Hintergrund und den Aussagen zur praktischen Umsetzung besteht. Die Prozessqualität gibt die „gelebte Pädagogik“ der Einrichtung wieder. Sie bildet den Alltag der Einrichtung ab und hängt eng mit der Struktur- und Orientierungsqualität zusammen. Zu diesen Beschreibungen gehören unter Anderem Informationen zum Tagesablauf, sowie Einblicke in exemplarische Methoden der pädagogischen Arbeit.
1.2 Notwendigkeit einer Konzeption
Die Notwendigkeit einer Konzeptionsentwicklung für die Arbeit mit Kindern, liegt in dem Nutzen der aus ihr zu ziehen ist. Für die beteiligten Fachkräfte bildet sie den „roten Faden“ für die pädagogische oder therapeutische Arbeit. In ihr sind verbindliche Regeln und Ziele schriftlich festgehalten und für jeden nachprüfbar. Kompetenzen, Rollen und Befugnisse sollen klar aus ihr hervorgehen und die vielfältigen Qualifikationen im Team aufzeigen, sowie hierarchischen Konflikten entgegenwirken. Durch das gemeinsame Erarbeiten der Konzeption wird ein Team in seiner Kommunikation und Kooperation gestärkt und eine Reflexion der eigenen Arbeit, wird auf vielseitige Weise möglich 11 .
10 Vgl. Pfohl, 2008, S. 15 ff..
11 Vgl. Kindergarten heute, 2005, S. 5- 6.
5
Für die Kinder und Jugendlichen, die durch die Konzeption angesprochen werden sollen, bietet ein konzeptioneller Rahmen Sicherheit und Orientierung. Durch die intensive Reflexion und Auseinandersetzung der Fachkräfte, mit theoretischem Wissen und den realen Gegebenheiten, wird für die Kinder ein Höchstmaß an Förderung und Unterstützung erwirkt und der Blick auf die Lebensaktualität des einzelnen Kindes gerichtet. Die Umwelt und Erfahrungsmöglichkeiten der Kinder innerhalb der Einrichtung, können nach ihren Bedürfnissen ausgerichtet werden, um ihnen eine gute Entwicklung zu ermöglichen. Des Weiteren erleben die Kinder kongruente Fachkräfte, die sich ihrer Rolle und Kompetenzen bewusst sind. Für die Eltern hat eine Konzeption ebenfalls viele Vorteile. Sie verschafft Transparenz und ermöglicht ihnen auch innerhalb der Einrichtung, an den Entwicklungsprozessen ihrer Kinder teilzuhaben. Da sie Einblick in die pädagogische und therapeutische Arbeit haben, wird ihnen Wertschätzung entgegengebracht und sie können entscheiden ob die jeweilige Einrichtung für ihr Kind geeignet ist. Die Beschreibung der pädagogischen und therapeutischen Schwerpunkte, sowie die Formulierung von Zielen und Methoden in einer schriftlichen Konzeption, dienen zusätzlich der Qualitätssicherung, beziehungsweise der Qualitätsentwicklung und der Öffentlichkeitsarbeit. Die Bedeutung der Einrichtung und des Planungsobjekts wird auch für Außenstehende sicht- und nachvollziehbar. Sie verdeutlicht das einzigartige Profil, sowie die individuelle Qualität der Arbeit und macht sie auf dem Markt konkurrenzfähig 12 . Pädagogische Konzeptionen beinhalten wie oben genannt, auch immer die Beschreibung des Berufs- und Rollenverständnisses der beteiligten Fachkräfte. Im Folgenden soll die Heilpädagogik mit ihren Berufs- beziehungsweise Handlungsfeldern und Arbeitsmethoden näher betrachtet werden, denn die erarbeiteten konzeptionellen Überlegungen dienen der Erschließung eines neuen heilpädagogischen Handlungsfelds.
2 Heilpädagogik - Berufsverständnis und Handlungsfelder
Heinz Bach (1989) definiert die Heilpädagogik in seinem Werk Sonderpädagogik im Grundriss als: „Theorie und Praxis der Erziehung und Förderung all jener, deren Personalisation und Sozialisation unter erschwerten Bedingungen erfolgt. 13 “. Diese Definition wurde vom Deutschen Berufsverband für Sozialarbeit, Sozialpädagogik und Heilpädagogik e.V. übernommen und findet sich in vielen anderen Beschreibungen des Begriffs der Heilpädagogik wieder. Diese Begriffsauslegung bezieht Menschen mit körperlichen,
12 Vgl. Kindergarten heute, 2005, S. 5 f..
13 Zitat: Deutscher Berufsverband für Sozialarbeit, Sozialpädagogik und Heilpädagogik e.V., 2001, S. 3.
6
psychischen, sensorischen, sozialen oder geistigen Beeinträchtigungen ein, die von leichter, schwerer oder vorübergehender Art sind und durch die die Persönlichkeitsentwicklung des betroffenen Menschen erschwert werden kann. Damit verbunden ist ein spezieller pädagogisch- therapeutischer Bedarf, der durch individuelle Begleitung in Form heilpädagogischen Handelns abgedeckt werden kann. Somit wird ihnen eine bessere Lebensbewältigung und soziale Integration ermöglicht. In der heilpädagogischen Arbeit mit dem Klienten, soll sich das Angebot einer Hilfe entwickeln, bei welcher der Hilfesuchende zu einem selbstaktiven und selbstverantwortlichem Partner werden kann. Das heilpädagogische Handeln orientiert sich an einem ganzheitlichen Menschenbild 14 und es geht nicht primär um die Behebung eines Defizits, sondern um die Förderung der Persönlichkeit in ihrem Kontext. Der Mensch in seinem „So- Sein“ steht im Fokus und wird in diesem „Sein“ akzeptiert. Er soll auch unter erschwerten Voraussetzungen und Bedingungen, in seinem Anderssein und seiner Selbstannahme ermutigt werden. Die unauflösliche Einheit körperlicher, geistiger, seelischer und sozialer Dimensionen, die jeder Mensch auf individuelle Weise in sich vereint 15 , wird in der heilpädagogischen Arbeit berücksichtigt. Daher ist immer die Zusammenarbeit mit Familien, Angehörigen und den sozialen Bezugsgruppen einer Person impliziert und die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen werden aufgegriffen. Aus diesem Grund sind in der heilpädagogischen Arbeit Kenntnisse aus verschiedenen Disziplinen gefordert, wozu Pädagogik, Medizin, Soziologie, Psychologie, heilpädagogische Methodik und Didaktik, sowie rechtliche Kenntnisse gehören. Heilpädagoginnen 16 arbeiten meist in interdisziplinären Teams, beispielsweise mit Lehrern, Erziehern, Psychologen, Ärzten, Psychiatern oder Logopäden. Laut dem Berufs- und Fachverband für Heilpädagogik e.V lassen sich die heilpädagogischen Tätigkeitsfelder in Lebenslauf- und Le-bensortbezogene Felder unterteilen. Zu den Lebenslaufbezogenen Tätigkeitsfelder zählen unter Anderem: Frühförderung, Maßnahmen zur Integration/ Inklusion, Schul- und Erziehungsberatung, Jugendhilfe, Arbeits- und Berufswelt, sowie Erwachsenenbildung und Se-niorenhilfe. Lebensraumbezogene Felder sind beispielsweise Frühgeborenenstation, Frühförderzentren, Familienzentren, stationäre- und teilstationäre Einrichtungen der Erziehungshilfe, sowie sozial- und heilpädagogische Familienhilfe. Der Arbeit in diesen
14 Vgl. BHP, 2001, S. 7, Online im WWW unter URL:
http://www.heilpaedagogik.de/bhponline.de/down/public/1xxx-verband/1000-bb-ger.pdf [12.10.2009].
15 Vgl. BHP, 2001, S. 8.
16 In dieser Arbeit wird der Begriff Heilpädagogin verwendet, da es sich nach wie vor um einen Berufszweig
handelt, der von Frauen dominiert wird. Dennoch bezieht sich diese Arbeit auch auf die Männer, die in die-
sem Beruf anzufinden sind und die weibliche Form, soll keiner der Art der Diskriminierung dienen.
7
Tätigkeitsfeldern liegt eine breitgefächerte Methodenvielfalt zugrunde. Professionelles heilpädagogisches Handeln bedarf dabei immer einer Indikation, wozu eine umfassende heilpädagogische Diagnostik zählt. Das methodische Vorgehen wird in Einzel- oder Gruppenarbeit umgesetzt. Zu diesen Methoden zählen Wahrnehmungsförderung, basalpädagogische Aktivierung und Förderpflege, Spieltherapie, die heilpädagogische Übungsbehandlung, Psychomotorik, sowie Sprach- und Kommunikationstraining. Im Weiteren finden sozialpädagogische, aber auch psychosoziale Handlungsansätze wie Eltern- und Familienberatung, Gruppen- und Netzwerkarbeit Anwendung und werden durch Konzeptentwicklung, Evaluation, Supervision und Qualitätsentwicklung gestärkt 17 .
2.1 Heilpädagogik in Krankenhäusern
Die Recherchen zu dieser Arbeit haben ergeben, dass Heilpädagoginnen im stationären Bereich, außer in den psychiatrischen Abteilungen und vereinzelt auf der Neonatologie, wenig etabliert sind. Direkt im stationären Bereich, wie den Allgemeinen Stationen für Pädiatrie finden sich keine heilpädagogischen Fachkräfte. Selbst der Berufs- und Fachver-band für Heilpädagogik e.V. nennt nur spezielle Psychiatrische und Psychotherapeutische Kliniken als mögliche heilpädagogische Tätigkeitsfelder 18 . Andernfalls erscheint heilpädagogische Arbeit in Kliniken meist nur im Zusammenhang mit einem an die Klink ange-bundenem Sozialpädiatrischen Zentrum.
3 Theoretische Grundlagen zur bindungstheoretisch gestützten Arbeit mit Kindern
auf Kinderstationen und in Kinderkliniken
Die Grundlage jeder Konzeption bildet die Auseinandersetzung mit dem theoretischen Hintergrund des Planungsobjekts. Ohne fundiertes Wissen, das sich neben intensiver Literaturrecherche zusätzlichen praktischen Erfahrungen gebildet haben kann, ist eine professionelle Arbeit nicht möglich. Dieses Wissen macht die Qualität der Arbeit aus. Die Basis der konzeptionellen Überlegungen zur bindungstheoretisch gestützten heilpädagogischen Arbeit mit Langzeitpatienten bildet die Vertiefung bindungstheoretischer und entwicklungspsychologischer Grundlagen. Der Fokus liegt dabei auf der kleinkindlichen Wahrnehmung von Trennungs- und Erkrankungssituationen. Insbesondere soll die psychosoziale Situation erkrankter Kleinkinder in Krankenhäusern verdeutlicht werden und mögliche Folgen für ihre weitere Entwicklung aufzeigen.
17 Vgl. BHP, 2001, S.13 ff..
18 Vgl. BHP, 2001, S.14 f..
8
3.1 Entwicklung
„Der Begriff Entwicklung ist eine sehr umfassende Bezeichnung für die fortschreitende Veränderung körperlicher und seelischer Merkmale, bezogen auf einen bestimmten Zeitabschnitt.“ 19 Es gibt verschiedene Theorien und Modelle die sich mit dem Entwicklungsbegriff auseinandersetzen. Lange stand die Frage im Fordergrund, ob sich Entwicklungsvorgänge zwangsläufig und unabhängig von äußeren Einflüssen, nach einem „vorprogrammierten“ Plan vollziehen, oder ob Entwicklung vorrangig durch Umwelteinwirkungen abläuft. Zu den Modellen die sich aus dieser Frage heraus entwickelt haben, gehört unter Anderem das Modell der Reifung. Dieses sieht die biologischen Anlagen und Umweltfaktoren gleichermaßen als Entwicklungsfaktoren, die von den Anlagen gesteuerten Prozesse, jedoch als vordergründig für die Entwicklung. Das Modell der Entwicklung als Lernen, deren Vertreter Behavioristen wie Watson (1878-1958) und Skinner (1904-1990) sind, versteht Lernen als Wahrscheinlichkeit von Verhaltensänderung durch Erfahrungen und gliedert sich in verschiedene Lerntheorien auf. Diese sind die Klassische Konditionierung, das Verstärkungslernen und Lernen am Modell. 20 Heute ist bekannt, dass genetische Faktoren, Umwelteinflüsse und Selbststeuerung sich wechselseitig bedingen und beeinflussen, wodurch die Entwicklung eines Menschen voranschreitet 21 . Während der pränatalen Entwicklung stehen beispielsweise Reifungsprozesse im Vordergrund, die genetisch bestimmt sind, später dominieren Erfahrungs- und Lernprozesse durch jeweilige Umweltgegebenheiten. Die weiteren Ausführungen dieser Arbeit orientieren sich an dem Entwicklungsmodell der Entwicklung als Interaktion von Subjekt und Objekt 22 . Dieses Entwicklungsmodell sieht, im Gegensatz zu den zuvor kurz benannten Modellen, den sich- entwickelnden Menschen nicht nur als Black Box die mit Wissen gefüllt wird, sondern als aktiven Erkunder, der sich mit seiner Umwelt auseinandersetzt. Er exploriert und sucht nach Informationen, er strukturiert diese und je nach Entwicklungsstand stellt er Fragen, um die gesammelte Information noch expliziter zu verarbeiten. Der aktive Mensch braucht nicht motiviert zu werden: „Seine Erkenntnismöglichkeiten drängen nach Erprobung und Anwendung“ 23 . Der wichtigste Vertreter und Entwickler dieses theoretischen Ansatzes ist Jean Piaget. Zu seinen Grundannahmen gehört, dass der Erkenntnisfortschritt eines Menschen in Sequenzen von
19 Zitat: Remschmitdt, 2000, S. 3.
20 Diese Modelle werden in der vorliegenden Arbeit nicht vertieft, gute Erklärungen finden sich dazu in
Oerter/ Montada, 1998. Und Remschmidt, 2000.
21 Vgl. Hobmair, 2004, S. 17.
22 Vgl. Remschmidt, 2000, S. 3.
23 Ziat: Oerter/ Montada, 1998, S. 57.
9
Arbeit zitieren:
Susanne Pohl, 2010, Heilpädagogik auf der Kinderstation, München, GRIN Verlag GmbH
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